Demokratie leben!
Teilevaluation im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“Evaluation von Innovationsprojekten im Digitalen Raum
Die Lebenswelt junger Menschen wird heute maßgeblich durch digitale Technologien und Kommunikationsformen bestimmt. Der digitale Raum prägt dadurch Chancen und Risiken des Jugendalters auf entscheidende Weise. Das Bundesprogramm Demokratie leben! fördert innovative Projekte, die sich dafür engagieren, die Chancen des digitalen Raums zu erweitern und dessen Risiken zu reduzieren. Konkret zielen die Projekte in ihren Vorhaben darauf ab, digitale Teilhabe und Kompetenzen von Jugendlichen zu stärken und sie im Umgang mit Hass im Netz und Desinformation zu unterstützen. Diese Innovationsprojekte im digitalen Raum werden von der Universität Duisburg-Essen (UDE) evaluiert. Die Evaluation dient der Beratung und Ergebnissicherung der Projekte; sie verknüpft quantitative und qualitative Methoden unter Berücksichtigung einer längsschnittlichen Perspektive.
Im Folgenden finden Sie nähere Informationen zu den thematischen Schwerpunkten der Innovationsprojekte sowie dem Fokus unserer Evaluation.
Der digitale Raum als Ort demokratischen Lernens
Digitale Medien sind für Jugendliche selbstverständlicher Teil ihres Alltags und beeinflussen ihre Art, sich zu informieren, zu kommunizieren und sich zu engagieren. Laut der JIM-Studie 2024 ist das Internet für rund 90 % der 12- bis 19-Jährigen fester Bestandteil ihres täglichen Lebens. Im OECD-Vergleich gehört Deutschland in Bezug auf die Nutzung des digitalen Raums durch Jugendliche zu den Spitzenreitern: 15-Jährige verbringen hier fast sieben Stunden täglich am Bildschirm.
Der digitale Raum ist aber nicht nur ein maßgeblicher Ort der Information und Sozialisation, sondern zugleich einer, an dem demokratische Werte, Teilhabe und gesellschaftlicher Zusammenhalt verhandelt werden. Jugendlichen bieten sich dabei große Chancen: neue Formen niedrigschwelliger politischer Partizipation und zivilgesellschaftlichen Engagements sowie eine erhöhte Sichtbarkeit jugendlicher Anliegen können ihre gesellschaftliche Teilhabe stärken. Informationen werden zugänglicher und das Knüpfen von Kontakten erleichtert – nicht nur zu Gleichgesinnten, sondern beispielsweise auch zu politischen Akteuren. Gleichzeitig stellen die Anonymität im digitalen Raum, algorithmisch gesteuerte Plattformen, parasoziale Beziehungen, Manipulationen und Desinformation nicht nur für Einzelne, sondern auch für den gesamtgesellschaftlichen demokratischen Diskurs Risken dar. Jugendliche sind im Netz immer wieder mit Falschinformationen jeglicher Art, Hassrede und digitaler Gewalt konfrontiert. Um sie im Umgang mit diesen Herausforderungen zu stärken und gleichzeitig das Potenzial des digitalen Raums nicht ungenutzt zu lassen, braucht es Initiativen, die Jugendlichen Werkzeuge und Strategien an die Hand geben, um sich sicher im digitalen Raum zu bewegen.
Innovationsprojekte, die dies zum Ziel haben, werden im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben! gefördert und von der Universität Duisburg-Essen (UDE) evaluiert.
Die Innovationsprojekte im digitalen Raum von Demokratie leben!
Als zentraler Sozialisations-, Informations- und Beteiligungsort für Jugendliche ist der digitale Raum auch ein strategisch bedeutsames Feld der Demokratieförderung und Extremismusprävention. Aus diesem Grund fördert das Bundesprogramm Demokratie leben! in seiner dritten Förderperiode eine zunehmende Anzahl von Innovationsprojekten, die sich auf den digitalen Raum konzentrieren. Diese Innovationsprojekte adressieren zwei Themenfelder: digitale Teilhabe und Kompetenzen auf der einen Seite und Arbeit gegen Hass im Netz und Desinformation auf der anderen Seite. Die Projekte sind dabei jeweils einem dieser Themenfelder zugeordnet.
1. Themenfeld: Digitale Teilhabe und Kompetenzen
Politisches Engagement verlagert sich zunehmend in den digitalen Raum, der insbesondere für junge Menschen eine zentrale Rolle in der politischen Sozialisation spielt. Gleichzeitig fehlen vielen Nutzerinnen und Nutzern die Kompetenzen, um sich dort konstruktiv einzubringen. Die Kommunikationskultur in digitalen Räumen erschwert einen offenen, demokratischen Austausch häufig zusätzlich. So begünstigen anonyme Kommunikationsformen und algorithmische Verstärkungsmechanismen polarisierte Diskussionen und können einen offenen Austausch verhindern. Neben diesen Herausforderungen birgt das Internet auch ein großes Potenzial – etwa, um über Formate, wie digital streetwork und gaming neue Zielgruppen für die Demokratieförderung zu erreichen, oder um über technische Anwendungen wie Beteiligungs-Apps die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.
Insgesamt sollen die Innovationsprojekte im Themenfeld Digitale Teilhabe und Kompetenzen dazu beitragen, den digitalen Raum als inklusiven Raum zu gestalten, in dem demokratische Werte gelebt werden. Ziel ist es, junge Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, die Chancen der digitalen Teilhabe aktiv zu nutzen und sich demokratisch zu engagieren.
2. Themenfeld: Arbeit gegen Hass im Netz und Desinformation
Die zunehmende Verbreitung von Hass und Desinformation im Netz erschwert demokratischen Austausch, verunsichert viele Menschen, und verstärkt gesellschaftliche Polarisierung und Radikalisierung. Zudem fördern digitale Angriffe auch Ausprägungen physischer Gewalt. Betroffene Gruppen ziehen sich aus dem digitalen Raum zurück. Um diesen Entwicklungen wirksam zu begegnen, benötigt die Gesellschaft innovative Formen der Unterstützung und Intervention. Insbesondere junge Menschen sind kontinuierlich mit diesen Tendenzen konfrontiert – als Betroffene, Beobachtende, aber auch (teilweise unabsichtlich) Verbreitende – und müssen eine Wahl treffen, wie sie sich verhalten.
Die Innovationsprojekte im Themenfeld Arbeit gegen Hass im Netz und Desinformation versuchen, die Nutzerinnen und Nutzer im Umgang mit diesen Herausforderungen zu stärken. Dazu gehört die Entwicklung von Methoden der digitalen Zivilcourage, Moderation und Sensibilisierung, um Hass zu erkennen und ihm entgegenzuwirken. Zudem werden Betroffene im Umgang mit Hass unterstützt und Beobachtende befähigt, aktiv Hilfe zu leisten oder zu organisieren. Die Projekte gehen auf spezifische Herausforderungen, wie beispielsweise online verbreitete Misogynie oder KI-basierte Desinformation, ein und schaffen Angebote zur Förderung demokratischer Medienkompetenz. Dadurch soll auch das Vertrauen in seriöse Informationen gestärkt oder wiederherstellt werden.
Zum Kontext: Evaluation im Bundesprogramm Demokratie leben!
Demokratie leben! ist ein bundesweites Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), das zivilgesellschaftliche Initiativen stärkt, um demokratische Teilhabe zu fördern, Vielfalt zu gestalten und Extremismus vorzubeugen. Das Bundesprogramm wird dabei in seinen unterschiedlichen Programmbereichen durch Teilevalutionen begleitet, die in einem Evaluationsverbund koordiniert werden.
Die Evaluation hat das Ziel, die Umsetzung der gesetzlich festgelegten Ziele des Programms zu überprüfen und zu unterstützen. Gleichzeitig fördert sie auch die kontinuierliche Weiterentwicklung des Bundesprogramms. Damit Demokratie leben! als lernendes Programm flexibel auf neue Herausforderungen reagieren kann, ist es zentral, in diesem Prozess auch sich verändernde Sozialisationskontexte und technische Fortschritte zu berücksichtigen. Die Evaluation umfasst daher nicht nur eine Bewertung der Wirksamkeit der aktuellen Maßnahmen, sondern auch eine formative Begleitung zu deren gezielter Weiterentwicklung. Insgesamt evaluieren acht Teams die verschiedenen Programmbereiche und Handlungsfelder von Demokratie leben!.
Teilevaluation der Innovationsprojekte im digitalen Raum: Die Rolle der UDE
Im Rahmen der Gesamtevaluation des Bundesprogramms Demokratie leben! von 2025 bis 2028 ist die UDE für die Evaluation der Innovationsprojekte im digitalen Raum verantwortlich. Dabei handelt es sich um 15 Projekte diverser Träger. Als wissenschaftliche Begleitung untersucht und berät die UDE die geförderten Innovationsprojekte in den beiden Themenfeldern Digitale Teilhabe und Kompetenzen sowie Arbeit gegen Hass im Netz und Desinformation im Hinblick auf die Erreichung der im Programm vereinbarten Ziele. Mit einem Teil der Projekte werden umfassende, wirkungsorientierte Einzelevaluationen durchgeführt. Diese Projekte sind:
- BeteiligungsApp Brandenburg (Träger: Landesfachverband Medienbildung Brandenburg)
- Brandherd Desinformation (Träger: Correctiv)
- Demokratie Starterbox (Träger: Konrad-Adenauer-Stiftung)
- Medienbuddies (Träger: Ludwig-Windthorst-Haus; Website folgt)
Für die anderen Projekte steht ein multimethodisches Angebot zur Selbstevaluation zur Verfügung, das eigenständige Reflexion ermöglicht und die Vernetzung mit anderen Projekten fördert. In regelmäßigen digitalen Treffen gibt es außerdem die Möglichkeit für die Projekte, mit dem Evaluationsteam in Austausch zu treten und Unterstützung zu bekommen.
Mehr Information zum Bundesprogramm Demokratie leben! finden Sie hier.
Einschlägige Veröffentlichungen des UDE-Teams zur themenbezogenen Evaluation im digitalen Raum
Huschle, L., Kindlinger, M. & Abs, H. J. 2024. Personal Responsibility and Beyond: Developing a Comprehensive Self-Assessment Tool for Digital Citizenship Literacy. In: Weizenbaum Journal of the Digital Society, 4(4). https://doi.org/10.34669/wi.wjds/4.4.5
Kindlinger, M. & Abs, H. J. (2025). Entwicklung eines KI-Kompetenzprofils aus Perspektive der politischen Bildung. PrEval Studie 2/2025. https://doi.org/10.48809/PrEvalStu2502
Kindlinger, M., Huschle, L. & Abs, H. J. (2025). Entwicklung eines integrierten Modells und Selbsteinschätzungsinstruments für Digital Citizenship Literacy. PrEval Studie 1/2025. https://doi.org/10.48809/PrEvalStu2501
Welsandt, N.J., Huschle, L., Drossel, K., Deimel, D. & Abs, H. J. 2024. Digitalisierung. Mediennutzung von Jugendlichen zu sozialen und politischen Fragen, schulische Aktivitäten und Lehrkräftefortbildungen. In H. J. Abs, K. Hahn-Laudenberg, D. Deimel & J. F. Ziemes (Hrsg.), ICCS 2022. Schulische Sozialisation und politische Bildung von 14-Jährigen im internationalen Vergleich (S. 239–255). Münster: Waxmann. https://doi.org/10.31244/9783830998228.12
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