Politische Ungleichheit und Repräsentation in der postmigrantischen Demokratie
Wissenschaft und Praxis im Gespräch:Politische Ungleichheit und Repräsentation in der postmigrantischen Demokratie
von Lena Marie Burbach
Einleitung
Die postmigrantische Gesellschaft stellt die politische Theorie und Praxis vor grundlegende Herausforderungen. Das demokratische Versprechen der Gleichheit weicht in der empirischen Realität für Menschen mit Migrationsbiografie oft einer gelebten Exklusion. Warum ist das gerade jetzt, im Jahr 2026, ein so drängendes Thema? Klassische Erklärungsansätze, die politische Ungleichheit bloß auf individuelle Ressourcendefizite zurückführen, greifen oft zu kurz.
Um die tieferen Ursachen zu beleuchten, veranstaltete das Kooperationsprojekt „Politische (Un-)Gleichheit in der postmigrantischen Demokratie" (PoMigDem) am 12. und 13. März 2026 eine Mid-Term Konferenz an der Universität Duisburg-Essen. Die dort präsentierten interdisziplinären Zwischenergebnisse zeigten auf, dass Demokratieerfahrung und politische Teilhabe tief in den alltäglichen Lebenswelten verwurzelt sind. Vor diesem Hintergrund widmet sich dieser Beitrag der Frage, wie fehlende politische Responsivität und das Aufkommen alternativer Repräsentationsfiguren das Demokratieverständnis von marginalisierten Gruppen verändern.
Im Folgenden wird beleuchtet, wie aktuelle Forschungsprojekte diese Dynamiken im Alltag, am Arbeitsplatz und in Bildungsinstitutionen entschlüsseln, welche Rolle die Macht der Sprache spielt und wie zivilgesellschaftliche Akteure die Brücke zur Praxis schlagen. Im Zentrum dieses Berichts steht daher die Leitfrage: „Wie erleben marginalisierte Gruppen politische Ungleichheit in Alltag, Arbeit und Öffentlichkeit und was bedeutet das für das Gleichheitsversprechen einer postmigrantischen Gesellschaft?"
Die Projekte der Tagung
Das übergeordnete Kooperationsprojekt PoMigDem untersucht Mechanismen politischer Ungleichheit entlang der Dimensionen Zugehörigkeit, Partizipation und Repräsentation. Der vergleichende Blick auf die verschiedenen Teilprojekte macht deutlich, dass es sich um Bausteine eines großen Ganzen handelt, die aufzeigen, wie diese Dynamiken empirisch sichtbar gemacht werden können.
„Nicht gesehen, nicht gesprochen, nicht gehört. Politische Responsivität und intersektionale Ungleichheit" (Pickel/Kowalski)
Das von Prof. Dr. Susanne Pickel und Katharina Kowalski geleitete Teilprojekt „Nicht gesehen, nicht gesprochen, nicht gehört. Politische Responsivität und intersektionale Ungleichheit" (NIG) untersucht die Frage, wie eine mangelnde politische Responsivität das Demokratieverständnis marginalisierter Gruppen beeinflusst. Das qualitative, rekonstruktive Forschungsdesign stützt sich hierzu auf sieben Fokusgruppeninterviews, die von Oktober 2025 bis Januar 2026 durchgeführt wurden. Um eine möglichst heterogene Stichprobe zu gewährleisten, wurden bei der Rekrutierung gezielt Personen mit unterschiedlicher Herkunft, Religion, Geschlecht und sozioökonomischem Hintergrund berücksichtigt.
Ein wichtiges Element der empirischen Erhebung war der Einsatz des fiktiven Szenarios „Im Aufzug mit dem Bundeskanzler", um die Wahrnehmung von Responsivität im unmittelbaren persönlichen Kontakt zu explorieren. Fokusgruppen bieten hierbei den Vorteil, dass durch die soziale Interaktion der Teilnehmenden kollektive Meinungen und Einstellungen sichtbar werden können, die in Einzelinterviews schwerer zugänglich wären. Die qualitative Auswertung mittels der Software MaxQDA kombiniert in der aktuellen Analysephase die Entwicklung eines Codesystems, das auf Basis theoretischer Vorannahmen (deduktiv), des vorliegenden Materials (induktiv) sowie durch abduktive Anpassungen im Analyseprozess erarbeitet wurde. Zur wissenschaftlichen Einordnung dieser Befunde wird das allgemeine Paradigma der postmigrantischen Gesellschaft herangezogen, welches Migration als einen Seismograph versteht, der die Schwachstellen des normativen demokratischen Gleichheitsversprechens offenlegt (Foroutan 2019).
Ein Kernbefund des Projekts bezüglich der Responsivität offenbart, dass politische Responsivität von den Befragten oft als eine performative „Wahlkampf-Responsivität" wahrgenommen wird, bei der inhaltliche Aufmerksamkeit primär dann geschenkt wird, wenn Stimmen akquiriert werden müssen. Je nach Ausprägung der individuellen Responsivitätserwartung lassen sich dabei drei distinkte Kommunikationstypen identifizieren. Der Typus des Rückzugs ist durch eine niedrige Erwartungshaltung und aktive Kontaktvermeidung gekennzeichnet. Der Typus der Konfrontation weist eine mittlere Erwartungshaltung auf und fordert von den politischen Akteuren die Einhaltung ihrer Rechenschaftspflicht ein. Der Typus der Vermittlung besitzt hingegen eine höhere Erwartungshaltung und zielt darauf ab, einen Perspektivwechsel bei den Verantwortlichen anzuregen.
Öffentliche Diskurse erzeugen für die Betroffenen zudem oft einen exkludierenden Kontext, der sie zur Rechtfertigung ihrer Präsenz zwingt (Pilati 2015). Als Coping-Strategie nutzen die Teilnehmenden in der Folge häufig Sarkasmus und Zynismus. Da das Vertrauen in das klassische parlamentarische System und seine Akteure dadurch erodiert, nehmen die Teilnehmenden Defizite in der Responsivität wahr. Die Sehnsucht nach Authentizität und symbolischer Sichtbarkeit äußert sich in spezifischen Aussagen der Fokusgruppen, in denen nicht-elektorale Figuren der Populärkultur wie der Rapper Haftbefehl oder Prinzessin Diana genannt werden.
Kritisch zu betrachten ist hierbei, dass die Teilnehmenden nicht zwingend von diesen Personen real repräsentiert werden möchten; vielmehr artikulieren sie den Wunsch nach politischen Repräsentant*innen, die ähnliche Qualitäten wie diese Figuren besitzen – namentlich Nahbarkeit, Glaubwürdigkeit und eine explizite Sichtbarkeit im öffentlichen Raum (Saward 2010). Zur tieferen Analyse dieser sich überschneidenden sozialen Merkmale der Teilnehmenden erweist sich das Konzept der Intersektionalität als gewinnbringend, um die mehrdimensionalen Exklusionsmechanismen im Zusammenspiel von Herkunft, Geschlecht und Klasse zu erfassen (Crenshaw 1989).
Ausgrenzung am Arbeitsplatz (Niederberger/Orha)
Das Modul A.2 „Einander in die Augen schauen können. Von der Gesellschaft der Gleichen zur partizipativen Demokratie", geleitet von Prof. Dr. Andreas Niederberger und Ibrahim Orha, stellt ein weiteres Teilprojekt von PoMigDem dar und nimmt die Hierarchieerfahrungen am Arbeitsplatz in den Blick. Am Beispiel einer Fallstudie bei Amazon wird deutlich, dass in algorithmisch gesteuerten und überwachten Arbeitsverhältnissen individuelle Wirksamkeit verloren gehen kann. Die Überwachung und Hierarchisierung führen oft zu einem Spillover-Effekt. Wer am Arbeitsplatz die Erfahrung macht, keine Stimme zu haben, tendiert dazu, auch das Vertrauen in die Wirksamkeit der eigenen Stimme im demokratischen Staat zu verlieren.
Ausgrenzung in der Schule (Benbow et al.)
Einen anderen Ausschlussmechanismus beleuchtet das von Dr. Alison Benbow, Prof. Dr. Aileen Edele und Prof. Dr. Philipp Jugert geleitete Modul B.1 „Partizipation in staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen stärken: Perspektiven migrantischer Eltern", welches sich als Teilprojekt der Partizipation widmet. Hier ist es weniger die technokratische Kontrolle, sondern eine institutionelle Ignoranz und mangelnde Diversitätskompetenz der Bildungsinstitutionen, die Barrieren aufbaut. Eltern mit Migrationsgeschichte berichten in den Untersuchungen von Sprachbarrieren und dem Gefühl, als Bittsteller statt als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Diese strukturellen Hürden senken die External Efficacy. Damit ist die fundamentale Überzeugung gemeint, dass staatliche und gesellschaftliche Institutionen überhaupt adäquat auf die eigenen Bedürfnisse und Anliegen reagieren, was für den Aufbau von Systemvertrauen zentral ist.
Diskussion: Die Macht der Sprache
Ein zentrales Thema der Tagung war die kritische Reflexion der in der Forschung verwendeten Begrifflichkeiten. Der etablierte Begriff des Migrationshintergrunds, der laut Statistischer Definition Personen umfasst, die selbst oder deren Eltern nach 1949 zugewandert sind, stößt in der wissenschaftlichen Praxis an seine Grenzen. Er wird gesellschaftlich oft als Defizit-Kategorie wahrgenommen und bleibt analytisch unscharf. Zudem steht er in der Kritik, Menschen pauschal als „anders" zu markieren und so ungewollt ausgrenzende Strukturen zu reproduzieren. Der Begriff kann zur Subjektivierung beitragen, indem er Individuen in bestimmte Rollen drängt und ihre Handlungsfähigkeit einschränken kann (Klevermann 2022).
Die Konferenz diskutierte daher machtkritische Alternativen, die das Verhältnis zur Macht ins Zentrum rücken. Während das Konzept der Regierten auf die reine Betroffenheit durch staatliches Handeln abstellt, rückt der Begriff der Denizens beziehungsweise der Wohnbevölkerung das moralische Recht auf Responsivität für alle Menschen in den Vordergrund, die dauerhaft in einem gemeinsamen Raum leben und den Gesetzen unterworfen sind (Bloks und Häuser 2025). Eine reflektierte, kontextabhängige Kategorisierung muss diese Macht der Sprache aktiv mitdenken.
Podiumsdiskussion
Die abendliche Podiumsdiskussion, moderiert von Prof. Dr. Andreas Blätte und Prof. Dr. Nihad El-Kayed, verdeutlichte die politische Tragweite dieser Befunde für die zivilgesellschaftliche Praxis. Im Gespräch mit Prof. Dr. Tarik Abou-Chadi (PoMigDem-Beirat und Politikwissenschaftler an der Universität Oxford), Prof. Dr. Anja Weiß (Soziologin an der Universität Duisburg-Essen) und Deniz Greschner (Multikulturelles Forum Dortmund) wurde eine diskursive Verschiebung im öffentlichen Raum problematisiert. Mainstream-Parteien übernehmen zunehmend rechte Narrative, was zur Normalisierung radikaler rechter Postulate beitragen kann. Anja Weiß ergänzte hierzu, dass eine gefestigte Minderheit den gesellschaftlichen Diskurs dominiert, während sich die gemäßigte Mitte an diesen beharrlichen Stimmen orientiert.
Deniz Greschner vom Multikulturellen Forum Dortmund machte spürbar, was dies für die soziale Arbeit bedeutet: Neben Angriffen und Hetze gegen migrantische Mitarbeitende führt der rechte Druck im öffentlichen Diskurs zu einem vorauseilenden Gehorsam staatlicher Stellen, wodurch bereits bewilligte Fördergelder, beispielsweise aus dem Programm „Demokratie leben!", zurückgezogen wurden. Marginalisierte Gruppen sind somit nicht nur mit repräsentativer Unsichtbarkeit konfrontiert, sondern erleben in der Praxis einen aktiven Abbau ihrer schützenden zivilgesellschaftlichen Infrastrukturen. Umso notwendiger erscheint es, neue progressive Identitäten zu schaffen, die, wie der Ansatz von Zohran Mamdani zeigt, progressive Werte mit einer klaren Klassenorientierung verknüpfen, um breitere Identifikationsflächen jenseits ethnischer Grenzen zu bieten.
Ausblick
Die Analyse der Tagung zum Kooperationsprojekt „Politische (Un-)Gleichheit in der postmigrantischen Demokratie" (PoMigDem) zeigt, dass politische Ungleichheit in Deutschland weit über individuelle Ressourcenunterschiede hinausgeht. Bezogen auf unsere Leitfrage, wie marginalisierte Gruppen Ungleichheit im Alltag erleben und was dies für das Gleichheitsversprechen bedeutet, lässt sich festhalten, dass die mangelnde Wahrnehmung politischer Responsivität zu einer tiefgreifenden Entfremdung von etablierten politischen Akteuren und Institutionen führen kann. Es ist die Wahrnehmung der Teilnehmenden, dass sie durch eine fehlende Responsivität und exkludierende Diskurse aus dem demokratischen Raum gedrängt werden. Die qualitative Hinwendung zu alternativen Qualitäten popkultureller Figuren suggeriert das Bedürfnis nach einer nahbareren symbolischen Vertretung.
Was nehmen Wissenschaft und Praxis nun aus dieser Konferenz mit, und welche Fragen bleiben offen? Für die Zukunft stellt sich eine neue forschungsleitende Frage: Über welche konkreten institutionellen Reformen können partizipative Verfahren im vorpolitischen Raum – wie etwa im Betrieb oder im Quartier – dauerhaft verankert werden, um dem subjektiven Gefühl der Ohnmacht wirksam zu begegnen? Während die Wissenschaft vor der Herausforderung steht, Ungleichheiten sichtbar zu machen, ohne sie begrifflich zu zementieren, muss die Praxis Räume des dauerhaften Dialogs etablieren. Am Ende steht die fundamentale Erkenntnis, dass das Versprechen einer postmigrantischen Demokratie nur dann eingelöst werden kann, wenn wir lernen, Responsivität nicht als temporäre Performance im Wahlkampf, sondern als kontinuierliche, verlässliche Praxis im Alltag aller hier lebenden Menschen zu verstehen.
Literaturverzeichnis
Bloks, S. A. und Häuser, D. (2025), Denizenship and democratic equality, Critical Review of International Social and Political Philosophy, 28(1), S. 60–80.
Crenshaw, K. (1989), Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics, University of Chicago Legal Forum, 1989(1), S. 139–167.
Foroutan, N. (2019), Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld: transcript Verlag.
Klevermann, N. (2022), Organisationen der postmigrantischen Gesellschaft. Eine Subjektivierungsanalyse von Kollektiven. Opladen: Verlag Barbara Budrich.
Pilati, K. (2015), Migrants' Political Participation in Exclusionary Contexts: From Subcultures to Radicalization. London: Palgrave Macmillan.
Saward, M. (2010), The Representative Claim. Oxford: Oxford University Press.
Quellenverzeichnis
Pickel, S. und Kowalski, K. (2026), Nicht gesehen, nicht gesprochen, nicht gehört. Politische Responsivität und intersektionale Ungleichheit. Vortrag zur Präsentation von Zwischenergebnissen. PoMigDem Mid-Term Konferenz, 12. März, Universität Duisburg-Essen.
