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2026-04-21 | Mitglieder

Projektabschluss-Workshop: Diskriminierungskritische Professionalisierung im Medizin- und Lehramtsstudium (Diskrit)

Am 17. und 18. März 2026 fand ein zweitägiger Abschluss-Workshop zu Beginn der internationalen Wochen gegen Rassismus unter dem Titel „Diskriminierungskritische Professionalisierung im Medizin- und Lehramtsstudium“ (Diskrit) am Campus Essen statt. Im Rahmen des Workshops diskutierten Kolleg:innen aus dem InZentIM zusammen mit geladenen Expert:innen die Ergebnisse ihrer Vorstudien aus der interdisziplinären Forschungsinitiative, die durch den Profilschwerpunkt Wandel von Gegenwartsgesellschaften gefördert wurde.

Das erste Panel „Lehre und Professionalisierung“ wurde von Nicolle Pfaff (InZentIM, Universität Duisburg-Essen) moderiert. Lalitha Chamakalayil (Fachhochschule Nordwestschweiz) präsentierte unter dem Titel „Wessen Verantwortung? Responsibilisierung und Bildung“ ihre Befunde aus zwei Forschungsprojekten zum Verhältnis von Schule und Eltern. Vor dem Hintergrund der Praxis der Responsibilisierung von Eltern in durch Rassismus geprägten Verhältnissen fragte sie, wer durch wen professionalisiert wird und wie Lehrkräftebildung in diese Diskurse intervenieren kann. Gina Atzeni (Ludwig-Maximilians-Universität München) zeigte in ihrem Vortrag „Kritik und professionelles Selbstbild – eine Verhältnisbestimmung“ anhand von historischen und aktuellen Autobiographien prominenter Ärzt:innen, dass Reflexion und Selbstkritik zur ärztlichen Profession gehören. Jedoch verschieben sich die Instanzen, die als reflektierend oder legitimierend angerufen werden.

Aus den Ergebnissen der Teilprojekte zeigte Cynthia Szalai (Universitätsklinikum Essen) mit ihrem Beitrag „Diskriminierungsrelevantes und diskriminierungskritisches Wissen im Studium des Lehramts und der Medizin“ auf Basis von Curriculumsanalysen, dass diskriminierungsbezogene Inhalte im Medizinstudium nur sporadisch auftauchen und nicht systematisch integriert sind. Vorhandene Bezüge weisen keine kritische Einbettung und keine longitudinale Struktur auf. Zusammen mit Anja Weiß (InZentIM, Universität Duisburg-Essen) beobachtete sie zudem Medizinstudierende im Praktischen Jahr dabei, wie sie eine Simulationspatientin behandelten. Ein Szenario diente dazu, die Kommunikation mit Patient:innen zu üben. Im Szenario waren Herausforderungen enthalten, die Risiken für direkten und institutionellen Rassismus mit sich bringen können. In ihrer professionssoziologischen Analyse mit dem Titel „Professioneller Umgang mit Diskriminierungsrisiken. Ergebnisse aus der Beobachtung von Medizinstudierenden, die eine Schauspielpatientin behandeln“ zeigte Anja Weiß die Komplexität der Handlungsanforderungen auf. Wie Rassismuskritik als explizite Anforderung in der Ausbildung von Medizinstudierenden thematisiert werden kann, blieb als offene Frage bestehen. Kevin Niehaus (InZentIM, Universität Duisburg-Essen) präsentierte unter dem Titel „Professioneller Umgang mit Diskriminierungsrisiken an der Schnittstelle von Mehrsprachigkeit, Sprachbildung und Inklusion. (Erste) Ergebnisse aus einer Longitudinalstudie mit Lehramtsstudierenden“ die Datenauswertungen einer qualitativen Längsschnittstudie mit Lehramtsstudierenden zum Umgang mit Mehrsprachigkeit. Demnach starten Grundschullehrkräfte zunächst diskriminierungssensibel und kindzentriert, handeln unter Praxisdruck aber stärker strukturorientiert, während Sonderpädagogik-Studierende Mehrsprachigkeit von Beginn an häufiger als strukturelle Belastung betrachten.

Das zweite Panel „Erfahrungen“ wurden von Philipp Jugert (InZentIM, Universität Duisburg-Essen) moderiert. Carolin Hagelskamp (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin) stellte mit ihrem Vortrag „Diversitätsklima im deutschen Hochschulkontext: Erste Forschungsergebnisse und einige Fragen zum weiteren Vorgehen“ empirische Befunde einer Längsschnittstudie zum Diversitätsklima auf zwischenmenschlicher und organisationaler Ebene vor. Dabei zeigte sich, dass institutionelle Unterstützung für intergruppalen Kontakt der entscheidende Faktor für Zugehörigkeit, Studienleistung und positive Diversitätseinstellungen war. Katharina Schitow und Saphira Shure (Universität Bielefeld) stellten in ihrem Beitrag „Rassismus professionalisiert. Lehrer:innenbildung im Spiegel der Erfahrungen von Studierenden“ erste Resultate aus der Forschungsgruppe „Gelingensbedingungen rassismussensibler Lehrer:innenbildung“ (GRAL) vor. Vor dem Hintergrund grundlegender rassismustheoretischer Bestimmungen zu Rassismus als soziale Ordnung zeigten sie, wie Rassismus die Lehrkräftebildung über Affekte der Angst informiert, angehende Professionelle diszipliniert und gleichzeitig de-thematisiert wird. Im Fokus der Präsentation „Ansätze für eine rassismuskritische Weiterentwicklung des Studiengangs Humanmedizin“ von Rashidah Hassen (Ludwig-Maximilians-Universität München) stand die Sichtweise von Medizinstudierenden auf die Einbindung von Konzepten zur Sensibilisierung für Diskriminierung in die Ausbildung an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie die laufenden medizinischen Projekte, die sich mit diesem Thema befassen.

Aus den Diskrit-Vorstudien stellte Philipp Jugert (InZentIM, Universität Duisburg-Essen) Ergebnisse der Studierendenbefragung „Diskriminierungserfahrungen Studierender im Lehramt und in der Medizin“ vor. Zentral zeigte sich, dass vor allem subtile, alltägliche Diskriminierung und Mikroaggressionen verbreitet sind, insbesondere betroffen davon sind ethnisch minorisierte Studierende und Studierende der Medizin. Zudem wird ein Bedarf an mehr institutioneller Unterstützung und Maßnahmen betont, wobei insbesondere muslimische Frauen als besonders betroffene Gruppe hervortreten. Auf der Grundlage von Gruppendiskussionen mit Lehramts- und Medizinstudierenden zeigte Nicolle Pfaff (InZentIM, Universität Duisburg-Essen) in ihrem Vortrag „Erfahrungen mit Diskriminierung, ihrer Verhandlung und Kritik im Studium des Lehramts und der Medizin“ wie sich die Universität auf der Grundlage von strengen Hierarchien und Selektionsdrohungen gegen macht- und rassismuskritische Interventionen immunisiert. Rassismuskritik wird dabei entfachlicht und als fakultativ oder informell zu bewältigende Persönlichkeitsentwicklung konstruiert. Gruppen von Studierenden treten dabei als institutionell (v)er(un)möglichte Kontexte der (De-)Solidarisierung auf.

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