Kompromisskulturen

Kontaktinformationen

Anschrift

Universität Duisburg-Essen, Historisches Institut, Universitätsstraße 2, 45117 Essen, Raum R13 Vo2 G02

Telefon

0201 1836870

E-Mailadresse

jan-hendryk.de-boer@uni-due.de

Forschung

Forschungsschwerpunkte

Ideen- und Gelehrtengeschichte des Hoch- und Spätmittelalters

Humanismus- und Renaissanceforschung

Universitätsgeschichte

Geschichte des Papsttums

Geschichtstheorie

Forschungsprojekt: Das Avignoneser Papsttum ermöglichen. Implizites Legitimieren einer angefochtenen Institution (1309-1377)

Untersucht wird das Papsttum im 14. Jahrhundert als angefochtene Institution. Das Avignoneser Papsttum war Gegenstand zeitgenössischer Kontingenzbeobachtungen, die es in einen Möglichkeitshorizont stellten, der durch das faktische Handeln der Päpste, Kardinäle und Kurialen sowie vorhandene Handlungsalternativen aufgespannt wurde. Herrschaftliches Handeln konnte so als kontingent auf mögliche Alternativen hin beobachtet werden. Das Papsttum sah sich infolgedessen zwar nicht als Institution, wohl aber in seinem herrschaftlichen Handeln herausgefordert. Es legitimierte sein Tun, indem es als berechtigt erweisen wurde. Von Adressaten des Handelns wurde verlangt, diese Berechtigung anzuerkennen. Das herrschaftliche Handeln folgte dabei Handlungsprinzipien, die für das Papsttum selbst den Anspruch begründeten, zur Herrschaft berechtigt zu sein: Dass die Päpste wohl informiert und gut beraten waren, nach allgemeinen Grundsätzen und zugleich situationsadäquat handelten, von Konsens getragen und kompromissfähig waren, dass sie die erforderlichen Machtmittel besaßen und sie nutzbringend einzusetzen verstanden und dadurch vorausschauend agieren konnten, wurde in päpstlichen Briefen und Urkunden herausgestellt. Dies sicherte den päpstlichen Herrschaftsanspruch in seiner praktischen Realisierung. Die Kontingenz herrschaftlichen Handelns und Entscheidens wurde so nicht negiert, sondern anerkannt. Es war für das Papsttum des 14. Jahrhunderts gerade sein Vermögen, den zur Verfügung stehenden Möglichkeitsraum auszuschöpfen, dass seine Legitimität sicherte.

Wissenschaftlicher Werdegang

2000-2005

Studium der Mittleren und Neuren Geschichte, Alten geschichte und Deutschen Philologie an der Georg-Augusr-Universität Göttingen

2005

Magister Artium mit der Abschlussarbeit: Der Streit der Theologie und Philosophie um 1300. Eine Diskursanalyse

2006-2009

Promotionsstipdendium der Studienstiftung des deutschen Volkes

2009-2014

Wissenschaflicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte des Hoch- und Spätmittelalters an der Universität Göttingen

2014

Promotion im Fach Mittlere geschichte an der Universität Göttingen mit der Arbeit: Reuchlin und die Geburt des hegemonialen Humanismus. genealogie eines Gelehrtenkonflikts

2015

Postdoc-Stipendium am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz

2015-2018

Postdoc am DFG Graduiertenkolleg "Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingezbewätigung durch Zukunftshandeln" an der Universität Duisburg-Essen

2018-2022

Postdoc am am Lehrstuhl für Geschichte des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit des Historischen Instituts an der Universität Duisburg-Essen

Seit 2022

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im interdisziplinären Forschungsprojekt "Kompromisskulturen"

Veröffentlichungen

Monographien

Die Gelehrtenwelt ordnen. Zur Genese des hegemonialen Humanismus. (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 101.) Tübingen 2017.

Unerwartete Absichten – Genealogie des Reuchlinkonflikts. (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 94.) Tübingen 2016.

Editionen

Johannes Reuchlin: Ratschlag, ob man den Juden alle ihre Bücher nehmen, abtun und verbrennen soll. Frühneuhochdeutsch – Neuhochdeutsch. Hrsg., übers. u. erl. v. Jan-Hendryk de Boer. Stuttgart 2022.

 

Herausgeberschaften

Praxisformen. Zur kulturellen Logik von Zukunftshandeln. (Kontingenzgeschichten 6.) Frankfurt am Main/New York 2019.

Gemeinsam mit Marcel Bubert: Absichten, Pläne, Strategien. Erkundungen einer historischen Intentionalitätsforschung. (Kontingenzgeschichten 5.) Frankfurt am Main/New York 2018.

Gemeinsam mit Marian Füssel und Maximilian Schuh: Universitäre Gelehrtenkultur vom 13.–16. Jahrhundert. Ein interdisziplinäres Quellen- und Methodenhandbuch. Stuttgart 2018.

Gemeinsam mit Marian Füssel und Jana Madlen Schütte: Zwischen Konflikt und Kooperation. Praktiken der europäischen Gelehrtenkultur (12.–17. Jahrhundert). (Historische Forschungen 114.) Berlin 2016.

Aufsätze

Auswege aus der verdoppelten Realität. Humanistische Dialoge im Italien des 15. Jahrhunderts, in: Frank, Günter, Franz Fuchs, Mathias Herweg (Hrsg.): Das 15. Jahrhundert. (Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten 15.) Stuttgart-Bad Cannstatt 2021, S. 81-130.

Imaginierte Angriffe auf den Humanismus. Zur Legitimierung invektiver Praktiken um 1500, in: Israel, Uwe, Marius Kraus, Ludovica Sasso (Hrsg.): Agonale Invektivität: Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung im italienischen und deutschen Humanismus. Heidelberg 2021, S. 209-242.

Welt in Bewegung. Zeit um Raum in den antirömischen Schriften Ulrich von Huttens, in: Pirckheimer Jahrbuch für Renaissance- und Humanismusforschung 33 (2019/20), S. 69-97.

Verus pater ecclesiae. Zur kommunikativen Funktion von Herrschaftsmetaphern in päpstlichen Briefen des 13. und 14. Jahrhunderts, in: Historisches Jahrbuch 140 (2020), S. 129-181.

Being Entitled to Dispute: On Disputations in Duisburg in the Second Half of the 17th Century, in: Friedenthal, Meelis et al. (Hg.): Early Modern Disputations and Disserta-tions in an Interdisciplinary and European Context. Leiden 2020, S. 478-509.

Das Ende der Geschichte. Jean-Luc Godards Week-end, in: WerkstattGeschichte 81 (2020), S. 151-171.

Das Werden der christlichen Kabbala. Wanderungen und Wandlungen jüdischen Glaubenswissens, in: Henkel, Nikolaus et al. (Hrsg.): Reichweiten. Dynamiken und Grenzen kultureller Transferprozesse in Europa, 1400-1520, Bd. 1: Internationale Stile. Berlin/Boston 2020, S. 281-316.

Riskante Entscheidungen? Reuchlin und der hegemoniale Humanismus, in: Lange van Ravenswaay, J. Marius J., Herman J. Selderhuis, (Hrgs.): Renaissance und Bibelhumanismus. Göttingen 2020, S. 11-38.

Praktiken, Praxen und Praxisformen, oder: Von Serienkillern, verrückten Wänden und der ungewissen Zukunft, in: de Boer (Hrsg.): Praxisformen (2019), S. 21-42.

Das Vatikanische Archiv. Emergenz einer Institution, in: de Boer (Hrsg.): Praxisformen (2019), S. 93-106.

Bücher oder Menschen. Zur Vernichtung von Ideen, Dingen und Personen im Spätmittelalter, in: de Boer (Hrsg.): Praxisformen (2019), S. 240-252.

Grenzen wissenschaftlicher Polemik. Die Auseinandersetzung um Sylvain Gouguenheims Aristote au Mont-Saint-Michel, in: de Boer (Hrsg.): Praxisformen (2019), S. 329-344.

Zukunft jenseits des Textes. Die Utopia des Thomas Morus, in: de Boer (Hrsg.): Praxisformen (2019), S. 493-505.

Die Irrtümer des Ostens. Lateiner, Griechen und Armenier im päpstlichen Avignon des 14. Jahrhunderts, in: Speer, Andreas, Maxime Mauriège (Hrsg.): Irrtum – Error – Erreur. (Miscellanea Mediaevalia 40.) Berlin/Boston 2018, S. 349-376.

Die Differenz explizieren. Sprachformen gelehrter Judenfeindschaft im 16. Jahrhundert, in: Prinz, Michael, Jürgen Schiewe (Hrsg.): Vernakuläre Wissenschaftskommunikation. Beiträge zur Entstehung und Frühgeschichte der modernen deutschen Wissenschaftssprachen. Berlin/Boston 2018, S. 47-86.

Absichten, Pläne und Strategien erforschen. Einleitung, in: de Boer/Bubert (Hrsg.): Absichten, Pläne, Strategien (2018), S. 9-38 (gemeinsam mit Marcel Bubert).

Wir Mythopoeten, oder: Warum das Papsttum nach Avignon kam, in: de Boer/Bubert (Hrsg.): Absichten, Pläne, Strategien (2018), S. 175-227.

Viermal Ich in Avignon. Francesco Petrarca, Wilhelm von Ockham und Richard FitzRalph als Zeugen einer Explosion, in: Bernhard, Markus et al. (Hrsg.): Möglichkeitshorizonte. Zur Pluralität von Zukunftserwartungen und Handlungsoptionen in der Geschichte. (Kontingenzgeschichten 4.) Frankfurt am Main/New York 2018, S. 127–166.

Lehren und Lernen, in: de Boer/Füssel/Schuh (Hrsg.): Universitäre Gelehrtenkultur vom 13.–16. Jahrhundert (2018), S. 177–219 (gemeinsam mit Martin Kintzinger, Jana Madlen Schütte und Thomas Woelki).

Disputation, quaestio disputata, in: de Boer/Füssel/Schuh (Hrsg.): Universitäre Gelehrtenkultur vom 13.–16. Jahrhundert (2018), S. 221–254.

Kommentar, in: de Boer/Füssel/Schuh (Hrsg.): Universitäre Gelehrtenkultur vom 13.–16. Jahrhundert (2018), S. 265–318.

Studienführer, in: de Boer/Füssel/Schuh (Hrsg.): Universitäre Gelehrtenkultur vom 13.–16. Jahrhundert (2018), S. 337–355 (gemeinsam mit Marcel Bubert).

Zensur und Lehrverurteilungen, in: de Boer/Füssel/Schuh (Hrsg.): Universitäre Gelehrtenkultur vom 13.–16. Jahrhundert (2018), S. 357–386.

Alles verbrennen? Johannes Reuchlin und der Konflikt um den Umgang mit jüdischen Büchern, in: Robert, Jörg et al. (Hrsg.): Ein Vater neuer Zeit. Reuchlin, die Juden und die Reformation. Ausstellungskatalog. Tübingen 2017, S. 159–168.

Pfefferkorn’s Books or the Most Rational Man in the World, in: Adams, Jonathan, Cordelia Heß (Hrsg.): Revealing the Secrets of the Jews. Johannes Pfefferkorn and Christian Writings about Jewish Life and Literature in Early Modern Europe. Berlin/Boston 2017, S. 79–96.

Vom Totenkopf zum Gottesnamen. Humanistische Zeichenskepsis und kabbalistischer Holismus bei Johannes Reuchlin, in: Wolfenbütteler Renaissance-Mitteilungen 37 (2016), S. 5–24.

Wie aus Agon Antagonismus wird. Scholastisch-humanistische Grenzpolitik um 1500, in: Historische Zeitschrift 303 (2016), S. 643–670.

Form und Formlosigkeit des Judenhasses. Kommunikationsweisen judenfeindlicher Traktate um 1500, in: de Boer/Füssel/Schütte (Hrsg.): Zwischen Konflikt und Kooperation, S. 141–174.

Aus Konflikten lernen. Der Verlauf gelehrter Kontroversen im Spätmittelalter und ihr Nutzen für die Reformation, in: Frank, Günter, Volker Leppin (Hrsg.): Die Reformation und ihr Mittelalter. (Melanchthon-Schriften Bretten 14.) Stuttgart 2016, S. 209–250.

Theologie jenseits der institutionellen Ordnung. Marguerite Porete, in: Gemeinhardt, Peter, Tobias Georges (Hrsg.): Theologie und Bildung im Mittelalter. (Archa Verbi Subsidia 13.) Münster 2015, S. 439–454.

Faith and Knowledge in the Religion of the Renaissance: Nicholas of Cusa, Giovanni Pico della Mirandola, and Savonarola, in: American Catholic Philosophical Quarterly 83 (2009), S. 51–78.

Plädoyer für den Idioten. Bild und Gegenbild des Gelehrten in den Idiota-Dialogen des Nikolaus von Kues, in: Concilium Medii Aevi 6 (2003), S. 195–237.

Mehr als 40 Rezensionen in

Historische Zeitschrift, Zeitschrift für Historische Forschung, hsozkult.de, sehepunkte.de, Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte, Theologie und Philosophie, Revue d’Histoire ecclésiastique, Church History and Religious Culture, Damals

Sonstiges

Gespräch in der Sendung „Büchermarkt“ des Deutschlandfunks über den sogenannten Judenbücherstreit (22.04.2022), URL: https://www.deutschlandfunk.de/jan-hendryk-de-boer-ueber-den-sogenannten-judenbuecherstreit-dlf-f666345b-100.html