Was bedeutet Gender?

Den Begriff „Gender“ hört und liest man seit einiger Zeit auch außerhalb der Universitäten immer öfter. Doch was ist damit gemeint? Worin unterscheidet sich der englische Begriff „Gender“ vom deutschen „Geschlecht“?

Während im Deutschen „Geschlecht“  ein sehr umfassender Begriff ist und sich u. a. auf das biologische, das gesellschaftliche oder gar das Adelsgeschlecht beziehen kann,  benennt das englische „gender“ präzise die gesellschaftliche, also die soziale Dimension von Geschlecht.  Gemeint sind damit die kulturspezifisch wie historisch variablen Rollen, Erwartungen, Werte und Ordnungen, die an das jeweilige bei der Geburt zugewiesene Geschlecht geknüpft sind. Wie sich diese soziale Dimension gestaltet, ist abhängig von der jeweiligen Kultur (wie Geschlecht mit Leben gefüllt wird, wie viele Geschlechter es gibt) und der historischen Entwicklung (z.B. Männlichkeit heute im Vergleich zum Mittelalter). Auch unser westliches Modell der gegensätzlich-komplementären "Zweigeschlechtlichkeit" hat eine Geschichte und ist einem spezifischen Kontext zu verorten. Bereits 1949 brachte es die französische Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir auf den Punkt: "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.". Der berühmte Satz lässt sich für alle Geschlechter ausweiten. Denn obwohl es Idealvorstellungen von weiblich und männlich gibt, sind doch vielmehr die Grauzonen dazwischen und darüber hinaus die Realität. Geschlechtliche Zuschreibungen befinden sich also kontinuierlich im Fluss.

Das Verständnis von „gender“ als soziales Geschlecht wurde Anfang der 1970er, besonders durch die britische Soziologin und Autorin Ann Oakley, in der Frauenforschung aufgegriffen. Oakley bezog sich überwiegend auf ein Verständnis von gender, das in der Medizin entwickelt wurde. Mitte der 1950er Jahre prägte der Medizinpsychologe John Money den Begriff „gender role“ und erweiterte ihn später zu „Gender-Identity/Role“. Er arbeitete gemeinsam mit weiteren Mediziner_innen und Sexualwissenschaftler_innen am Johns-Hopkins Hospital an Diagnosen und Therapien von Intersex*-Personen. In seinen Forschungen beobachtete Money, dass intersex* Personen, die sich morphologisch als weiblich oder männlich zuordnen lassen, dies nicht entsprechend empfinden würden. Der Geschlechtskörper, so Money, determiniere demnach nicht die empfundene Geschlechtszugehörigkeit. Das zunächst als „gender role“ bezeichnete subjektive Wissen, ein bestimmtes Geschlecht zu sein, das auch von anderen so wahrgenommen werde, bestimme die soziale Geschlechtsrolle bzw. Geschlechtsidentität.
Entgegen seiner Studienergebnisse plädierte Money jedoch für eine eindeutige Passung zwischen Identität und Körper: Für eine gelingende Entwicklung der Geschlechtsidentität sei die Wahrnehmung einer eindeutigen Körperlichkeit unabdingbar. Daher empfahl Money sogenannte geschlechtsangleichende Operationen bei Kindern bis zum Alter von 3 Jahren mit von männlichen oder weiblichen Merkmalen abweichenden Geschlechtern.

Money bewertete die soziale Geschlechtsrolle folglich höher als Geschlechtsidentität oder Geschlechtskörper. Die Erkenntnisse von Money und seinem Team und das darauf aufbauende Behandlungsmodell sind bis heute Standard in vielen westlichen Ländern. Doch vor allem seit den 1980ern Jahren üben intersexuelle Menschen starke Kritik an diesem Modell und der Praxis der frühkindlichen Operationen, da es sich dabei meist um kosmetische Eingriffe mit lebenslangen und teils schweren medizinischen und psychologischen Folgen handelt.
 
Als Pendant zum Begriff „gender“ wird häufig „sex“ genannt, wobei letzterer das körperliche, bei der Geburt zugewiesene, Geschlecht meint. Historische Untersuchungen zeigen hingegen wie sich die Wahrnehmung von Körpern und auch von Geschlecht in der Geschichte veränderte. Auch „sex“ lässt sich daher nicht einfach als etwas von der Biologie „gegebenes“ betrachten, sondern muss als Kategorie verstanden werden, die mit vergeschlechtlichten Bedeutungen versehen wird. Unser Blick auf den Körper ist deshalb keinesfalls objektiv, weil er nicht frei von gesellschaftlichen Vorstellungen sein kann. Wo Kultur anfängt und Natur aufhört ist nach bisherigem Erkenntnisstand dennoch nicht klar zu trennen, wird jedoch durch das vergleichsweise junge biomedizinische Feld der Epigenetik erforscht.

Jenseits von sex und gender entwickelten die U.S.-amerikanischen Soziolog_innen Candace West und Don H. Zimmerman 1987 das Konzept des doing gender, welches die vergeschlechtlichten Zuweisungen und Repräsentation in der alltäglichen Interaktion in den Blick nimmt.

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Weiterführende Literatur

  • Gildemeister, Regine, "Doing Gender: Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung", in: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Hg. v. Ruth Becker und Beate Kortendiek. Wiesbaden: 2008, S. 137-145.
  • Klöppel, Ulrike, "Die Formierung von gender am “Naturexperiment” Intersexualität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts", in: NTM International Journal of History & Ethics of Natural Sciences, Technology & Medicine, 2008, Jg. 14, H. 4, (2008): 231–240.
  • Oakley, Ann, Sex, Gender and Society, London: 1972.
  • West, Candace; Zimmerman, Don, "Doing Gender", in: Gender & Society, Jg. 1, H. 2, (1987), S. 125-151.

Kritik am Genderbegriff

Kritik 1: Verwischung der Differenz zwischen Männern und Frauen
Während die einen Forscher_innen die Erweiterung der Geschlechterperspektive durch den englischen Begriff „gender“ als Bereicherung für Theorie und Praxis betrachten, stehen andere Wissenschaftler_innen und Praktiker_innen dem so genannten "Gender-Paradigma" kritisch gegenüber. Sie beklagen, der politische Gehalt den die Kategorie "Frauen" mit sich bringt, werde relativiert oder ginge gar verloren. Darüber hinaus fordern sie, dass Weiblichkeit mehr Wertschätzung und Anerkennung in der Gesellschaft verdient. Die Differenz zwischen Frauen und Männern wird hier hervorgehoben.

Weiterführende Informationen:

  • Casale, Rita; Rendtorff, Barbara (Hrsg.), Was kommt nach der Genderforschung? Zur Zukunft der feministischen Theoriebildung, Bielefeld 2008.
  • Soiland, Tove, "Gender als Selbstmanagement. Zur Reprivatisierung des Geschlechts in der gegenwärtigen Gleichstellungspolitik", in: Andresen, Sünne u. a., Gender und Diversity: Albtraum oder Traumpaar? Interdisziplinärer Dialog zur „Modernisierung“ von Geschlechter- und Gleichstellungspolitik, Wiesbaden 2009.

Kritik 2: Ausblenden komplexerer sozialer Ungleichheit
Ein zentraler Kritikpunkt am Gender-Begriff ist der Bezug auf die Kategorie Geschlecht. Für die kritische Analyse gesellschaftlicher Ungleichheiten ist die Einbindung weiterer Kategorien wie Ethnizität, Herkunft und Klasse von hoher Bedeutung. Wichtige theoretische Strömungen sind hier die Postkoloniale Theorie und das Konzept der Intersektionalität. Hier stehen die Wechselwirkungen der Kategorien in Bezug auf die Generierung von Ungleichheit im Vordergrund.

Weiterführende Informationen:

Kritik 3: Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit
Die Kritik, Geschlechterforschung beschäftige sich vor allem mit dem Geschlechterverhältnis von Frauen und Männern und vernachlässige Begehrensformen jenseits der Heteronormativität, wird im Besonderen durch die Queer Studies geäußert. Queer will eindeutige und binäre Identitätssmodelle dekonstruieren und gängige Konventionen und Denkarten zu Sexualität und Geschlecht aufbrechen. Queer ist keine feste Identitätskategorie, wenngleich es manchmal notwenig erscheint, identitätspolitische Begriffe zu verwenden. So hinterfragt queer Heteronormativität, d.h. die gesellschaftlich anerkannte Vorstellung, Heterosexualität sei die Norm. Diese Norm trägt maßgeblich zum Erhalt des Status Quo in der Rollenverteilung von Frauen und Männern bei und tabuisiert gleichzeitig die Vielseitigkeit von Lebensentwürfen und Begehrensformen. In den 1990er Jahren hat der Begriff „queer“ in politischen Debatten und in der Wissenschaft, vor allem im angloamerikanischen Raum, eine große Bedeutung gewonnen. Im Kern geht es um das radikale Hinterfragen von Identitätskategorien und ihre gleichzeitige Relevanz für politische Bewegungen, z.B.: Warum ist Heterosexualität die Norm und welche Konsequenzen hat das für die Einzelnen und die gesellschaftliche Ebene?

Weiterführende Informationen:

Weitere Begriffe im Zusammenhang mit "gender"

Geschlechterforschung/Gender Studies
Mit der wissenschaftlichen Untersuchung geschlechtsbezogener Aspekte des Alltags, der Medien, der Geschichte, der Literatur oder auch z.B. der Medizin befasst sich die Geschlechterforschung. Hierbei wird Geschlecht als wissenschaftliche Analysekategorie aufgefasst. Die Gender Studies/Geschlechterforschung tauschen sich außerdem mit weiteren Disziplinen der Differenz wie den Dis/ability Studies oder den Queer Studies aus. Während allen drei Forschungsrichtung gemeinsam ist, normative Vorstellungen zu hinterfragen, so unterscheiden sie sich doch in ihren Schwerpunkten und Perspektiven.
Auf folgender Seite im Gender-Portal erhalten Sie weiterführende Informationen: https://www.uni-due.de/genderportal/forschung.shtml

Feminismus
Der Feminismus ist zum einen politische Bewegung. Zum anderen sind mit dem Feminismus wissenschaftstheoretische und –kritische Strömungen verbunden. Diese setzen sich mit Macht, Hegemonien und Herrschaftsverhältnissen auseinander. Feminismus richtet sich damit nicht nur an Frauen: gesellschaftspolitische Veränderungen kommen Männern gleichermaßen zugute. Kerngedanke ist dabei, dass eine gerechte Teilhabe von Frauen und Männern an der Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse nicht ohne eine grundlegende Veränderung von Machtverhältnissen zu realisieren ist.
Feminismus und Geschlechterforschung verbindet eine wechselvolle Geschichte und viele, teils kontrovers geführte, Debatten zwischen Politik und Wissenschaft.

Weiterführende Links:

Queer Theory
Parallel zu politischen Bewegungen entstand der Begriff „queer" in der Wissenschaft, vor allem innerhalb der Gay und Lesbian Studies. Er sah sich als kritische Fortentwicklung von feministischen Theorien. Queer wurde vor allem mit der Einführung von de Lauretis im akademischen Rahmen zu einem Sammelbegriff für einen neuen kritischen Zugang zum Feld von jenen, deren Sexualität mit der gesellschaftlich vorgegeben Norm kontrastiert. Eine Basis für die sogennanten „Queer Studies" bildeten vor allem die Theorien der Poststrukturalisten Michel Foucault sowie Judith Butler, die maßgeblich die dekonstruktivistische Geschlechtertheorie formte, sowie Louis Althussers Sprechakttheorie.
Auf folgender Seite im Gender-Portal erhalten Sie weiterführende Informationen: https://www.uni-due.de/genderportal/studis_queer.shtml

LSBTI*
Die Abkürzung LSBTI* steht für Lesbisch – Schwul –Bisexuell – Trans* - Inter*. Sie wird je nach Kontext erweitert, z.B. um Q für Queer, oder verkürzt. Der Sammelbegriff wird als politischer Begriff verwendet, um auf die Marginalisierung und Ausgrenzung bestimmter Begehrens- und geschlechtlicher Lebensformen aufmerksam zu machen und für die gesellschaftliche Anerkennung zu kämpfen. LSBTI* zeigt vor allem den solidarischen Zusammenschluss verschiedener Gruppierungen an, die die Erfahrung von gesellschaftlicher, rechtlicher und politischer Ausgrenzung und Verfolgung aufgrund ihres Geschlechts und/oder ihres Begehrens teilen. Gleichwohl ist LSBTI* als Bezeichnung umstritten, weil damit identitätspolitische Ansprüche und Festlegungen einhergehen, die nicht von allen gewollt sind und der Pluralisierung der Lebens- und Begehrensformen entgegenläuft.

Weiterführende Informationen:

Gleichstellung und Gender Mainstreaming
Gleichstellung hat das Ziel, die geltenden Gesetze im Hinblick auf den Schutz der Beschäftigten vor Benachteiligungen wegen ihres Geschlechts, insbesondere bei Benachteiligungen von Frauen, zu fördern und zu überwachen. Dies umfasst auch den Schutz von Frauen, die behindert oder von einer Behinderung bedroht sind, sowie den Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz (Bundesgleichstellungsgesetz § 25 (1)).
Gender Mainstreaming ist eine Strategie, um dieses Ziel zu erreichen, indem Geschlecht (Gender) als Bestandteil in jeden Entscheidungsprozess integriert wird, um eine Ungleichbehandlung zu vermeiden. Gleichstellungsbeauftragte und Praktiker_innen im Gleichstellungsbereich können auf das Wissen der Geschlechterforschung zurückgreifen, wo es sinnvoll erscheint. Ebenso greifen Geschlechterforscher_innen auf das Erfahrungswissen aus der Gleichstellung zurück. Grundsätzlich handelt es sich aber um zwei verschiedene Bereiche, die sich mit Geschlecht einmal aus der politischen Praxis heraus und nach Maßgabe des Gesetzes und einmal aus einem wissenschaftlichen Impetus heraus befassen.
Auf folgender Seite im Gender-Portal erhalten Sie weiterführende Informationen: https://www.uni-due.de/genderportal/gleichstellungkonkret.shtml

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