Queer Theory

Die Queer Theorie findet sich in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sowie politischen und sozialen Bewegungen wieder. Entgegen der Bezeichnung „Theorie", handelt es sich nicht um eine rein wissenschaftliche Betrachtungs- und Forschungsweise. Die Queer Theorie beschäftigt sich ebenfalls mit Bewegungen wie den Frauen-, Schwulen- und Lesbenbewegungen. Sie beruft sich auf Aussagen der Gender Studies, der Diskursanalyse wie auch dekonstruktivistische und poststrukturalistische Theorien. Sie lässt sich so beispielsweise ebenfalls in der Literaturwissenschaft widerfinden. Eine klare Begriffsbestimmung jener „Theorie" scheint es nicht zu geben. „Allerdings mu[ss] sich [die] Bedeutung nicht einfach nur festigen oder klarer herausbilden, denn gerade die Unbestimmtheit, die Elastizität ist [...] wesentlich." (Jagose 2001, S. 13).

Beim Begriff „queer" treffen konträre Bedeutungen aufeinander. Zum einen findet man einen abfällig konnotierter Ausdruck und daneben eine Art affirmative Selbstreflektion die mit dem Begriff einhergehen. Der Ausdruck beruht auf der homophoben Verwendung des Englischen Wortes „queer". Als Adjektiv wird dieses unter anderem mit „sonderbar", „suspekt" sowie „eigenartig" übersetzt und wurde daher lange als herablassende Benennung von Homosexuellen gebraucht. „Queer" wird jedoch Mitte der 90er als positive Selbstreflektion derer verbreitet verwendet. Durch die Art der Selbstbezeichnung hatte die Gruppe der ehemaligen Opfer die Möglichkeit die negative Seite von „queer" zu entfernen, aber dennoch auf die jahrelange Form der Beleidigung ihnen gegenüber aufmerksam zu machen. „Darüber hinaus war und ist die neue Bezeichnungspraxis eine Abgrenzung von Begriffen wie Homosexualität und Gay" (Goß 2007).

Parallel zu politischen Bewegungen entstand der Begriff „queer" in der Wissenschaft, vor allem innerhalb der Gay und Lesbian Studies. Er sah sich als kritische Fortentwicklung von feministischen Theorien. Queer wurde vor allem mit der Einführung von de Lauretis im akademischen Rahmen zu einem Sammelbegriff für einen neuen kritischen Zugang zum Feld von jenen, deren Sexualität mit der gesellschaftlich vorgegeben Norm kontrastiert. Eine Basis für die sogennanten „Queer Studies" bildeten vor allem die Theorien der Poststrukturalisten Michel Foucault sowie Judith Butler, die maßgeblich die dekonstruktivistische Geschlechtertheorie formte, sowie Louis Althussers Sprechakttheorie.

„[So] lenkt queer den Blick dahin, wo biologisches Geschlecht (sex), soziales Geschlecht (gender) und sexuelles Begehren [desire] nicht zusammenpassen", so die Autorin des Werkes „Queer Theory" (Jagose 2001: 15). Judith Butler geht davon aus, dass „gender" als Kategorie genau selbst hervorbringt und formt, was sie zu untersuchen versucht. Die Queer Theorie analysiert dementsprechend in einer kritischen Art und Weise die Verbindung zwischen „sex", „gender" und „desire". Judith Butler prägt mit ihrem Werk „Das Unbehagen der Geschlechter" die Queer Theorie. Feministische Theorien würden ihrer Meinung nach Zweigeschlechtlichkeit verbreiten. Nach ihrer Vorstellung der sogenannten „Heterosexuellen Matrix" fallen unter „sex" die zwei Geschlechter Weibchen und Männchen. „Gender" umfasst die zwei Geschlechtsidentitäten weiblich und männlich und „desire" das sexuelle Verlangen des Mannes oder der Frau. Jene Zweigeschlechtlichkeit sowie das Vorherrschen von Heteronormativität werden innerhalb von „queer" kritisiert. Die Theorie umschließt daher Lesben, Schwule, Bisexuelle und geht ferner ebenfalls auf Transgender, Cross-Dressing oder Non-Gender ein. Relationen innerhalb von „sex", „gender" und „desire" sind nicht transparent, Zusammenhänge werden jedoch als natürlich gedacht. Innerhalb der Gesellschaft sieht Butler das biologische und das soziale Geschlecht als gesellschaftlich geformt. Die Queer Theorie untersucht dazu insbesondere den Zusammenhang von Machtformen auf Identitäten innerhalb der Kategorien „sex" und „gender".

Als politische Bewegung baut die Queer Theorie auf die Verfestigung von heterosexuellen Normen und Geschäftemacherei mir der feministischen und homosexuellen Bewegungen, insbesondere während der Aids-Kampagnen auf (Woltersdorf 2003). In den Kampagnen der 80er Jahre stellte sich die Identitätspolitik die bis dato von lesbischen und schwulen Organisationen vertreten wurde, als unzulänglich dar. Durch die damalige Identitätspolitik wurden Schwule und Lesben und andere Randgruppen so unter den Sammelbegriff „moral majorities" gefasst. Doch im Zuge dessen, stellte sich heraus, dass gefühlte Gemeinsamkeiten dieser Gruppe Exklusion und Inklusion bedeuteten. Es wurde gefordert, dass das Feld weiter ausgebreitet und differenziert werden soll. Normierungen sollten verneint werden, da diese eben gerade eine Inklusion und Exklusion bedeuten konnten. Eher sollte eine offene Bündnispolitik propagiert werden. Die sogenannten Queer Politics versuchten im Rahmen der Bewegungen und Kampagnen eine Identitätspolitik zu schaffen und „queer" als eine offene Bündnispolitik von unterschiedlichen sozialen Randgruppen zu etablieren.

Literatur

  • Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Aus d. Amerik. v. Katharina Menke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1991.
  • Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001 (1. Auflage 1993)
  • Foucault, Michel: Histoire de la sexualité. 3 Bände, 1970er Jahre. Gallimard, Paris 1994
  • Annamarie Jagose: Queer Theory. Eine Einführung. Querverlag GmbH, Berlin 2001
  • Monique Wittig: The straight mind and other essays. Beacon Press, 1992