Genderbegriff im Kontext von Gleichstellung

Heute studieren selbstverständlich Frauen und Männer an Universitäten. Sie werden von Dozentinnen und Dozenten unterrichtet, Professorinnen und Professoren haben Lehrstühle inne. Wo also ist das Problem? Ein Blick auf die zahlenmäßige Geschlechterverteilung höher dotierter Positionen in einer Uni zeigt: Die Chancen von weiblichen Personen auf eine wissenschaftliche Karriere oder eine Leitungsposition in Verwaltung und Technik zu erreichen, fallen offenbar geringer aus - und das trotz hervorragender Bildungsabschlüsse und der Motivation sich beruflich zu verwirklichen. Die Gründe sind vielfältig: historisch gewachsene Vorurteile und Stereotype wie etwa eine vermeintlich höher ausgeprägte Rationalität von Männern, die angeblich gegen Null tendierende Motivation von Frauen sich für den Job einzusetzen sobald Kinder da sind, usw... Organisationen wie etwa auch Hochschulen weisen Hierarchien in Hinblick auf Geschlecht auf und sind somit nicht (geschlechts)neutral.

Gleichstellungsmaßnahmen zielen darauf ab, Chancengleichheit herzustellen. Es gilt die Mechanismen und Regelungen zu erkennen und zu verstehen, die zu Hierarchien führen. Die gesetzlich für öffentliche Organisationen vorgegebene Strategie ist Gender Mainstreaming, eine Verfahrensweise die dort an den Entscheidungsprozessen ansetzt.

Der Begriff "Gender" verweist darauf, dass die hierarchischen Geschlechterverhältnisse, z.B. in der Zuordnung weiblicher und männlicher Fähigkeiten und damit die Verteilung von beruflichen Positionen, historisch gewachsen und damit veränderbar sind. Mit der Wahl des Begriffes Gender geht auch eine Kritik des Alltagsverständnisses von Geschlecht einher. Dieser Zusammenhang wird im Folgenden erläutert.

Alltagsverständnis über Geschlecht

Barbara Stiegler benennt sechs Alltagsannahmen über Geschlecht, die mit dem Gender-Begriff kritisiert und durch die sozial-, bildungs- und geisteswissenschaftliche (Gender)forschung in Frage gestellt werden:

1. "Ob jemand Mann oder Frau ist, wird durch körperliche Merkmale eindeutig bestimmt."

Diese Annahme kann durch die Erkenntnisse der modernen Biologie entkräftet werden. Demnach spielen mehr Faktoren eine Rolle als nur über sichtbare Geschlechtsmerkmale: Die Chromosomen, Keimdrüsen, Hormone und Hirnstrukturen gehen ein komplexes Wechselspiel ein. Diese Erkenntnisse fordern den Modus der eindeutigen Geschlechtsbestimmung und damit die Polarisierung Frau/Mann heraus. Biologische "Tatbestände" sind Produkte kultureller Deutungen und auch Bewertungen (S. 43 f.)

2. "Es gibt nur zwei Geschlechter."

Das historisch gewachsene System der Zweigeschlechtlichkeit , des rigiden "Entweder-Oders", gilt nicht in allen Kulturen. In Europa nehmen beispielsweise die albanischen Burneshas ("Mannfrauen"), die sich für ein Leben als Mann entscheiden und als solcher anerkannt würden, einen wichtigen Platz in ihrer Gesellschaft ein. Die Sicherheit dieses bipolaren Alltagsverständnisses ist also im hohen Maße kulturabhängig
(S. 44 f.)

3. "Jeder Mensch ist entweder Mann oder Frau."

Die Ausbildung dessen was Geschlecht ist, ist ein komplexer Prozess. Drei von 1000 Neugeborenen weisen "Abweichungen" von der Norm der "Eindeutigkeit" auf. Das Problematische ist jedoch nicht die so genannte "Abweichung", sondern die einerseits nach einem solchen "Befund" einsetzenden medizinischen Maßnahmen. Sie gehen nämlich einerseits mit riskanten chirurgischen und pharmazeutischen Eingriffen sowie stigmatisierenden psychiatrischen Behandlungen einher. Der Grund für die Behandlung ist unter anderem begründet, dass das deutsche Personenstandsrecht eine eindeutige Geschlechtszuweisung verlangt. Andererseits erfahren Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen in der Gesellschaft Diskriminierungen. Eine solche Art der Sanktionierung ist ebenfalls im hohen Maße kulturabhängig. Insbesondere in der Dimension des "Begehrens" (desire) zeige sich, so Stiegler, die Geschlechterpolitik einer Gesellschaft: In Gesellschaften, die Homosexualität gleich behandeln, wird "Menschen zugestanden, dass sie ihre Sexualität und ihr Begehren unabhängig" von ihrem 'biologischen' Geschlecht entwickeln dürfen." (S. 45 f.)

Deutlich wird hier, dass rigide Zuschreibungen und Erwartungen des Zweigeschlechtersystems menschliche Vielfalt und individuelle Lebensgestaltungsmöglichkeiten einschränken.

Bild von Anabel Hartmann and Nicole Schulz

4. "Ein Mensch ändert sein Geschlecht nicht."

Diese Fragen verneinen beispielsweise Transgender-Personen. Sie möchten nicht mehr dem sozialen Druck unterliegen, sich entsprechend ihrer körperlichen "Ursprungsgestalt" verhalten zu müssen. Demnach ist es ihr Wunsch, ihr Geschlecht zu ändern. "Demnach scheint der Körper eher der Effekt als die Basis sozialer Prozesse zu sein." Die chirurgischen und pharmazeutischen Eingriffe, die mit einem Geschlechtswechsel verbunden sind, zeigen auf, wie sehr letztlich Körper (sex), kulturelle Geschlechternormen (gender) und Sexualität (desire) "einheitlich", also sich in ein "stimmiges" Gesamtbild fügend, sein müssen.

Darüber hinaus gibt es Menschen, denen diese Einheit egal ist und die sich darüber hinweg setzen. Sie leben einfach zeitweise als Frau oder Mann oder leben den "Switch" künstlerisch und bewusst provokativ aus, etwa durch die Kunst der Travestie (S. 46 f.).

Tauziehen / Tech. Sgt. Dan Neely/WikiCommons

5. "Das Geschlecht eines Menschen prägt sein Verhalten."

Diese Annahme schließt darauf, dass es verhaltensmäßige Prototypen männlich/weiblich gibt. Kaum aber jemand verhält sich strikt nach bestimmten Geschlechternormen, die sogar innerhalb einer Gesellschaft im hohen Maße variabel sind. Die Unterschiede innerhalb einer nach dem "biologischen" Geschlecht kategorisierten Gruppe sind mindestens genauso stark, wie zwischen etwa Frauen und Männern. Statistische Mittelwerte, in beispielsweise psychologischen Studien zu Aggression, sagen nichts über die Einzelnen aus. Das Verhalten wird vielmehr in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen und in Interaktion mit anderen beeinflusst. Dies kann je nach Lebensalter, Kultur etc. unterschiedlich ausfallen. (S. 47 f.)

Ehegattensplittingvorteil

6. Nur Personen haben ein Geschlecht.

Die Frauen- und Geschlechterforschung hat diese Annahme durch die Analyse gesellschaftlicher Strukturen, wie etwa der Regelung von Erwerbstätigkeit, die Für- und Versorgepolitik oder die Medienlanschaft widerlegt. Vorstellungen über Geschlechterverhältnisse und entsprechende Normen sind in staatliche oder organisationale Strukturen eingeschrieben. Ein Beispiel ist das Ehegattensplitting im Steuerrecht. Es begünstigt das Ernährermodell in der Ehe, da Anreize für die geringer verdienende Person (meist die Frau) geschaffen werden eine Erwerbstätigkeit aufzugeben. Die Grafik veranschaulicht den ansteigenden Splittingvorteil gegenüber nicht-verheirateten.

(Stiegler, Barbara (2007): "Erst kamen die Frauen, nun kommt Gender in die Universität - Gender Mainstreaming als Hochschulreform", in: Macha, Hildegard (Hrsg.): Gender Mainstreaming und Weiterbildung - Organisationsentwicklung durch Potentialentwicklung, Opladen, S. 41-54.)

Gender und die Arbeit an Hochschulen

Das Einnehmen der Genderperspektive kritisiert das Alltagsverständnis von Geschlecht, das mit Einschränkungen der Gestaltungsmöglichkeiten des Einzelnen einhergeht.

Wer die Formen und Bedeutungen in der Organisationshierarchie und der Verteilung von Positionen in der Hochschule in Bezug auf Geschlecht verstehen will, braucht entsprechende Kenntnisse über seine Mehrdeutig- und Kontextbezogenheit. Die Analyse Barbara Stieglers über das Alltagsverständnis zu Geschlecht zeigt auf, dass Vereinfachungen und Pauschalisierungen ("Kennst du eine/n, kennst du alle") einer kritischen Betrachtung nicht stand halten. Deutlich wird auch, dass bestehende hierarchische Verhältnisse zwischen Frauen und Männern an Hochschulen abgebaut werden können.