Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion im Praxissemester

Projektleitung: Kerstin Göbel

Projektmitarbeiterin: Katharina Neuber (wiss. Mitarbeiterin)

Förderung: Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW) des Landes Nordrhein-Westfalen

Projektbeschreibung „Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion im Praxissemester (ScRiPS)“

Reflexivität wird oft als Schlüsselkompetenz professionellen Lehrerhandelns bezeichnet (Combe & Kolbe, 2008). Die gezielte Förderung der Reflexion stellt deshalb einen zentralen Bestandteil der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen dar. Das Praxissemester im Lehramtsstudium weist ein hohes Potenzial für die Förderung der Reflexion eigenen Unterrichts auf und bietet damit die Gelegenheit, systematische Angebote zur Unterrichtsreflexion empirisch zu erforschen. Neben den Rückmeldungen von Mentor/innen können Lehramtsstudierende im Praxissemester zur Anregung unterrichtsbezogener Reflexionen auch die Unterrichtsrückmeldungen der Schülerschaft nutzen (Hascher, Baillod & Wehr, 2004), welche sich in der Unterrichtsforschung als valide Informationen über die Unterrichtsqualität erwiesen haben (z. B. Fauth et al., 2014; Göllner et al., 2016). Obwohl Rückmeldungen der Lernenden für die professionelle Entwicklung der Studierenden hilfreich sein können, werden Schülerrückmeldungen in aktuellen Studien noch wenig beforscht.

Das Projekt „Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion im Praxissemester (ScRiPS)“ greift das Potenzial von Schülerrückmeldungen als zentrale Lerngelegenheit für die Reflexion eigenen Unterrichts und für die professionelle Entwicklung angehender Lehrkräfte im Praxissemester auf. Im Fokus der empirischen Untersuchung steht die Frage nach dem Beitrag, den die Nutzung von schülerrückmeldungsgestützten Reflexionsformaten für die Entwicklung positiver Einstellungen zur Unterrichtsreflexion bei insgesamt n = 164 Lehramtsstudierenden im Praxissemester der Universität Duisburg-Essen leisten kann. Die Veränderung reflexionsbezogener Einstellungen wurde im Rahmen eines quasiexperimentellen Designs untersucht (Neuber & Göbel, 2019). Hierfür wurden 87 Studierende den Interventionsgruppen (Nutzung von Schülerrückmeldungen und von schriftlichen bzw. kollegialen Reflexionsangeboten im Praxissemester) zugeordnet; 77 Studierende wurden im Praxissemester keinem Reflexionssetting zugewiesen und gehören somit der Kontrollgruppe an. Alle Untersuchungsteilnehmenden wurden vor und nach der Schülerrückmeldungsintervention im Praxissemester mithilfe standardisierter Fragebögen zu ihren Einstellungen zur Unterrichtsreflexion befragt. Zur Prüfung von Veränderungen der reflexionsbezogenen Einstellungen und von Unterschieden zwischen den Interventions- und der Kontrollgruppe, wurden die Daten der Prä-Post-Befragung varianzanalytisch ausgewertet. Um die Entwicklung von Einstellungen zur Unterrichtsreflexion angehender Lehrpersonen auch international vergleichend zu untersuchen, wurden analoge Erhebungen im Kanton Zürich (Schweiz) unter der Leitung von Prof. Dr. Corinne Wyss (Pädagogische Hochschule Zürich), realisiert. Im ScRiPS- Projekt wurden darüber hinaus die Einstellungen von praktizierenden Lehrkräften gegenüber Unterrichtsreflexion untersucht. Zudem wurden in einer qualitativen Teilstudie (Neuber, in Vorbereitung) die Erfahrungsperspektiven der Lehramtsstudierenden mit der Nutzung und Reflexion der Schülerrückmeldungen zum eigenen Unterricht analysiert.

Die vorliegende Ergebnisse des ScRiPS-Projekts (Göbel & Neuber 2016, 2017a, 2017b; im Druck; Neuber & Göbel, 2020) weisen darauf hin, dass die befragten Praxissemesterstudierenden der Nutzung von Schülerrückmeldungen gegenüber aufgeschlossen sind. Als relevante Prädiktoren für positive Einstellungen zur Unterrichtsreflexion und zur Nutzung von Schülerrückmeldungen haben sich in den Analysen die motivationalen Orientierungen der Studierenden in Bezug auf den Lehrerberuf (Göbel & Neuber, 2017b) als relevante Prädiktoren erwiesen. Für die Rückmeldungsnutzung im Praxissemester waren insbesondere die Unterstützung in der Schule, zeitliche Ressourcen und die Kompetenzen der Lernenden im Umgang mit Rückmeldungen bedeutsam, weshalb eine systematische Einführung der Lernenden sinnvoll erscheint (Neuber, in Vorbereitung). Für die Reflexion der Rückmeldungen wurden schriftliche und kollegiale Formate (Neuber & Göbel, 2020) als hilfreich eingeschätzt sowie der Austausch mit den Lernenden selbst.

Ausgehend von diesen Befunden ist für weiterführende Untersuchungen geplant, die die Nutzung und Reflexion von Schülerrückmeldungen im Hinblick auf die Entwicklung von Unterricht von angehenden Lehrpersonen im Vorbereitungsdienst (Referendariat) zu fördern. Hierfür sollen in Kooperation mit den Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst (Referendariat) in die Nutzung und Reflexion von Schülerrückmeldungen eingeführt und eine systematische Einführung der beteiligten Lernenden in den Umgang mit Unterrichtsrückmeldungen entwickelt werden.

 

Publikationen

Göbel, K. & Neuber, K. (im Druck). Einstellungen zur Reflexion von angehenden und praktizierenden Lehrkräften. Empirische Pädagogik, 12 (1), 5-20.

Neuber, K. & Göbel, K. (2020). Nutzung von Schülerrückmeldungen im Praxissemester – ein Forschungskonzept zur Förderung der Reflexion eigenen Unterrichts. HLZ, 3 (2), 122-136.

Neuber, K. & Göbel, K. (2019). Reflexion im Praxissemester – ein Forschungskonzept unter Rückgriff auf Schülerrückmeldungen zum Unterricht. In M. Degeling, N. Franken, S. Freund, S. Greiten, D. Neuhaus & J. Schellenbach-Zell (Hrsg.), Herausforderung Kohärenz: Praxisphasen in der universitären Lehrerbildung. Bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven (S. 302-311). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

Göbel, K. & Neuber, K. (2019). Lernende geben Rückmeldungen zum Unterricht. Potenziale der Nutzung von Schülerfeedback und deren Bedingungen. Friedrich Jahreshefte 37, S. 48-49.

Neuber, K. & Göbel, K. (2018). Schülerrückmeldungen zum Unterricht und Unterrichtsreflexion. Dokumentation der entwickelten Erhebungsinstrumente im Projekt „Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion im Praxis-semester (ScRiPS)“. Aktualisierte Skalenanalysen. Verfügbar unter der URL: https://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-45838/Neuber_Goebel_2018_Schuelerrueckmeldungen.pdf

Göbel, K. & Neuber, K. (2017). Potenziale der Einholung von Schülerrückmeldungen für die Unterrichtsreflexion in den Phasen des Lehrerberufs. In K. Zierer et al. (Hrsg.), Allgemeine Didaktik und Lehrer/innenbildung (Jahrbuch für Allgemeine Didaktik, S. 88-101). Hohengehren: Schneider.

Göbel, K. & Neuber, K. (2017). Die Nutzung von Schülerrückmeldungen zum Unterricht zur Förderung der Reflexionsbereitschaft angehender Lehrkräfte im Praxissemester. In U. Fraefel & A. Seel (Hrsg.), Schulpraktische Professionalisierung: Konzeptionelle Perspektiven (S. 213-226). Münster: Waxmann.

Neuber, K. & Göbel, K. (2016). Schülerrückmeldungen zum Unterricht und Unterrichtsreflexion. Dokumentation der entwickelten Erhebungsinstrumente im Projekt „Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion im Praxissemester (ScRiPS)“. Erste Skalenanalysen. Verfügbar unter der URL: http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42835/Neuber_Goebel_2016_Schuelerrueckmeldungen.pdf

 

Vorträge

Neuber, K. & Göbel, K. (2019). Attitudes of pre-service and in-service teachers towards student feedback and reflection – results of the study ‘ScRiPS’. Vortrag im Rahmen der Earli Konferenz in Aachen, August 2019.

Neuber, K. & Göbel, K. (2019). Schriftliche, kollegiale und freie Reflexion von Schülerrückmeldungen zum Unterricht im Praxissemester. Vortrag im Rahmen des IGSP-Kongresses „Lernen in der Praxis“ in Graz (Austria), April 2019.

Neuber, K. & Göbel, K. (2019). Bedingungen der Nutzung von Schülerrückmeldungen zum Unterricht durch Praxissemesterstudierende. Vortrag im Rahmen der Tagung „Reflexivität in allen Phasen der Lehrerbildung“ in Gießen, April 2019.

Neuber, K. & Göbel, K. (2019). Wirkungen der Nutzung von Schülerrückmeldungen zum Unterricht auf die Reflexionsbereitschaft und das Beanspruchungserleben von angehenden Lehrkräften. Vortrag im Rahmen der GEBF-Tagung „Lehren und Lernen in Bildungsinstitutionen“ in Köln, Februar 2019.

Neuber, K. & Göbel, K. (2018). Wirkungen und Bedingungen der Nutzung von Schülerrückmeldungen zum Unterricht für die Reflexion im Praxissemester. Vortrag im Rahmen der AEPF-Tagung „Lehrer. Bildung. Gestalten“ in Lüneburg, September 2018.

Neuber, K. & Göbel, K. (2018). Attitudes of student teachers towards reflection and student feedback – results of the study ‘ScRiPS’. Vortrag im Rahmen der Earli Sig 11 Konferenz in Kristiansand (Norway), Juni 2018. 

Neuber, K. & Göbel, K. (2018). Die Nutzung schülerrückmeldungsgestützter Reflexionsangebote im Praxissemester. Vortrag im Rahmen des DGfE-Kongresses „Bewegungen“ in Essen, März 2018.

Neuber, K. & Göbel, K. (2018). Die systematische Reflexion von Schülerrückmeldungen zum eigenen Unterrichtshandeln im Praxissemester. Vortrag im Rahmen der GEBF-Tagung „Professionelles Handeln als Herausforderung für die Bildungsforschung“ in Basel, Februar 2018.

Neuber, K. & Göbel, K. (2017). Die kollegiale Reflexion von Schülerrückmeldungen zum eigenen Unterricht im Praxissemester. Vortrag im Rahmen der AEPF-Tagung „Educational Research and Governance“ in Tübingen, September 2017.

Neuber, K. & Göbel, K. (2017). Die Nutzung schülerrückmeldungsgestützter Reflexionsangebote im Praxissemester. Vortrag im Rahmen der Konferenz „Herausforderung Kohärenz: Praxisphasen in der universitären Lehrerbildung (HerKuLes)“ in Wuppertal, September 2017.

Neuber, K. & Göbel, K. (2017). Einstellung zu Schülerrückmeldungen und Reflexionsbereitschaft von angehenden Lehrpersonen im Praxissemester. Vortrag im Rahmen des 2. Kongresses „Lernen in der Praxis“ der Internationalen Gesellschaft für Schulpraktische Professionalisierung (IGSP) in Bochum, März 2017.

Neuber, K. & Göbel, K. (2017). Schülerrückmeldungen zum eigenen Unterricht im Praxissemester: Reflexionsbereitschaft und Beanspruchungserleben von Lehramtsstudierenden. Posterbeitrag im Rahmen der GEBF-Tagung „Durch Bildung gesellschaftliche Herausforderungen meistern“ in Heide.

Neuber, K. & Göbel, K. (2016). Erste Ergebnisse im Projekt „Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion im Praxissemester (ScRiPS)“. Vortrag im Rahmen der AEPF-Tagung „Empirisch pädagogische Forschung in inklusiven Zeiten - Professionalisierung, Konzeptualisierung, Systementwicklung" in Rostock, September 2016.

Neuber, K. & Göbel, K. (2016). Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion im Praxissemester. Posterbeitrag im Rahmen des 25. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) „Räume für Bildung. Räume der Bildung“ in Kassel, März 2016.

Göbel, K. & Neuber, K. (2016). Erste Ergebnisse im Projekt „Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion im Praxissemester (ScRiPS)“. Vortrag im Rahmen der GEBF-Tagung „Erwartungswidriger Bildungserfolg über die Lebensspanne“ in Berlin, März 2016.

Göbel, K. & Neuber, K. (2015). Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion. Vortrag im Rahmen des Kongresses „Lernen in der Praxis“ in Brugg-Windisch (CH), Mai 2015.

Neuber, K. & Göbel, K. (2015). Schülerrückmeldungen zum Unterricht und ihr Beitrag zur Unterrichtsreflexion im Praxissemester. Posterbeitrag im Rahmen der GEBF-Nachwuchstagung „Zwischen empirischen Daten und unterrichtspraktischer Relevanz – Publizieren in den Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften“ in Bochum, März 2015.

 

Dissertationsprojekt „Schülerrückmeldungen zum Unterricht von Lehramtsstudierenden. Eine mehrperspektivische Analyse der Nutzung von Schülerrückmeldungen im Praxissemester

Die Reflexion von Unterricht stellt einen zentralen Bestandteil des professionellen Handelns im Lehrerberuf dar und muss daher bereits in der schulpraktischen Lehrpersonenausbildung systematisch unterstützt werden. Um Reflexionsprozesse anzuregen, können angehende Lehrkräfte auch die unterrichtsbezogenen Rückmeldungen der Lernenden nutzen. Trotz des Potenzials einer Erweiterung der eigenen Perspektive auf den Unterricht werden Schülerrückmeldungen in schulpraktischen Phasen der Lehrpersonenausbildung bislang kaum bzw. wenig systematisch eingesetzt. Über die individuelle Nutzung von Schülerrückmeldungen zum Unterricht durch angehende Lehrkräfte und deren Ertrag für die Unterstützung der eigenen Unterrichtsreflexion sowie für die Entwicklung neuer professioneller Handlungsperspektiven ist entsprechend wenig bekannt.

Das Dissertationsprojekt fokussiert – unter Rückgriff auf Fragebogendaten einer Teilstichprobe des ScRiPS-Projekts – die Bedingungen für den Einsatz und die Reflexion von Schülerrückmeldungen zum eigenen Unterricht sowie deren Ertrag für die professionelle Entwicklung angehender Lehrkräfte im Praxissemester. Hierfür wurde eine Mixed-Methods-Studie mit Prä-Post-Kontrollgruppendesign durchgeführt. Diese umfasst 113 Studierende des ScRiPS-Projekts. Die Erhebungen der Einstellungen zur Unterrichtsreflexion im ScRiPS-Projekt wurden für die eigene Untersuchung um Fragen zum Beanspruchungserleben im Praxissemester ergänzt; darüber hinaus wurden im Anschluss an das Praxissemester mit 17 Studierenden der Interventionsgruppe leitfadengestützte Interviews geführt, um die Erfahrungsperspektiven auf den Einsatz, die Reflexion und den Ertrag der Schülerrückmeldungen zum eigenen Unterricht zu erfassen.

Die varianzanalytische Auswertung der Fragebogendaten verdeutlicht, dass die Einstellungen zur Unterrichtsreflexion durch den Einsatz schülerrückmeldungsgestützter Reflexionsformate insgesamt nur eingeschränkt verändert werden konnten. Bei genauerer Betrachtung der Nutzung der Schülerrückmeldungen im Rahmen der Interviewstudie zeigte sich jedoch, dass diese durchaus wertvolle Ressourcen für die professionelle Entwicklung angehender Lehrkräfte darstellen können. Es kann resümiert werden, dass die befragten Studierenden besonders im Hinblick auf die emotionale Bekräftigung, berufliche Motivierung und Verbesserung der Schüler-Lehrer-Beziehung profitieren – dies zeigte sich vor allem für Studierende mit eher geringen Selbstwirksamkeitserwartungen. Der Mehrwert des Einsatzes von schülerrückmeldungsgestützten Reflexionsgelegenheiten im Praxissemester besteht auch darin, dass die Studierenden Sicherheit im unterrichtlichen und pädagogischen Handeln sowie in der generellen Anwendung von Schülerrückmeldungen zum Unterricht erwerben. Dies gilt insbesondere für Studierende, die der generellen Nutzung von Schülerrückmeldungen zum Unterricht sehr positiv gegenüberstehen. Studierende mit weniger positiven Einstellungen gegenüber Schülerrückmeldungen konnten hingegen durch die eigene Erfahrung mit dieser Reflexionsgelegenheit nur eingeschränkt für Unterrichtsveränderungen und die zukünftige Nutzung von Schülerrückmeldungen motiviert werden.