Projekte

  • Forschungsprojekt: Amerika und Japan in der Literatur des Dritten Reichs
  • Projektleitung und Redaktion des Internetprojekts „Einladung zur Literaturwissenschaft“

 

„Einladung zur Literaturwissenschaft“ – Ein Internet-Vertiefungsprogramm zum Selbststudium

Der Hypertext „Einladung zur Literaturwissenschaft“ dient als Ergänzung zum gleichnamigen Lehrbuch von Jochen Vogt. In diesem Lehrbuch, einer problemorientierten und exemplarischen Einführung in die (nicht nur germanistische) Literaturwissenschaft, konnten nicht alle Autoren und Werke, nicht alle verwendeten Begriffe so gründlich erläutert werden, wie es wünschenswert gewesen wäre. Deswegen hat ein Team von Literaturwissenschaftlern die Online-Einladung mit kurzen weiterführenden Informationsartikeln erarbeitet. Neben der ergänzenden Funktion zum Buch wird das Programm auch im Rahmen des Grundkurses Literaturwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen benutzt. Auch die Auslandsgermanistik setzt es verstärkt zu Lehrzwecken ein. Und der Index‘ macht die „Einladung“ mit ihren mittlerweile rund 500 Einträgen zum Nachschlagewerk. 

 

Abgeschlossene Projekte

  • „Amerikanisierung der deutschen Kultur im 20. Jahrhundert (Kulturwissenschaftliches Institut Essen, 2002 – 2004)

Projektleitung

Prof. Dr. Jochen Vogt, Universität Duisburg-Essen, Standort Essen / KWI, in Kooperation mit Prof. Alexander Stephan, Ph. D., Mershon Center, The Ohio State University, Columbus, OH, USA

Wiss. Mitarbeiterin

Elke Reinhardt-Becker, M. A., Universität Duisburg-Essen, Standort Essen / KWI

 

Zielsetzung

Im Rahmen einer internationalen Forschungskooperationen sollen – wie schon im KWI-Jahrbuch 2001/2002 formuliert – in einer Reihe von Einzeluntersuchungen, Vorträgen, Workshops und Tagungen der theoretische Rahmen, die materiale Basis und die kulturelle, insbesondere auch die literarische, publizistische und massenmediale Phänomenologie einer „Amerikanisierung“ der deutschen Kultur (in ihren ‚hohen’ wie in ihren ‚populären’ Erscheinungsformen) seit dem Ersten Weltkrieg dokumentiert und analysiert werden. Es geht also um die Amerikanisierung von Strukturen, wie sie sich nach 1945 z.B. an Radiosendern wie dem RIAS-Berlin oder an Zeitschriften wie der „Quick“ oder dem „Spiegel“ ablesen lässt, um die Amerikanisierung von ästhetischen Verfahren, ablesbar etwa am massiven Einfluss des amerikanischen Krimigenres auf die deutsche Roman- und Filmproduktion, und um die Amerikanisierung von unterschiedlichen diskursiven Feldern. So spielt für die Darstellung von wirtschaftlichen Zusammenhängen und von Perspektiven der industriellen Produktion in der Literatur der Weimarer Republik der Fordismus eine große Rolle; gleichzeitig orientieren sich die Ideen für die Neue Frau am amerikanischen Girl oder Flapper, und an der Jugendkultur der 1950er Jahre hat der Rock’n’Roll einen wichtigen Anteil. Weitere zentrale Untersuchungsbereiche für das Projekt sind die Rezeption amerikanischer Genres und Autoren sowie mögliche Rezeptionsbrüche nach 1933, 1945 und 1989; zudem stehen Personen des kulturellen Lebens und ihre ‚Amerikabilder’ im Blickpunkt des Interesses.

Aktivitäten in 2002/ 2003

Noch in 2002 wurden bei einem eintägigen Workshop (29. November), an dem mehrere Wissenschaftler aus verschiedenen europäischen Ländern teilnahmen, thematische Schwerpunkte und methodische Zugriffsmöglichkeiten zum Komplex „Amerikanisierung der deutschen Kultur“ diskutiert. Bei der Bestimmung des Begriffs „Amerikanisierung“ wurde schnell deutlich, dass es sich hier weniger um einen empirisch eindeutig bestimmbaren Prozess, als vielmehr um Deutungen und Zuschreibungen handelt; mit dem Verweis darauf, dass bestimmte Erscheinungen der Moderne genuin amerikanisch seien (z.B. die Mechanisierung, Monotonisierung, Rationalisierung und Entindividualisierung der Gesellschaft), definieren sie etwas sehr wohl auch Eigenes als etwas Fremdes. Diese Strategie herrscht vor allem in der Weimarer Republik vor, wo der Anti-Amerikanismus den Anti-Niederlandismus als Anti-Kapitalismus ablöst (Heimböckel). Grundvoraussetzung dafür ist das Selbstbild Deutschlands, das sich als Vertreter der Kultur (Geist, Seele, Individuum) gegen die Erscheinungen der Zivilisation (Rationalismus, Pragmatismus, Maschinenwelt, Massengesellschaft) zur Wehr setzt (Alexander Honold). Gleichzeitig gibt es aber auch eine breite positive Amerikarezeption, so durch die Intellektuellen des Kulturprojekts der ‚Neuen Sachlichkeit’, die in ihren Romanen, Essays und Reportagen Amerikanismen aufgreifen und (nur teils utopische) Bilder einer der Zeit angepassten Gesellschaft und ihrer Mitglieder zeichnen. Hier werden die Erscheinungen der modernen Welt, die Leistungsorientierung der Angestellten, die Produktion am laufenden Band, neue Transportmittel (Auto, Motorrad), neue Medien (Film, Hörfunk), die Freizeitkultur (Sport, Revue, Weekend) sowie die Versachlichung zwischenmenschlicher Beziehungen gefeiert. Im Dritten Reich erhält die kontroverse Diskussion um Amerika dann neue Akzente. Die Nationalsozialisten verstanden sich phasenweise und in bestimmten Bereichen sehr wohl auch als Kooperationspartner für Amerika in Europa (Erhard Schütz). Ein zunächst überraschender Befund, vermutet man als grundlegendes Moment der NS-Ideologie doch einen dezidierten Anti-Modernismus und damit Anti-Amerikanismus. Weiterverfolgt wurde diese These von Frank Becker, der in seinem Vortrag „Vorbild der Demokratie, Schreckbild der Diktatur? Wege der Amerikanisierung in Deutschland 1918-1945“ das ambivalente Verhältnis des Dritten Reichs zum Amerikanismus darstellte. So faszinierten schon in den Weimarer Jahren bestimmte Aspekte der US-amerikanischen Moderne auch Vertreter der politischen Rechten. Da sich diese Faszination in die NS-Zeit hinein fortsetzte, wurden manche Amerikanismen bereitwillig in Gesellschaftssystem und Herrschaftspraxis des NS-Staates integriert: in der Regel durch die Einschmelzung in eigene Konzepte. Das gilt nicht nur für den Bereich von Technik, Industrieproduktion und Massenkultur. Auch auf dem Feld der Biopolitik verwendeten die Nationalsozialisten einige Bausteine, die sich an amerikanische Vorbilder anlehnten – diese Bausteine wurden dann allerdings zu Konzepten zusammengefügt, die spezifisch nationalsozialistisch waren und letztlich zu einer beispiellosen Vernichtungspolitik führten.

 

Dieter Heimböckel zeigte dann am Beispiel von Franz Kafkas Roman „Der Verschollene“, den Max Brod posthum unter dem Titel „Amerika“ veröffentlichte, wie literarische Texte mit realen Vorbildern verfahren. Wurde in der Kafka-Rezeption vor allem auf den Realitätsgehalt der Amerika-Darstellung insistiert, demonstrierte Heimböckel, wie der Roman die Entstehung und Ausprägung des zeitgenössischen Amerikabildes inszenierte und reflektierte. Damit griff der literarische Text zwar den Amerika-Diskurs seiner Zeit auf, aber, wie es dem Modus der Literatur entspricht, ‚nur’ als Fiktion, die hinter der äußeren Wirklichkeit verschwindet. Einen Blick hinter die Kulissen der literarischen Produktion von Amerikafiktionen gewährte dann der Autor Friedrich Christian Delius, der vor allem als literarischer Chronist der Bundesrepublik bekannt ist und in seiner Erzählung „Amerikahaus und der Tanz um die Frauen“ (1997) die spezifische Sicht der Vor-68er-Generation und der Gegner des Vietnamkrieges auf Amerika nachzuzeichnen versucht.

 

Den Konstruktionscharakter von sogenannten Selbstamerikanisierungen, wie sie z.B. von jugendlichen Rock’n’Roll Fans in den 1950er Jahren vorgenommen wurden, skizzierte Kaspar Maase in seinem Vortrag „Amerikanisierung – Selbstamerikanisierung – Amerikanismus“. Dabei stellt er die These einer einseitigen kulturellen Amerikanisierung der BRD in Frage, indem er deutlich macht, wie schwierig es ist, zwischen dem, was amerikanisch, und dem, was deutsch an den Importen sei, zu unterscheiden. In seinem Untersuchungszeitraum kam der „Modern Jazz“ zum Beispiel aus Frankreich, wo sich schwarz-amerikanische Musiker wohler fühlten als in den USA. Und die Fans des Rock'n'Roll bekannten sich demonstrativ zu dieser Musik, weil sie damit ihre Eltern wie auch das bildungsbürgerliche Establishment herausfordern konnten. Ihre Selbstamerikanisierung war Teil einheimischer symbolischer Auseinandersetzungen; aus dem transatlantischen Angebot wählten sie gezielt dasjenige aus, was hierzulande ihre Botschaften transportierte – völlig andere Botschaften als die, die sich mit dem Rock'n'Roll in den USA verbanden.

 

Der (Graduierten-)Workshop „Die Wahrnehmung der USA in Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg“ schloss direkt an die vorangegangenen Diskussionen an. Im Mittelpunkt standen Fragen nach ‚Amerikabildern’, nach bestimmten Formen einer kulturellen Neuorientierung in Deutschland, die durch die Adaption amerikanischer Einflüsse befördert wurden. Welchen Anpassungs- und Modifikationsprozessen waren amerikanische Phänomene unterworfen, wenn sie in den deutschen Kontext übernommen wurden? Zudem ging es um den Umgang mit amerikanischen Einflüssen zu bestimmten Zeiten in spezifischen Gruppen. Diese Problemstellung verlangte eine sowohl historische als auch diskursive Dimensionierung des Workshops. Durch die Beschränkung auf die Weimarer Republik und die Bundesrepublik, also die beiden demokratischen Staatsgebilde im Deutschland des 20. Jahrhunderts, wurde die Vergleichbarkeit sichergestellt, durch den Bezug auf die verschiedensten Medien und Diskursfelder ein möglichst umfassender und gleichzeitig detailorientierter Blick auf die Zwischen- und Nachkriegsgesellschaft bis heute ermöglicht. Die Vorträge bezogen sich auf verschiedene kulturelle und mediale Felder. In den Fokus des Interesses traten dabei Medien wie Literatur, Feuilleton, Film und Rundfunk sowie die Diskursfelder Liebe, Politik und Wirtschaft.

 

Im Zuge der Diskussion der verschiedenen Beiträge wurde erneut deutlich, dass der Prozess der ‚Amerikanisierung’ empirisch häufig nur schwer zu fassen ist. So werden bestimmte Phänomene als ‚amerikanisch’ etikettiert, obwohl ein Blick auf die USA zeigt, dass diese Erscheinungen manchmal mit ihren deutschen ‚Adaptionen’ nicht viel gemein haben. Amerikanisierung kann also oft eher als ein Phänomen der Deutung bzw. Selbstdeutung begriffen werden und ist vor allem dadurch für die Kultur und das Selbstverständnis Deutschlands wichtig. Die Untersuchung deutscher Quellen ermöglicht also ‚nur’ eine Analyse des Amerika-Images, also der jeweiligen Konstruktion von Amerika. Interessant ist nun, danach zu fragen, welche historische Funktion solche Etikettierungen haben. Warum werden Modernisierungsprozesse in den verschiedensten Kontexten – Wirtschaft, Technik, Partnerschaft, Haushalt, Architektur etc. – als amerikanisch gekennzeichnet, also letztlich zu etwas Fremdem stilisiert? Eine Frage, die auch im weiteren Projektverlauf nicht vernachlässigt werden soll.