Tag der Muttersprachen

Tag 21Tag der Muttersprachen: 21. Februar

Unser Beitrag: Mehr(ere) Muttersprachen!

Wie viele Muttersprachen kann man haben? Definitiv nicht nur eine! Das bestätigen neuste Forschungsarbeiten zum Sprachgebrauch von ein- und mehrsprachigen Sprecher:innen, die aktuell in der internationalen Fachzeitschrift Frontiers in Psychology erschienen sind.

Die aktuellen Untersuchungen der DFG-Forschungsgruppe Emerging Grammars in Language Contact Situations (kurz RUEG; hu.berlin/rueg) verdeutlichen, dass Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind, sich in ihren beiden Sprachen in vielen Bereichen wie einsprachige Muttersprachler:innen verhalten und gleichzeitig ein höheres Sprachbewusstsein als diese besitzen. Die Daten sprechen für ein neues Verständnis von Muttersprachen, Mehrsprachigkeit und ihrer Potenziale.

Hier geht’s zur offiziellen Pressemitteilung

Pressemitteilung Zum Tag Der Muttersprachen

und zum Presseportal der HU Berlin: https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/hu_pm_view

Euer Beitrag: Mehr hörbare Mehrsprachigkeit

Macht mit beim großen Kreativprojekt und teilt die sprachliche Vielfalt eurer Schule mit uns! Einsendungen bis zum 15.07.22. Die kreativsten Beiträge stellen wir im Humboldt Labor vor. Hier geht‘s zur Aktion: Capturing Our Sound(scapes)

Tag 20Dialekte des Deutschen

In den letzten drei Wochen haben wir uns sehr viel damit beschäftigt, was hinter dem Begriff „Muttersprache“ steckt, und was es bedeutet, mit verschiedenen Sprachen aufzuwachsen. Aber auch innerhalb ein- und derselben Sprache kann es vorkommen, dass Menschen unterschiedlich sprechen. Das Deutsche, was jemand an der Nordsee als Muttersprache lernt, hört sich ganz anders an als das, was jemand in Bayern, Sachsen oder dem Saarland lernt. Die deutsche Sprache hat also sehr viele Dialekte, die sich mal mehr, mal weniger voneinander unterscheiden.

Um mehr über diese Dialekte herauszufinden, betreibt das Institut für deutsche Sprache Forschung zur deutschen Sprache in verschiedenen Regionen Deutschlands und in anderen Ländern. Die Forschenden haben dazu ein kniffliges Quiz entwickelt, bei dem man überlegen muss, woher jemand kommt. Wie gut kennst Du Dich mit den Dialekten und Varianten des Deutschen aus? Wenn Du magst, kannst Du Dein Wissen hier testen:

http://multimedia.ids-mannheim.de/hoermal/web/game.php

 

Tag 19Die Familiengeschichte von Maria

Bild1

Int.: Mit welchen Muttersprachen bist du zu Hause aufgewachsen? Welche Muttersprachen kennst du aus deiner Familie?

 

Maria: Also, in meiner Familie haben meine Eltern zu Hause Griechisch mit mir gesprochen, also unsere Muttersprache. Die beiden haben aber auch untereinander einen slawischen Dialekt gesprochen, der wurde im Norden Griechenlands gesprochen. Aber mit mir persönlich haben meine Eltern nur Griechisch gesprochen und so habe ich dann auch Griechisch gelernt. Durch den Dialekt, den meine Eltern miteinander gesprochen haben, habe ich natürlich auch diese Sprache gelernt. Ich spreche sie nicht fließend, ich kann sie aber sprechen und ich verstehe alles.

 

Int.: Würdest du trotzdem beide Sprachen als deine Muttersprachen bezeichnen?

 

Maria: Nein, definitiv nicht. Meine Muttersprache ist Griechisch. Natürlich dadurch, dass ich hier geboren bin im Ruhrgebiet und hier auch groß geworden, gehört natürlich Deutsch auch ganz klar dazu, aber die Muttersprache ist tatsächlich Griechisch.

 

Int.: Du hast trotzdem deine Eltern öfters diese andere Sprache, den Dialekt sprechen hören, war das nicht verwirrend für dich?

 

Maria: Ja, ein wenig verwirrend war es tatsächlich. Allerdings dadurch, dass ich ihn nicht gesprochen habe, also auch bewusst nicht sprechen wollte, habe ich das zwar verstanden, aber ich habe diese Sprache nicht gesprochen. Ich bin wirklich bei Griechisch und Deutsch dann geblieben. Von daher war das jetzt nicht so, dass ich draußen, wenn ich zum Beispiel in der Schule oder mit meinen Freunden gesprochen habe, war diese Sprache nicht so ein Thema für mich. Sie hat mich nicht aus dem Ruder gebracht, sage ich mal.

 

Int.: Und zu Hause selbst, welche Sprache sprichst du mit deinem Mann und deinem Kind?

 

Maria: Dadurch, dass mein Mann auch Grieche ist, sprechen wir natürlich auch Griechisch.

Und mein Sohn ist mittlerweile 17 Jahre alt, als er geboren wurde, habe ich auch nur Griechisch mit ihm gesprochen. Er hat dann auch auf Griechisch geantwortet und er versteht auch alles. Er kam dann in den Kindergarten und irgendwie ist dann leider Gottes das Griechische untergegangen, er war sich etwas unsicher, hat sich nicht getraut, geschämt, dass er irgendwie etwas Falsches sagt. Ja, er versteht alles, aber mit der Sprache hat es bei ihm dann leider nicht so gereicht, ja wie soll ich das sagen… Aber ich muss dazu sagen, dadurch dass ich mit meinem Mann auch sehr viel Deutsch spreche, bleibt das natürlich nicht aus. Wir sprechen zwar auch viel Griechisch, aber auch sehr viel Deutsch, weil es im Deutschen uns dann doch etwas leichter fällt alles, schneller. Genau.

Tag 18Gibt es Sprachen, die niemandes Muttersprache sind?

Vor etwa zwei Wochen haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie viele Sprachen es weltweit gibt und wie viele Menschen eine bestimmte Sprache als erste Sprache erlernen. Vielleicht ist in diesem Zusammenhang auch bei Dir die Frage aufgetaucht:

Gibt es Sprachen, die niemand als Muttersprache lernt, und die trotzdem verwendet werden?

Um diese Frage zu beantworten, muss man erst einmal zwischen natürlichen und künstlichen Sprachen unterscheiden. Viele Sprachen, die Du kennst, zählen wahrscheinlich zu den natürlichen Sprachen. Das heißt, dass sie über einen langen Zeitraum entstanden sind und sich weiterentwickelt oder verändert haben. Die meisten natürlichen Sprachen, die heute noch verwendet werden, werden tatsächlich von einer bestimmten Anzahl an Menschen als erste Sprache erlernt. Eigentlich ist auch Latein eine natürliche Sprache. Trotzdem lernt diese Sprache heute niemand mehr von seinen Eltern als Muttersprache. Weil Latein aber gut dokumentiert ist und es viele wichtige und interessante Texte auf dieser Sprache gibt, können wir es heute noch in der Schule oder in anderen Kursen lernen. Damit ist Latein also eine natürliche Sprache, die heute niemand mehr als Muttersprache lernt, und die trotzdem noch verwendet wird. Übrigens gibt es weitere Sprachen, auf die das zutrifft – Latein ist hier also nur ein Beispiel.

Neben den natürlichen Sprachen gibt es aber auch eine große Bandbreite an künstlichen Sprachen, die von einzelnen Menschen zu einem bestimmten Zweck entworfen wurden. Man nennt sie daher auch „Plansprachen“. Viele verschiedene Arten von Sprachen kann man zu den künstlichen Sprachen zählen – zum Beispiel auch Programmiersprachen. Oder Sprachen wie Elbisch oder Klingonisch, die sich ein Autor ausgedacht hat, passend zu der Fantasiewelt, in der seine Geschichten spielen. Solche Sprachen werden von niemandem als Muttersprache erlernt. Das heißt aber nicht unbedingt, dass das für immer so bleiben muss. Womöglich hast Du schon einmal von Esperanto gehört. Das ist eigentlich auch eine Plansprache, allerdings wird sie mittlerweile vereinzelt zusammen mit anderen Sprachen als Muttersprache gelernt. Wer weiß – vielleicht wird es in Zukunft viele Menschen geben, die Esperanto als ihre Muttersprache bezeichnen?

Beherrschst Du eine Sprache, die Du nicht als Muttersprache gelernt hast? Gibt es eine Sprache, die in Deinem Umfeld nur Du sprichst oder verstehst? Oder hast (oder hattest) Du mit Geschwistern oder Freunden eine Geheimsprache? 

Tag 17Aufwachsen mit Griechisch als Familiensprache

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RUEG-Mitarbeiterin Sofia wurde im Ruhrgebiet als Kind griechischer Eltern geboren und forscht jetzt selbst zum Thema Mehrsprachigkeit. Sie berichtet darüber, in welcher Sprache sie mit ihren Kindern spricht und welche Fragen ihr Sohn ihr dabei stellt. 

Tag 16Wie Mehrsprachige ihre Sprachen kreativ mischen

Sprichst Du manchmal mit ein- und derselben Person in mehreren Sprachen gleichzeitig? Mehrsprachige Menschen sind in der Lage, ihre Sprachen kreativ zu mischen. Das wird auch als Code-Switching bezeichnet. Der folgende Gesprächsausschnitt stammt von einer Deutsch-Amerikanerin, die an einer Studie zum deutsch-englischen Code-Switching teilgenommen hat (s. Literatur unten).  Das Beispiel stammt von Toni, einer Sprecherin, die im Alter von 19 Jahren mit ihren Eltern und einer Schwester von München aus in die USA ausgewandert ist und zum Zeitpunkt der Äußerung 82 Jahre alt war.

 

Schau Dir zunächst die Passage in (1) an. Kannst Du deutsche (bairische) und englische Anteile unterscheiden?

 

Toni, 82 J., 63 Jahre nach ihrer Emigration aus Bayern:

 

  1. Dann hat sei Frau zu mir g’sagt, why are you leaving us now? Da sog i, because I would like to laugh once in a while, und dann hats’ g’sagt, well I’m here too an’ ich leb noch, hots’ g’moant. Na hab ich g’sagt, well, gee …

 

In (2) wurden die englischen Bestandteile fett markiert. Stimmt das mit Deiner Einschätzung englischer und deutscher Anteile überein?

 

  1. Dann hat sei Frau zu mir g’sagt, why are you leaving us now? Da sog i, because I would like to laugh once in a while, und dann hats’ g’sagt, well I’m here too an ich leb noch, hots’ g’moant. Na hab ich g’sagt, well, gee

 

Was für eine Systematik, was für ein Motiv könnte hinter dieser Art des Sprachwechsels stecken? Wie wäre es mit dem folgenden Schema?

 

  1. Dann hat sei Frau zu mir g’sagt

Why are you leaving us now?

          Da sog i

because I would like to laugh once in a while

          und dann hats’ g’sagt,      

          well I’m here too an                                    

 

          ich leb noch, hots’ g’moant,

          Na hab ich g’sagt                        well, gee …

 

 

Wir sehen: In dieser Sequenz liefert Deutsch den Rahmen, nämlich in diesem Fall die Verben des Sagens, und das Englische gibt das Zitierte wieder. Das ist eine Aufteilung, die von der Forschung schon oft diskutiert wurde. Diese Art des Wechsels hast Du mit Sicherheit schon einmal gehört, wenn Du mehrsprachigen Menschen zugehört hast – und wenn Du selbst im Alltag mehrere Sprachen verwendest, kannst Du das auch!

 

Wir schließen daraus: Mischen ist kein Anzeichen von fehlender Sprachkompetenz!

 

 

Zum Weiterlesen:

Tracy, Rosemarie & Stolberg, Doris (2008). Nachbarn auf engstem Raum. Koexistenz, Konkurrenz und Kooperation im mehrsprachigen Kopf. In: L. Eichinger, L. & A. Plewnia (Hrsg.). Das Deutsche und seine Nachbarn. Über Identitäten und Mehrsprachigkeit. Tübingen: Narr (Studien zur deutschen Sprache 47), 83-107

 

Tag 15Was denken mehrsprachige Kinder darüber, wer wie spricht?

Die Welt, in die wir hineingeboren werden, ist in sprachlicher Hinsicht bunt. Es ist völlig normal, dass wir von Geburt an mit mehreren Sprachen oder Dialekten aufwachsen. Viele Kinder leben in einer Familie, in der es eine Muttersprache und eine Vatersprache gibt, also beispielsweise spricht die Mutter Polnisch, der Vater Spanisch, und möglicherweise sprechen sie alle miteinander Deutsch.  Oder die Eltern sprechen zuhause Russisch, aber außerhalb der Familie wird Deutsch gesprochen, so dass ihre Kinder auch die Umgebungssprache früh lernen. Wichtig ist: Kinder können prima mit dieser Vielfalt umgehen, aber natürlich kann man Sprachen nur lernen, wenn man genug Gelegenheit hat, ihnen regelmäßig zu begegnen.

 

Interessant ist, dass sich Kinder früh Gedanken dahingehend machen, warum Menschen bestimmte Sprachen sprechen. Sie überlegen sich beispielsweise, ob nur Frauen Englisch sprechen, weil sie bisher nur die amerikanische Mutter oder die Oma Englisch sprechen gehört haben.  Oder sie fragen: „Sprechen alle Väter Spanisch?“ Manchmal finden sie es toll, dass sie mit Vater oder Mutter eine Art „Geheimsprache“ haben, und sie mögen es dann nicht, wenn Außenstehende sie in dieser Sprache ansprechen und auch noch Antworten erwarten.

 

Hier noch eine Anekdote, basierend auf der Erzählung einer Austauschstudentin aus den USA.[1] Ihre Eltern waren vor ihrer Geburt aus Japan in die USA eingewandert. Sie sprachen mit der Tochter Englisch, untereinander manchmal auch Japanisch. Vor allem aber sprachen sie Japanisch mit der Oma, die hin und wieder zu Besuch aus Japan kam und kein Englisch konnte. Die Studentin erzählte nun folgende Geschichte. Als sie etwa sieben Jahre alt war, fragte sie ihren Vater: „Wann fängt Japanisch an?“  Als der Vater dies zunächst nicht verstand, präzisierte sie: „Wann fange ich an, Japanisch zu sprechen?“ Was meint Ihr, wieso kam sie auf die Idee?

 

Nun, sie hatte richtig beobachtet, dass nur ältere Menschen Japanisch sprechen: Ihre Eltern konnten es, und die Oma sprach es ausschließlich. Was lag also näher als der Gedanke, dass man irgendwann mal aufwacht und Japanisch spricht, vielleicht sogar nur noch Japanisch?  Eine ganz gute Beobachtung und eine kluge Schlussfolgerung!

 

[1] Nachzulesen in Tracy, R. (2008:6).

Tag 14Noch eine Woche bis zum Tag der Muttersprachen 2022!

Noch eine Woche bis zum Tag der Muttersprachen 2022 am 21. Februar. Aber was wird eigentlich gefeiert?

Seit 2000 wird der Internationale Tag der Muttersprachen (UNESCO Mother Language Day) gefeiert, um auf Sprachenvielfalt und die mehrsprachigen Lebenswelten vieler Menschen hinzuweisen. Viele Bildungsinstitutionen, aber auch zivilgesellschaftliche Initiativen sorgen dafür, dass Mehrsprachigkeit in Deutschland und anderswo lebbar ist: #MotherLanguageDay

Das Motto 2022 ist
“Using technology for multilingual learning: Challenges and opportunities”

Ursprünglich auf Initiative von Bangladesh von der UNESCO angenommen, sorgen weltweite Veranstaltungen am und um den 21. Februar dafür, dass mehrsprachige Lebensrealitäten wahrgenommen und gesehen werden. Dieses Jahr findet ein Webinar zum Jahresthema statt: Link

Und das RUEG-Team? Wir bereiten etwas für Schulklassen und Jugendgruppen vor und freuen uns auf eine ganz neue Veröffentlichung zum Thema ‘Muttersprachler*in’. Noch eine Woche...

Stay tuned!

Tag 13Spracherfahrungen in der Kindheit

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Georgios Grigoriadis, geboren 1945 in einem Dorf der Gemeinde Kilkis in der nordgriechischen Region Zentralmakedonien, erzählt von seinen Spracherfahrungen in der Kindheit. Rechts im Bild seht ihr ihn als Schuljungen im Jahr ​1956. 

Tag 12Wie erlernen wir als Kleinkinder unsere ersten Sprachen?

Die kürzeste Antwort, die man auf diese Frage geben könnte, lautet: „Problemlos!“

Wenn man es etwas genauer wissen möchte, ist die Antwort natürlich deutlich länger…

Tatsächlich ist es so, dass wir mit dem Erlernen unserer ersten Sprache(n) schon sehr früh anfangen. Bereits vor der Geburt lauscht ein Fötus der Sprache der Mutter und gewöhnt sich an den Rhythmus und die Melodie ihrer Sprache. Anders als Erwachsene kann ein Baby im ersten Lebensjahr noch feinste Lautunterschiede aus allen möglichen Sprachen unterscheiden. Es fängt dann zunächst an, die eigene Stimme auszutesten und im Rhythmus der Umgebungssprache zu lallen (z.B. dada, baba), bevor es selbst um den ersten Geburtstag herum erste erkennbare Wörter von sich gibt, auch wenn sie noch anders klingen. Aus Elefant wird dann Fant und aus Musik wird Sik, weil unbetonte Wortteile ausgelassen und schwierige Lautkombinationen vereinfacht werden. So wird aus trinken und Schlüssel dann tinten und lüssel und Joghurt wird zu joko.

Kinder bezeichnen früh Dinge und Personen, die in ihrem Umfeld besonders wichtig sind, zum Beispiel Oma, Apfel oder Teddy, und sie erwerben soziale Ausdrücke wie Hallo, Tschüss (ausgesprochen eher tüss) und Gute Nacht. Früh treten auch Wörter wie (da)rein, raus, hoch und nein auf. Die Anzahl der Wörter, die ein Kind verwendet, nimmt mit ca. anderthalb Jahren stark zu. Wenn das Kind mit 6 Jahren eingeschult wird, kann es normalerweise schon etwa 6.000 Wörter äußern und 14.000 Wörter verstehen – ganz schön viel, oder?

Für den Spracherwerb ist die Interaktion zwischen Kindern und ihren Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern (Eltern, ältere Geschwister etc.) wichtig. Damit Wörter gelernt werden können, müssen Kinder erraten können, worüber gerade gesprochen wird. Daher ist es wichtig, dass sich die Aufmerksamkeit von Kind und Eltern auf die gleiche Sache richtet, z.B. wenn der Papa sagt: „Schau mal, da ist ein Hund“ und auf einen Hund zeigt. Oft ist es auch so, dass kleine Kinder selbst wissen wollen, wie etwas heißt. Sie zeigen dann darauf und warten, dass ihnen gesagt wird, wie man den Gegenstand nennt. Kinder lernen aber auch früh Wörter, für die es kein „Ding“ in der Welt gibt, z.B. Wörter wie auch, nochmal, wieder, mit denen sie ausdrücken, dass etwas wiederholt werden soll.

Bevor Kinder zwei Jahre alt sind, beginnen sie damit, Wörter zu kombinieren. Sie sagen dann zum Beispiel mehr haben oder Papa Ball und bald danach werden die Sätze länger (Papa nochmal Turm baun). Bereits im Alter von etwa 3 Jahren produzieren viele Kinder recht komplexe Sätze, z.B. Ich steig ganz vorsichtig, wenn ich da dann rumturne. Und was meint Ihr zu der folgenden Äußerung von einem kleinen Jungen: Das darf man, if man will? Richtig, er wächst mit zwei Sprachen gleichzeitig auf und hat sich hier ein englisches Wort (if, statt wenn) ausgeliehen!

In manchen Bereichen der Sprache lernen wir übrigens unser Leben lang dazu. Zum Beispiel erweitern wir ständig unseren Wortschatz und wir lernen, wie wir uns in unterschiedlichen Situationen angemessen verhalten sollten. In der Schule lernen wir Lesen und Schreiben, und wir lernen besondere Ausdrucksweisen kennen, die für geschriebene Texte typisch sind.

Außerdem können wir immer neue Sprachen dazulernen. Übrigens meistern auch Kinder, die von Geburt an blind sind, den Spracherwerb sehr gut, wenn sie Gegenstände ertasten können und gleichzeitig die Bezeichnungen von ihren Gesprächspartnerinnen und -partnern ausgesprochen hören. Und gehörlose Kinder lernen Wörter und ihre Verknüpfung zu Sätzen in einer Gebärdensprache. Gebärdensprachen sind übrigens wie alle anderen Sprachen dieser Welt ganz normale und sehr komplexe Sprachen.

Du siehst also: Wie wir unsere erste(n) Sprache(n) lernen, ist gleichzeitig ganz einfach und sehr komplex. Bis heute können wir Menschen nicht mit Sicherheit sagen, warum Menschen sprechen, Tiere aber nicht, und warum uns das Lernen der ersten Sprache(n) so leichtfällt, obwohl es so viele verschiedene Sprachen, einschließlich der Gebärdensprachen, mit vielen verschiedenen Regeln und Bezeichnungen gibt. Es gibt also noch viel zu entdecken!

Hast Du noch Fragen zum Spracherwerb? Dann schreib uns gern per Mail oder über Social Media!

 

Zum Weiterlesen:

Szagun, Gisela (2007). Das Wunder des Spracherwerbs. So lernt Ihr Kind sprechen. Weinheim.

Pinquart, Martin, Schwarzer, Gudrun und Zimmermann, Peter (2011): Entwicklungspsychologie – Kindes- und Jugendalter. Göttingen: Hogrefe.

 

Tag 11Mit Sprachen spielen

Wir alle haben Spaß am Spiel mit Sprachen, und mehrsprachige Kinder nutzen dabei auch Ähnlichkeiten zwischen Sprachen. So sagte der sechsjährige Chris, der mit Deutsch und Englisch als „doppelten“ Erstsprachen aufwächst, einmal zu einer mehrsprachigen Erwachsenen, man könne doch statt „Thank you very much!“ auch sagen: „Thank you very Dreck!“. Dabei lachte er, vor allem auch deshalb, weil seine Gesprächspartnerin seinen Witz erst nicht verstand. Wieso kam er auf diese Idee?

 

Nun, das englische Wort much klingt ja ausgesprochen wie das deutsche Matsch. Und Matsch wiederum ist, von der Bedeutung her betrachtet, eine Sorte von Dreck. Ganz einfach!            

 

         

Zum Weiterlesen:

Tracy, R. (2008). Wie Kinder Sprachen lernen. Und wie wir sie dabei unterstützen können.

Tracy, R. (2014). Mehrsprachigkeit: Vom Störfall zum Glücksfall. In: M. Krifka et al. (Hrsg.). Das mehrsprachige Klassenzimmer. Über die Muttersprachen unserer Schüler. Berlin-Heidelberg: Springer, 13-33.

Tag 10In welchen Sprachen denkst, träumst und sprichst Du?

Als Sprecher*in mehrerer Sprachen hast Du Dir sicher schon einmal überlegt, wann Du welche Sprache verwendest oder vielleicht auch vermeidest. Zum Beispiel hat man oft das Gefühl, dass man über bestimmte Themen lieber in der einen oder der anderen Sprache spricht. Und wie sieht es mit dem Denken und Deinen Träumen aus?  Spielen alle Deine Sprachen dabei eine Rolle? Mit großer Wahrscheinlichkeit kannst Du Deine Sprachen auch mischen, wie es die Verfasserin, unser Projektmitglied Rosemarie Tracy, in diesem Gedicht getan hat, in dem es darum geht, wann und wie sich unsere Sprachen „zu Wort“ melden und uns Mut machen, wenn es uns einmal nicht so gut geht.

 

(Rosemarie Tracy)

DOCH DANN

what

would it take

to silence me

in welcher

meiner Sprachen

schwiege ich

zuerst

 

reicht

ein Blick turned

no longer meeting

mine als wäre ich

schon fast

nicht mehr

da

 

it would not

take much

ein andrer Tonfall

vielleicht

kein Wort

 

but then

 

wüchsen mir

feather upon feather

in jeder

meiner Sprachen

Flügel und schon

wäre ich auf

und davon

 

Tag 9Eine mehrsprachige Familiengeschichte

 

 

 

Eleftheria ist in Deutschland aufgewachsen, ihre Muttersprache ist Griechisch. Sie ist mit einem Deutschen verheiratet und berichtet darüber, mit welchen Sprachen ihre Kinder aufwachsen. 

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Tag 8Lieber Erst- als Muttersprachen?

Im deutschen Sprachraum ist der Begriff ‚Muttersprache‘ relativ gebräuchlich. Menschen verbinden damit oft die erste Sprache, die jemand spricht, oder auch jene Sprache, mit der man sich emotional verbunden fühlt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Begriff aber durchaus umstritten. Woran liegt das?

1) Die Assoziation ‚Muttersprache‘ weckt eine Vorstellung von Sprachweitergabe, die von der Mutter zum Kind erfolgt – was aber ist mit den Sprachen der Väter, der Großeltern und der Freund*innen?

2) Für viele Fragen, die sprachwissenschaftlich interessant sind, ist es wichtig, welche Sprache zuerst erlernt wurde – deshalb ist der Begriff ‚Erstsprache‘ oder auch ‚Erstsprachen‘ mittlerweile häufiger. Abgekürzt heißt diese Sprache dann auch L1 (Language 1). Bei mehrsprachigen Eltern oder in mehrsprachigen Umgebungen können Kinder natürlich auch mehrere Sprachen gleichzeitig ‚als erstes‘ lernen (das heißt dann 2L1 und bedeutet ‚zweisprachiger Erstspracherwerb‘).

3) Durch die Verbindung von Sprache und Familie (und Emotionen) wählen Menschen oft den Begriff ‚Muttersprache‘ für Sprachen, mit denen sie sich politisch oder sozial verbunden fühlen. Das können also auch Sprachen sein, die im Lauf einer Familienbiographie verloren gegangen sind oder verboten wurden. Der Begriff ‚Muttersprache‘ sagt dann also gar nichts mehr darüber aus, ob jemand sich in einer Sprache verständigen kann.

4) Die Bezeichnung von Sprachen, egal ob sie jetzt Deutsch, Türkisch, Russisch, Englisch oder Griechisch genannt oder als ‚Herkunftssprachen‘, ‚community languages‘ oder ‚Familiensprachen‘ bezeichnet werden, ist nie neutral. Mit jedem Begriff schwingen bestimmte Erwartungen mit. Früher wurden Türkisch, Italienisch und Polnisch als Migrationssprachen’ bezeichnet – das stimmt natürlich nur, wenn wir ausschließlich von der Perspektive Deutschlands oder Österreichs ausgehen, wohin Sprecher*innen dieser Sprachen zu bestimmten Zeitpunkten migriert sind. Auch der Begriff Nachbarsprachen’ ergibt nur Sinn, wenn wir wissen, wer als Nachbar gesehen wird. Genauso ist der Begriff Weltsprache’ mit einer Bewertung verbunden – und zwar mit der, dass es Sprachen gibt, die auf der ganzen Welt relevant sind.

Wie wir Sprachen bezeichnen, sagt etwas über unseren Blick auf die Welt aus!

Tag 7Aufwachsen mit Portugiesisch als Familiensprache

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Mercator Fellow Cristina ist als Kind portugiesischer Eltern in Deutschland aufgewachsen. Später ist sie zum Studieren nach Portugal gezogen und ist jetzt Professorin für Deutsch an einer portugiesischen Universität. Sie erzählt, wie sie jetzt mit der deutschen Sprache in Kontakt bleibt und ob sie sich vorstellen kann, wieder nach Deutschland zurückzukehren. 

Tag 6Warum heißt es "Muttersprache"?

… und nicht zum Beispiel “Vatersprache” oder “Elternsprache”?

Das ist eine gute Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist.

Einerseits ist es so, dass Babys bereits im Mutterleib damit anfangen, auf die Sprache der Mutter zu hören. Sie lernen so schon vor ihrer Geburt die Melodie der Sprache (oder der Sprachen) kennen, die die Mutter spricht. Aus dieser Sicht ist der Begriff “Muttersprache” gar nicht so falsch. Andererseits ist die Zeit im Mutterleib sehr kurz, wenn man sie mit der restlichen Kindheit vergleicht. Und nach der Geburt sind da schließlich noch so viele weitere Menschen, von denen ein Kind Sprache lernt: Papa, Geschwister, Großeltern, Cousinen und Cousins, Tanten und Onkel… Sicher war die Kindererziehung früher eher Frauensache. Heute aber möchten und sollen sich auch die Väter immer mehr einbringen. Außerdem muss es ja nicht so sein, dass Mama und Papa die gleiche Sprache sprechen. Vielleicht spricht Mama Italienisch und Papa Polnisch? Welche “Muttersprache” hat dann das Kind? Hat es dann nicht zwei “Muttersprachen” oder eher eine “Muttersprache” und eine “Vatersprache”? Gibt es vielleicht eine dritte Sprache, die alle, Kinder und Eltern, verwenden, wenn sie sich gemeinsam unterhalten?

Du siehst also: Die Sache mit der “Muttersprache” ist gar nicht so einfach.

Übrigens ist das Deutsche nicht die einzige Sprache, in der von “Muttersprache” gesprochen wird. In vielen anderen Sprachen wird ebenfalls die Erstsprache als Sprache der Mutter bezeichnet, zum Beispiel im Englischen (mother tongue), Spanischen (lengua materna) oder Niederländischen (moedertaal). Manche Sprachen haben aber auch (zusätzlich) einen Begriff, der sich nicht auf die Mutter bezieht. So kann man im Niederländischen zum Beispiel auch volkstaal (“Volkssprache”) sagen.

Welche Begriffe fallen Dir denn ein, mit denen man das, was wir allgemein als “Muttersprache” bezeichnen, noch benennen könnte? Lass uns Deine Ideen gern zukommen, zum Beispiel hier oder über Social Media. Wir freuen uns auf viele spannende Beiträge von euch!

Tag 5Wie viele Sprachen gibt es überhaupt? Und wie viele Menschen sprechen eine bestimmte Sprache als Muttersprache?

Hast Du Dich schon einmal gefragt, wie viele Sprachen es weltweit gibt? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Das liegt zum Beispiel daran, dass man sich erst einmal darüber klar sein muss, wo die Grenze zwischen zwei Sprachen liegt: Wann ist das, was zwei Menschen sprechen, nicht (mehr) eine gemeinsame Sprache? Außerdem verändern sich Sprachen jederzeit, so, wie sich auch ihre Sprecher*innen verändern. Hinzu kommt, dass nicht alle Sprachen so gut dokumentiert sind wie zum Beispiel Deutsch, Englisch, Türkisch oder Italienisch. Es gibt auch Sprachen, in denen die Menschen nur gesprochen kommunizieren. Das heißt, dass es zu diesen Sprachen keine Schrift gibt, also zum Beispiel auch keine Wörterbücher und Zeitungen. Oft liegt das wiederum daran, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die diese Sprache sprechen. Dann ist es natürlich auch etwas schwieriger, diese Sprachen zu erforschen. Trotz all dieser Schwierigkeiten gehen Forschende davon aus, dass momentan weltweit

etwa 7.000

verschiedene Sprachen existieren. Hättest Du das gedacht?

Etwas weniger kompliziert ist die Frage, wie viele Menschen denn nun eine bestimmte Sprache als Muttersprache sprechen, beziehungsweise welche Sprache von den meisten Menschen als erste Sprache erlernt wird. Mit über 900 Millionen Erstsprecher*innen ist Mandarin, eine chinesische Sprache, die häufigste Muttersprache weltweit. Sie wird außerdem von ca. 200 Millionen Menschen als Zweitsprache gelernt und gesprochen. Mit dieser großen Sprecheranzahl konkurriert nur das Englische. Es wird zwar „nur“ von etwas weniger als 400 Millionen Menschen als erste Sprache erlernt, doch sprechen weltweit fast 900 Millionen weitere Menschen Englisch nicht als Muttersprache – vielleicht auch Du?

Kennst Du jemanden, der eine Sprache als Muttersprache spricht, die auch sehr viele andere Menschen sprechen? Oder umgekehrt: Kennst Du jemanden, dessen Muttersprache nur sehr wenige Menschen beherrschen?

Tag 4Mit welchen Sprachen bist du aufgewachsen?

 

 

Eleftheria ist im Ruhrgebiet mit Deutsch, Pontisch und Griechisch aufgewachsen und erzählt euch, welche Sprache sie als ihre Muttersprache sieht. 

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Tag 3"Welchen Sprachen begegnet ihr in eurem Klassenzimmer?"

Wer in die Schule geht, weiß, dass es viele verschiedene Sprachen gibt. Und dass ganz schön viele von Schüler*innen gesprochen werden.

In Deutschland gibt es keine gemeinsame Statistik zu den Sprachen der Schülerinnen und Schüler, aber in Österreich wird jedes Jahr gezählt, wieviele Kinder in ihrem Alltag mehr als nur eine Sprache verwenden.  Wir glauben, dass das in Deutschland vergleichbar ist. Und was kommt da raus?

In den österreichischen Pflichtschulen, also bei den Kindern zwischen 6 und 14 Jahren, verwenden mehr als ein Viertel (28%) neben Deutsch noch andere Sprachen, um mit ihrer Familie, ihren Freund*innen oder Nachbar*innen zu kommunizieren.

In ganz Deutschland verwenden nur etwa 15% der Menschen vorrangig eine andere Sprache als Deutsch in ihrer Familie -  die Schulkinder sind also viel mehrsprachiger als die Gesamtbevölkerung.

Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Neben Deutsch und Englisch lernen ungefähr 20% der mehrsprachigen Grundschulkinder in Österreich ihre Herkunftssprachen (Muttersprachen) auch in der Schule. Und hier gibt es viele Infos zu diesen Sprachen:

https://www.schule-mehrsprachig.at/wissen/wissen-ueber-sprachen/sprachensteckbriefe

Quellen: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Wien https://www.bmbwf.gv.at/Themen/schule/schulpraxis/ba/sprabi/msmuib.html und https://pubshop.bmbwf.gv.at/index.php?article_id=9&sort=title&search%5Btext%5D=Informationsblatt+Nr.+5&pub=824

Und das RUEG-Team? Wir bereiten auch etwas für Schulklassen und Jugendgruppen vor und freuen uns auf eine ganz neue Veröffentlichung zum Thema ‘Muttersprachler*in’. Nur noch 18 Tage...

Stay tuned!

 

Schickt uns Eindrücke aus Eurer Klasse - 

wann sprecht ihr über Sprachen?​

Poster Tdm

Tag 2"Vater Kakadu" (Judith Purkarthofer)

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Es rief der Vater Kakadu
von ferne seinen Kindern zu,
am Himmel zögen graue Wolken
am Himmel zögen graue Wolken
und dass sie sich verstecken sollten.
Die Kinder tollten wild und schrien,
sie sähen keine Wolken ziehen.
Der Vater, etwas abgelenkt,
kann nicht umhin, dass er sich denkt,
ob, was er auch mit ihnen spricht,
ist Muttersprache oder nicht?

 

Und aufgrund dieser nachvollziehbaren Frage
verbringt er jetzt nass den Rest seiner Tage

Tag 1Noch 20 Tage bis zum “Tag der Muttersprachen 2022”!

 

 

Heute starten wir unseren Countdown zum “Tag der Muttersprachen” am 21. Februar. Weltweit haben die Menschen unterschiedliche Bezeichnungen für das, was wir in Deutschland gemeinhein “Muttersprache” nennen. In den nächsten drei Wochen wollen wir uns zusammen einige Gedanken zu diesem Begriff machen - und natürlich auch zu dem, was dahinter steckt. Kennst Du die Bezeichnung für “Muttersprache” in anderen Sprachen? Wie viele der Bezeichnungen aus unserer Sprechblase kannst Du einer Sprache zuordnen?