Studentisches Infoportal für Open Science des Fachschaftsrates Psychologie
Willkommen beim Infoportal für Open Science!
Wie kann psychologische Forschung verlässlicher, transparenter und zugänglicher werden?
Im Rahmen dieses Infoportals sind Probleme der Forschung, Open Science Praktiken sowie deren ihre Hintergründe und Möglichkeiten zur weiteren Beschäftigung mit Open Science zusammengeführt.
Hier erfährst du, wieso Open Science in der Psychologie und ihren Fächern relevant ist und wie du sie in deinem Experimentalpraktikum, der Forschungsvertiefung im Master und deiner Bachelor- oder Masterarbeit anwenden kannst!
Open Science? Was ist das eigentlich?
Open Science beschreibt eine Bewegung, die darauf abzielt, wissenschaftliche Forschung transparenter, vertrauenswürdiger und zugänglicher zu machen. Im Kern geht es darum, den gesamten Forschungsprozess – von der Planung über die Datenerhebung bis zur Veröffentlichung – für andere nachvollziehbar und zugänglicher zu gestalten.
Doch warum ist das überhaupt notwendig? Ein wichtiger Grund sind sogenannte Questionable Research Practices (QRPs) – fragwürdige Forschungspraktiken, die Ergebnisse in eine bestimmte Richtung verzerren können. Dazu gehören etwa das „P-Hacking" (die wiederholte oder manipulierte Analyse von Daten bis ein statistisch signifikantes Ergebnis erreicht wird), „HARKing" (das nachträgliche Formulieren von Hypothesen, nachdem die Ergebnisse bereits bekannt sind) oder „Cherry-Picking" (das selektive Berichten nur günstiger Befunde). Studien zeigen, dass viele Forschenden solche Praktiken tatsächlich anwenden.
Diese Handhabungen entstehen häufig nicht aus böser Absicht, sondern aus dem wissenschaftlichen Alltag: dem Druck zu publizieren, dem Publikations Bias hin zu signifikanten Ergebnissen, der Unsicherheit bei Analysemethoden oder dem Wunsch, interessante Ergebnisse zu finden. Das Problem ist jedoch, dass QRPs - neben weiteren Faktoren - systematisch dazu führen, dass in der Literatur mehr signifikante und spektakuläre Befunde berichtet werden, als tatsächlich existieren.
Open Science bietet konkrete Werkzeuge, um solche Verzerrungen zu verringern: Beispielsweise durch das öffentliche Teilen von Daten und Materialien, durch Präregistrierung oder durch transparente Berichterstattung über alle durchgeführten Analysen. Diese Praktiken schaffen Transparenz und machen es möglich, dass andere Forschende Ergebnisse nachprüfen, nachvollziehen und auf ihnen aufbauen können.
Im Folgenden sind Hintergründe, Questionable Research Practices, Open Science Practices und weiterführende Möglichkeiten zur Beschäftigung und Umsetzung von Open Science erklärt! Lest euch also rein und entwickelt ein besseres Verständnis für gute Wissenschaft!
Die Replikationskrise in der Psychologie
Im Jahr 2015 führte die Open Science Collaboration eine wegweisende Studie durch, die wichtige Erkenntnisse über die Reproduzierbarkeit psychologischer Forschung lieferte. Teil der Untersuchung waren 97 Studien, die in ihren Originalarbeiten signifikante Ergebnisse berichteten. Bei den Replikationsversuchen zeigten jedoch nur 35 dieser Studien erneut signifikante Befunde. Zudem war die mittlere Effektstärke über alle Replikationsstudien hinweg nur halb so groß wie in den ursprünglichen Veröffentlichungen.
Diese und ähnliche Untersuchungen haben eine zentrale Diskussion in der psychologischen Forschung angestoßen: Warum lässt sich ein so großer Teil der Studienergebnisse nicht zuverlässig reproduzieren? Wie können die Verlässlichkeit und Qualität wissenschaftlicher Erkenntnisse nachhaltig verbessert werden? Und wie lässt sich verhindern, dass sich eine solche Replikationskrise wiederholt?
Um diese Fragen zu beantworten, hat sich die Open Science Bewegung entwickelt. Diese setzt auf konkrete Praktiken, die die Forschung transparenter, reproduzierbarer und damit verlässlicher machen sollen.
Open Science Praktiken
Der wissenschaftliche Prozess beginnt lange bevor die erste Datenerhebung startet – nämlich mit der Formulierung von Hypothesen und der Planung des Studiendesigns. Hier setzet Präregistrierungen an: Forschende legen ihre Hypothesen, ihr Studiendesign und ihre Analysepläne bereits vor Studienbeginn fest und dokumentieren sie öffentlich. Dies soll spätere unseriöse Flexibilität in der Datenauswertung und -interpretation vorbeugen. Registered Reports gehen noch einen Schritt weiter: Hier wird das Studiendesign bzw. die Präregistrierung bereits vor der Durchführung peer-reviewed und zur Publikation angenommen – unabhängig davon, ob das Ergebnis später spektakulär oder langweilig ist.
Die Datenerhebung selbst wird durch das Open Lab Notebook transparenter: Statt nur das Endergebnis zu präsentieren, dokumentieren Forschende ihre Entscheidungen, Herausforderungen und Anpassungen fortlaufend während der Durchführung. Nach Abschluss der Studie öffnet Open Science den Zugang zu allen Forschungsbestandteilen: Open Data macht die Rohdaten verfügbar, Open Materials stellt zum Beispiel Fragebögen, Einverständniserklärungen und Stimulusmaterial bereit, Open Scripts teilt die Analysecodes, und über Open Methodology erfolgt die Beschreibung der (statistischen) Methoden. Gemeinsam ermöglichen diese Praktiken Replikationsstudien – andere Forschende können die Arbeit nachvollziehen und überprüfen.
Durch Open Science wandelt sich auch die Publikationsphase: Open Peer Review macht Peer-Review-Gutachten und darauffolgende Überarbeitungen zugänglich, während Open Access wissenschaftliche Artikel frei zugänglich veröffentlicht – ohne Bezahlschranken.
Darüber hinaus öffnet sich die Wissenschaft durch Open Science nach außen: Open Educational Resources demokratisieren den Zugang zu Lehrmaterialien durch freie Verfügbarkeit, und Citizen Science die Öffentlichkeit aktiv in den Forschungsprozess einbingt – von der Datensammlung bis zur Interpretation der Ergebnisse.
Präregistrierung
Bei der Präregistrierung legen Forschende vor der Datenerhebung detailliert fest, welche Hypothesen sie testen möchten, welches Studiendesign sie verwenden, welche Stichprobe sie untersuchen und wie sie ihre Daten analysieren werden. Dieses Vorgehen wird in einem öffentlichen Register dokumentiert und mit einem Zeitstempel versehen, sodass später transparent nachvollziehbar ist, was ursprünglich geplant war und was tatsächlich durchgeführt wurde.
Die zentrale Stärke der Präregistrierung liegt darin, dass sie eine klare Trennung zwischen konfirmatorischen und explorativen Analysen schafft. Konfirmatorische Analysen sind jene, die vorab geplant wurden und der Überprüfung spezifischer Hypothesen dienen, während explorative Analysen neue Muster in den Daten aufdecken und Hypothesen für zukünftige Forschung generieren. Beide Ansätze sind wertvoll für die Wissenschaft, doch ohne Präregistrierung können nicht-theoriefundierte explorative Analysen als konfirmatorische Analysen dargestellt werden.
Präregistrierung verhindert effektiv Questionable Research Practices wie HARKing (das nachträgliche Formulieren von Hypothesen, nachdem die Ergebnisse bereits bekannt sind) oder P-Hacking (das wiederholte Ausprobieren oder manipulieren verschiedener Analysemethoden, bis ein signifikantes Ergebnis erreicht wird). Diese Praktiken entstehen häufig nicht aus böser Absicht, sondern aus dem wissenschaftlichen Alltag und dem Druck zu publizieren. Forschende sollten ihr Studiendesign und ihren Analyseplan im Voraus registrieren, um sicherzustellen, dass keine Questionable Research Practices verwendet werden. Nach der Präregistrierung können Forschende ihre Daten auch von der Präregistrierung abweichen – dies muss nur transparent als berichtet werden.
Registered Report
Registered Reports sind ein spezielles Publikationsformat, bei dem der Peer-Review-Prozess in zwei Stufen erfolgt und bereits vor der Datenerhebung beginnt. Forschende reichen zunächst ein Manuskript mit einer Einleitung sowie geplanter Methodik, Hypothesen und Analyseplänen als "Stage 1"-Einreichung ein. Wenn diese nach wissenschaftlicher Begutachtung akzeptiert werden, erhalten sie eine "in-principle acceptance" – eine vorläufige Zusage zur Publikation, die unabhängig davon gilt, ob die Ergebnisse später signifikant ausfallen oder nicht.
Dieses Format stellt einen grundlegenden Paradigmenwechsel dar: Die Entscheidung zur Publikation wird auf Basis der Forschungsfrage und der Güte der Methoden getroffen und ist daher ergebnis-agnostisch. Nach Abschluss der Studie wird das Manuskript um die Ergebnisse und Diskussion ergänzt und als "Stage 2"-Einreichung eingereicht. In dieser zweiten Reviewrunde prüfen die Gutachtenden, ob die Daten die vorgeschlagenen Hypothesen testen können, ob die Autorinnen und Autoren präzise den registrierten experimentellen Prozeduren folgten, und ob die Schlussfolgerungen angesichts der Daten gerechtfertigt sind.
Ein Schlüsselvorteil von Registered Reports liegt darin, dass sie ein wirksames Gegenmittel gegen Publication Bias darstellen, da die Publikationsentscheidung vor der Studie und ergebnisblind getroffen wird. Dies gibt Forschenden die Sicherheit, dass methodisch solide Arbeit auch bei nicht-signifikanten oder unerwarteten Ergebnissen veröffentlicht wird.
Open Lab Notebook
Ein Open Lab Notebook dokumentiert den Forschungsprozess in Echtzeit und macht ihn öffentlich im Internet zugänglich. Ähnlich einem traditionellen Laborbuch werden hier sämtliche Beobachtungen, Zwischenergebnisse, auftretende Probleme, getroffene Entscheidungen und methodische Anpassungen während des gesamten Forschungsprozesses festgehalten – allerdings transparent für die wissenschaftliche Community. Diese Praxis folgt dem Grundsatz "no insider information": Es gibt keine Informationen über die Forschung, die nur den Forschenden selbst zugänglich sind.
Die Vorteile eines Open Lab Notebooks sind vielfältig. Erstens können andere Forschende auf den bereits durchgeführten Arbeiten aufbauen und vermeiden es, Zeit und Ressourcen für redundante Experimente aufzuwenden. Zweitens enthält es detaillierte Protokolle mit allen methodischen Feinheiten, die in klassischen Publikationen oft aus Platzgründen wegfallen, was die Reproduzierbarkeit erheblich verbessert. Drittens werden auch negative Daten und gescheiterte Experimente offengelegt, die im aktuellen Publikationssystem fast nie veröffentlicht werden, aber wichtige Einblicke liefern können – etwa welche Ansätze nicht funktioniert haben und warum.
Das öffentliche Teilen von Labornotebooks in Echtzeit reduziert zudem die Versuchung für "data polishing" oder "cherry-picking", da von Anfang an klar ist, dass die komplette Aufzeichnung aller Experimente öffentlich einsehbar sein wird. Die Praxis ermöglicht erhöhte Nachvollziehbarkeit und kann die Zusammenarbeit fördern, da Expert*innen frühzeitig Feedback geben, auf vorläufige Erkenntnisse hinweisen oder Rat bei methodischen Herausforderungen anbieten können. Zugleich dokumentiert es den authentischen, oft nicht-linearen Verlauf von Forschung mit all ihren Umwegen und Anpassungen.
Open Peer Review
Open Peer Review bezeichnet verschiedene Praktiken, die den traditionellen Peer-Review-Prozess transparenter gestalten. Beim traditionellen Peer Review bleiben die Identitäten der Gutachtenden in der Regel anonym. Open Peer Review umfasst mehrere Elemente, die nicht notwendigerweise zusammen implementiert werden müssen: Die Offenlegung der Identitäten der Gutachtenden (open identities), das öffentliche Zugänglichmachen der Review-Berichte (open reports) und die Öffnung der Teilnahme am Review-Prozess über eingeladene Gutachtende hinaus (open participation).
Alle diese einzelnen Elemente haben unterschiedliche Vor- und Nachteile, drehen sich aber alle in gewisser Weise darum, Transparenz, Verantwortlichkeit oder Partizipation in den Peer-Review-Prozessen zu erhöhen. Eines der Hauptanliegen beim Peer Review generell ist das Ausmaß an expliziten oder impliziten Vorurteilen bei Herausgebenden, Gutachtenden und Autorinnen und Autoren.
Ein großer Vorteil offener Reviews ist, dass es viele wertvolle Informationen in Peer-Review-Berichten gibt, die momentan nicht eingesehen werden können. Wo Reviews zusammen mit den Artikeln veröffentlicht werden, hat dies auch Bildungswert, da Lesende lernen können, wie andere Forschende an kritische Bewertung herangehen. Wenn Gutachten, die Antworten der Autor*innen und die Entscheidung der Herausgebenden zusammen mit dem Artikel publiziert werden, können Lesende nachvollziehen, wie stringent der Prozess abgelaufen ist und wie es zu welchen Entscheidungen im editorischen Prozess kam.
Allerdings gibt es auch Bedenken: Gutachtende könnten aufgrund fehlender Anonymität zögern, kritisches Feedback zu geben, und es besteht die Möglichkeit, dass persönliche Beziehungen zwischen Autorinnen, Autoren und Gutachtenden Einfluss nehmen. Die Offenlegung der Teilnahme am Review-Prozess könnte inklusiver sein in Bezug darauf, wer als "Peer" betrachtet wird, insbesondere bei transdisziplinärer und interdisziplinärer Forschung, wo es Menschen außerhalb der kleinen Expertenkreise gibt, die qualifiziert sind, nützliche Kommentare abzugeben.
Open Access
Open Access bedeutet, dass wissenschaftliche Publikationen digital, kostenlos und ohne starke Copyright- oder Lizenzierungsbeschränkungen zugänglich sind. Dies steht im Gegensatz zum traditionellen Modell, bei dem Forschungsergebnisse hinter Bezahlschranken von Verlagen liegen und Lesende oder deren Institutionen für den Zugriff bezahlen müssen. Open Access demokratisiert den Zugang zu wissenschaftlichem Wissen und stellt sicher, dass Forschungsergebnisse – oft aus öffentlichen Mitteln finanziert – auch öffentlich zugänglich sind.
Es wird grundsätzlich zwischen verschiedenen Wegen zu Open Access unterschieden. Beim "Gold Open Access" ist die Erstveröffentlichung bereits frei zugänglich, oft in spezialisierten Open-Access-Zeitschriften. Der entscheidende Vorteil ist, dass Publikationen vom Zeitpunkt ihrer Erstveröffentlichung an frei zugänglich sind und sofort genutzt werden können. Die damit verbundenen Creative Commons-Lizenzen gewähren weitreichende Nutzungsrechte. Allerdings können beim Gold-Modell Publikationsgebühren (Article Processing Charges, APCs) für die Autorinnen und Autoren oder deren Institutionen anfallen.
Beim "Green Open Access" werden Artikel zunächst in traditionellen Subskriptionszeitschriften veröffentlicht und erst nachträglich – oft nach einer Embargofrist – als Open Access in institutionellen oder fachspezifischen Repositorien verfügbar gemacht. Dies ermöglicht Forschenden, ihre Arbeiten auch dann frei zugänglich zu machen, wenn sie in traditionellen Zeitschriften publizieren.
Open Access macht Wissenschaft nicht nur für Forschende weltweit zugänglich, unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten ihrer Institution, sondern auch für Praktiker*innen, Journalist*innen und die interessierte Öffentlichkeit, was den gesellschaftlichen Impact von Forschung erhöht.
Open Materials
Open Materials bezeichnet das öffentliche Teilen aller Materialien, die in einer Studie verwendet wurden – etwa Fragebögen, Stimulusmaterial, Instruktionen für Versuchspersonen, experimentelle Aufbauten, Interviewleitfäden oder Vignetten. Durch das Bereitstellen dieser Materialien in offenen Repositorien können andere Forschende die Studie exakt nachvollziehen und replizieren. Dies erhöht nicht nur die Transparenz der Forschung fundamental, sondern spart auch erhebliche Ressourcen in der wissenschaftlichen Community.
Besonders in der Psychologie, wo oft komplexe experimentelle Paradigmen, sorgfältig validierte Fragebögen oder elaboriert konstruierte Stimuli zum Einsatz kommen, ist das Teilen von Materialien von großem Wert. Bewährte Materialien können wiederverwendet und an die eigenen Forschungsfragen angepasst werden, statt sie jedes Mal von Grund auf neu zu entwickeln. Dies beschleunigt nicht nur den Forschungsprozess, sondern ermöglicht auch bessere Vergleichbarkeit zwischen Untersuchungen, wenn dieselben validierten Instrumente verwendet werden.
Die Materialien sollten mit ausreichender Dokumentation versehen sein, die erklärt, wie sie entwickelt wurden, in welchem Kontext sie eingesetzt werden sollten, welche psychometrischen Eigenschaften sie haben und welche Erfahrungen damit gemacht wurden. Dies umfasst auch Informationen über eventuelle Anpassungen, die vorgenommen wurden, und Hinweise darauf, worauf bei der Verwendung zu achten ist. Viele Förderorganisationen und Zeitschriften verlangen inzwischen explizit, dass Materialien öffentlich geteilt werden, um die Nachprüfbarkeit und Replizierbarkeit von Forschung zu gewährleisten, was den Standard in der Disziplin zunehmend verändert.
Open Data
Bei Open Data werden die in einer Studie erhobenen Daten – unter sorgfältiger Berücksichtigung des Datenschutzes und der Anonymisierung personenbezogener Informationen – öffentlich zugänglich gemacht. Andere Forschende können die Daten dann eigenständig analysieren, die berichteten Analysen direkt überprüfen oder neue Forschungsfragen mit dem vorhandenen Datensatz beantworten, die von den ursprünglichen Forschenden möglicherweise nicht betrachtet wurden.
Shared Data sollten wichtigen Prinzipien folgen, die unter dem Akronym FAIR zusammengefasst werden: Sie sollten Findable (auffindbar durch umfassende Metadaten und eindeutige persistente Identifikatoren wie DOIs), Accessible (verfügbar über offene, standardisierte Protokolle), Interoperable (in standardisierten, maschinenlesbaren Formaten gespeichert) und Reusable (gut dokumentiert mit klaren Nutzungslizenzen) sein. Diese Prinzipien stellen sicher, dass Daten nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch nachnutzbar sind.
Die Bereitstellung von Daten ermöglicht eine direkte Nachprüfbarkeit von Ergebnissen – ein fundamentales Prinzip wissenschaftlicher Arbeit – und maximiert den wissenschaftlichen Nutzen bereits erhobener Daten. Gleichzeitig fördert es Sekundäranalysen mit neuen Fragestellungen und Meta-Analysen, die zu einem umfassenderen Verständnis psychologischer Phänomene beitragen. Die Daten sollten mit einer klaren Lizenz versehen sein, die regelt, wie sie genutzt werden dürfen – typischerweise Creative Commons Zero (CC0) oder CC-BY für maximale Wiederverwendbarkeit, sodass andere Forschende wissen, unter welchen Bedingungen sie die Daten nutzen können.
Open Methodology
Open Methodology bedeutet, alle methodischen Details einer Studie so präzise und vollständig wie möglich zu dokumentieren und zu teilen. Dies geht weit über die üblichen Methodenteile in Publikationen hinaus, die oft aus Platzgründen auf das Wesentliche beschränkt sind. Eine umfassende methodische Dokumentation umfasst detaillierte Protokolle über das genaue Vorgehen bei der Datenerhebung, Informationen über die Rekrutierung und Schulung von Versuchspersonen, verwendete Software-Versionen und Einstellungen, Randomisierungsverfahren, den genauen zeitlichen Ablauf, Trainingsmaterialien für Versuchsleitende, die räumliche Anordnung bei experimentellen Studien oder Entscheidungen, die während der Durchführung getroffen werden mussten.
Diese umfassende Dokumentation ermöglicht es anderen Forschenden, die Studie möglichst exakt nachzuvollziehen und zu replizieren. Sie trägt auch dazu bei, dass methodisches Wissen und bewährte Praktiken innerhalb der wissenschaftlichen Community geteilt und weiterentwickelt werden, statt dass jede Forschungsgruppe dieselben methodischen Probleme neu lösen muss. In der Psychologie, wo oft subtile methodische Details – wie die genaue Formulierung von Instruktionen, die Reihenfolge von Aufgaben, die Pausenzeiten zwischen Trials oder die soziale Interaktion mit Versuchsleitenden – einen erheblichen, aber oft unterschätzten Einfluss auf die Ergebnisse haben können, ist eine präzise methodische Dokumentation besonders wichtig.
Die Dokumentation sollte auch beschreiben, warum bestimmte methodische Entscheidungen getroffen wurden, welche Alternativen erwogen wurden und welche praktischen Herausforderungen während der Durchführung auftraten und wie diese gelöst wurden. Dies gibt nachfolgenden Forschenden wertvolle Einblicke in den tatsächlichen Forschungsprozess und hilft, unrealistische Erwartungen zu vermeiden.
Open Scirpts
Open Scripts bezeichnet das Teilen der Analyse- und Programmierskripte (etwa in R, Python, SPSS, Jamovi, JASP, MATLAB oder anderen Statistikprogrammen), mit denen die Daten ausgewertet wurden. Diese Skripte dokumentieren jeden einzelnen Schritt der Datenverarbeitung und statistischen Analyse in ausführbarer Form – vom Einlesen der Rohdatendatei über die Datenbereinigung, Transformation und Zusammenführung bis hin zu den statistischen Tests, der Erstellung von Abbildungen und den berichteten Ergebnissen.
Durch das Bereitstellen dieser Skripte wird die Analyse vollständig nachvollziehbar und computationell reproduzierbar – andere Forschende können die Analyse exakt wiederholen und prüfen, ob sie zu denselben Ergebnissen gelangen. Sie können auch alternative Analysen testen, Sensitivitätsanalysen durchführen oder die Skripte für eigene Projekte mit ähnlichen Fragestellungen adaptieren. Dies fördert zudem das Erlernen statistischer Methoden und Programmiertechniken, da Studierende und Nachwuchsforschende sehen können, wie erfahrene Forschende konkrete Analyseprobleme praktisch umsetzen.
In der Psychologie, wo zunehmend komplexe statistische Modelle wie Mixed-Effects-Modelle, Strukturgleichungsmodelle, Bayesianische Analysen oder Machine-Learning-Ansätze zum Einsatz kommen, ist die Verfügbarkeit gut dokumentierter Skripte besonders wertvoll. Die Skripte sollten reichlich kommentiert sein, sodass auch andere die Logik und den Fluss der Analysen nachvollziehen können. Kommentare sollten erklären, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden, welche Annahmen geprüft wurden und wie mit Problemen wie fehlenden Werten oder Ausreißern umgegangen wurde. Gut strukturierte und dokumentierte Skripte sind nicht nur für andere nützlich, sondern helfen auch den Forschenden selbst, wenn sie Monate oder Jahre später auf ihre eigenen Analysen zurückblicken müssen.
Replikationsstudien
Replikationsstudien sind Untersuchungen, die darauf abzielen, die Ergebnisse früherer Studien zu überprüfen, indem sie diese unter kontrollierten Bedingungen wiederholen. Sie sind ein fundamentaler Bestandteil der wissenschaftlichen Methode, da sie zeigen, ob ein Befund robust und verlässlich ist oder möglicherweise auf Zufall, methodischen Besonderheiten oder spezifischen Umständen der Originalstudie beruhte. Replikationen dienen der Qualitätssicherung wissenschaftlichen Wissens und helfen, die Verlässlichkeit der publizierten Literatur einzuschätzen.
Dabei wird zwischen verschiedenen Typen von Replikationen unterschieden. Direkte Replikationen zielen darauf ab, die Originalstudie möglichst exakt zu wiederholen – mit derselben Methodik, denselben Materialien, einer ähnlichen Stichprobe und denselben Analysemethoden. Sie testen, ob das spezifische Ergebnis unter unabhängigen Bedingungen erneut auftritt. Konzeptionelle Replikationen hingegen prüfen die zugrunde liegende Theorie oder das theoretische Konstrukt, indem sie systematische Variationen vornehmen – etwa durch andere Operationalisierungen, verschiedene Populationen, alternative Settings oder modifizierte Prozeduren. Sie dienen der Bestimmung der Generalisierbarkeit von Befunden und helfen zu verstehen, unter welchen Bedingungen ein Effekt robust ist und wann er verschwindet.
Beide Arten von Replikationen sind wichtig und komplementär: Direkte Replikationen zeigen, ob ein Effekt überhaupt existiert und replizierbar ist, während konzeptionelle Replikationen die Grenzen und Bedingungen seiner Gültigkeit ausloten. Für erfolgreiche direkte Replikationen ist es entscheidend, möglichst viele methodische Details der Originalstudie zu kennen – was die Bedeutung von Open Materials und Open Methodology unterstreicht. Replikationsstudien erfordern zudem in der Regel höhere Fallzahlen als die Originalstudie, um ausreichende statistische Power zu gewährleisten und auch kleinere Effekte zuverlässig nachweisen zu können.
Open Educational Resources
Open Educational Resources (OER) sind Lehr- und Lernmaterialien, die frei zugänglich sind und kostenfrei verwendet, modifiziert, an eigene Bedürfnisse angepasst und weitergegeben werden dürfen. Dazu gehören etwa Vorlesungsfolien und -skripte, digitale Lehrbücher, Video-Tutorials, Übungsaufgaben und Musterlösungen, Erklärvideos zu statistischen Methoden, Datensätze für Lehrzwecke, interaktive Lernmodule, Laborprotokolle oder komplette Online-Kurse. Im Kontext von Open Science ermöglichen OER es, wissenschaftliche Erkenntnisse, Methoden und best practices einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
OER tragen zur Bildungsgerechtigkeit bei, da Studierende und Lehrende weltweit – unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten ihrer Institution oder ihrem persönlichen sozioökonomischen Hintergrund – auf hochwertige, aktuelle Materialien zugreifen können. Dies ist besonders in Ländern mit begrenzten Bibliotheksbudgets oder für Studierende aus einkommensschwachen Familien von großer Bedeutung. Lehrende können diese Materialien an ihre spezifischen Lehrkontexte, Zielgruppen und pädagogischen Ziele anpassen, kombinieren und weiterentwickeln, statt bei Null anfangen zu müssen.
In der Psychologie gibt es bereits zahlreiche OER-Initiativen – von frei verfügbaren Lehrbüchern zur Statistik und Forschungsmethodik über Online-Kurse zu spezifischen Themen bis hin zu Materialdatenbanken für die Lehre. OER sollten mit offenen Lizenzen wie Creative Commons versehen sein, die klar und verständlich regeln, wie die Materialien genutzt, verändert und weiterverbreitet werden dürfen. Die Nutzung und Erstellung von OER wird zunehmend in der akademischen Lehre anerkannt und kann auch zur Sichtbarkeit, zum Impact und zur Reputation von Lehrenden beitragen. OER sind zudem ein wichtiger Weg, um Open Science-Praktiken in die Ausbildung der nächsten Generation von Forschenden zu integrieren.
Citizen Science
Citizen Science bezeichnet Forschungsprojekte, bei denen Bürger*innen ohne formale wissenschaftliche Ausbildung aktiv und bedeutsam am Forschungsprozess teilnehmen. Dies kann unterschiedliche Formen annehmen: vom Sammeln von Daten im eigenen Alltag oder lokalen Umfeld über das Klassifizieren und Kategorisieren von Material, das Durchführen von Messungen oder Beobachtungen, bis hin zur aktiven Beteiligung an der Entwicklung von Fragestellungen, der Interpretation von Daten oder sogar der Ko-Autorschaft bei Publikationen. Der Grad der Beteiligung kann von einfachen Datensammlung bis zu echten Partnerschaften reichen, bei denen Bürger*innen in alle Phasen des Forschungsprozesses eingebunden sind.
In der Psychologie ermöglicht Citizen Science besonders interessante Möglichkeiten: großangelegte Studien mit sehr diversen und inklusiven Stichproben, die weit über die typischen WEIRD-Populationen (Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic) hinausgehen; die Untersuchung von Phänomenen im natürlichen Alltag der Menschen, die im Labor schwer zu erfassen sind; die Erforschung von Fragestellungen, die für die Gesellschaft unmittelbar relevant sind; oder das Sammeln von Längsschnittdaten über lange Zeiträume hinweg, die sonst kaum finanzierbar wären.
Diese Praxis demokratisiert Wissenschaft und macht Forschung für breitere Teile der Gesellschaft zugänglich und verständlich. Sie fördert das öffentliche Verständnis für wissenschaftliche Methoden, Unsicherheiten und Erkenntnisgewinnung. Citizen Science kann auch dazu beitragen, dass Forschungsfragen identifiziert werden, die von der akademischen Forschung übersehen wurden, aber für die Gesellschaft hochrelevant sind. Wichtig ist dabei, dass die teilnehmenden Bürger*innen angemessen geschult und unterstützt werden, klare Anleitungen und Feedback erhalten, ihre Beiträge wertgeschätzt und anerkannt werden, und dass die Forschung für sie ebenfalls einen Mehrwert bietet – sei es durch Lernerfahrungen, durch die Möglichkeit, zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen beizutragen, oder durch direkten Nutzen der Forschungsergebnisse für ihre Lebenswelt.