Aktuelle Forschung

BMBF-Verbundprojekt: Pflege für Pflegende: Entwicklung und Verankerung eines empathiebasierten Entlastungskonzepts in der Care-Arbeit (empCARE)

(Tobias Altmann, Victoria Schönefeld, Marius Deckers, Marcus Roth)

Im Rahmen des Forschungsprogramms "Präventive Maßnahmen für die sichere und gesunde Arbeit von morgen" des Bildungsministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wird das Verbundprojekt „Pflege für Pflegende: Entwicklung und Verankerung eines empathiebasierten Entlastungskonzepts in der Care-Arbeit“ (empCARE) mit einer Summe von insgesamt 1.007.334,14 Euro über eine Laufzeit von 42 Monaten gefördert. Begleitet wird das Projekt durch den DLR-PT. Neben der Universität-Duisburg Essen als Projektkoordinator (Leitung: Prof. Dr. Marcus Roth, Dr. Tobias Altmann) sind als Projektpartner die Pflegedirektion und das Bildungszentrum des Uniklinikums Köln (Leitung: Vera Lux), die Pflegedirektion des Universitätsklinikums Bonn (Leitung: Andreas Kocks) und DIE MOBILE Intensivpflege Köln GmbH & Co. KG (Leitung: Daniela Rohling) am Verbundprojekt beteiligt.

Langfristig adressiert das Projekt die Problematik des Fachkräftemangels und die hohe Fluktuation im Pflegeberuf. Grund hierfür sind die enormen psychischen Belastungen im Pflegealltag, bedingt durch die Forderung an die Pflegekraft nach effektiver Versorgung bei gleichzeitiger Ansprechbarkeit für emotionale Belange. Empathie ist somit einerseits wichtigstes Instrument für den Umgang mit Patienten, andererseits kann Empathie auch eine Quelle für Belastungen sein. Diesen Ansatzpunkt nutzend besteht das Gesamtziel des Verbundvorhabens in der Entwicklung eines wissenschaftlich fundierten Entlastungskonzepts für Pflegekräfte, in dem emotionale Belastungsfolgen durch frühzeitige Prävention vermieden werden. Das Konzept kombiniert kurzfristige Trainings- mit langfristigen Coachingmaßnahmen zur Kompetenzentwicklung, um den Praxistransfer zu sichern. Zudem werden Umsetzungshinweise erstellt, mit denen Institutionen diese Maßnahmen dauerhaft im Sinne förderlicher Arbeitsbedingungen verankern können. Deutschlands Pflegekultur soll hierdurch nachhaltig verändert werden.

Das von der Universität Duisburg-Essen im Projekt konzipierte Programm wird von der Pflegedirektion und dem Bildungszentrum des Uniklinikums Köln in der stationären Pflege umgesetzt und dabei auf die Anforderungen der Praxis zugeschnitten. Für eine exponentielle Verbreitung sorgt ein innovatives Multiplikatorenkonzept, welches von der Pflegedirektion des Universitätsklinikums Bonn verwirklicht wird, in diesem Programm werden Trainerkräfte geschult. DIE MOBILE Intensivpflege Köln GmbH & Co. KG übernimmt die Entwicklung und Umsetzung der Maßnahme in der ambulanten Pflege.

Ziel des Teilvorhabens der Universität Duisburg-Essen ist die grundlagenwissenschaftliche Konzeptarbeit bei der Entwicklung und Erprobung des Entlastungskonzepts sowie bei der empirischen Evaluation dessen präventiver Wirksamkeit und Akzeptanz. Dadurch werden Validität und Übertragbarkeit der Ergebnisse des Verbunds in alle Bereiche der Pflege abgesichert und die wissenschaftliche Verwertbarkeit gewährleistet. Weitere Ergebnisse des Teilvorhabens sind der empirische Nachweis des Nutzens des Konzepts für die Beschäftigten der Pflege sowie Qualitätsstandards für durchführende Institutionen.

 

Selbstwert und Selbstwertstabilität

(Marcus Roth, Tobias Altmann)

Selbstwert ist ein intensiv beforschtes Konstrukt auch über die Differentielle bzw. Persönlichkeitspsychologie hinaus. Die Relevanz für das individuelle Verhalten z.B. in sozialen Interaktionen oder in Leistungssituationen ist in vielen Studien belegt worden. Als Begriff ist „Selbstwert“ allerdings zu undifferenziert, um die vielfältigen Befunde interpretieren zu können. Neben dem allgemeinen expliziten Level des Selbstwerts (häufig gemessen mit der Rosenberg Selbstwertskala) kann ein impliziter Selbstwert (z.B. gemessen mit einem IAT) nachgewiesen werden. Diskrepanzen zwischen explizitem und implizitem Selbstwert werden mit kurzfristigen Schwankungen assoziiert, sodass die Selbstwertstabilität einen weiteren wichtigen Indikator darstellt. Ferner ermöglicht die kurzfristige Selbstwertstabilität inkrementelle Erklärung z.B. der Depressivität über das Selbstwertlevel hinaus.

In dieser Forschungsarbeit der Abteilung wird versucht, die Messungsmethoden der Selbstwertstabilität zu verbessern und zu erweitern. Hierzu werden einerseits die direkten Fragebögen optimiert und zusätzlich weitere implizite, indirekte und behaviorale Verfahren auf ihre Nützlichkeit für die Selbstwert- und Selbstwertstabilitätsdiagnostik untersucht.

 

Heterosoziabilität bzw. gegengeschlechtliche Freundschaft

(Tobias Altmann)

Freundschaften sind in der aktuellen Forschung weder in der Differentiellen bzw. Persönlichkeitspsychologie intensiv beforscht noch in der aktuellen Forschung in anderen Bereichen (z.B. Sozialpsychologie) differenziell betrachtet. Dabei wird einer der größten Unterschiede zwischen den Menschen häufig vernachlässigt, nämlich das Geschlecht. So werden häufig Männer und Frauen als eine Stichprobe undifferenziert untersucht und ebenso die Geschlechterkombination in der Freundschaftsdyade ignoriert.

Im Forschungsvorhaben wird zum einen untersucht, welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen beispielsweise hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen Freundschaften und den Big Five. Zum anderen wird ein besonderer Schwerpunkt auf die Heterosozialität gelegt, also die Tendenz, gegengeschlechtliche gegenüber gleichgeschlechtlichen Freundschaften zu bevorzugen. So wird untersucht, welche persönlichkeitspsychologischen Determinanten diese Präferenz erklären können und wiederum ob sich diese Determinanten zwischen Männern und Frauen unterscheiden.

 

Eyepathy – Entwicklung objektiver Verfahren zur Erfassung von Empathie

(Emine Nebi, Tobias Altmann, Marcus Roth)

Empathie ist in aller Münde, doch wird auch immer dasselbe gemeint?

Eine kürzlich erschiene Meta-Analyse zur Konzeptualisierung des Begriffs Empathie in der englischsprachigen Literatur findet 43 verschiedene Definitionen mit teilweise widersprüchlichen Auffassungen des Begriffs (Cuff et al., 2014). Da die Operationalisierung eines latenten Konstrukts direkt aus seiner Konzeptualisierung folgt, hat der inkonsistente und heterogene Gebrauch des Begriffs Empathie zu der Entwicklung einer entsprechend großen Anzahl verschiedener Empathie-Messinstrumenten geführt (Gerdes, Segal & Lietz, 2010; Cuff et al., 2014; Coplan, 2011; Neumann & Westbury, 2012). Die dabei am häufigsten verwendete Messmethode ist der Selbstbericht (Cuff et al., 2014). Allerdings wird diese Vorgehensweise durch die Forschung der letzten Jahrzehnte zunehmend in ein kritisches Licht gerückt. So finden sich signifikante individuelle Unterschiede bzgl. einer Reihe selbstberichts-relevanter Eigenschaften wie Erinnerungsvermögen (z.B. Bloise & Johnson, 1984; Wolf & Zimprich, 2014), Introspektionsfähigkeit (Fleming et al., 2010) und Antworttendenz (Perri et al., 2014; Joker, 2016). Da der Begriff Empathie über den wissenschaftlichen Diskurs hinweg populär ist, eine interpersonelle Natur hat und gesellschaftlich positiv konnotiert ist, birgt die (alleinige) Anwendung von Selbstberichten in der Empathie-Forschung die zusätzliche Gefahr einer Antwortverzerrung durch soziale Erwünschtheit (Batchelder, Brosnan & Ashwin, 2017).

Können Menschen empathischer werden bzw. funktionieren Empathie-Trainings? Handeln empathische Menschen prosozialer als nicht-empathische Menschen? Nimmt die Empathie in unserer Gesellschaft immer mehr ab? Sind jugendliche Straftäter tatsächlich weniger empathisch als ihre verhaltensunauffälligen Altersgenossen? Die Beantwortung von solchen fundamentalen Fragen wird durch das Fehlen eines verfälschungsresistenten, objektiven Messvorgehens erschwert.  

Das Projekt „EYEPATHY“ hat zum Ziel, diese Lücke zu schließen. Eine der Kernaufgaben des Projekts ist es die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die psychophysiologischen Korrelaten von Empathie um die in diesem Zusammenhang wenig erforschten Methode des Eye Trackings (Blickbewegung, Pupillometrie) zu erweitern. Die im empathischen Kontext stattfindenden okulomotorischen Veränderungen sollen dabei zu den bereits im Empathie-Bereich bekannten und besser erforschten autonomen Reaktionsmustern (Herzrate, Hautleitfähigkeit) in Beziehung gesetzt werden. Die so gewonnenen Erkenntnisse sollen zu einem konzeptuellen Rahmen synthetisiert werden, aus dem eine empirisch validierte und theoretisch fundierte, objektiven Messbatterie abgeleitet werden soll. Die Messbatterie soll sowohl eigenständig als auch ergänzend und erweiternd zu gängigen subjektiven Messinstrumenten (z.B. Selbstauskunftsfragebögen, Fremdratings) Verwendung finden. Um eine informierte Entscheidung über die Anwendung des Messbatterie im Forschungskontext zu ermöglichen, sollen die Grenzen der Messbatterie erörtert und die theoretischen Schnittstellen zwischen der EYEPATHY-Messbatterie und gängigen subjektiven Messinstrumenten (z.B. TEQ) aufgezeigt werden.

 

Sensation Seeking als interindividuelle Determinante der Stresswahrnehmung und -verarbeitung

(Marcus Roth, Nico Liebe, Tobias Altmann)

Theoretischer Ausgangspunkt für die Studien stellt eine Konzeption von Sensation Seeking dar, die sozusagen zu den Ursprüngen der Konzeptbildung zurückkehrt. Sensation Seeking wird als basale Persönlichkeitseigenschaft im Sinne eines Needs verstanden und betont die Relevanz der Neuigkeit und Intensität von Reizen, denen sich eine Person zuwendet. Eine derartige Konzeption ermöglicht eine schärfere Abgrenzung von verwandten Konstrukten (vgl. hierzu im Detail Hammelstein & Roth, 2003; Roth, Hammelstein & Brähler, 2009).

Bisherige entwicklungspsychologische Studien bezogen sich zum einen auf den Verlauf des Merkmals über die Lebensspanne, wobei die Hypothese einer stetigen Abnahme in der Merkmalsausprägung anhand unterschiedlicher Operationalisierungen bestätigt werden konnte (Roth, Schumacher & Brähler, 2005; Roth, Hammelstein & Brähler, 2007). Zum anderen wurde eine gerontologisch orientierte Studie abgeschlossen, in der speziell bei älteren Menschen die Relevanz einer hohen Sensation-Seeking-Ausprägung für die psychosoziale Anpassung (vermittelt über die soziale Unterstützung) nachgewiesen wurde (Roth, 2009).

Aktuell wird eine Fokussierung auf den protektiven Charakter des Persönlichkeitsmerkmals vorgenommen. Bisherige Untersuchungen thematisieren vornehmlich mal-adaptive Verhaltensmanifestationen des Merkmals (vgl. zuf. Roth & Hammelstein, 2003). Adaptive Verhaltensweisen blieben hingegen weitestgehend unberücksichtigt. Gegenwärtig untersuchen wir, inwieweit Sensation Seeking als interindividuelle Determinante der Stresswahrnehmung und Stressverarbeitung aufgefasst werden kann. Im Rahmen dieses Projektes soll die Hypothese überprüft werden, dass eine hohe Ausprägung des Merkmals Sensation Seeking zu einer geringeren Störbarkeit in Leistungssituationen führt, da High-Sensation-Seeker einerseits ein höheres Ausmaß an aufgaben-interferierenden Stimuli tolerieren und andererseits in wahrgenommenen Stresssituationen über effizientere Bewältigungsmechanismen verfügen. Hierbei sind zwei experimentelle Studien geplant: (1) Überprüfung der Leistungsfähigkeit von High- vs. Low-Sensation- Seekern bei Zunahme störender (mit den Leistungsaufgaben interferierender) Stimuli in einem Konzentrationstest, (2) Erfassung verbalen und nonverbalen Verhaltens sowie der Leistungsfähigkeit in extremen Stresssituationen. Die Stressreaktionen werden dabei sowohl auf Ebene der subjektiven Einschätzung als auch auf der Leistungsebene sowie der peripher-physiologischen Ebene erfasst.

Frühere Forschung

Typologischer Ansatz in der Persönlichkeitspsychologie

(Marcus Roth, Tobias Altmann)

Das in jüngerer Zeit zugenommene Interesse an idiographischen Ansätzen in der psychologischen Forschung hat auch zu einer Renaissance des typologischen Ansatzes in der Persönlichkeitspsychologie geführt. Während die variablenzentrierten Zugänge einen bedeutsamen Aspekt der Persönlichkeit, nämlich die Konfiguration der Eigenschaften innerhalb einer Person vernachlässigen, steht genau dieser im Zentrum der  typologisch orientierten Ansätze. Basierend auf den Dimensionen des Fünf-Faktoren-Modells steht derzeit eine Typenbildung im Fokus, die zwischen einem „resilienten“, „überkontrollierten“ und „unterkontrollierten“ Typ unterscheidet. Die Ziele der bislang durchgeführten Studien bestanden in der Überprüfung der Angemessenheit der Dreier-Typologie, der differentiellen Validität der Persönlichkeitstypen sowie in der Frage, ob der Einbezug von Persönlichkeitstypen zu einer Verbesserung der Vorhersageleistung gegenüber Linearkombinationen der ihnen zugrundeliegenden Dimensionen führt.

Bislang wurden eine Evaluation bisheriger Ansätze sowie Vorschläge zur Verbesserung der Typenbildung vorgenommen und empirisch demonstriert (Herzberg & Roth, 2006). Weiterhin wurden Fragen der inkrementellen Validität von Persönlichkeitstypen gegenüber -dimensionen untersucht (Roth & von Collani, 2007; Roth et al., 2008) sowie der Einfluss von Antworttendenzen auf Typologien analysiert (Roth & Herzberg, 2007). Ferner wurde die Nützlichkeit der Differenzierung in unterschiedliche Persönlichkeitstypen für die Erklärung differentieller Entwicklungsverläufe im Jugendalter untersucht, wobei die Befunde zeigen, dass die Unterscheidung verschiedener Persönlichkeitstypen unter entwicklungspsychologischer Perspektive sinnvoll erscheint (Roth, in press).

Derzeit wird untersucht, inwieweit auf dyadischer Ebene Übereinstimmungen in den Persönlichkeitsurteilen von Paaren relevante Indikatoren für eine hohe Partnerschafts- und Lebenszufriedenheit sind. Hierzu werden zusammenlebende Paare im Alter zwischen 25 und 60 Jahren untersucht. Neben dem NEO-FFI zur Erfassung der Big-Five-Persönlichkeitsfaktoren, der zur Selbst- sowie zur Fremdbeurteilung des Partners eingesetzt wird, werden Skalen zur Messung der Partnerschaftszufriedenheit, des Selbstwertgefühls sowie der Lebenszufriedenheit in die Untersuchung einbezogen. Die Analysen erfolgen unter variablenorientierter sowie typologischer Betrachtungsweise.

Es ist eine Erweiterung der Partnerschaftsstudie um eine klinische Perspektive und gesundheitspsychologische Perspektive angestrebt. Erste Befunde unserer Studie an „durchschnittlichen“ Paaren haben gezeigt, dass hinsichtlich der Partnerschaftszufriedenheit ausschließlich die Fremdurteile (der Partner) varianzaufklärend sind. Als diesbezüglich irrelevant erwiesen sich hingegen auf Selbstberichten basierende Persönlichkeitszuordnungen ebenso wie das Ausmaß der Beurteilerübereinstimmung sowie der dyadischen Übereinstimmung in den Persönlichkeitstypen. Es stellt sich die Frage, ob diese Befunde auch auf dysfunktionale Partnerschaften übertragen werden können, oder ob bei diesen Paaren hiervon abweichende Zusammenhangsmuster auftreten. Geplant ist daher eine Modifikation der Partnerschaftsstudie an Paaren, die in Beratungsstellen vorstellig werden.

Latenzzeiten computerbasierter Diagnostik als Indikator der Antworttendenz der sozialen Erwünschtheit bei der Beantwortung von Fragebogen

(Marcus Roth)

Fragebogenverfahren erfreuen sich in der Persönlichkeitspsychologie sowie der Diagnostik großer Beliebtheit, da sie in ihrer Anwendung äußerst ökonomisch sind, den Gütekriterien der Objektivität und der Reliabilität genügen sowie prädiktive Validität für eine Vielzahl relevanter Bereiche aufweisen. Allerdings sind Fragebogenverfahren auch Fehlerfaktoren unterworfen. Hierzu zählt insbesondere ihre Verfälschbarkeit durch die Intention des Probanden, im sozial erwünschten Sinne zu antworten. Um diese Intention des Probanden – ohne den Rückgriff auf Selbstaussagen – zu analysieren, wurde von Holden ein Modell vorgeschlagen, in dem Antwortlatenzen (die Zeit zwischen der Darbietung eines Items und der Beantwortung) berücksichtigt werden. In diesem schemabasierten Modell wird angenommen, dass bei der Beantwortung eines Items dessen Inhalt mit Informationen eines „faking-good“-Schemas verglichen wird. Führt dieser Vergleich zu Übereinstimmung, fällt eine Antwort kürzer aus, als bei fehlender. Bisherige Studien konnten dieses Modell weitgehend bestätigen – allerdings ausschließlich unter „Laborsituationen“, in denen die Tendenz, sozial erwünscht zu antworten, durch eine „faking-bad“-Instruktion realisiert wurde.

Ziel unserer Untersuchungen ist daher die Analyse der Relevanz von Antwortlatenzen als Indikator der sozialen Erwünschtheit unter realen diagnostischen Bedingungen. Da das Problem der Verfälschbarkeit vor allem in der forensischen Diagnostik als besonders bedeutend angenommen wird, wurde zunächst eine Studie zur Erfassung von Aggressivität via Fragebogen an einer Stichprobe von 50 Straftätern  durchgeführt. Dabei wurde auf den herkömmlichen Einsatz von faking-Instruktionen verzichtet und als methodisch neues Vorgehen ein Fremdrating zur Bildung der Versuchsgruppen eingesetzt. Erste Befunde scheinen das Modell zu bestätigen (Roth & Heinz, 2009): anhand differentieller AL war eine signifikante Diskrimination zwischen ehrlich und sozial erwünscht antwortenden Versuchsgruppen möglich. Im Gegensatz zu einem Großteil früherer Studien gelang der Nachweis inkrementeller Validität: Der Einbezug differentieller AL führte zu einer signifikanten Verbesserung der Aufdeckung von Verfälschungstendenzen über die Validitätsskala des untersuchten Fragebogens, wobei die in dieser Studie erzielten Trefferraten bisherige überstiegen.