Niederösterreich

Projektbeschreibung

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts existierte in Niederösterreich („Land unter der Enns“) keine landesfürstliche Behörde, die Anordnungen und Gesetze auf unterer und unterster Ebene durchsetzen und kontrollieren konnte. Die Verwaltung der und die Herrschaft über die Untertanen lag in den Händen der Grundherrschaften; Steuer- und Militärerhebungen wurden durch die Landstände durchgeführt.

Erst mit Einrichtung der Kreisämter (in Niederösterreich: 1753) als Mittelbehörden bemühte sich der Landesherr, die Kontrolle und Aufsicht über die Grundherrschaften sowie einen Überblick über und einen Zugriff auf seine Untertanen zu erlangen.  Den Untertanen dagegen eröffnete sich die Möglichkeit, bei den Kreisämtern beispielsweise gegenüber ihrer jeweiligen Grundherrschaft Beschwerde einzulegen und sich einen Zugang zur übergeordneten landesfürstlichen Behörde, der niederösterreichischen Regierung in Wien, zu verschaffen. Die fragmentarisch erhaltenen Protokollbücher der Kreisämter geben von den Klagen, Bitten und Forderungen der Untertanen aber auch der Herrschaften beredtes Zeugnis ab.

Im Projekt wird der Frage nachgegangen, wie die Untertanen die durch die Kreisämter neu geschaffenen Möglichkeiten konkret nutzten, wie die Grundherrschaften auf die veränderte Situation reagierten und welche Handlungstendenzen sich von Seiten der Kreisämter bzw. der niederösterreichischen Regierung ablesen lassen. Im weiteren Zusammenhang soll untersucht werden, ob (und genauer: welcher Gestalt) ein reger Austausch zwischen landesfürstlichen Zentralbehörden, Mittelbehörden, Unter- bzw. Ortsobrigkeiten sowie Untertanen stattfand. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die angewendeten Kommunikationsverfahren, deren Modifizierung und Weiterentwicklung gelegt. Dabei stehen folgende Fragestellungen im Fokus der Untersuchung:

Welche konkreten Kommunikationsverfahren wurden zur Herstellung, Erhaltung und Stärkung von Herrschaft eingesetzt? Eröffneten diese den Untertanen begrenzte (politische) Partizipationsmöglichkeiten? Trugen die Verfahren dazu bei, Legitimität landesfürstlicher Herrschaft herzustellen beziehungsweise zu verstärken?

Als Quellenkorpus dient hierbei die fragmentarische Überlieferung des Kreisamtes des Viertels unter dem Manhartsberg. Es werden Protokollbücher und Aktenkonvolute, die die regen Aktivitäten des Kreisamtes widerspiegeln, untersucht. Ergänzend werden Bestände der landständischen Verwaltung sowie grundherrschaftlicher Verwaltungen herangezogen.

 Im Vordergrund des Forschungsinteresses stehen dabei die zur Informationsbeschaffung und Kontrolle sowie Beschwerde und Interessenartikulation genutzten Kommunikationsverfahren, die von den jeweiligen Akteuren eingesetzt wurden. Hierbei wird besonderes Augenmerk auf die Modifizierung und Weiter- bzw. Rückentwicklung der Verfahren gelegt, um eventuelle Lernprozesse sowohl auf behördlicher, als auch auf Seite der Untertanen nachzeichnen zu können. In weiterer Perspektive wird ein Vergleich der Verfahren in Niederösterreich mit Territorien des Alten Reiches angestrebt.  Die Bestände der niederösterreichischen Kreisämter sind bislang für die Frühe Neuzeit nicht systematisch ausgewertet worden.