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DFG-Forschungsprojekt

Herrschaftsvermittlung in der Frühen Neuzeit (1650-1800)

Fallstudien zu Territorien des Alten Reichs und der Habsburgermonarchie im internationalen Vergleich

Im Frühjahr 2009 hat am Historischen Institut der Universität Duisburg-Essen ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Dauer von drei Jahren gefördertes Projekt seine Arbeit aufgenommen, das der politischen Kultur in den europäischen Monarchien der Frühen Neuzeit nachgespürt. Unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Brakensiek untersuchen Dr. Hanna Sonkajärvi, Corinna von Bredow, Birgit Näther und Nicolás Brochhagen typische Formen der Kommunikation zwischen Obrigkeiten und Untertanen.

Jede Herrschaft bedarf der Vermittlung ihrer Ziele und Zwecke an die Betroffenen. In den Fürstenstaaten der Frühen Neuzeit wurden dafür Verfahren entwickelt, die der Kommunikation zwischen Obrigkeiten und Untertanen Gestalt gaben. Das Projekt geht von der Überlegung aus, dass diese epochenspezifischen Formen der Herrschaftsvermittlung - namentlich Visitation, Bericht, Enquête und Supplikation - prägende Elemente der politischen Kultur des Ancien Régime darstellten.

Supplikationen (Bittschriften) sind in jüngerer Zeit bereits systematisch für zahlreiche Länder und Regionen Europas untersucht worden, andere Kommunikationsformen zwischen den Amtsträgern der Fürstenstaaten und den Untertanen dagegen nur ausnahmsweise. Unsere Forschungen sollen die Fragen klären, inwieweit Visitationen, Berichte und Enquêten zur Funktionsfähigkeit der Fürstenstaaten beitrugen, den daran Beteiligten begrenzte politische Teilhabe eröffneten und dadurch zur Legitimität monarchischer Herrschaft beitrugen. In einer noch weiter gefassten Perspektive geht es darum, Lernprozesse auf Seiten der Obrigkeiten und der Untertanen zu erkennen und zu eruieren, ob dadurch historischer Wandel innerhalb der fürstenstaatlichen Ordnung ermöglicht wurde.

Die Untersuchung erfolgt in Form von Fallstudien zu zwei Reichsterritorien, dem Kurfürstentum Bayern und der Landgrafschaft Hessen-Kassel, sowie zu Niederösterreich und den österreichischen Niederlanden, die zur Habsburgermonarchie gehörten. In erster Linie werden weltliche Visitationen, Berichte und Enquêten herangezogen, im Einzelfall auch Supplikationen. Im Zuge der Untersuchung soll das für die Territorien des Alten Reiches entwickelte Konzept akzeptanzorientierter Herrschaft auf seine Tragfähigkeit und Reichweite auch für Länder der Habsburger Monarchie überprüft werden.

Im Rahmen von Arbeitsgesprächen und Workshops mit Historikerinnen und Historikern, die mit ähnlichen Fragestellungen und Methoden der Vermittlung von Herrschaft in anderen Fürstenstaaten nachgehen, soll der projektinterne Vergleich um eine gesamteuropäische Perspektive erweitert werden.