Das Literaturwissenschaftliche Kolloquium ist eine langjährige etablierte Vortragsreihe, in der eine Vielzahl von renommierten Mitgliedern der Scientific Community und jüngere Nachwuchswissenschaftler*innen ihre Forschungen zur Diskussion stellen.

Veranstaltet von Prof. Dr. Tobias Kurwinkel, Prof. Dr. Rolf Parr, Prof. Dr. Alexandra Pontzen, Prof. Dr. Jörg Wesche und den Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen der Neueren deutschen Literaturwissenschaft und -didaktik

Abstracts

30.10.2019
Stefanie Jakobi (Universität Bremen)
Von Verfeindeten, Verweigerern und Verbündeten. Kinder- und jugendliterarische Inszenierungen des Schreibmotivs

Im Fokus des geplanten Vortrages steht das kinder- und jugendliterarische Spiel mit inszenierten Schreibtechniken und -instrumenten sowie den dazugehörigen medialen und diskursiven Zuschreibungen. Ausgehend von einer vergleichenden Analyse ausgewählter Texte soll gezeigt werden, welche Funktion das Schreiben im zeitgenössischen und deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuch innehat. Der Analyse liegt dabei ein Verständnis des Schreibens als Motiv zugrunde, welches im Rahmen des Vortrags sowohl theoretisch als auch auf die konkreten Gegenstände bezogen expliziert wird. Gleichsam soll anhand der exemplarischen Analysen ebenfalls die Bedeutung des Schreibmotivs als einem zentralen Motiv der Kinder- und Jugendliteratur etabliert werden – eine Bedeutung, die über das konkrete Textkorpus hinausweist.

06.11.2019
Prof. Dr. Tanja Nusser (University of Cincinnati)
„Mich hält nichts zu Hause.“ Oder: Der neue deutsche Heimatfilm

2016 und 2017 hatten zwei deutsche Kino-Filme Premiere: Wild von Nicolette Krebitz und Valeska Grisebachs Western. Beide sind insofern bemerkenswert, als dass sie typische Merkmale der sogenannten neuen Berliner Schule-Filme aufweisen, sich gleichzeitig aber auf das Genre des Heimatfilms beziehen. Beide Filme hinterfragen Deutschland und die deutsche Gesellschaft, genauer Subjektivität und Individualität in den 2000er Jahren. Deutschland funktioniert nicht mehr als ein Zuhause/eine Heimat; emotional isoliert und auf sich selbst zurückgeworfen scheinen die Protagonist*Innen in beiden Filmen nach einem bedeutungsvollen Leben oder auch nur eine Ausflucht aus einem Leben in neoliberalen oder spätkapitalistischen Zeiten zu suchen. Die Filme können, so die These des Vortrags, als Bestandsaufnahme (deutscher) Befindlichkeiten in globalen Zeiten und der Frage danach, was ein (nationales, lokales) Zugehörigkeitsgefühl ausmacht, verstanden werden. Indem beide Filme das Genre des Heimatfilms aufgreifen, gleichzeitig aber auch Distanz herstellen (distanzierte Kamera, fragmentierte Erzählung, Unmöglichkeit sich in Raum und Zeit zu orientieren), befragen sie zum einen die ideologischen Grundlagen von Konzepten wie ‚Heimat‘ und ‚Nation‘, zum anderen aber auch traditionelle Konzepte von Subjektivität, die oftmals auf einem Gefühl von (nationaler) Zugehörigkeit basieren.

04.12.2019
Prof. Dr. Stephan Kammer (LMU München)
Ordnung, Exzess, Verausgabung. Fest-Konflikte in Gottfried Kellers Erzählen

Immer wieder wählen Gottfried Kellers Texte Feste zum Anlass von Darstellung und Reflexion, in seinen Erzählungen steuern Ereignisgefüge und Figurenhandeln auf Feste zu und gehen von ihnen aus, Logik und Situativität von Festen bieten die sicher gezeichnete Szene für Knüpfung oder Auflösung narrativer und diskursiver Intrigen. Es ist bemerkenswert, dass trotz dieser bei weitem nicht nur thematischen Prominenz die Strukturfunktion dieser (dargestellten) Feste beinahe vollständig unbeleuchtet geblieben ist. Keller ist sicher einer der auffälligsten literarischen Fest-Darsteller des 19. Jahrhunderts, darüber hinaus aber auch einer der interessantesten Festtheoretiker oder vielleicht genauer: Festästhetiker seiner Zeit. Gelegentlich wird dieses theoretische Interesse explizit, wie im ›Mythenstein‹-Aufsatz von 1861, hauptsächlich aber schreibt es sich seinen Festdarstellungen selbst ein und erzeugt dabei einen beträchtlichen, nicht nur poetologischen Mehrwert. Denn die Feste bieten den analytischen und den darstellerischen Interessen seines Erzählens gleichermaßen eine Handhabe: Jedes erzählte, jedes literarisch dargestellte Fest ist zugleich eine gesellschaftstheoretische Aussage. Der Vortrag expliziert diese Funktion an der Seldwyler Novelle ›Dietegen‹.

11.12.2019
PD Dr. Christian Meierhofer (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn)
Theatrum mundi – mundus theatri. Konstitutionsbedingungen des Dramas um 1700

Obwohl der Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert mittlerweile eine verstärkte literaturwissenschaftliche Aufmerksamkeit erfährt, halten sich in Bezug auf das Drama recht hartnäckig Vorstellungen von einer Verfalls- oder Krisenzeit zwischen Barock und Frühaufklärung. Der Vortrag fragt daher nach den diskurs- und gattungsgeschichtlichen Konstitutionsbedingungen um 1700 und nach den Entwicklungsverläufen, die das Drama seit Gryphius und Lohenstein aus einer christologischen, heils- und endzeitgeschichtlichen Perspektivierung des Weltlaufs heraus- und in ein noch unbestimmtes literarisches Funktions- und Bedingungsgefüge hineinführen. Anhand von wenig oder gar nicht berücksichtigten Texten lässt sich zudem zeigen, wie eine grundlegend theatral eingerichtete Wissenskommunikation im theatrum mundi mit den gattungsspezifisch unterschiedlichen Ausprägungen des Dramas im mundus theatri zusammenhängt.

22.01.2020
Dr. Lily Tonger-Erk (Eberhard Karls Universität Tübingen)
„Der Schauplatz ist hie und da“. Mediologische und theaterhistorische Erkundungen des Raums im Drama

Seit seinen Anfängen ist das Drama nicht nur einer rigiden Zeit-, sondern auch einer beengenden Raumökonomie unterworfen. Die Beschränkung auf einen einzigen Schauplatz entspricht bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zum einen dem poetologischen Ideal der ‚Wahrscheinlichkeit‘ der dramatischen Handlung und zum anderen den bühnentechnischen Möglichkeiten. Die Einheit des Ortes stellt ein zentrales dramentheoretisches Dogma dar, das erst im Sturm und Drang hart umkämpft wird. Diese Revolution führt zu einer Re-Evaluation der Gattung Drama zwischen Text und Theater. Während das Literaturtheater an Bedeutung gewinnt und man stehende Bühnen baut, sperren sich dramatische Texte wie Goethes Götz von Berlichingen, Lenz‘ Der neue Menoza oder Schillers Die Räuber gegen ihre Vereinnahmung als Spieltexte und geben sich stattdessen als Lesedramen aus. Sie proklamieren ihre Unabhängigkeit vom Theater, indem sie die Verwandlungstechniken der zeitgenössischen Bühne strukturell überfordern. Zugleich liebäugeln sowohl Autoren als auch Theatermacher mit ihren Aufführungen und feiern teils große Erfolge. In diesem Spannungsfeld von poetologischer Abgrenzung, theaterpraktischer Annäherung und mediologischer Selbstreflexion ist die Aufkündigung der Einheit des Ortes neu zu lesen und eine gattungsspezifische Theorie des Raums im Drama zu entwickeln.

Downloads

Das Programm-Archiv der vergangenen Jahre im Überblick:

WiSe 2019/20: Download PDF

SoSe 2019: Download PDF

WiSe 2018/19: Download PDF

SoSe 2018: Download PDF

WiSe 2017/18: Download PDF

SoSe 2017: Download PDF

WiSe 2016/17: Download PDF

SoSe 2016: Download PDF

WiSe 2015/16: Download PDF

SoSe 2015: Download PDF

WiSe 2014/15: Download PDF

SoSe 2014: Download PDF

WiSe 2013/14: Download PDF

SoSe 2013: Download PDF

WiSe 2012/13: Download PDF

SoSe 2012: Download PDF

WiSe 2011/12: Download PDF

SoSe 2011: Download PDF

WiSe 2010/11: Download PDF

SoSe 2010: Download PDF

WiSe 2009/10: Download PDF

SoSe 2009: Download PDF

WiSe 2008/09: Download PDF

Frühere Semester: Download PDF