Literaturwissenschaftliches Kolloquium

Literaturwissenschaftliches Kolloquium an der Universität Duisburg-Essen. Programm SS 2017

Veranstaltet von Alexandra Pontzen, Clemens Kammler, Rolf Parr und Jörg Wesche

                                                  „Interpretieren sollte man nicht allein“ (Klaus Weimar)

Das Literaturwissenschaftliche Kolloquium ist eine langjährige etablierte Vortragsreihe, in der eine Vielzahl von renommierten Mitgliedern der scientific community und jüngere NachwuchswissenschaftlerInnen ihre Forschungen zur Diskussion stellen.

Die Termine sind jeweils mittwochs von 18-20 Uhr in Raum WST-C02.12
(Weststadttürme, Berliner Platz 6-8)

26. 04. 2017

Prof. Dr. Bernadette Malinowski (Technische Universität Chemnitz): Theorien und Methoden der interkulturellen Literatur: Erprobung – Kritik – Weiterführung

Das Phänomen der Interkulturalität und die Frage, wie verstehend mit ihr umzugehen ist, ist seit geraumer Zeit Gegenstand der wissenschaftlich-philosophischen Theoriebildung. Dabei erweist sich die ‚Zurüstung‘ bereits etablierter Theorien – etwa aus dem Umkreis der philosophischen Hermeneutik oder der Postcolonial Studies – für die Interkulturelle Literatur als Gegenstandsbereich literaturwissenschaftlicher Theorien und Methoden in vielen Aspekten weiterhin als Desiderat. Am Beispiel von Waldenfels‘ phänomenologischer Betrachtung des Fremden soll in Form eines Impulsvortrags kurz in die Problem- und Fragestellung eingeführt werden, um sodann im gemeinsamen Gespräch Möglichkeiten der literaturtheoretischen Fruchtbarmachung und der methodischen Anwendung zu diskutieren.

31. 05. 2017

Prof. Dr. Barbara Thums (Universität Mainz): Krisen des Verstehens. Wolfram Lotz’ Die lächerliche Finsternis in der Inszenierung von Dušan David Pařízek am Burgtheater Wien

Der Vortrag widmet sich Dušan David Pařízeks Inszenierung von Wolfram Lotz’ Kolonialismus-Stück Die lächerliche Finsternis. Mittels grotesk-parodistischer Überzeichnung rassistischer, sexistischer und kolonialistischer Klischees über die indigene Bevölkerung, aber auch über Kolonialisten, Soldaten und Missionare führt dieses vor und macht lächerlich, wie Bilder des Barbarischen konstruiert werden und mit welchen Praktiken der Macht solche Konstruktionen in Verbindung treten. Ausgehend davon will der Vortrag zeigen, dass Pařízeks Inszenierung dieses groteske Spiel mit Zuschreibungen durch die Art und Weise auf die Spitze treibt, wie es das Thema Hermeneutik an das Prinzip Hoffnung bindet und barbarisches Schreien als Ausdrucksmittel für die Sinnlosigkeit der Hoffnung auf Verständnis und Gerechtigkeit konzeptionalisiert.

7. 06. 2017

Prof. Dr. Dieter Heimböckel (Université du Luxembourg): Staunen

Als „eine Weise bewußtwerdenden Nichtwissens“ (Guzzoni) und als Grenzfall zwischen Verstehen und Nicht-Verstehen muss man sich zu dem Staunen, das und weil es nach Versprachlichung drängt, in ein Verhältnis setzen, und das heißt: sich etwas einfallen lassen. Wenn es den Betrachter in ein Gefühl der Einmaligkeit versetzt, zwingt das Staunen förmlich dazu, in eine Geschichte überführt zu werden. Und besonders die Literatur kann ein Lied davon singen. Ihr ist das Besondere und Einmalige, das Unvertraute und Wunderbare gerade gut genug. Sie ist eine Spezialistin in diesem Feld, und wenn es um ein Erkenntnisdrama wie das Staunen geht, setzt sie alles daran, das in ihr liegende Inszenierungspotential dafür zu aktivieren. Der Vortrag möchte daher Inszenierungs- und Realisierungsformen des Staunens (in) der Literatur erkunden, wobei Texte von Heinrich von Kleist, Franz Kafka und Yoko Tawada in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden sollen.

 

5. 07. 2017

Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal (Universität Bielefeld): Rolf Dieter Brinkmann hasst „alte Dichter“ und droht mit einer „neuen Literatur“

Versuch, Foucaults Begriff des Diskursbegründers aus „Die Ordnung des Diskurses“ als Theorie zur Beschreibung der Ereignishaftigkeit von Literatur fruchtbar zu machen, indem er aus seinem epistemologischen Kontext herausgelöst wird. Ziel ist die Beschreibung historisch-diskursiver Regeln der Ereignishaftigkeit von Literatur am Beispiel R. D. Brinkmanns (u.a. Autoren) um 1968.

Zeit: jeweils mittwochs, 18–20 Uhr
Raum: Weststadttürme, Berliner Platz 6-8, C 02.12

 

 

 

 

Literaturwissenschaftliches Kolloquium

Programm vorheriger Semester

Programm des Wintersemesters 2016/2017

02.11.2016
Volker C. Dörr (Düsseldorf): „’Die Einbildungskraft lauert als der mächtigste Feind’: Goethes Regulierungspoetik“

Der Vortrag will, in Abgrenzung zu Friedrich Kittlers „Aufschreibesysteme 1800/1900“, nachweisen, dass die Einbildungskraft um 1800 nicht immer dazu gedacht ist, alle Sinne gleichermaßen zu ersetzen, sondern dass sie meist in hohem Maße visuell konzipiert ist. Im Zentrum aber sollen Goethes etwas paradox wirkende Versuche stehen, nicht nur die visualisierende Leistungsfähigkeit der Einbildungskraft gegenüber den Bildenden Künsten zu betonen, sondern jene vor allem strikt zu regulieren: durch die Bindung an objektive Erkenntnis wie an die intersubjektive Geltung des Geschmacks.

16.11.2016
PD Dr. Heide Volkening (Greifswald): „Flexibilität und Charakter. Männlichkeit in Arbeit“

In der aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskussion zum Thema Arbeit und Subjektivität bildet Richard Sennetts Der flexible Mensch einen häufigen Bezugspunkt für Thesen zum Zusammenhang zwischen der Deregulierung des Arbeitsmarktes und Schwierigkeiten der Subjektkonstitution. Beruht die These einer der Flexibilisierung geschuldeten Corrosion of Character, wie der Originaltitel lautet, auf der Voraussetzung einer narrativen Kohärenz männlicher Geschlechtsidentität? Handelt es sich hierbei um genau jene Formen von Kohärenz und Kontinuität, die Judith Butler als Struktur einer normativen Geschlechterkonstruktion analysiert hat? Welche Geschlechtermodelle werden in gegenwärtigen Diskursen über den Verlust stabiler Erwerbsbiographien aktualisiert?

30.11.2016
Prof. Dr. Tilman von Brand (Rostock): „Inklusiver Literaturunterricht“

Inklusion gilt als zentrale Herausforderung des deutschen Bildungssystems in den kommenden ein, zwei Jahrzehnten. Die Literaturdidaktik betont einerseits lange schon die Bedeutung der individuellen Lernvoraussetzungen für das Literarische Lernen, hält sich aber in der Diskussion um die Umsetzung der Inklusion auffallend zurück. Im Rahmen des Vortrags sollen daher Eckpunkte skizziert werden, innerhalb derer ein Grundrecht auf ästhetische Erfahrung und ästhetischen Genuss im schulischen Kontext eventuell zu verwirklichen wäre. Dabei wird der Kernfrage nachgegangen, wie sich Lehr-Lern-Situationen modellieren lassen, die möglichst allen Lernenden literarische Anreize und Herausforderungen bieten, um die Kompetenzen zu steigern, Gewinn bringend mit Literatur umgehen zu können.

11.01.2017
Prof. Dr. Bart Philipsen (Leuven): „’…taumelt ein Teddybär’: Literarische Figuren und Perspektiven des Posthumanen, am Beispiel von H.M. Enzensbergers späterer Lyrik“

Bedrohte bzw. bedrohende Natur als das widerständige, oft auch gleichgültige, erhabene Andere technisch-zivilisatorischen Fortschritts war schon immer ein Motiv in H.M. Enzensbergers Lyrik, auch im früheren Werk, und demzufolge ein vieldiskutiertes Thema in der Enzensberger-Forschung des späteren zwanzigsten Jahrhunderts, nicht zuletzt im Kontext der wachsenden Umweltproblematik und der Debatten über Atomenergie. Neuere ökokritische Tendenzen in der Kultur- und Literaturwissenschaft haben diese Diskussion wieder aufgegriffen, bleiben aber in den meisten Fällen einer etwas veraltet wirkenden aufklärungskritischen binären Logik von Mensch & Technik vs. Natur oder Umwelt verhaftet. In diesem Vortrag möchte ich mich, zwar nicht ausschließlich aber doch vorzugsweise, mit der späteren (und gegenwärtigen) Lyrik Enzensbergers befassen, die auch in neueren Studien auffallend unterbeleuchtet bleibt. Dabei soll versucht werden, diese Lyrik mit jüngeren kulturkritischen und -wissenschaftlichen bzw.  literaturwissenschaftlichen Diskursen, die sich als posthumanistische Kritik („the Posthuman“) im Zeitalter des sog. Anthropozäns verstehen, zu lesen und Enzensbergers literarische Aneignung solcher Diskurse kritisch zu überprüfen. Aus dieser posthumanistischen Sicht werden die alten binären Oppositionen von Mensch und Natur, Natur und Technik, Mensch und Tier, Bewusstsein und Körperlichkeit bzw. Materialität usw. als anthropozentrische Schemen dekonstruiert und andere komplexere und hybridere Lebensformen und kreatürliche Figuren in den Blick genommen.

25.1.2017 
Prof. Dr. Ursula Kocher (Wuppertal): „Erzählungen aus mittleren Zeiten – zur deutschsprachigen Novellistik des 17. Jahrhunderts“

Das 15. und 16. Jahrhundert ist gekennzeichnet von einer reichhaltigen und lebhaften Rezeption italienischer Novellen in Deutschland. Dabei lässt sich ein konfliktreiches Verhältnis zwischen der kleinepischen deutschsprachigen Tradition, der lateinischen Novellistik und der italienischen Prosanovelle erkennen. Eine Konsequenz dieser Traditionsmischung ist die Partikularisierung von Novellen größerer Erzählzusammenhänge. Während also in Italien und Spanien zur gleichen Zeit eine ganze Reihe von Novellensammlungen in Prosa entstehen, wird in Deutschland nach der rechten Form und Funktion der kurzen Erzählungen erst noch gesucht. Etappen dieser Suche werden in dem Vortrag nachvollzogen.

08.02.2017 
Prof. Dr. Gertrud Lehnert (Potsdam): „Text/Räume“

Literatur kann Räume in ihrer Materialität beschreiben. Sie kann noch mehr: Indem sie die Materialität von Räumen atmosphärisch erfasst und menschliches und räumliches Innen und Außen unauflöslich verbindet, schafft sie eigenständige – oft unheimliche - „Gefühlsräume“. Einige klassische Beispiele dafür diskutiert der Vortrag vor dem Hintergrund der aktuellen Raumtheorie.

Programm des Sommersemesters 2016

11.5.2016
Prof. Dr. Kader Konuk (Duisburg-Essen): "'Es gab fast gar keine Bücher': Erich Auerbachs Mimesis im Istanbuler Exil"

Der Romanist Erich Auerbach entwickelte zwischen 1936 und 1947 im Istanbuler Exil eine Herangehensweise an das Konzept „abendländische Literatur“, das heute noch als Exempel kritischer Distanz gilt. Die spärliche Verwendung von Sekundärliteratur und Fußnoten in seinem Exilwerk rechtfertigte er bekanntermaßen mit dem Mangel einer ausreichenden Fachbibliothek. Entgegen der Vorstellung von Auerbachs isoliertem Istanbuler Exil stellt dieser Vortrag den kulturhistorischen Zusammenhang der türkischen Universitätsreformen für die Entstehung der Mimesis in den Vordergrund.

1.6.2016
PD Dr. Hedwig Pompe (Bonn): „’Erlaubt ist was gefällt’ – Die Intervention der (literarischen) Unterhaltung nach 1800“

Um 1800 lässt sich beobachten, dass die Funktion des Unterhaltsamen die Ausdifferenzierung kultureller Praktiken vielfach motiviert. Darin eingeschlossen ist die Anerkenntnis der Unterhaltung als ein berechtigtes Bedürfnis des Menschen, dem es sich auf produktive Weise zu widmen gilt. Zur selben Zeit soll aber die Unterscheidung zwischen Kunst und Unterhaltung dazu dienen, Einspruch gegen Letztere zu erheben. Der Vortrag geht dieser oftmals polemisch aufgemischten Konstellation anhand ausgewählter literarisch-publizistischer Szenen im frühen 19. Jahrhundert nach.

15.6.2016
Prof. Dr. Matthias N. Lorenz (Bern): „Intertextualität in der Inversion: Franz Kafkas ‚Erinnerung an die Kaldabahn’ (1914) und Joseph Conrads ‚Heart of Darkness’ (1899)“

Der Vortrag beleuchtet das intertextuelle Verhältnis von Kafkas Fragment "Erinnerung an die Kaldabahn" von 1914 zu Joseph Conrads 15 Jahre zuvor entstandenem, kanonischen Kurzroman Heart of Darkness. Um die Intensität einer intertextuellen Verflechtung zu bestimmen, werden zunächst die biografische Konstellation, anschließend die frappierenden literarischen Korrespondenzen und schließlich denkbare Wege der Überlieferung des Prätextes an Kafka geklärt. Die Lektüre der "Erinnerung an die Kaldabahn" als Ergebnis einer möglichen Auseinandersetzung mit Conrads Roman legt nicht nur ein bislang weitgehend übersehenes Zeugnis der deutschsprachigen Conrad-Rezeption frei, sondern fügt auch den bisherigen Kafka-Lektüren eine neue hinzu.

29.6.2016
Prof. Dr. Gertrud Koch (Berlin): „’Madagascar, Nisko, Theresienstadt, Auschwitz’ – Claude Lanzmanns ‚Le dernier des injustes’“

Claude Lanzmann hat aus einem vielstündigen Interview mit dem letzten überlebenden Judenratsältesten des Ghettos Theresienstadt, Murmelstein, das er für Shoah geführt hatte, Jahrzehnte später einen Film montiert, der den Filmemacher und den Interviewten in einer Art Doppelportrait zeigt. Die Frage, wie das Verhältnis zur Fiktion und zum Spiel unter den Bedingungen tödlichen Ernstes als Überlebensstrategie scheinbar rationalen Kalküls grundlegend wurde, steht im Zentrum des Vortrags.

6.7.2016 
Verabschiedungskolloquium für Prof. Dr. Ursula Renner-Henke: Prof. Dr. Helmut Lethen: "Amsterdam 1964 oder magisches Denken der Kulturwissenschaft"

Achtung! Die Veranstaltung findet um 18.00 c.t. in „Der Brücke“, ESG, Universitätsstr. 19, Campus Essen statt.


 

Programm des Wintersemesters 2015/2016

4.11.2015 
PD Dr. Silke Horstkotte (Leipzig): Frierendes Brot und heilige Suppe: Sakramentale Poetik bei Christian Lehnert, Uwe Kolbe und Lutz Seiler

Die herausragende Stellung des Abendmahls als Sakrament und zentrale Kultpraxis des Christentums spiegelt sich in der Breite und Vielfalt seiner literarischen Bearbeitungen. Literaturwissenschaftliche Beachtung haben insbesondere die christentumskritischen Abendmahlsgedichte von Goethe, Hölderlin und Novalis sowie das ästhetische Modell der Poesie als Sakrament bei Rilke und George gefunden. Mein Vortrag wendet sich der bisher nicht untersuchten Funktion des Abendmahls in der Gegenwartsliteratur zu. An Texten dreier ostdeutscher Autoren – Christian Lehnerts Lyrikzyklus „Nur ein Augenblick noch“ (Auf Moränen, 2008), Lutz Seilers Roman Kruso (2014) sowie Gedichten aus Uwe Kolbes Lietzenliedern (2012) und Gegenreden (2015) – diskutiere ich Aktualisierungsformen des Abendmahls in ihrem Verhältnis zu den um 1800 und um 1900 etablierten Mustern. Im Mittelpunkt steht die These, dass gerade aus der besonderen ostdeutschen Situation heraus neue Formen einer sakramentalen Poetik entwickelt werden, die etablierte Unterscheidungen zwischen Immanenz und Transzendenz, Materiellem und Spirituellem, Heiligem und Profanem außer Kraft setzen.

18.11.2015
Prof. Dr. Kaspar H. Spinner (Augsburg): Ein Modell für die Raumanalyse narrativer und lyrischer Texte

Topographie ist fachübergreifend seit einigen Jahren ein Hauptthema wissenschaftlicher Forschung, nicht zuletzt in der Literaturwissenschaft. Im vorgesehenen Vortrag wird ein elementares, für den Deutschunterricht geeignetes Modell der literarischen Raumanalyse vorgestellt. Kernbegriffe sind Topographie, Topologie und Chronotopie. An Textbeispielen werden entsprechende Analysewege veranschaulicht, u.a. an der Schwarzen Spinne von Jeremias Gotthelf und an Meersburger Gedichten von Annette von Droste-Hülshoff.

2.12.2015
Prof. Dr. Eva Blome (Greifswald): Laufbahn und Labyrinth. Zum Verhältnis von Bildung und Institution in der Literatur um 1800

Moritz‘ Anton Reiser will – so die Vorrede – vom „Fortgange des Lebens“ erzählen. Doch, so stellt sich heraus, dieser Fortgang gleicht eher dem Umherirren in einem Labyrinth als dem Abschreiten einer Laufbahn. Anton Reisers „Karriere“ fügt sich damit nicht in diejenigen Bildungsnarrative, die zeitgleich, etwa durch Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, entworfen werden. Während in Moritz‘ Roman ganz handfeste gesellschaftliche Institutionen wie Schule, Freitische und Ausbildungsbetriebe auf den Weg Reisers einwirken, setzt Goethe mit der Turmgesellschaft eine Erziehungsinstanz ein, die die Entwicklung seines Helden im Geheimen lenkt und dessen Autonomie im Nachhinein fragwürdig erscheinen lässt. Der Vortrag diskutiert das Verhältnis von Bildung und Institutionen in der Literatur um 1800 vor dem Hintergrund dieser ungleichen Szenarien und fragt zudem, inwiefern die genannten Bildungsromane als Institutionenromane verstanden werden müssen.

16.12.2015
Prof. Dr. Hania Siebenpfeiffer (Köln): Die literarische Eroberung des Alls. Science Fiction im 17. Jahrhundert

Entgegen einer weit verbreiteten Überzeugung ist die Gattung der Science Fiction keine Erfindung der Moderne. Sie wurde deutlich früher, an der Schwelle zum 17. Jahrhundert, genauer gesagt im Jahr 1593 erfunden, als der angehende Mathematiker und Astronom Johannes Kepler auf Rat seines Doktorvaters Michael Maestlin beschließt, seine Dissertation zur Mondastronomie an der Universität Tübingen aus Furcht vor einem Inquisitionsverfahren nicht einzureichen. In den Folgejahren überarbeitet Kepler das Manuskript kontinuierlich, doch gedruckt wird sein „Traum: oder die lunarische Astronomie“ (Somnium sive astronomia lunaris) erst unmittelbar nach seinem Tod 1634. In den 1610er Jahren gelangte auf noch ungeklärte Weise eine Zwischenfassung des Somnium in die Hände des anglikanischen Bischofs Francis Godwin, der daraufhin die erste nicht-phantastische Weltraumreise der europäischen Literatur verfasste. Ebenfalls erst postum 1638 gedruckt, markiert Godwins Man in the Moone zusammen mit Keplers Somnium den Beginn der Science Fiction als einer Gattung, deren Poetik engste Bezüge zur Wissenschaft, in diesem Fall zur kopernikanischen Astronomie unterhält. Der Vortrag wird diese nahezu unbekannte Frühgeschichte der SF rekonstruieren. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf den narrativen und rhetorischen Verfahren liegen, mit denen sich die SF im frühen 17. Jahrhundert als eine ebenso interdiskursive wie intertextuelle Gattung zwischen Literatur und Wissenschaft(en), Fakt und Fiktion, Wissen und Nicht-Wissen positionierte.

20.1.2016
Prof. Dr. Albrecht Koschorke (Konstanz): Nichtwissen im Zeitalter von Big Data

Der Vortrag geht von der These aus, dass eine wesentliche Kulturleistung in der Sicherstellung und Bewirtschaftung von individuellem wie kollektivem Nichtwissen besteht. Der „ökologische Ausgleich“ von Wissen und Nichtwissen muss jeweils an den Stand der technischen Verfügbarkeit von Information angepasst werden. Aktuell stellt sich die Frage, wie dieses Erfordernis mit der wachsenden Macht algorithmischer Sozialregulative in Einklang gebracht werden kann.

 3.2.2016 - Achtung: Abweichender Raum: Bibliothekssaal!
Prof. Dr. Aleida Assmann (Konstanz): Formen des Vergessens

Haben wir das Vergessen vergessen? Vergessen geschieht lautlos und unspektakulär, Erinnern ist demgegenüber die unwahrscheinliche Ausnahme, die auf bestimmten Voraussetzungen beruht. Das haben wir jedenfalls bis vor kurzem geglaubt. Erinnern und Vergessen sind keine trennscharfen Begriffe. Neben diesem Vergessen, das sich hinter unserem Rücken abspielt, ist Vergessen auch ein unverzichtbarer Bestandteil des Erinnerns: um etwas zu erinnern, muss individuell und kollektiv vieles vergessen werden. Der Vortrag beschreibt unterschiedliche Funktionen und Kontexte des Vergessens: Vergessen als Filter, als Waffe und als Voraussetzung für die Schaffung des Neuen – bis hin zu der Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Vergessens im Internet.

 

 

Programm des Sommersemesters 2015

29.4.2015 
Marianne Schuller (Hamburg): Kafka und die Tiere

„Man kann die Tiergeschichten Kafkas auf eine gute Strecke lesen, ohne überhaupt wahrzunehmen, daß es sich gar nicht um Menschen handelt. Stößt man dann auf den Namen des Geschöpfs [...] so blickt man erschrocken auf und sieht, daß man vom Kontinent des Menschen schon weit entfernt ist.“ Dieser berühmte Befund Walter Benjamins wird zum Ausgangspunkt für die Frage nach der Funktion der unendlich vielen Tierfiguren in Kafkas Erzählungen. Gewinnt diese Frage angesichts des gegenwärtig neu erwachten Interesses an der Erkundung der ‚Grenzen des Humanum’ im Zuge der alten Opposition ‚Mensch’ vs. ‚Tier’ in Philosophie (Derrida) sowie Wissens- und Wissenschaftsgeschichte eine gewisse Aktualität, so wird sich mein Beitrag über eine nah am Text verfahrende Lektüre dem weit gefassten Horizont zu nähern suchen. Dabei wird sich die für Kafka grundlegende Frage nach dem Erzähler als eine erweisen, die über den literarischen Status der Tierfiguren Aufschluss zu geben verspricht. Aus dem Textkorpus werden die von Max Brod mit den Titeln „Forschungen eines Hundes“ und „Der Bau“ versehenen späten Erzählungen, weiterhin „Ein altes Blatt“, „Der neue Advokat“, „Schakale und Araber“ (alle drei aus dem Band Ein Landarzt) mit unterschiedlichen Gewichtungen zur Sprache kommen. Die Lektüre läuft auf Kafkas letzte, gelegentlich als sein Testament angesehene Erzählung zu, die er für den Druck vorgesehen und eingerichtet hat: „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“.

13.5.2015
Chris Tedjasukmana (FU Berlin): Die Öffentlichkeit des Ästhetischen – Post-Cinema, Kunst, Aktivismus

Ausgangspunkt des Vortrags ist die Diagnose einer anhaltenden Spaltung dessen, was seit 1968 als politischer Film diskutiert wurde. Gegenüber dem Gros aktivistischer Filme insistierte Jean-Luc Godard in einer berühmten Losung darauf, nicht nur politische Filme, sondern Filme politisch zu machen, das heißt ihre „Politik der Form“ zu reflektieren. Doch was als produktiver Anspruch formuliert wurde, ist zu einem allzu pauschalen und normativen Gegensatz erstarrt. Demgegenüber mündet der Vortrag in ein Plädoyer für die Aufhebung dieser Spaltung im Sinne eines Sowohl-als-auch. Mit Rekurs auf Kant, Hannah Arendt und Alexander Kluge sowie anhand aktueller Beispiele des aktivistischen Films und zeitgenössischer Kunstinstallationen wird die These entfaltet, dass politische Filme durch ihre spezifische Bezugsweise zu einer Öffentlichkeit bestimmt werden. Aus diesem politischen Umfeld heraus kann zudem in der affektiven und kritischen Auseinandersetzung des Publikums mit der filmischen Form ein Prozess entstehen, der im Vortrag als „ästhetische Öffentlichkeit“ skizziert werden soll.

27.5. 2015
Carlos Spoerhase (HU Berlin): Die Form des Systems

Das erste Auftreten des „Systems“ als gelehrte Publikationsgattung datiert auf die Zeit um 1600. Lange handelte es sich dabei um ein methodologisches Rekonstruktionsverfahren oder eine didaktische Darstellungsform. Im Laufe des späten 18. Jahrhunderts und des frühen 19. Jahrhunderts bildet sich ein neuer Begriff des „Systems“ heraus, der, so das Argument des Vortrags, auf nichts weniger als die grundsätzliche Bestimmung von „Form“ abzielt.

10.6.2015
Matteo Galli (Ferrara): "Wir haben Heinrich Böll verloren. Aber dafür haben wir Amnesty und Greenpeace“. Engagement in der deutschen literari-schen Öffentlichkeit heute

"Wir haben Heinrich Böll verloren. Aber dafür haben wir Amnesty und Greenpeace", erklärte Hans Magnus Enzensberger 1987 im Gespräch mit Hellmuth Karasek. Der intellectuel général schien schon vor fast 30 Jahren nicht mehr gefragt zu sein, die Einmischung nicht mehr erwünscht. Hat sich die Lage seitdem, d.h. seit Bölls, Sartres, Pasolinis Tod, geändert? In meinem Vortrag werde ich versuchen, eine kleine Bestandsaufnahme anzubieten im Hinblick auf engagierte Literatur im aktuellen deutschsprachigen literarischen Feld.

24.6.2015
Michael Hoffmann (Paderborn):  Navid Kermani – „Zwischen Koran und Kafka“

Navid Kermani ist als Schriftsteller, Islamwissenschaftlicher und Publizist eine eigenwillige und prägnante Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur und -kultur. In seinen Texten befasst er sich mit alltäglichen wie existentiellen Fragen und Problemen unserer Gegenwart und es gelingt ihm dabei, die islamische Tradition in überraschender Weise ins Spiel zu bringen. Indem er einerseits den Islam mit zeitgemäßen wissenschaftlichen Methoden neu interpretiert und andererseits eine undogmatische Frömmigkeit in seinen deutschen Alltag einfließen lässt, erlaubt er dem deutschen Publikum überraschende und innovative Einsichten, die gleichzeitig voller Humor und voller Ernst literarische und publizistische Entwürfe bieten.

8.7.2015
Dirk Göttsche (Nottingham): Zeitpoetik kleiner Prosa der Gegenwart

Die Kleine Prosa der Moderne hat von Beginn an ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Seit Autoren wie Altenberg und Polgar gehen Gattungspoetik und Zeitpoetik immer wieder Hand in Hand und setzen epochalen Beschleunigungserfahrungen ästhetische Eigenzeitlichkeit entgegen. Vier Fallstudien zu ganz unterschiedlichen AutorInnen Kleiner Prosa der Gegenwart sollen die Spannbreite dieser Engführung erkunden: bei Botho Strauß der Zeitdiskurs einer kulturkritischen Postmoderne; bei Florian Meimberg Zeitphantasien im Twitter-Format einer spätmodernen Medienwelt; Zeitreflexion als poetische Wahrnehmungsschule in den Prosaskizzen und -gedichten Walle Sayers; die zehnzeiligen „Weblogs“ von Sudabeh Mohafez entwerfen komplexe Denkbilder spätmoderner Zeit- und Raumerfahrung aus der Tradition der Klassischen Moderne.

 


Programm des Wintersemesters 2014/15

5.11.2014  Rolf Füllmann (Köln): Text an der Grenze: „Im Schatten des Todes“ von Rūdolfs Blaumanis/Rudolf Blaumann

Rūdolfs Blaumanis/Rudolf Blaumann (1863-1908) gilt als kanonischer lettischer Schriftsteller. Schon die Zweitschreibung seines Namens verrät die Positionierung seines Werkes in einem Randbereich zwischen Baltistik und Germanistik. Es ist verortet an den Grenzen von mindestens drei Ethnien und Sprachen, zweier Konfessionsräume, dreier sozialer Milieus. Die Texte können somit Gegenstand von Modellen der interkulturellen Germanistik, der Sozialgeschichte und sogar einer postkolonialen Perspektivierung sein. In Blaumanis‘ Novelle ‚Im Schatten des Todes‘ (1899) erhält sein Schreiben an der Grenze durch die Schwellen zwischen Eis und Meer, Jugend und Erwachsensein, Leben und Tod zusätzliche Dimensionen. Doch auch die Sprache stößt hier an ihre Grenzen.

19.11.2014 Anne Fuchs (Warwick): Dyschronie und Punkt-Zeit in Clemens Meyers „Als wir träumten“

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Diskussion um die Prekarisierung unserer Zeiterfahrung seit Beginn des 21. Jahrhunderts analysiert mein Vortrag die Repräsentation einer wesentlich dyschronischen Nachwendezeit in Clemens Meyers Debut-Roman Als wir träumten. Der im jugendlichen Kleinkriminellenmilieu zwischen Schule und Straße, Knast und Kneipe angesiedelte Roman erzählt die Geschichte einer jugendlichen Gang in Leipzig-Reudnitz kurz vor und nach der Wende. Meyers Verfahren der repetitiven und zirkulären Narration von Gewalt geprägten Episoden unterläuft hierbei die epische Integration zugunsten der Inszenierung genau jener atomisierten „Punkt-Zeit“, die Byung-Chul Han zufolge Symptom einer tiefgreifenden Transformation der Zeiterfahrung im 21. Jahrhundert ist. Im Zusammenspiel mit gegenwärtigen Zeittheorien geht es in meinem Vortrag damit auch um die Frage, inwieweit Zeit zu Beginn des neuen Jahrtausends überhaupt noch historisch erfahrbar ist.


03.12. 2014 Marcel Lepper (DLA Marbach): Deutsche Literatur des 17. Jahrhunderts – Wo liegt das Problem?

Oxford University Press veröffentlichte im vergangenen Jahr eine zweibändige, über 800 Seiten umfassende Rezeptionsgeschichte zu Miltons Paradise Lost. Auch bei großem Aufwand an Gelehrsamkeit: Für welches deutschsprachige Werk des 17. Jahrhunderts wäre das gegenwärtig denkbar? Der Vortrag skizziert kurz die wesentlichen Etappen der Literaturgeschichtsschreibung und zeichnet die Topoi der Auf- und Abwertung deutschsprachiger Dichtung des 17. Jahrhunderts nach. Im Kern stehen konzentrierte, vergleichende Lektüren deutscher, englischer und französischer Texte zwischen 1660 und 1670, an denen Urteile geprüft und stereotype Beschreibungen differenziert werden können.

17.12.2014 Wilhelm Amann (Luxemburg): Hermesbotschaften – literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven der Ökonomie

Der Vortrag behandelt zunächst in historischer wie systematischer Sicht die auffälligen Beziehungen zwischen literaturwissenschaftlichen und ökonomischen Leitbegriffen (Sprache, Text, Fiktion / Geld, Kredit, Markt). Die in der Kunstliteratur von der Romantik bis zum Realismus häufig noch thematisierte Nähe zum Ökonomischen ist erst im Zuge kulturwissenschaftlicher Revisionen literaturwissenschaftlicher Verfahren wieder in den Fokus gerückt. In einem weiteren Schritt wird es dann um das Verhältnis zwischen den ökonomisch interessierten Literatur- und Kulturwissenschaften zur Ökonomik gehen, die dem Problem der textuellen Repräsentation ihrer Modellierungen bislang wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat.

21.01.2015 Heike Klippel (Braunschweig): Gewaltlose Morde. Zu den Widersprüchlichkeiten des Giftmotivs im Film

Giftdiskurse in Pharmaziegeschichte, Literatur und in der Populärkultur weisen seit dem 18. Jahrhundert immer wiederkehrende narrative Figuren und Strukturen auf, die bis in die Gegenwart wirksam sind. Seit dem 20. Jahrhundert haben sich wissenschaftliche und populäre Diskurse in vielen Bereichen voneinander entfernt, so dass die Giftnarrative vor allem in den Massenmedien weiter tradiert und modifiziert werden. Der Film nimmt hier eine besondere Rolle ein: Er greift nicht nur Geschichten auf, sondern verleiht ihnen einen audio-visuellen Ausdruck, der Bedeutungsfelder intensiviert, erweitert und neue Schwerpunkte setzt. Da die Gift-Thematik seit jeher mit spezifischen Konstruktionen von Weiblichkeit verknüpft ist, ist dabei die Gender-Perspektive von grundlegender Bedeutung.
In der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte ist für Giftdiskurse charakteristisch, dass das Gift kulturell dem Geheimen und dem Ungreifbaren zugeordnet wird. Der Film wiederum ist ein Medium, das sich durch einen Exzess an Sichtbarkeit auszeichnet. Das Giftmotiv im Film steht damit im Spannungsfeld zwischen der  Konkretion der filmischen Repräsentation und Aspekten von Verborgenheit und Unzugänglichkeit. Aus diesem Spannungsfeld entstehen Widersprüchlichkeiten, die anhand ausgewählter Filmbeispiele diskutiert werden sollen.  
In den 1910er Jahren entwickelt sich das noch junge Massenmedium Film rasant; rund um die Kino(stumm)filme etabliert sich eine eigenständige Industrie. Während das Publikum mehrheitlich fasziniert reagiert, inszenieren die dominanten intellektuellen Debatten den Kinofilm als Streitfall. Mit dem Filmroman entsteht zeitlich parallel ein eigenständiges Genre, das diese Gemengelage aufgreift. Die Autoren (z.B. A. Höllriegel, E. Edel, B. Olden), die als Akteure der Film- bzw. Medienindustrie über fundiertes Insiderwissen verfügen, gehen dabei bemerkenswert differenziert mit dem Film um. Auf diese Weise reflektiert der Filmroman die medialen und ästhetischen Entwicklungen seiner Zeit, ohne dabei ein breites (Lese-)Publikum aus dem Blick zu verlieren. Der Vortrag kommentiert und kontextualisiert einiger dieser (inzwischen weitgehend vergessenen) Filmromane.