Sozialisation & Studienwahl

Wie werden Mädchen zu Mädchen und Jungen zu Jungen? Sozialisation ist ein interaktiver Prozess. Persönlichkeitsentwicklung findet in einer Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt statt. Zentral für die Entwicklung zur Frau bzw. zum Mann sind herrschende Vorstellungen vom „richtigen Mädchensein“ bzw. „Jungensein“. Sie werden Kindern direkt sowie indirekt vermittelt und verinnerlicht. Der Prozess beginnt spätestens bei der Geburt, durch den Ausspruch „Es ist ein Junge/Mädchen.“ Die Folge ist eine unterschiedliche Erwartungshaltung und Behandlung durch Erwachsene oder durch Gleichaltrige. Beispielsweise bewerteten Erwachsene in einer verschiedenen Studien Verhaltensweisen, z. B. das Wimmern eines Säuglings (ängstlich, ‚zickig’) anders, je nachdem, ob dieser ihnen als Mädchen oder Junge präsentiert wurde. Mädchen galten z. B. eher als ängstlich, Jungs dagegen als wütend/stark. (Vgl. Knoll, Bente; Ratzer, Brigitte (2010): Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften, Wien: Facultas: 23).

Diese Deutungsmuster, gepaart mit entsprechendem Spielzeug und Rollenmustern in Kinderbüchern oder in den Medien, tragen zur Identitätsbildung von Kindern bei. Bereits im Alter von drei Jahren ist Kindern bewusst, wie Frauen und Männer aussehen, sich verhalten bzw. auszusehen haben. Geschlechterrollen und -bilder verändern sich mit der Zeit, zeigen aber gleichzeitig eine hohe Beharrungstendenz, wie beispielsweise die häusliche Arbeitsteilung bei Doppelverdienerpaaren. Trotz ähnlicher bzw. gleicher Wochenarbeitszeit sind es nach wie vor eher Frauen, welche mehr Zeit für die Haushaltsführung und Kindererziehung aufwenden.

Blogbild von Florian Freistetter

Pädagogisches Spielzeug für MINT Rosa & Glitzer

Aber bitte nicht in Verbindung mit "magischen Kräften" der "Naturgesetze" und geheimnisvollen Dingen, die es mittels Einhörnern, Schmetterlingen und Freundschaftsbändern, die niemals reißen, zu erkunden gilt. Dieser Meinung ist der Astronom Florian Freistetter in seinem Blog. Grund seines Unbehagens ist das Experimentierset "Sternenschweif - Magische Kräfte" von Kosmos. Zielgruppe: Mädchen.

Die Spielzeugindustrie, so auch die Meinung der Planetologin Ludmilla Carone, produziert Tonnen von Spielzeug, das Jungen und Mädchen eines suggeriert: Ihr seid verschieden voneinander und sollt es auch sein. Die Farbe rosa, ein bestimmtes Set von Tieren (i.d.R. Pferde) und Spielmethoden (Küche, Muttervaterkind, Beauty-Salon) sind nicht allein das Problem, sondern vielmehr die Geisteshaltung, die dahinter steckt: Mädchen sind auf das Äußere fixiert, haben mit der wissenschaftlichen Erforschung von Dingen nichts am Hut, sind konfliktscheu etc.

Nun gut, wenn aber vielleicht über die Aufmachung Mädchen für die Beschäftigung gewonnen werden können, warum nicht rosa-glitzer Einhörner? Freistetter meint hierzu:

"Wenn man sich also Gedanken darüber macht, wie man interessantes und zielgruppengerechtes Wissenschaftsspielzeug produziert, dann ist das prinzipiell in Ordnung. Aber dieser Rosa-Einhorn-Glitzer-Wahnsinn erscheint mir dafür absolut unbrauchbar. Da werden die Klischees und Geschlechterrollen erst recht wieder zelebriert und zementiert. Und auch wenn es völlig in Ordnung ist, auf die Faszination hinzuweisen, die Wissenschaft ausübt und auf all die wunderbaren Phänomene, die es in unserer Welt zu beobachten und zu verstehen gibt: Mit "magischen Kräften" zu hantieren ist für ein vernünftiges Verständnis der Natur ziemlich kontraproduktiv."

Der Einfluss der Schule

Schulische Bildungsprozesse sind ebenfalls nicht geschlechtsneutral, denn: Auch hier werden Menschen entweder als Mädchen/Frauen oder als Jungen/Männer wahrgenommen, es existieren unterschiedliche Verhaltenserwartungen und Zuschreibungen. Ein Beispiel ist die öffentliche Debatte um „die Jungs“. (Bundesjugendkuratorium (2009): Schlaue Mädchen - Dumme Jungen?: 19)

Der Diskurs über geschlechtsspezifische Benachteiligungen im Schulsystem gilt es als Teil einer gesellschaftlichen Debatte über die „Rollen, Aufgaben, Risiken und Chancen von Frauen und Männern in der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft.“ (ebd: S. 20). Nach wie vor trauen sich viele Mädchen trotz entsprechender Begabung keine (hochschulische) Ausbildung für einen technischen Beruf zu. Woran liegt das?

Ergebnisse der Koedukationsforschung zeigen, dass es Mädchen tendenziell weniger als Jungen gelingt, „aus ihren schulischen Leistungen einen Gewinn an Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu ziehen“ Lemmermöhle, Doris (2001): Gender und Genderforschung als Herausforderung für die Pro- fessionalisierung von Lehrerinnen und Lehrern: 5f. Dies gilt besonders häufig für die naturwissenschaftlichen Fächer und die Mathematik. Einer der Gründe liegt an der Wirkung von nach wie vor existierenden Geschlechterstereotypen im (schulischen) Alltag. Zu diesem Ergebnis kommt u. a. die OECD-Studie von 2009 "Equally prepared for life? How 15 year-old boys and girls perform in school".

Zum anderen wird der stereotypen Aufmachung von Lehrmaterialien (Darstellungen von Jungen als aktiv Forschende, Mädchen als Zuschauende oder Assistentinnen) eine wenig förderliche Wirkung zugeschrieben. Auch erhalten Jungen in der Schule eine größere Aufmerksamkeit als Mädchen: „Bei Jungen loben Lehrkräfte vor allem deren Leistungen und tadeln bei Disziplinverstößen, wohingegen Mädchen für Wohlverhalten und Ordnung gelobt werden und bei schlechten Leistungen getadelt. Im Endeffekt wird bei Jungen das Selbstvertrauen in ihre Begabungen und Leistungen gestärkt, und schlechte Leistungen werden widrigen Umständen zugeschrieben, wohingegen Mädchen schlechte Leistungen viel häufiger auf mangelnde Fähigkeiten und gute Leistungen auf Wohlwollen der Lehrkräfte und eigenen Fleiß zurückführen.“ (Knoll/Ratzer 2010: 28).

Einen hervorragenden Überblick zu den zentralen Aspekten der Frauen- und Geschlechterforschung im Bereich Schule gibt Dennis Neumann (UDE) in seiner Staatsarbeit "Gender-Forschung in der Schule - Fragestellungen und Entwicklungen (2007).Hier ist nachzulesen, was sich hinter dem Begriff der „reflexiven Koedukation" verbirgt und wie die Ergebnisse der internationalen Leistungsstudien wie PISA und IGLU fruchtbar gemacht werden können. Die Studien deuten z. B. darauf hin, dass die Kompetenzen von Jungen und Mädchen im Grundschulalter in den Bereichen Lesen oder Mathematik nicht weit auseinanderliegen, der Abstand sich jedoch im Laufe der Sekundarstufe rapide vergrößert. Hier kann das Konzept des „doing gender" den Blick in Forschung und Praxis für die Prozesse der Herstellung von Geschlecht im Schulalltag schärfen. Abschließend skizziert Neumann die Strategie des Gender Mainstreaming und wie sie in der Schulentwicklung eingesetzt werden kann.

Aktuelle Ergebnisse der schulischen Geschlechterforschung stehen im Mittelpunkt der GENDER-Ausgabe 1/15. Die Autor_innen nehmen dabei neben dem Unterricht als dem Kerngeschäft von Schule auch außerunterrichtliche schulbezogene Handlungsfelder in den Blick, die für Schulentwicklungsprozesse ebenfalls von großer Bedeutung sind. So widmet sich ein Beitrag den Geschlechterkonstruktionen beim Pausenspiel von Grundschulkindern. Es wird Einblick in ein Forschungsprojekt über Angebote zur Berufsorientierung für Jugendliche gegeben. Und es wird untersucht, inwiefern die Passfähigkeit von Schülerinnen im schulischen Kontext hergestellt wird. Diese und weitere Schwerpunktbeiträge nähern sich aus unterschiedlichen Perspektiven den Herstellungs- und Bearbeitungsprozessen von Geschlecht in Schule und Unterricht.

Studienberechtigte 2010: Berufswahl und Selbsteinschätzung

In der 2011 erschienen Studie des HIS wurden 2009 rund 30.000 Schülerinnen und Schüler ein halbes Jahr vor ihrem Schulabschluss nach ihren Berufswünschen befragt. Zu den beliebtesten Studienrichtungen gehörten die Lehramtsstudiengänge und die Wirtschaftswissenschaften. Schüler neigten deutlich stärker zu den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen. Eine multivariate Analyse machte deutlich, dass bei den jungen Frauen die Präferenz für sozialwissenschaftliche Studiengänge auch aus der unterschiedlichen Einschätzung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten resultiert. Quelle: CEWS-Journal Nr. 81

Hier ist der Link zur Studie: Lörz, Markus; Quast, Heiko; Woisch, Andreas (2010): Bildungsintentionen und Entscheidungsprozesse. Studienberechtigte 2010 ein halbes Jahr vor Schulabgang

Links

Themenportal Gender und Schule: http://www.genderundschule.de/

Genderaspekte im Unterricht: http://www.lehrer-online.de/gender.php

Bundesweites Netzwerk und Fachportal zur Berufswahl und Lebensplanung von Jungen: http://www.neue-wege-fuer-jungs.de/

Magazin der Bundesagentur für Arbeit zu neuen Wegen in der Berufswahl: http://www.planet-beruf.de/MINT-SOZIAL-for-yo.16360.0.html

Essener Kolleg für Geschlechterforschung (2006): Geschlechtersensibel Lehren und Lernen - Schule im Gender Mainstream. Tagung am 31.03.2006. Online verfügbar unter www.uni-due.de/ekfg/tagungschulegendermainstreaming.shtml

Knoll, Bente; Ratzer, Brigitte (2010): Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften. Wien: Facultas. Mehr Infos zu diesem Buch unter: http://diestandard.at

Peter Zimmermann (2006): Sozialisation und Geschlecht. In: Ders., Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Online im Hochschulnetz der UDE abrufbar unter: www.springerlink.com

Studienwahl.de (Offizieller Studienführer für Deutschland): „Studienfachwahl - typisch Frau, typisch Mann?": http://www.studienwahl.de/de/orientieren/frau-im-studium071.htm

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