LexRAN
LEXRAN: Benennungsgeschwindigkeit bei Sprachentwicklungsstörungen
Projektleitung: Prof. in Dr. in Tanja Ulrich
Projektkoordination: Anna Kaltenbrunner, wissenschaftliche Mitarbeiterin
Laufzeit: 2026-2029
Hintergrund
Sprachentwicklungsstörungen (SES) betreffen knapp 10% der Bevölkerung und stellen in Deutschland die häufigste Ursache einer logopädischen Behandlung dar (Norbury et al. 2016; Waltersbacher 2019; Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) 2022). Kinder mit SES zeigen anhaltende Beeinträchtigungen in einem oder mehreren sprachlichen Bereichen. Dabei können die Aussprache, der Wortschatz, die Grammatik, der Satzbau und die kommunikativ-pragmatische Ebene beeinträchtigt sein (Bishop 2006; DGPP, 2022). Die Defizite in den sprachlichen Bereichen führen zu Einschränkungen der Kommunikationsfähigkeit und können langfristig zu emotional-sozialen Auffälligkeiten führen (Norbury et al. 2016).
Ein Teil der Kinder mit SES zeigt Schwierigkeiten beim Zugriff und Abruf auf sprachlichen Informationen (Rupp & Ehl, 2025). Insbesondere Kinder mit semantisch-lexikalischen Störungen sind im Rahmen von qualitativen Störungen und Wortfindungsstörungen von dieser Symptomatik betroffen (ebd.). Außerdem zeigen Kinder mit SES Einschränkungen exekutiver Funktionen, insbesondere innerhalb des Arbeitsgedächtnisses (Niu et al., 2024). Die Benennungsgeschwindigkeit (Rapid Automatized Naming, RAN) erfordert unter Anderem eben eine Integration dieser Fähigkeiten (Bowers & Wolf, 1993). Definiert wird RAN als Fähigkeit, bekannte visuelle Stimuli möglichst schnell und korrekt zu benennen (Mayer 2023; Araújo und Faísca 2019). RAN stellt ein komplexes Konstrukt dar, was die koordinierte Interaktion verschiedener sprachlicher und kognitiver Prozesse erfordert (Liu und Georgiou 2017; Wolf et al. 2000). Welche dieser Prozesse der RAN-Leistung jedoch spezifisch zugrunde liegen, wird in der Literatur bislang kontrovers diskutiert (Chen et al. 2021; Georgiou und Parrila 2020). In den vergangenen Jahren wurde die Benennungsgeschwindigkeit bezüglich ihrer prädiktiven Wirkung für schriftsprachliche Fähigkeiten, insbesondere der Leseflüssigkeit untersucht (Chen et al. 2021; Araújo und Faísca 2019). Für diesen Bereich stellt RAN ein zeitökonomisches und valides diagnostisches Instrument dar (Mayer, 2023; van Ermingen-Marbach et al., 2015). Demgegenüber ist die Evidenz zur Benennungsgeschwindigkeit bei Kindern mit SES deutlich weniger übersichtlich und dementsprechend das Schnellbenennen kein fester Bestandteil der Diagnostik von SES. Einzelne Befunde berichten eine verlangsamte RAN-Leistung bei Kindern mit SES, die Befunde sind jedoch uneinheitlich und unterscheiden sich hinsichtlich der untersuchten Stichproben, der diagnostischen Charakterisierung der Kinder mit SES und der verwendeten RAN-Paradigmen (Bishop et al. 2009; Chalikia et al. 2025; Ladányi und Lukács 2019).
Ziele
Ziel des Projektes ist es, die Bedeutung der Benennungsgeschwindigkeit für Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen zu untersuchen und zu klären, inwieweit Unterschiede in der RAN-Leistung mit unterschiedlichen sprachlichen Profilen, insbesondere semantisch-lexikalischen Beeinträchtigungen, zusammenhängen. Auf dieser Grundlage soll ein Beitrag zur differenzierten Charakterisierung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen sowie zur Weiterentwicklung und möglichen Implementation diagnostischer Ansätze geleistet werden.
Methodik
Das Projekt ist als kumulatives Promotionsvorhaben mit drei aufeinander aufbauenden Teilprojekten konzipiert. Zunächst soll im Rahmen eines systematischen Reviews der aktuelle Forschungsstand zu der Benennungsgeschwindigkeit bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörung systematisch aufgearbeitet werden. Auf dieser Grundlage ist eine empirische Studie geplant, welche die RAN-Leistung bei einer klinisch definierten Subgruppe von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen, nämlich Kindern mit einem semantisch-lexikalischem Störungsschwerpunkt, untersucht. Neben der Benennungsgeschwindigkeit und semantisch-lexikalischen Fähigkeiten, ist die Erhebung verschiedener kognitiver Variablen geplant. Auf dieser Grundlage soll im dritten Teilprojekt untersucht werden, welche sprachlichen und kognitiven Faktoren die Unterschiede in der RAN-Leistung erklären. Ziel ist es, die der Benennungsgeschwindigkeit zugrunde liegenden Mechanismen bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörung besser zu verstehen.
Literaturverzeichnis
Araújo, S. & Faísca, L. (2019). A Meta-Analytic Review of Naming-Speed Deficits in Developmental Dyslexia. Scientific Studies of Reading, 23(5), 349–368. https://doi.org/10.1080/10888438.2019.1572758
Bishop, D. V. M. (2006). What Causes Specific Language Impairment in Children? Current directions in psychological science, 15(5), 217–221. https://doi.org/10.1111/j.1467-8721.2006.00439.x
Bishop, D. V. M., McDonald, D., Bird, S. & Hayiou-Thomas, M. E. (2009). Children who read words accurately despite language impairment: who are they and how do they do it? Child development, 80(2), 593–605. https://doi.org/10.1111/j.1467-8624.2009.01281.x
Bowers, P. G. & Wolf, M. (1993). Theoretical links among naming speed, precise timing mechanisms and orthographic skill in dyslexia. Reading and Wirting: An Interdisciplinary Journal(5).
Chalikia, A., Ralli, A. M. & Antoniou, F. (2025). Developmental Language Disorder and Risk of Dyslexia-Can They Be Told Apart? Behavioral sciences (Basel, Switzerland), 15(9). https://doi.org/10.3390/bs15091234
Chen, Y.‑J. I., Thompson, C. G., Xu, Z., Irey, R. C. & Georgiou, G. K. (2021). Rapid automatized naming and spelling performance in alphabetic languages: a meta-analysis. Reading and Writing, 34(10), 2559–2580. https://doi.org/10.1007/s11145-021-10160-7
Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. (2022). Therapie von Sprachentwicklungsstörungen: Interdiszipläre S-3 Leitlinie: AWMF-Registernr.: 049-015.
Georgiou, G. K. & Parrila, R. (2020). What mechanism underlies the rapid automatized naming-reading relation? Journal of experimental child psychology, 194, 104840. https://doi.org/10.1016/j.jecp.2020.104840
Ladányi, E. & Lukács, Á. (2019). Word Retrieval Difficulties and Cognitive Control in Specific Language Impairment. Journal of speech, language, and hearing research : JSLHR, 62(4), 918–931. https://doi.org/10.1044/2018_JSLHR-L-17-0446
Liu, C. & Georgiou, G. K. (2017). Cognitive and environmental correlates of rapid automatized naming in Chinese kindergarten children. Journal of Educational Psychology, 109(4), 465–476. https://doi.org/10.1037/edu0000151#
Mayer, A. (2023). Test zur Erfassung der phonologischen Bewusstheit und der Benennungsgeschwindigkeit (TEPHOBE-R) (5., überarbeitete, erweiterte und neu normierte Auflage). Ernst Reinhardt Verlag.
Niu, T., Wang, S., Ma, J., Zeng, X. & Xue, R. (2024). Executive functions in children with developmental language disorder: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in neuroscience, 18, 1390987. https://doi.org/10.3389/fnins.2024.1390987
Norbury, C. F., Gooch, D., Wray, C., Baird, G., Charman, T., Simonoff, E., Vamvakas, G. & Pickles, A. (2016). The impact of nonverbal ability on prevalence and clinical presentation of language disorder: evidence from a population study. Journal of child psychology and psychiatry, and allied disciplines, 57(11), 1247–1257. https://doi.org/10.1111/jcpp.12573
Rupp, S. & Ehl, B. (Hrsg.). (2025). Praxiswissen Logopädie. Semantisch-lexikalische Störungen bei Kindern. Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-71060-9
van Ermingen-Marbach, M., Verhalen, N., Grande, M., Heim, S., Mayer, A. & Pape-Neumann, J. (2015). Orientierungswerte für die Benennungsgeschwindigkeit bei leseunauffälligen Kindern im Alter von 9 bis 11 Jahren. Sprache Stimme Gehör, 38(04), e28-e32. https://doi.org/10.1055/s-0034-1375625
Waltersbacher, A. (2019). Heilmittelbereich 2019: Ergotherapie, Sprachtherapie, Physiotherapie, Podologie. https://www.wido.de/fileadmin/Dateien/Dokumente/Publikationen_Produkte/Buchreihen/Heilmittelbericht/wido_hei_hmb_2019.pdf