“Gender is […] something you do.” Wechselnde Blicke auf Geschlecht - Ein Blended Learning Seminar zur Geschlechterforschung

„Wir werden nicht als Frauen/Männer geboren, wir werden es ..." Hinter diesem abgewandelten Zitat von Simone de Beauvoir, Schriftstellerin und Philosophin, steckt eine der wichtigsten Prämissen und Streitpunkte der Geschlechterforschung – einem spannenden und breiten Forschungsfeld. Denn: Es gibt nicht die Geschlechterforschung. Vielmehr lassen sich Fragen der Geschlechterforschung in nahezu allen Disziplinen, ob in der Pädagogik, den Sozial-, Natur- oder in den Ingenieurwissenschaften, im Hinblick auf die Relevanz der Kategorie Geschlecht untersuchen.

Das Blended-Learning-Seminar wurde in Zusammenarbeit mit dem Gleichstellungsbüro vom Zentrum für Hochschul- und Qualitätsentwicklung (ZfH) konzipiert und im Sommersemester 2013 erstmals am Institut für Optionale Studien angeboten. Es bietet einen thematisch breiten Einstieg in die zentralen Fragestellungen und Themenfelder der Geschlechterforschung. Ausgehend von einer Auswahl „klassisch" gewordener Grundlagentexte über Konzeptionen von Geschlecht sowie von aktuellen Debatten über Geschlechterverhältnisse werden die vielfältigen Geschlechtertheorien in ihrer historischen Entwicklung bearbeitet und diskutiert. Darüber hinaus verdeutlichen verschiedene empirische Arbeiten die Anwendungsbezüge der Gender Studies - z.B. in der Bildung, der Forschung, in den Medien oder der Medizin.

Ablauf

Selbstständig, intensiv, bei freier Zeiteinteilung – so gestaltet sich, auf eine Formel gebracht, der Lernprozess: Die Zahl der Präsenztermine beläuft sich auf drei, die gleichmäßig über das Semester verteilt sind. Die Studierenden eignen sich die wesentlichen Inhalte eigenständig zu Hause an.
Grundlage für das Selbststudium ist die so genannte „Lerneinheit" – ein Skript, das durch die zentralen Themen und Fragestellungen führt. Davon gibt es im Kursverlauf insgesamt zwei. Darin finden die Studierenden einführende Texte, weiterführende Links zu im Netz verfügbaren Audio-, Videodateien oder Texten sowie Angaben zur weiteren, in Moodle bereitgestellter Lektüre zentraler Autorinnen und Autoren, die von allen gelesen wird. Diese bilden die Grundlage der „Lernzielabfragen", d. h. Aufgaben, die das Verfassen von z. B. Kurzessays oder Statements in Diskussionsforen anleiten. Die Studierenden laden zu festen Abgabezeitpunkten ihre Lösungen für die Aufgaben hoch und erhalten zeitnah ein Feedback durch die Dozentinnen. In den Präsenzphasen vertieft die Gruppe den Lernstoff durch die gemeinsame
Diskussion im Plenum, u. a. der Referate sowie durch Gruppenarbeiten.

Flora Tristan
Flora Tristan

Inhalte

1. Themenblock: Historische Zugänge
Frauen und Männer als voneinander sich fundamental unterscheidende Wesen zu betrachten, insbesondere bezogen auf ihre Psyche, ist ein vergleichsweise junges Phänomen im europäischen Raum. Diese Vorstellung hat sich im 18. Jahrhundert entwickelt und mit ihr eine spezifische Form der Arbeitsteilung samt der Überzeugung, dass sie naturgegeben
und notwendig sei: Der Bereich der Produktion, der Arbeit außerhalb des Hauses, obliegt dem Mann, der Bereich der Reproduktion, also die Erziehung der Kinder und die häusliche Sphäre sind der Bereich der Frau.

Im ersten Kursabschnitt wird diese Entwicklung anhand folgender Themen rekonstruiert: Französische Revolution, Wegbereiterinnen und Wegbereiter für die Rechte von Frauen, Fragen von Gleichheit und/oder Differenz, Entwicklung der „Geschlechtscharaktere" und Entwicklung vom Ein- zum Zweigeschlechtermodell.

Virginia Woolf
Virginia Woolf

2. Themenblock: Theoretische Zugänge
Der Block gibt einen Einstieg in grundlegende wissenschaftstheoretische Fragen und bietet einen Überblick über die Theorienlandschaft der Frauen- und Geschlechterforschung, samt ihrer ersten Vorläuferinnen.

Denkanstöße liefern und kreatives Unbehagen erzeugen, Diskussion fördern – im Forum diskutieren die Teilnehmenden nach der intensiven Lektüre folgende Fragen um das Spannungsverhältnis von Differenz und Gleichheit:

Sollen Frauen die gleichen Ansprüche formulieren und somit die Plätze von Männern einfordern und sich auf diese Weise verstärkt einmischen? Oder sollen Frauen eigene Ansprüche stellen, Autonomie durch Separatismus erlangen? Der letzte Abschnitt des Themenblocks behandelt die Unterscheidung zwischen den Konzepten sex und gender sowie Positionen, die über diese Trennung hinausweisen.

3. Themenblock: Perspektiven der Gender Studies auf „Emotionen"
In der abschließenden Präsenzveranstaltung wird es darum gehen anzuwenden, was erarbeitet wurde: Die Teilnehmenden lernen, wie auf Grundlage der Theorien der Geschlechterforschung in den einzelnen Fächern geforscht wird. Hierzu wurde der Begriff „Emotionen" als Leitthema gewählt. Hintergrund: Emotionen kennt jede/r, der Begriff ist im Alltag geläufig. Studierende, die drei Credits erwerben möchten, bereiten Inputs zu einem der folgenden fünf Bereiche vor:
1. Männlichkeiten und Emotion, 2. Doing Gender in der klinischen Psychologie, 3. Kommerzialisierung der Gefühle, 4. Neurowissenschaften und das ‚gegenderte Gehirn', 5. Epigenetik.