LexiLuchs – eine formative Diagnostik zur Erfassung semantisch-lexikalischer Lernpotenziale und Lernverläufe

LexiLuchs – eine formative Diagnostik zur Erfassung semantisch-lexikalischer Lernpotenziale und Lernverläufe

Projektleitung

Prof. in Dr. in Tanja Ulrich

Projektkoordination

Cornelia Grefe (abgeordnete Lehrkraft)

Laufzeit

2024–2028

Hintergrund

Der Bereich der Diagnostik zählt zu den Kernkompetenzen einer jeden Lehrkraft (Gebhardt, 2023; KMK, 2015, 2022). Die Sprachdiagnostik zielt darauf ab, die Sprachentwicklung aller Kinder beurteilen und auf Basis dessen spezifische und individuelle sprachliche Fördermaßnahmen anbieten zu können (Berg, 2017; C. Lüke & Spreer, 2025). Sprachliche Fähigkeiten sind dabei zentral für die Gesamtentwicklung des Kindes und dessen gesellschaftliche und bildungsbezogene Teilhabe (C. Lüke & Spreer, 2025; Sallat, Weinert, van Minnen & Seidel, 2022).

Semantisch-lexikalische Fähigkeiten, also Fähigkeiten im Bereich des Wortschatzes, gelten als zentraler Prädiktor des Bildungserfolgs (Dale, Paul, Rosholm & Bleses, 2023; Glück & Spreer, 2015). Zur Erhebung der lexikalischen Fähigkeiten von Schüler:innen werden im Unterricht häufig zunächst Beobachtungssituationen geschaffen, deren Ergebnisse mittels Beobachtungsbögen festgehalten werden (Mayer & Gaigulo, 2022; Ulrich, 2017). Bei vermuteten lexikalischen Auffälligkeiten werden anschließend standardisierte und normierte Testverfahren zur Überprüfung der semantisch-lexikalischen Fähigkeiten durchgeführt (Mayer & Gaigulo, 2022; Ulrich, 2017).

Neben dem Einsatz von standardisierten und normierten Testverfahren wird eine formative Diagnostik empfohlen, um die Wortlernfähigkeiten auch von Kindern mit heterogenen Lernvoraussetzungen beurteilen zu können (Motsch, Marks & Ulrich, 2022; Winkes & Till, 2023). Im Gegensatz zu standardisierten Testverfahren, welche die Sprachentwicklung eines Kindes zu einem Zeitpunkt betrachten und diese mit Normierungsdaten vergleichen, zählen Testverfahren wie Dynamic Assessments oder die Lernverlaufsdiagnostik zur formativen Diagnostik, die anstelle des Lernprodukts den Lernprozess in den Blick nehmen (Winkes & Till, 2023). Trotz der Forderung, formative Diagnostikverfahren verstärkt im Unterricht einzusetzen (Haas et al., 2025; Moser et al., 2024), existieren im deutschsprachigen Raum für Schulkinder bislang keine formativen Diagnostikverfahren zu semantisch-lexikalischen Fähigkeiten.

Ziel

Ziel des Forschungsprojekts ist die Entwicklung, Pilotierung und Evaluation einer digital gestützten formativen Diagnostik auf semantisch-lexikalischer Ebene, welche durch pädagogisches Fachpersonal im Primarbereich innerhalb des Unterrichts angewendet werden kann. Im ersten Schritt soll ein internationaler Überblick über formative Diagnostikverfahren semantisch-lexikalischer Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen gegeben werden. Dabei sollen die Anforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten der Diagnostikverfahren sowie die zugrundeliegenden sprachlichen Kompetenzen auf semantisch-lexikalischer Ebene herausgestellt werden. Im zweiten Schritt wird ein formatives Diagnostikverfahren auf Grundlage der bisherigen Forschungsergebnisse digital gestützt entwickelt und an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Sprache sowie an inklusiven Grundschulen evaluiert. Die Entwicklungsprozesse semantisch-lexikalischer Fähigkeiten von Kindern mit individuellen Lernvoraussetzungen sollen differenziert dargestellt und in Beziehung zu potenziellen Einflussfaktoren der Wortlernfähigkeiten gesetzt werden. So sollen die Lernpotenziale und Lernverläufe der Kinder auf semantisch-lexikalischer Ebene dargestellt werden.

Methode

Im Rahmen des Forschungsprojekts wird zunächst ein Scoping Review zu formativer Diagnostik auf semantisch-lexikalischer Ebene durchgeführt. Dabei wird sich an der PRISMA-Checkliste orientiert, welche als Leitfaden bei der Durchführung und Erstellung dient (Tricco et al., 2018; Veroniki et al., 2025). Im Anschluss daran werden formative Diagnostikverfahren für den semantisch-lexikalischen Bereich entwickelt und im Rahmen einer Studie pilotiert und evaluiert. Hierfür werden kumulierte, kontrollierte Einzelfallstudien mit Multiple-Baseline-Design und im Mixed-Methods-Ansatz (Kohler, Kohmäscher & Starke, 2022) mit Drittklässler:innen an inklusiven Grundschulen und Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Sprache durchgeführt. Die Auswertung erfolgt mittels visueller Dateninspektion sowie statistischer Datenanalyse (T. Lüke, 2023). Des Weiteren werden die sprachlichen Leistungen der Kinder sowie potenzielle Einflussfaktoren auf das Wortlernen mittels standardisierter Testverfahren erfasst. Zur Erhöhung der Implementationsgüte werden im Sinne eines multimodalen Vorgehens während der Anwendung der Diagnostikverfahren Schüler:innenreflexionen, Lehrkräftebefragungen und direkte Unterrichtsbeobachtungen durchgeführt (Sanetti & Collier-Meek, 2014, 2019) und mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2022) ausgewertet. Das gewählte Studiendesign ermöglicht somit neben der externen Evidenz auch eine Berücksichtigung der sozialen und internen Evidenz (Kohler et al., 2022). Im Sinne des Design-Research-Ansatzes (Schmiedebach & Wegner, 2021) werden die Lehrkräfte während des gesamten Projekts als Expert:innen in die Weiterentwicklung der Diagnostikverfahren und zu deren Implementation in den Unterricht miteinbezogen.

Literatur

Berg, M. (2017). Diagnostik bei Sprach- und Sprechstörungen – Basisartikel. Sprachförderung und Sprachtherapie in Schule und Praxis, 6(3), 134–139.

Dale, P. S., Paul, A., Rosholm, M. & Bleses, D. (2023). Prediction from early childhood vocabulary to academic achievement at the end of compulsory schooling in Denmark. International Journal of Behavioral Development, 47(2), 123–134. https://doi.org/10.1177/01650254221116878

Gebhardt, M. (2023). Pädagogische Diagnostik. Leistung, Kompetenz und Entwicklung messen, bewerten und für individuelle Förderung interpretieren. Version 0.2. Universität Regensburg. https://doi.org/10.5283/EPUB.54450

Glück, C. & Spreer, M. [M.]. (2015). Zur Bildungsrelevanz semantisch-lexikalischer Störungen. Sprache · Stimme · Gehör, 39(02), 81–85. https://doi.org/10.1055/s-0035-1549914

KMK. (2015). Lehrerbildung für eine Schule der Vielfalt. Gemeinsame Empfehlung von Hochschulrektorenkonferenz und Kultusministerkonferenz.

KMK. (2022). Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften.

Kohler, J., Kohmäscher, A. & Starke, A. (2022). Einzelfallorientierte Praxisforschung in der Sprachtherapie. Logos, 30(2), 107–114.

Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (Grundlagentexte Methoden, 5. Auflage). Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Lüke, C. & Spreer, M. [Markus]. (2025). Sprachentwicklungsdiagnostik in der Sonderpädagogik. Praxis Sprache, 70(3), 175–181.

Lüke, T. (2023). Single Case Design Research als Methode evidenzbasierter Sprachförderung und -therapie. In U. Ritterfeld, K. Subellok, E. Wimmer & A.-L. Scherger (Hrsg.), Beeinträchtigungen und Potentiale von Sprache und Kommunikation: Praxisrelevante Erkenntnisse aus Lehre und Forschung an der TU Dortmund. (S. 139–147). Eldorado TU Dortmund.

Mayer, A. & Gaigulo, D. (2022). Diagnostik sprachlicher Fähigkeiten. In M. Gebhardt, D. Scheer & M. Schurig (Hrsg.), Handbuch der sonderpädagogischen Diagnostik. Grundlagen und Konzepte der Statusdiagnostik, Prozessdiagnostik und Förderplanung. Version 1.0 (S. 463–478). Universität Regensburg. https://doi.org/10.5283/epub.53149

Moser, V., Hasselhorn, M., Haas, B., Galeano Weber, E., Brodesser, E., Rettschlag, M. et al. (2024). Bildungspolitische Empfehlungen zur Feststellung der sonderpädagogischen Förderbedarfe in den Bundesländern.

Motsch, H.‑J., Marks, D.‑K. & Ulrich, T. (2022). Wortschatzsammler. Evidenzbasierte Strategietherapie lexikalischer Störungen im Kindesalter (4. überarbeitete Auflage). München: Ernst Reinhardt Verlag.

Sallat, S., Weinert, S., van Minnen, S. & Seidel, A. (2022). Bildungsrelevanz und gesellschaftliche Teilhabe. In Therapie von Sprachentwicklungsstörungen. Interdisziplinäre S3-Leitlinie.

Sanetti, L. M. H. & Collier-Meek, M. A. (2014). Increasing the Rigor of Procedural Fidelity Assessment: An Empirical Comparison of Direct Observation and Permanent Product Review Methods. Journal of Behavioral Education, 23(1), 60–88. https://doi.org/10.1007/s10864-013-9179-z

Sanetti, L. M. H. & Collier-Meek, M. A. (2019). Supporting successful interventions in schools. Tools to plan, evaluate, and sustain effective implementation (The Guilford practical intervention in the schools series). New York: The Guilford Press. Retrieved from https://search.ebscohost.com/login.aspx?direct=true&scope=site&db=nlebk&db=nlabk&AN=1892659

Schmiedebach, M. & Wegner, C. (2021). Design-Based Research als Ansatz zur Lösung praxisrelevanter Probleme in der fachdidaktischen Forschung. Bildungsforschung, (2), 1–10. https://doi.org/10.25656/01:23920

Tricco, A. C., Lillie, E., Zarin, W., O'Brien, K. K., Colquhoun, H., Levac, D. et al. (2018). PRISMA Extension for Scoping Reviews (PRISMA-ScR): Checklist and Explanation. Annals of Internal Medicine, 169(7), 467–473. https://doi.org/10.7326/M18-0850

Ulrich, T. (2017). Diagnostik lexikalischer Störungen bei spracherwerbsgestörten Kindern. Sprachförderung und Sprachtherapie in Schule und Praxis, 6, 140–147.

Veroniki, A. A., Hutton, B., Stevens, A., McKenzie, J. E., Page, M. J., Moher, D. et al. (2025). Update to the PRISMA guidelines for network meta-analyses and scoping reviews and development of guidelines for rapid reviews: a scoping review protocol. JBI Evidence Synthesis, 23(3), 517–526. https://doi.org/10.11124/JBIES-24-00308

Winkes, J. & Till, C. (2023). Dynamic Assessment und Lernverlaufsdiagnostik. Perspektiven in der sprachtherapeutischen Diagnostik. Logos. Die Fachzeitschrift für Logopädie und Sprachtherapie, 31(4), 244–255. https://doi.org/10.7345/prolog-2304244