Vergangene Lehre

Liberation Route Europe – Bericht

In der ersten Maiwoche fand die internationale Liberation Route Europe im niederländisch-deutschen Grenzgebiet statt. 26 Studierende aus den Niederlanden (Radboud Universiteit Nijmegen) und Deutschland (Universität Duisburg-Essen & Hochschule Rhein-Waal) beteiligten sich an dem binationalen Projekt. Im Rahmen der gemeinsamen Woche haben sich die Studierenden in der deutsch-niederländischen Grenzregion mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Erinnerungskulturen der beiden Nachbarländer auseinandersetzen.

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Am 02.05.2022 startete die Exkursion bei Hürtgenwald, wo zwei Tage lang bei Vogelsang IP viel über NS-Propaganda und Aufbau und Funktion der sog. Ordensburg gesprochen wurde. Am Dodenherdenkingsdag am 04.05. besuchten die Studierende den amerikanischen Soldatenfriedhof Margraten sowie die deutsche Kriegsgräberstätte Ysselstyn, um den Tag dann mit dem gemeinsamen Gang des Sunset March in Nijmegen zu beenden. Der niederländische Bevrijdingsdag am 05.06. stand unter dem Motter Freiheit, sodass am Morgen ein Besuch im Vrijheidsmuseum in Groesbeek auf dem Programm stand, bei dem die Studierenden die Möglichkeit hatten, das neue Museum selbstständig zu erkunden. Anschließend besuchten sie den benachbarten kanadischen Soldatenfriedhof. Der letzte Tag begann mit einer Audioguidetour durch das Airborne Museum Hartenstein. Zum Abschluss der Exkursion wurde noch der Arnhem War Cemetery besucht. Anschließend war es Zeit für die Rückreise.

In der Woche wurden den niederländischen und deutschen Studierenden vielseitige und interessante Informationen durch die Expert:innen vor Ort vermittelt und es gab viele Gelegenheiten, sich untereinander über die kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Erinnerungskulturen auszutauschen, die von den Studierenden im regen Austausch wahrgenommen wurden. Auf diese Art und Weise hat die Liberation Route Europe einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Deutschlands und der Niederlande sowie zu einem intensiven interkulturellen Austausch beigetragen.

WiSe 2021/22Quellenübung zur Epoche Frühe Neuzeit, ab 3. Fachsemester „Baruch de Spinoza – untersucht als Historiker und Philosoph“ (WiSe 2021/2022)

Die Übung „Baruch de Spinoza – untersucht als Historiker und Philosoph“ im Wintersemester 2021/2022 war für Studierende ab dem dritten Fachsemester (Grundlagenmodul, Epoche: Frühe Neuzeit) geöffnet und fand in Präsenz ganztägig an fünf Einzelterminen von Oktober bis November statt. – Mitte Dezember hatte die Universität Duisburg-Essen (UDE) die Lehre als Präventionsmaßnahme kurz vor Weihnachten wieder in das digitale Format umgestellt.

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Mindestens zwei Gründe sprachen laut Veranstaltungskommentar für die Teilnahme: A.) Häufig wählen Studierende „geisteswissenschaftlich“ verwandte Disziplinen – wie Geschichte sowie Philosophie – aus. Anhaltspunkt hierfür könnte sein, dass diese (tatsächlich oder vermeintlich) ähnlich methodisch und inhaltlich arbeiten. B.) 2022 jähren sich der Geburtstag (zum 390. Mal) und der Todestag (nämlich der 345.) von Baruch de Spinoza (1632-1677). Dieses Doppeljubiläum wurde zum Anlass genommen, um seine Lebensumstände und sein Gedankenwerk zu verstehen. – Überdies ist das Jubiläum 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland ein Anknüpfungspunkt, weil das jüdisch-christliche Zusammenleben von Ausgrenzung, Verfolgung, Koexistenz und Konversion geprägt war. So waren die Eltern von Spinoza sog. Marranen, das heißt iberische Juden mit Nachkommen, die zum Christentum bekehrt wurden.

Im Zuge beider Gründe A.) und B.) hat sich die Quellenübung mit der fachlichen Spannung von philosophischer Systematik und geschichtlicher Darstellung auseinandergesetzt. Anhand von Spinoza wurde die Auffassung heutiger Philosophen, dass zwischen historischer und systematischer Forschung zu unterscheiden sei, überprüft. Fachlich diskutiert wurde dies 2011 von Marcel van Ackeren, Theo Kobusch und Jörn Müller. Kritik an dieser These wurde von Quentin Skinner anhand von vier Kritikpunkten gegenüber der Ideengeschichte geübt. Die Übung diente dem Festigen der Praktiken von Historikern (im Vergleich zu denen von Philosophen), der Vertiefung ausgesuchter inhaltlicher Aspekte sowie thematischer Schwerpunkte dieses bekannten, jedoch schon zu Lebzeiten umstrittenen niederländischen Philosophen: Techniken der Historiker sind das Transkribieren, Übersetzen und Exzerpieren von Schriften; das Bibliographieren und Rezensieren von Werken. Diese Werkzeuge sowie die Historischen Hilfswissenschaften wurden benötigt, um Spinozas Gedanken über den Achtzigjährigen Krieg, die Frühaufklärung, das Goldene Zeitalter der Niederlande, den Pantheismusstreit und die Religionskritik nachzuvollziehen. Mittels der gemeinsamen Lektüre, Analyse sowie Interpretation einschlägiger Auszüge der Quellen – Tractatus theologico-politicus (1670), Ethica, ordine geometrico demonstrata (1677) – und Literatur (Wolfgang Bartuschat, Winfried Schröder) konnte eine intensive Auseinandersetzung mit aufgeworfenen Fragestellungen und Themen erfolgen. Fragen bezüglich Spinozas Verbannung aus der jüdischen Gemeinde Amsterdam, Gott als singulärer Substanz sowie Spinozas Politische Philosophie wurden erörtert. Nachwirkung von und Gedenken an Spinoza spielten ebenso eine Rolle wie seine Rehabilitation. Der transdisziplinäre Charakter der Quellenübung stellte sich als Schlüssel zu einem breiten Themenspektrum heraus. Philosophie, die entweder theistisch (jüdisch sowie christlich) oder auch atheistisch bzw. agnostisch ausgerichtet war und Geschichte (im Grenzraum der Niederlande mit dem Niederrhein) konnten ausführlich behandelt werden.

Die Veranstaltung wurde von 26 Studierenden zahlreicher Fächerkombinationen belegt. Gleichwohl fanden sich die Teilnehmenden mit Theologie- oder Philosophie-Kenntnissen in dieser Materie zu Spinoza besser zurecht. Die Teilnehmenden engagierten sich, wie in der Debatte über „Glaube und Wissen“. Insgesamt wurde der Kurs zum Blick über den Tellerrand als intellektuelle Bereicherung wahrgenommen.

 

Abb.: Unbekannter Stich zu Spinoza, lateinisch überschrieben mit „Ein Jude und ein Atheist“.

SoSe 2021Proseminar mit Textkompetenzübung: „Die «Franzosenzeit» am Niederrhein von 1792-1814“ (SoSe 2021)

Nach über einem Jahr Studium mit Online-Lehre war es am 12. Juli für einige Studierende des Fachs Geschichte das erste Mal, dass sie sich in direktem Kontakt trafen. Für viele der Anwesenden ergaben sich dank dieser Gelegenheit Gespräche mit den Kommilitonen und Dozenten, die zuvor nur am heimischen Bildschirm zugeschaltet waren. Im Rahmen des im Sommersemester 2021 angebotenen Proseminars mit Textkompetenzübung von Dr. Gregor Maximilian Weiermüller fand eine Exkursion zum Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv (HdEG) statt, die der Abschluss und Höhepunkt dieser Veranstaltung war.

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Das Proseminar wurde von Dr. Weiermüller (Landesgeschichte der Rhein-Maas-Region) und die Übung von Anke Fehring M.A. (Schreibwerkstatt) geleitet. Thema war die französische Besatzung am Niederrhein in der Französischen Revolution und Napoleonischen Ära. Das Seminar richtete sich an Studierende des zweiten Fachsemesters. Ebenso nahmen so manche aus höheren Semestern daran teil, sodass der Kurs durchmischt war. Die landesgeschichtliche Thematik wie auch die geschichtswissenschaftliche Methodik standen im Fokus: Grundlegende Fertigkeiten im Arbeiten mit Literatur und Quellen wurden vermittelt, die für das weitere Studium essenziell sind. Dies konnten die Zweitsemester erlernen; die Höheren wiederholten und vertieften es. Wir übten im Seminar folgendes ein: Aufsätze verstehen, Inhalte herausfiltern, vergleichen und kontextualisieren. Im HdEG wurden uns die Aufgaben der Archive bewusst: das Bewahren, Beraten, Erforschen und Vermitteln.

Die Besatzung der Franzosen begrenzte sich am Niederrhein und im Ruhrgebiet auf die Jahre von 1792 bis 1814. Sie wurde in den wöchentlichen Sitzungen anhand von Karten okkupierter Gebiete, Statistiken über Flüchtlinge und Abbildungen der neuen Herrscher aufgezeigt. Maßgeblich zählte zur Besetzung die Entstehung und die Entwicklung der rechtsrheinischen Satellitenstaaten Großherzogtum Berg und Königreich Westphalen, wobei sich auf Großherzogtum Berg beschränkt wurde, denn in diesem lag die Stadt Essen. Das Stift Essen wurde säkularisiert und 1803 aufgelöst. Verweise auf die linksrheinisch gelegene Stadt Moers, die der Republik bzw. dem Kaiserreich Frankreich einverleibt wurde, komplettierten die Lage in der «Franzosenzeit». Die historischen Ereignisse, ihre Auswirkungen auf die Zukunft beider Städte und ihre Rezeption auf beiden Seiten des Rheins machten das Seminar an vielen Stellen für die meisten Studierenden interessant. Hinzu kommt, dass unsere Universität Duisburg-Essen den Niederrhein mit dem Ruhrgebiet verbindet, was die Neugier verstärkt hat. Bei vielen wurde diese Nähe zur Geschichte der Regionen konkret emotional erlebbarer, weil sie selbst aus Essen, Moers oder dem Umland stammen. Trotz des zeitlichen Abstands zu den Geschehnissen bestand bei vielen ein konstanter Bezug, der mit Anblick der Quellen noch intensiver wurde. Es war spannend, dem Lebenslauf historischer Persönlichkeiten, wie Johann J. Görres, Friedrich Krupp und Franz Dinnendahl, im Kontext der französischen Besitznahme nachzugehen.

Insgesamt war das Seminar – wie auch die Semester davor – wegen der Corona-Pandemie nur online aus der Distanz möglich. Die digitalisierten Lehrmaterialien sowie die Rundbriefe des Dozenten fielen unter „Asynchrones“. Vollständig synchron liefen die Sitzungen in Videokonferenzen ab, in denen die Kommilitonen zu interaktiven Gruppen in Breakout-Sessions eingeteilt wurden. Andere Werkzeuge der Gruppenarbeit waren das Etherpad und das Textlabor. Generell wurde die Kommunikation unter den Studierenden, trotz Technik, als erschwert wahrgenommen.

So freuten sich Studierende und Dozierende auf die Fahrt zum HdEG, obwohl bis kurz vor knapp unsicher war, ob diese tatsächlich durchgeführt werden konnte. Endlich nicht mehr zu Hause am Schreibtisch, sondern mit Abstand und Maske, jedoch vor Ort sowie von Angesicht zu Angesicht versammelten sich vierzehn Studierende sowie die zwei Lehrenden vor dem Eingangsportal des HdEG. Drei unterschiedliche thematische Führungen à 30 Minuten wurden angeboten: die Dauerausstellung „Essen – Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert“, die Restaurierungswerkstätten sowie der Lesesaal mit Magazin. Jede Gruppe hatte nacheinander diese drei Stationen durchlaufen, so dass nach 90 Minuten jeder dies gesehen und den gleichen Kenntnisstand hatte. Die Führungen wurden von der Leiterin des HdEG, Frau Dr. Kauertz (Lesesaal mit Magazin), ihrer Stellvertreterin, Frau Dr. Mendrychowski (Dauerausstellung), und der Restauratorin, Frau Pohl (Bestandserhaltung), durchgeführt.

Nach den Rundgängen trafen wir uns wieder. Frau Dr. Kauertz informierte uns zum Berufsbild und zu den Laufbahnen im Archivdienst (Referendare für den höheren und gehobenen Dienst, Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste). Anschließend sprachen wir ausführlich über die Quelle „Passierschein des Großherzogtums Berg für den Baumwollspinner Johan Wilhelm Lohman, 21. Mai 1812“ (Rep 800, Nr. 285), die im HdEG erhalten ist. Daher konnte diese uns gezeigt werden.

Auch wenn es sich wieder um ein Distanz-Semester gehandelt hat, war dieses Sommersemester ein gelungenes, das nicht nur Wissen und Kompetenzen vermittelt, sondern auch Raum zum persönlichen Treffen geschaffen hat. Die Studierenden konnten auf das eigenständige, wissenschaftliche Arbeiten vorbereitet werden. Der abschließende Ausflug in das HdEG hat auch in uns die Hoffnung geweckt, dass eine baldige Normalisierung des Studienalltags erreicht werden kann, der sich dann auf dem grünen Campus in Essen abspielt – gerne wieder mit einem passenden Ausflug, wie rund um das Archivwesen.

von Alina Hahnefeld

Abb.: Studierende, Lehrende und Leiterinnen im Innenhof vor dem Magazin des HdEG.

WiSe 2020/21Digitale Lehre: Übung zur Vorlesung. „Der Niederrhein zur Zeit der Französischen Revolution“ (WiSe 2020/2021)

Im Wintersemester 2020/2021 fand eine Quellenübung unter der Leitung von Dr. Gregor Maximilian Weiermüller statt. Anfangs war sie mit vereinzelten Besuchen im Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv (HdEG) geplant, weil sämtliche Quellen aus dessen Bestand stammen. Die Präsenzlehre im HdEG war, aufgrund der Kontaktbeschränkungen im Zuge der Covid-19-Pandemie, leider nicht umsetzbar. An der Übung nahmen zahlreiche Studierende des ersten Fachsemesters teil, jedoch gab es auch einige Studierende mit höherem Hochschulsemester. Die Übung wurde abwechselnd synchron und asynchron gestaltet. Das Material dazu wurde in den dafür eingerichteten Online-Kursraum in Moodle hochgeladen und je nach Bedarf abgerufen. 

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In der synchronen Periode wurde von den Studierenden zunächst die Vorbereitung auf die jeweils nächste Sitzung mit entsprechender Literatur/Quellen und den dazugehörigen Fragen erwartet. Diese wurden dann in einer Audiokonferenz interaktiv besprochen. Herr Dr. Weiermüller moderierte dabei immerzu die Diskussionen über das zu besprechende Thema und band die Studierenden trotz der Distanzlehre voll mit ein. Dafür wurden technische Werkzeuge genutzt, beispielsweise Etherpad als Anwendung bei Moodle. Hierbei können Studierende gemeinsam einen Text digital bearbeiten. In diesem Fall wurde ein Aufsatz über die sich verändernde politische Landkarte des Niederrheins durch die Französische Revolution genutzt. Nach der abgelaufenen Bearbeitungszeit wurden die Ergebnisse im Plenum besprochen. 

Für die asynchrone Phase erhielten die Studierenden vorab einen Arbeitsauftrag, der innerhalb einer Woche zu erledigen war. Dieser konnte schon vor der je kommenden Sitzung an den Dozenten gesendet werden, um eine Rückmeldung über das Abgegebene zu bekommen. Trotz dieser Art von asynchroner Lehre war der Dozent dennoch im Audiokonferenzraum anwesend, um den Studierenden bei Fragen und Schwierigkeiten behilflich zu sein, und gegebenenfalls Anregungen zur Lösung dieser Aufgaben zu geben. Diese waren vielfältig und drehten sich meist um die wichtigsten methodischen Grundlagen des Handwergzeugs von Historiker:innen, wie das Transkribieren. Dazu wurde eine Urkunde (Auslandspaß, 1812) mit einem Alphabetvergleich für diverse Hand- und Frakturschriften im deutschen Sprachraum bereitgestellt. Später wurde eine Musterlösung zum selbständigen Abgleich eingestellt. Selbstverständlich wurden auch noch andere Methoden, wie das Exzerpieren, Rezensieren und Zitieren eingeübt. Hier konnten die Studierenden ebenso zuerst selbständig anhand von Leitfäden arbeiten, wurden aber auch durch Herrn Dr. Weiermüller im Livestream unterstützt. 

Inhaltlich erweiterte die Übung einige Aspekte der dazugehörigen Vorlesung von Prof. Dr. Ralf-Peter Fuchs („Der Niederrhein und die Niederlande im Zeitalter von Aufklärung und Französischer Revolution“). Zunächst starteten beide Veranstaltungen mit allgemeinen thematischen Grundlagen und gaben den Studierenden einen groben Überblick über den Verlauf der Aufklärung sowie der Französischen Revolution. Die Vorlesung vermittelte das Basiswissen zum Verstehen der Aufklärung. Wo die Vorlesung auf der Makroebene blieb, wurde in der Übung Verschiedenes selektiv vertieft. So wurde sich mit dem Gedankengut der „radikalen Aufklärung“ eingehender befasst. Dies geschah anhand von Spinozas Traktat. Ausgehend davon wurden die Phasen der Französischen Revolution beleuchtet. Die Übung behandelte intensiver die Protagonisten der Revolution als diejenigen der Aufklärung. Im Zuge dieser Gewichtung wurde Johann Georg Adam Forster (1754-1794) den Studierenden als Bindeglied dieser zwei Weltereignisse vorgestellt. Seine Vita sowie sein Denken wurden untersucht: Naturwissenschaften und Reisejournalismus/Medien, das positive Bild des aufklärerischen Denkens und der Enthusiasmus für revolutionäre Ideen in Deutschland. Im weiteren Verlauf der Übung rückte zunehmend Napoleon Bonaparte in den Vordergrund. So beschäftigten sich die Studierenden zum Beispiel mit dessen Russland-Feldzug 1812 sowie den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815, die unter anderem auf deutschem Boden ausgetragen wurden. Zum Ende der Übung wurde die so genannte deutsch-französische Erbfeindschaft angesprochen, die ein im 19. Jahrhundert geprägter nationalistischer Topos war. Somit entstand die Erbfeindschaft viel später als oftmals angenommen, obschon deutsch-französische Rivalitäten bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts erkennbar waren. Die Übung bot den Studierenden also die Chance für ein tiefergehendes Verständnis für die Themenbereiche der Vorlesung. 

Auch wenn das Wintersemester, aufgrund der Covid-19-Pandemie durchaus schwierig war – insbesondere für die Erstsemester – passte sich die Quellenübung von Herrn Dr. Weiermüller diesem Umstand an und bot den Studierenden wegen der fehlenden Präsenztreffen ein adäquates alternatives Modell an. Die Mischung von eigenverantwortlichem Lernen bzw. Erarbeiten der Inhalte und die dazu begleitende Unterstützung durch den Dozenten fand die richtige Balance. 

von Lea Schulte

Abb.: Auslandspaß für Johan Wilhelm Lohmann vom 21.05.1812 (HdEG: Rep. 800 Nr. 285).

WiSe 2020/21Proseminar „Ruhrkrieg“ in Kooperation mit dem Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie (ZfE) in Duisburg

Die Lehre im diesjährigen Sommersemester wurde durch die Corona-Pandemie gehörig durcheinandergebracht: etliche Lehrveranstaltungen mussten ad hoc vom universitären Seminarraum in das digitale „world-wide-web“ verlegt werden. Sowohl Dozenten als auch Studenten mussten sich mit neuen Methoden des Lehrens und Lernens vertraut machen. Das Proseminar „Ruhrkrieg“ war als Blockveranstaltung in Kooperation mit dem Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie (ZfE) in Duisburg geplant und sollte ursprünglich im Mai 2020 stattfinden. Dieser Termin wurde jedoch aufgrund der stark steigenden Infektionszahlen im Frühjahr immer unrealistischer. Daher wurde das Seminar nach Rücksprache mit dem Leiter des ZfE Dr. Andreas Pilger in den August verschoben, in der Hoffnung, dass das Infektionsgeschehen bis zu diesem Zeitpunkt eingedämmt sein würde. Und tatsächlich: die Infektionszahlen sanken im Verlauf des Sommers, sodass die Lehrveranstaltung erfreulicherweise in Präsenz in den Räumlichkeiten des ZfE stattfinden konnte – freilich unter der Beachtung der AHA-Regeln.

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Wie der Titel des Seminars schon verrät, waren die blutigen Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Arbeitern und Reichswehr- bzw. Freikorpseinheiten, die sich infolge des Kapp-Lüttwitz-Putsches im Ruhrgebiet zwischen März und April 1920 ereigneten, Thema der Lehrveranstaltung. Dass die Deutung dieser dramatischen Ereignisse immer noch umstritten ist, spiegelt sich auch in den widerstreitenden Etikettierungen „Ruhraufstand“, „Märzrevolution“ bzw. „Ruhrkampf“ wieder. Im Verlauf des Seminars wurden daher die Träger der politischen Gewalt sowie deren Zielvorstellungen und Praktiken genauer untersucht. Ein weiterer Untersuchungsgegenstand bildete die nach 1920 einsetzende literarische Rezeption des „Ruhrkriegs“. Anhand von Forschungsliteratur und Quellenmaterial, das von Seiten des ZfE zur Verfügung gestellt wurde, bearbeiteten die Studierenden Fragestellungen zu den Themenkomplexen „Revolution“, „Bürgerkrieg“ und „literarische Rezeption“. Besonders interessante Quellen waren u. a. der Rotgardisten-Roman „Sturm auf Essen“, der 1930 von Hans Marchwitzka verfasst wurde, und die kommunistische Perzeption des Ruhrkriegs widerspiegelt; der Freikorps-Roman „Peter Mönkemann“, der 1936 von Tüdel Weller geschrieben wurde, und die militaristisch-nationalistische Perspektive auf den „Ruhrkrieg“ beleuchtet; sowie ein Schriftwechsel zwischen dem Duisburger Oberbürgermeister Karl Jarres und dem Soziologen Gerhard Colm, welcher Einblicke in frühe Deutungsversuche der bürgerkriegsähnlichen Kämpfe gibt. Colm publizierte wenig später – genauer gesagt 1921 – eine bemerkenswerte Studie, die bis heute als erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Ruhrkrieg“ gilt. Abschließend sei an dieser Stelle dem ZfE – insbesondere Andreas Pilger und Michael Kanther – sowie den Studierenden für die engagierte Zusammenarbeit gedankt, die dieses Seminar erst möglich machte.

von Benedikt Neuwöhner

26.08.2020Exkursion: Blockseminar zur Geschichte der Essener Juden in der Frühen Neuzeit (SoSe 2020)

In Zusammenarbeit mit dem Haus der Essener Geschichte (kurz HdEG) fand im vergangenen Sommersemester zwischen April und August an der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Herrn Dr. Gregor Maximilian Weiermüller das Blockseminar „Jüdische Lebenswelten während der Frühen Neuzeit. Ein Vergleich mit der Stadt Essen“ digital statt. Wie in vielen großen deutschen Städten wurde auch in Essen die Geschichte der Juden vom 19. Jahrhundert bis heute intensiv aufgearbeitet; allerdings wurde die Geschichte der Juden vom 16. bis 18. Jahrhundert fast vollständig außer Acht gelassen. Ziel der Veranstaltung war es daher, am Beispiel von Essen die Perspektive der getrennt von und doch mit Christen verbunden lebenden Juden zu rekonstruieren, wobei der Schwerpunkt auf die innerjüdischen Lebensbedingungen und die vor-/aufklärerischen Herrschaften gelegt wurde. Um diesen zu untersuchen, wurden Quellen wie städtische Judenordnungen, Judengeleitsbriefe der Essener Fürstäbtissinnen und gerichtliche Protokolle herangezogen. Mit deren Hilfe konnten die 26 Studierenden die Lebensumstände der Juden analysieren und Vergleiche anstellen, wie die jüdische Minderheit in anderen Städten (in diesem Fall Köln sowie Frankfurt) lebte.

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Nachdem die Studierenden zunächst Grundlagenwissen über das Thema erworben hatten, wurden als erstes die rechtlichen Rahmenbedingungen für Juden im 17. Jahrhundert anhand von Fachaufsätzen erlernt. Zum damaligen Alltagsleben der Juden in Köln und Frankfurt wurde ebenfalls die Forschungsliteratur konsultiert, wobei diese mit den Erkenntnissen zu den juristischen Leitlinien in Zusammenhang gebracht wurde, um den Unterschied zwischen den Juden im Recht des Heiligen Römischen Reichs und den tatsächlichen Bedingungen in den verschiedenen Territorien zu betrachten. Nach dieser inhaltlichen Vertiefung wurde zur methodischen Festigung der Quellenbestand des HdEG eingesetzt. So sollten die Studierenden in einer Aufgabe mit Hilfe eines Alphabetvergleichs eine Seite einer Handschrift versuchen zu transkribieren. Bei dieser handelte es sich um das Protokoll zum Verhör von zwei Juden, welche vom Essener Fiskal des Diebstahls beschuldigt wurden. Passend dazu wurde anschließend das Reskript der Essener Fürstäbtissin Anna Salome an die Stadt Essen bezüglich eines Verfahrens gegen einen Juden behandelt und von den Studierenden interpretiert. Hierbei konnten die Studierenden das erworbene Wissen über die rechtlichen Bestimmungen und deren tatsächliche Umsetzung anwenden; sie bekamen gleichzeitig einen Eindruck vom spannungsreichen Verhältnis zwischen Stadt und Stift Essen, welches eine große Bedeutung für die Landesgeschichte hatte.

Zum Ausgang des Projektseminars fand am 26.08. eine Exkursion in das HdEG statt, wo die Studierenden zunächst eine Führung durch die Dauerausstellung „Essen – Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert“, den Lesesaal, das Magazin und sogar die Restaurationswerkstatt erhielten. Dabei ging es neben dem Bezug zum Thema des Seminars auch um einen Einblick in die Praxis der Geschichtswissenschaft und um die Berufsbildung. Zu diesem Zweck hielt im Anschluss an die Führung die Leiterin des HdEG, Frau Dr. Claudia Kauertz, noch einen Vortrag zur Archivarbeit als integralem Bestandteil des historischen Forschens. Mit Unterstützung ihrer Stellvertreterin informierte sie über die Anstellung als Archivar/in oder Restaurator/in, deren Ausbildungswege sowie Zukunftsaussichten. Dies war vor allem als denkbare Berufswahl nach Abschluss des Geschichtsstudiums interessant. Auch stellten sie dar, dass diese Betätigungen nur sehr wenig mit dem Vorurteil der verstaubten, langweiligen Archivarbeit zu tun haben; sie zeigten sowohl die Bedeutung ihres Zutuns für die Forschung, als auch die Herausforderungen und Weiterentwicklung von Archiven durch die Digitalisierung der vor Ort gelagerten Schriften auf.

Nach diesem Vortrag sahen sich die Studierenden die originalen Judenordnungen von 1598 und 1695 an sowie vor allem den letzten Schutzbrief für die jüdische Gemeinde Essens (1805). In der Beschäftigung mit diesen Quellen wurden sie vom Dozenten des Seminars betreut. Abschließend konnten darüber hinaus offene Fragen bezüglich der anstehenden Seminararbeit geklärt werden.

Durch die Kooperation mit dem HdEG wurde den Studierenden ein Einblick in ein potentielles Berufsfeld sowie in das für das Studium und das Schreiben von wissenschaftlichen Texten wichtige Archivwesen ermöglicht, was auf jeden Fall einen sehr guten Beitrag zu diesem Seminar geleistet hat.

Weitere Informationen zum HdEG und dessen Tätigkeitsfeldern sind auf folgender Homepage zu finden: http://www.essen.de/stadtarchiv

Abb.: Titelblatt von Fürstlich-Essendische Judenordnung vom 25.01.1695 (HdEG: Rep. 100 Nr. 61).

Studierende mit Dozent der Übung zur Überblicksvorlesung (UDE / Historisches Institut) zu Gast im Grafschafter Museum im Moerser Schloss der Leiterin Diana Finkele.
InKuR

Moers, 13. Januar 2020 „Liebesnest“ und Belagerungszustände – Bericht zur Exkursion nach Moers

Die Universität Duisburg-Essen hat für das laufende Kalenderjahr 2020 eine Jahrespartnerschaft mit der Stadt Moers abgeschlossen, die vom Institut für niederrheinische Kulturgeschichte und Regionalentwicklung (InKuR) und dem Grafschafter Museum im Moerser Schloss getragen wird.

In diesem Rahmen durften dort am letzten Montagnachmittag nun 10 Studierende mit ihrem Dozenten der Übung (zur Überblicksvorlesung) Die Spanier am Niederrhein um 1600, insbesondere in der Grafschaft Moers (Universität Duisburg-Essen / Historisches Institut) zu Gast sein.

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Graf Adolf von Moers unterstützte die Liaison des Kölner Erzbischofs Gebhard Truchseß von Waldburg-Trauchburg mit der lutherischen Stiftsdame Agnes von Mansfeld-Eisleben. Beide trafen sich heimlich im Moerser Schloss, das im Verlaufe des Truchsessischen Krieges von katholischen Spaniern belagert wurde.

Nach der Flucht des Grafen Adolf mit seiner Ehefrau Anna Walburga von Neuenahr in die Niederlande entschied sich bald die Gräfin Walburgis die Grafschaft ihrem Verwandten Moritz von Oranien zu schenken. Erst belagerte dieser Moers, dann zwang er die Spanier zum Abzug. So begann die hundertjährige Herrschaft der Oranier über die Stadt, die den Ausbau zum am Besten befestigten Ort am Niederrhein befahlen.

Studierende saßen zu Tisch der Herren von Moers inklusive der Geschmacksprobe von frühneuzeitlichem Bier/Likör und konnten mit der jugendgerechten Nachbildung einer Miniatur-Armbrust ins Schwarze treffen.

Zweck der Exkursion nach Moers war, also, das emotionale Nacherleben des Lebens in und um die Ringburg, genauso, wie die greifbare Inaugenscheinnahme des Ortes, über den in der Fachliteratur von bisher sehr wenigen Wissenschaftlern im Zuge von zwölf Sitzungen während der Übung gesprochen worden ist.

Die TeilnehmerInnen stehen um den Dozenten herum und hören ihm bei seinem Vortrag zu
ZfE Duisburg

SoSe 2019Bericht über die Exkursion des Blockseminars zur Geschichte des Nationalsozialismus in Duisburg

Im vergangenen Sommersemester fand im Mai und Juni an der Universität Duisburg-Essen und im Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie in Duisburg (kurz ZfE) ein mehrtätiges Blockseminar zur Geschichte des Nationalsozialismus in Duisburg statt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich begann auch in Duisburg die systematische Ausgrenzung und Verfolgung von Oppositionellen und ethnischen Minderheiten. Dennoch waren nur wenige Menschen zum aktiven Widerstand gegen die NS-Diktatur bereit. Ziel der Lehrveranstaltung war es, die Bedingungen von Verfolgung und Widerstand in Duisburg zu rekonstruieren und bestehende Narrative zur Alltagsgeschichte der NS-Herrschaft auf den Prüfstand zu stellen. Anhand von ausgewählten Biographien von Verfolgten, Widerständlern und Tätern untersuchten 20 Studierende deren individuelle Lebenswege wie auch Handlungsoptionen unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur.

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Stellvertretend für das Thema Widerstand wurde die Biographie einer sozialdemokratischen Lehrerin und eines lokalen kommunistischen Parteikaders untersucht. Zum Thema Verfolgung wurden Quellen und Forschungsliteratur zum NSDAP-Kreisleiter Wilhelm Loch und einem Beamten der Duisburger Kriminalpolizei, der u. a. in die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma verstrickt war, ausgewertet. Darüber hinaus wurde die Biographie einer beim Duisburger Gesundheitsamt angestellten Ärztin untersucht, die im Rahmen der NS-Gesundheitspolitik, der sog. „Rassenhygiene“, an der Anordnung von Zwangssterilisationen beteiligt war. Um Lebenswege und Handlungsoptionen der vom NS-Regime Verfolgten zu rekonstruieren, wurden Quellen und Forschungsliteratur über Sinti, Roma und Juden ausgewertet, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Duisburg wohnten und zum Opfer des NS-Verfolgungsapparat wurden. Nachdem die Studierenden in der ersten Blocksitzung Grundlagenwissen zur NS-Verfolgungspolitik, NS-Herrschaft sowie zum Widerstand gegen das NS-Regime erarbeitet und Fragestellungen zu den genannten Themenkomplexen entwickelt hatten, wurden die vom ZfE zur Verfügung gestellten Quellen in mehreren arbeitsintensiven Tagen von den Studierenden, die sich zuvor in Gruppen aufgeteilt hatten, ausgewertet und analysiert. Hierbei wurden die Studierenden von den Mitarbeitern des ZfE und dem Dozenten des Seminars unterstützt. Die Arbeit im ZfE wurde von einem Besuch im Stadtarchiv und einer Führung durch die Dauerausstellung des Duisburger Stadtmuseums eingerahmt. Am letzten Termin des Blockseminars, der an der Universität Duisburg-Essen stattfand, präsentierten die Studierenden ihre Ergebnisse in einem mündlichen Vortrag. Abschließend ist festzuhalten, dass die Kooperation mit dem ZfE den Studierenden eine unmittelbare und intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus vor Ort ermöglichte.

 

Weitere Informationen zum ZfE und dessen Tätigkeitsfeldern sind auf folgender Homepage zu finden:

https://www2.duisburg.de/micro2/zek/index.php

Münster, 1. Juli 2019Zwischen erwartetem Weltuntergang und erfolgter Befreiung – Bericht zur Exkursion ins Münster der Täufer

Am Montag, 1. Juli 2019, trafen sich die Studierenden des Proseminars mit Textkompetenzübung Das Täuferreich von Münster in den 1530er Jahren (Universität Duisburg-Essen, Historisches Institut, Sommersemester 2019) mit den beiden Dozenten Dr. Gregor Weiermüller und Anke Fehring in Münster, um sich die erhaltenen Gebäude und Plätze aus der Zeit des Täuferreichs von Münster (1534/1535) anzusehen. Der Rundgang durch die Innenstadt wurde von einer Gästeführerin der Stadt Lupe. Münster Touristik unter dem Motto Als der Weltuntergang ausfiel – Die Täufer in Münster angeführt. Im Proseminar sind zuvor grundsätzliche Begrifflichkeiten rund um die Täufer erarbeitet worden. Insbesondere wurde die Vertreibung der nicht-taufwilligen Münsteraner und Immigranten mit Hilfe des Aufsatzes Jan Mathys und die Austreibung der Taufunwilligen aus Münster Ende Februar 1534 von Ernst Laubach besprochen. Viele der historischen Orte, an denen die Täufer wirkten, sind noch heute in Münster erhalten. Aufgrund dessen und wegen der geografischen Nähe bot sich diese Stadt für den Lehrausflug als Abschluss des Proseminars mit Unterhaltungswert an. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisten selbstständig an und trafen sich vor der ehemaligen Stadtmauer.

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Von hier aus leitete eine Stadtführerin die Gruppe zunächst zu einem gusseisernen Stadtplan, an dem sie uns bereits die wichtigsten Stationen der Führung nannte. Danach folgte der Gang zur Servatii-Kirche. Auf dem Weg hinüber zeigte die Gästeführerin auf die in der Straße eingelassenen Rundsteine, die an die Zugehörigkeit Münsters zur Hanse erinnern sollen. Auf jedem Stein findet sich der Name und das Wappen einer Stadt, mit der Münster im Mittelalter Handel trieb. Die Stadtführerin hob besonders den Stein der Stadt Zwolle hervor. Mit diesen Handelsbeziehungen kamen die ersten Täufer aus den Niederlanden nach Münster und fanden schnell Anklang unter den alteingesessenen Kaufleuten sowie bei den Ratsherren. Einer, der mehrere reformatorische Richtungen ausprobierte, bevor er sich dem von Melchior Hofmann geprägten Täufertum zuwandte, war der aus Stadtlohn gebürtige Bernd Rothmann. Er predigte zuerst in der Kirche St. Mauritz, dann in St. Lamberti, später in der Servatii-Kirche, in der er den Münsteranern die Lehre der Täufer näher brachte, womit er bald großen Erfolg hatte. Der wichtigste Unterschied in ihrer Lehre sowohl zum Katholizismus als auch zu Lutherischen lag in der Erwachsenentaufe. Die Gläubigen sollten erst dann getauft werden, wenn sie dies selbst entscheiden konnten. In der Servatii-Kirche zerstörten die Täufer im Verlauf des Ikonoklasmus heilige Bilder und (Marien-) Statuen. Das nächste Ziel der Führung war das Historische Rathaus. Es wurde nach der Bombardierung Münsters im Zweiten Weltkrieg (1942 und 1943) 1948 wiederaufgebaut, wobei heute nur noch die Fassade dem historischen Original entspricht. An der Vorderseite findet sich ein weiterer Hinweis auf die Täufer. Die Teufels-Säule zeigt die Köpfe der drei Täuferführer Jan Beuckelszoon (auch: Jan van Leiden), den selbsternannten „König“ des wieder errichteten „Königreich Zion“, Jan Mathys, den Propheten der Täufer und Bernd Knipperdolling, ihren Bürgermeister. Vom Rathaus ging es weiter zum Knipperdolling-Haus. Dort vollzog der Gastgeber selbst die ersten Erwachsenentaufen in Münster und sein Eigenheim wurde für wichtige Versammlungen der Täufer genutzt.

Sowohl das Rathaus als auch das Knipperdolling-Haus liegen am Prinzipalmarkt. Hier tauften die Täufer die noch nicht getauften Bürger Münsters im Februar 1534 und zwangen alle, die sich weigerten, die Stadt zu verlassen. Der Zeitzeuge Hermann von Kerssenbrock beschrieb sogar den Plan des Jan Mathys‘ die Taufunwilligen zu töten. Dieser Plan ist jedoch in der Forschung umstritten und wurde im Proseminar anhand des Aufsatzes von Ernst Laubach diskutiert. Laubach ist der Meinung, dass der Mordplan nicht existierte und reiht sich somit in die ältere Forschung des Leopold von Ranke und Carl Adolf Cornelius ein. Für Laubach ist der Plan ein Stilmittel Kerssenbrocks, um seine Erzählung spannender zu gestalten. Von dieser Erörterung hatte unsere Gästeführerin freilich keine Kenntnis und vertrat diesen weiterhin.

Der Dom war der nächste Halt während der Führung. Hier wies die Stadtführerin auf die Verzierungen am Eingangsbereich hin. Zu sehen sind die Statuen der Zwölf Apostel. Oberhalb des Portals thront Jesus Christus als Weltenrichter. Wird das Portal durchschritten, gelangt man in den Dom. In diesem „Haus Gottes“ kann man noch heute an einigen Stellen die Zerstörung während des Bildersturms erkennen. So wurde etwa das Gesicht einer Statue einer vornehmen Äbtissin im Chorumgang mit schweren Kerben versehen und auch an der Christophorusstatue im Westschiff sind ebensolche Beilhiebe zu erkennen. Die Astronomische Uhr, die ebenfalls diesen Verwüstungen zum Opfer fiel, kann man heute wieder besichtigen. Darüber hinaus finden sich auch im Kreuzgang etliche Figuren, die von dem Wüten gekennzeichnet sind. Die Führung wird um den Dom herum zur Nordseite fortgesetzt, von wo aus man einen guten Blick auf die Liebfrauen-/Überwasserkirche hat. Das Besondere an dieser gotische Hallenkirche ist ihr fehlender Turm. Dieser wurde von den Täufern abgerissen, um oben diverse Geschütze aufstellen zu können und sich somit besser gegen die Angriffe der Söldner, die in einer katholisch-evangelischen Militär-Allianz unter dem Oberbefehl des Fürstbischofs Franz von Waldeck standen, verteidigen zu können. Diese Überwasserkirche ist neben dem fehlenden Turm auch für ein anderes Ereignis bekannt, denn die Täufer verbrannten Bücher, um alle aus ihrer Sicht falschen Lehren endgültig zu beseitigen, sowie Urkunden. Auch das Archiv der Überwasserkirche sollte vernichtet werden, doch die Äbtissin, Ida von Merveldt, sowie zwei Schwestern verkleideten sich als Mägde und flüchteten, Milchkannen mit den wichtigsten Dokumenten auf dem Kopf tragend, aus Münster. Mit Tatkraft und Einfallsreichtum konnten sie vor den plündernden Täufern in Sicherheit gebracht werden. Demgegenüber verkohlte der täuferische Haufen vor dem Rathaus fast vollständig den gesamten Bestand des Stadtarchivs an Akten, Urkunden der Privilegien, Ratsprotokollen und Stadtrechnungen.

An der östlichen Seite des Doms steht eine Figur des Jan van Leiden. Sie zeigt ihn mit einem Schwert, dem Reichsapfel, der Bibel und religiösen Flugschriften. Die Gästeführerin wies auf die Parallelen zwischen den Herrschaftsformen des Jan van Leiden und dem NS-Regime hin. Beide duldeten keinen Widerspruch, gingen mit äußerster Brutalität gegen Abweichler und Kritiker vor. Die Führung endete an der St.-Lamberti-Kirche. An der Südseite des Turms sind eiserne Körbe angebracht, in denen die Täuferführer Bernhard Krechting, Bernd Knipperdolling und Jan van Leiden nach ihrer Exekution am 22. Januar 1536 zur Schau gestellt wurden. Dies sollte eine abschreckende Wirkung erzielen und erfüllte den Zweck einer Strafverschärfung, weil ihre Körper nicht bestattet werden konnten. Allen sollte gezeigt werden, was mit Aufrührern passiere, speziell dann, wenn man sich den Täufern anschließe. Heute sind die „Käfige“ eine touristische Attraktion und sie werden sogar nachts mit einer LED-Beleuchtung angestrahlt. Diese Installation trägt den Titel „Irrlichter“ und wurde von Lothar Baumgarten angebracht. Mit diesem Ausflug nach Münster fand das Proseminar mit den theoretisch vermittelten Inhalten praktisch einen Abschluss. Die Studierenden konnten sich angesichts den heute noch erhaltenen historischen Orten ein eigenes Bild über die Zeit der Täufer machen.

von Jonas Richter

Abb.: Studierende und Lehrende vor St. Lamberti.