Historische Entwicklung des Ingenieurberufs

Für das Verständnis über die gegenwärtige Geschlechterverteilung im ingenieurwissenschaftlichen Studium und Beruf lohnt sich ein Blick in die Geschichte. Er zeigt, dass der männliche Überhang in diesen Bereichen, keineswegs das Produkt bewusster Diskriminierung ist, sondern die Konsequenz einer historischen Entwicklung in der bekanntlich viele Aspekte zusammenkommen wie etwa der Macht- und Bedeutungsverlust der Kirche, die konfliktreiche Entwicklung von Nationalstaaten und die Rolle des Militärs, der Beginn der Industrialisierung usw.

Der Begriff Ingenieur wurde und ist nicht einheitlich definiert. Diese Wortbildung stammt aus dem Lateinischen (ingenium) und bedeutet Fähigkeit, Verstand, Talent, Geist, Genie. Der Wortursprung weckt Assoziationen mit dem „genialen“ Erfinder à la Daniel Düsentrieb. Historisch betrachtet hat sich die Bedeutung des Begriffes im Laufe der letzten Jahrhunderte und zwischen verschiedenen Kulturen gewandelt, keineswegs stand die einsame und zweckfreie Erfindung und Entwicklung von Gegenständen im Vordergrund:  (S. 71) 

Die Ursprünge des Ingenieurberufes und des Ingenieurwesen liegen im Kriegshandwerk. Um das Kriegshandwerk herum bildeten sich im 17. Jahrhundert die ersten Schulen und Universitäten, die eine theoretisch fundierte Ausbildung beispielsweise im Bereich der Zählkunst, des Landvermessens oder im Schiffbau erhielten. Sowohl im Bereich der Kriegsführung als auch im Bereich höherer Bildung waren Frauen zu dieser Zeit ausgeschlossen.

Industrialisierung

Im 18. Jahrhundert wurde durch das Aufkommen der Industrialisierung der Begriff des „Zivilingenieurs“ geprägt, zunächst in England und Frankreich. Staatliche technische Bildungseinrichtungen, insbesondere für die Ausbildung „technischer Beamter“ wurden eingerichtet. Das Berufsfeld wurde damit breiter. Voraussetzung für den Besuch dieser Einrichtungen war in der Regel ein abgeleisteter Militärdienst. Im Bereich des Ingenieurwesens entstanden durch die Industrialisierung neue Berufsfelder und Ansprüche. Mit der rapide anwachsenden Gründung von Unternehmen und Verwendung von Maschinen wuchs der Bedarf an Ingenieuren, die vornehmlich Arbeitsabläufe planen und kontrollieren.

Mit der Industrialisierung setzte sich auch mehr und mehr die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen durch, je nach sozialer Schicht, im unterschiedlichen Ausmaß. Die Familie als Produktionsgemeinschaft verlor an Bedeutung, d. h., es galt fortan Geld zu verdienen, und zwar mit Lohnarbeit außerhalb des Hauses. Die mit der Lohnarbeit nicht zu vergleichende Tätigkeit im Haushalt, wie etwa auch die Bewirtschaftung des eigenen Hofes, die Pflege und Erziehung von Älteren oder Kindern wurde abgewertet. Die Vorstellung setzte sich durch, dass ob Lohnarbeiter oder Geschäftsmann, der Ehemann Ernährer seiner Familie zu sein habe. Von Männern wurde daher erwartet außerhalb des häuslichen Bereiches tätig zu sein. Insbesondere bürgerlichen Frauen wurden angehalten, sich vornehmlich um Haushalt und Kindererziehung zu kümmern. Für Arbeiterfrauen hingegen gestaltete sich die Arbeitsteilung besonders rigide: Von ihnen wurde zusätzlich zur Lohnarbeit die Haushaltsführung sowie Pflege und Erziehung erwartet. Die Arbeitsteilung hatte weitreichende Folgen: Im Zuge der Entwicklung wurden Frauen nach und nach auch aus dem öffentlichen Leben gedrängt, sie hatten keine bzw. kaum politische Rechte bzw. wurden diese ihnen erst, je nach Land, erst im 20. Jahrhundert gewährt. Gekoppelt mit der Norm der Arbeitsteilung sowie dem Ausschluss von Frauen aus höherer Bildung sowie der Kriegsführung trugen diese Entwicklungen mitunter zur Vorstellung bei, das Männer eine „natürliche“ Affinität zur Technik haben. Technik war ein Bereich des Öffentlichen, einem Bereich in dem Frauen zumindest rechtlich und politisch gesehen, nichts zu suchen hatten.

Im späten 19. Jahrhundert bzw. frühen 20. Jahrhundert gelang es Frauen, sich den Weg in die höheren Bildungseinrichtungen zu erkämpfen. An der Universität Zürich durften sich weibliche Studierende erstmals 1863 einschreiben. Im späten 19. Jahrhundert wurden parallel zum Erstarken der ersten Frauenbewegung „wissenschaftliche Abhandlungen“ über das Für und Wider von höherer Bildung für Frauen verfasst.

Insgesamt seien die „Probleme mit denen Frauen – insbesondere in Technik und Naturwissenschaften – zu kämpfen haben, […] auch als das Erbe einer Jahrhunderte währenden  geschlechterspezifischen Arbeitsteilung und der vor allem seit Beginn der Neuzeit immer stärkeren Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben zu sehen. Jenen Frauen, denen es trotz der gesellschaftlichen Beschränkungen gelang, wissenschaftlich tätig zu sein, wurden verächtlich gemacht und abgewertet, ihre Leistungen oft genug ignoriert bzw. Männern zugeschrieben...“ (Knoll; Ratzer 2010: 81).

Bildnachweise

Abbildung Dampfmaschine: Meyers Konversationslexikon 1890 (Meyers Konversationslexikon 1890) [Public domain], via Wikimedia Commons. Online verfügbar unter: http://de.wikipedia.org

Abbildung Fabrik: Die Zeche Mittelfeld (Carl-August-Schacht) in Ilmenau (Thüringen) um 1860. Quelle (Buch): ''Über die Standorte älterer Ilmenauer Gewerbe- und Industriebetriebe'', um 1860, Author unbekannt. Online verfügbar unter: de.wikipedia.org