Einladung zum Vortrag
Die verdrängte Vielfalt:
Mehrsprachigkeit in der deutschen Bildungslandschaft seit 1945
Termin und Ort
1. Oktober 2026 | 18:00-19:30 Uhr
Bibliothekssaal (R11 T00 K18) der Universität Duisburg-Essen, Campus Essen
Universitätsstraße 12, 45141 Essen

Referentin: PD Dr. Stefanie Zloch (TU Dresden) ist Privatdozentin für Neuere und Neueste Geschichte sowie für Osteuropäische Geschichte. Außerdem ist sie Mitglied im Beirat für Erinnerungskulturen der Landeshauptstadt Dresden
Das Wissen der Einwanderungsgesellschaft. Migration und Bildung in Deutschland 1945 bis 2000 [Moderne Europäische Geschichte, Bd. 22], Göttingen 2023. Open Access-Ausgabe: https://doi.org/10.46500/83535491
Der Vortrag ist Teil des Workshops "Ein historischer Blick auf mehrsprachige Bildung: Schule abseits der Einsprachigkeit", der am 1. und 2. Oktober 2026 an der Universität Duisburg-Essen stattfindet.
Der Workshop widmet sich historischen Perspektiven auf mehrsprachige Bildung in Deutschland. Während Forschung zu "anderssprachiger" Schule und Bildung häufig gegenwartsbezogen arbeitet, stehen hier längerfristige Entwicklungen und frühe Formen mehrsprachiger Bildungsangebote im Mittelpunkt.
Mehrsprachigkeit war lange Zeit ein europäisches Alltagsphänomen. Das Bildungswesen sorgte vor allem in Westeuropa und Deutschland seit dem 19. Jahrhundert für einen sprachlichen Vereinheitlichungsprozess. Dass sich nach 1945 das Thema Mehrsprachigkeit in der deutschen Bildungslandschaft erneut stellen würde, hatten weder Bildungspolitik, Öffentlichkeit noch Wissenschaft auf der Rechnung. In diesem Vortrag sollen vier Aspekte von Mehrsprachigkeit neu ins Licht gerückt werden. Die marginalisierte Mehrsprachigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten mehrere Millionen Displaced Persons (DPs) in der britischen und amerikanischen Besatzungszone Deutschlands. Davon blieben nach 1949 immerhin rund 100.000 in der jungen Bundesrepublik. Ihr Leben ist in der Forschung bislang vor allem als das einer temporären Parallelgesellschaft gedeutet worden. Hier ist zu zeigen, dass die DPs wichtige Impulse für die Umsetzung des Rechts auf Bildung gaben und Aufnahmenetzwerke für neu ankommende Migrant:innen bereitstellten. Die unwahrscheinliche Mehrsprachigkeit. Wenn es um deutsche Heimatvertriebene, Geflüchtete und (Spät-)Ausgesiedelte geht, verbreitete sich seit den 1950er Jahren nicht nur das Erfolgsnarrativ einer gelungenen Integration, sondern auch die beharrliche Vorstellung, dass sie durchweg deutschsprachig seien. In der Praxis allerdings fanden sich ausgesiedelte Kinder und Jugendliche zunehmend in internationalen „Sonderschulen“ und „Übergangsklassen“ ein. Die unbequeme Mehrsprachigkeit. Die Zuwanderung und Beschulung von „Kindern ausländischer Arbeitnehmer“ produzierte seit den 1960er Jahren einen Integrationsdiskurs, der auch heutige bildungspolitische Debatten zum Thema Migration prägt. Weniger beachtet ist der so genannte „Muttersprachliche Unterricht“, der sich in vielen Varianten und mitunter ungewöhnlichen Allianzen als third space die schulischen Erfahrungen von hunderttausenden Kindern und Jugendlichen in Deutschland prägte. Die erwünschte Mehrsprachigkeit. Die in der Bildungspolitik im 21. Jahrhundert forcierte Hinwendung zu Internationalität ist ohne Sprachkenntnisse kaum denkbar. Allerdings ist unklar, welche Sprachen jenseits des Englischen eine Rolle spielen sollten. Die Vielfalt der gelebten Sprachen in der deutschen Einwanderungsgesellschaft steht dabei oft im Kontrast zu einem Sprachenangebot an den Schulen, das stark auf ein historisch begründetes Prestige einzelner Sprachen oder auf das vermutete Potenzial einer Sprache in der globalisierten Wirtschaft setzt.
Stefanie Zloch zeigt mit einem Blick in die Geschichte deutscher Schulen abseits der Einsprachigkeit jedoch, dass es eine große Anzahl allerdings häufig kleinräumiger Initiativen zumindest seit 1945 gab, die u.a. Sprachen der Migrationsgesellschaft sinnvoll integrieren konnten.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich!