Forschungsprofil

Mein Forschungsprofil ist disziplinübergreifend an der Schnittstelle von Sonderpädagogik, Migrationspädagogik, Mehrsprachigkeitsforschung und kritischer Ungleichheitsforschung angesiedelt. Ich untersuche, wie Zuschreibungen, Differenzkategorien und institutionelle Praktiken Bildungsprozesse in schulischen Kontexten prägen und dadurch Teilhabe, Inklusion und Bildungsbenachteiligung strukturiert werden. Im Fokus stehen Prozesse und Praktiken der Markierung, Attestierung, Kategorisierung und Exklusion sowie deren Auswirkungen auf Kinder, Jugendliche und ihre Angehörigen – und wie diese Akteur:innen solche Erfahrungen erleben, verarbeiten und aushandeln.

 

Inhaltliche Forschungsschwerpunkte

  • Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit in den sonderpädagogischen Förderschwerpunkten Lernen, Emotionale-Soziale Entwicklung und Sprache
  • Migrationspädagogische Perspektiven auf Inklusion, Differenzkonstruktionen und Bildungszugänge
  • Intersektionale Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit zugeschriebenem sonderpädagogischem Förderbedarf
  • Rassismus- und migrationskritische Zugänge zu sprachlicher Differenz und schulischer Inklusion
  • Disziplinübergreifende Lehrkräfteprofessionalisierung im Umgang mit Vielfalt, Differenz und Heterogenität
  • Inklusive Sprach(en)bildung als Querschnittsaufgabe schulischer Inklusion
  • Herausforderndes Verhalten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Kontext von Ungleichheit und Zuschreibungen

 

Paradigmatische Verortung

Meine Forschung ist in einer macht-, rassismus-, migrations- und ableismuskritischen Perspektive verankert, die sich an inklusiven Forschungsansätzen orientiert. Im Zentrum steht ein interpretativ-rekonstruktives Wissenschaftsverständnis, das die Erfahrungen schulischer Akteur:innen sowie Prozesse von Zuschreibung und Exklusion sichtbar macht.

 

Metho(dolog)ische Verortung

Ich arbeite in einer qualitativ-rekonstruktiven Forschungstradition, die die sozialen Praktiken im schulischen Feld als kollektiv geteilte Sinnstrukturen versteht. Dabei kombiniere ich fallrekonstruktive Zugänge mit intersektionalen und ungleichheitskritischen Analysen. Methodisch ist meine Arbeit in der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung angesiedelt (u. a. Dokumentarische Methode, Grounded Theory Methodology, (Institutional) Ethnography, Situational Analysis, Qualitative Inhaltsanalyse sowie in Mixed-Methods-Designs).

Abgeschlossene Projekte

Neu zugewanderte Schüler:innen in Schule und Unterricht: Orientierungen im Handlungsfeld Mehrsprachigkeit, Migration und Flucht. Eine qualitativ-rekonstruktive Begleitstudie zum Professionalisierungsprozess angehender Lehrkräfte in projektbezogenen Bachelor-Praxisphasen

Kooperationsprojekt mit dem Zentrum für Lehrkräftebildung (ZfL) der Universität zu Köln; Projekt „Prompt! – Bildungsteilhabe stärken“

Studierende der Universität zu Köln haben die Möglichkeit ihre Bachelor-Praxisphasen (Eignungs- und Orientierungspraktikum sowie Berufsfeldpraktikum) in projektbezogenen Veranstaltungen zu absolvieren. Das Projekt „Prompt - Bildungsteilhabe stärken“ setzt hierbei den Fokus auf den Bereich Sprachbildung von neu zugewanderten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen und verfolgt das Ziel, angehende Lehrkräfte aller Lehramtsschwerpunkte bereits im Bachelorstudium für den schulisch-unterrichtlichen Umgang mit Mehrsprachigkeit, Migration und Flucht zu professionalisieren. Ziel der Begleitstudie liegt in der Erfassung von Veränderungsprozessen in habituell-handlungsleitenden Orientierungen, die sich aus spezifisch seminaristischen und praktikumsbezogenen Erfahrungen ergeben. Dazu werden zwei Gruppen von Studierenden verschiedener Lehrämter in Gruppendiskussionen begleitet, wobei eine Gruppe spezifische Erfahrungen in internationalen Vorbereitungsklassen sammelt währenddessen die andere Gruppe ihr Praktikum im Kontext der Regelklasse absolviert. Die qualitativ-rekonstruktive Studie fokussiert das implizite Wissen der Studierenden und knüpft hierbei an quantitative Studienergebnisse an, die mitunter die begrenzte Nachhaltigkeit von positiven Einstellungsveränderungen (explizite Wissen) gegenüber der Arbeit mit neu zugewanderten Schüler:innen im Projektpraktikum feststellen konnte (vgl. Massumi et. al, 2022)

 

Projektbezogene Veröffentlichung: 

**Niehaus, K., Frank, T. & Dittmann, M. (2025). Orientierungen im Handlungsfeld Mehrsprachigkeit, Migration und Flucht. Eine qualitativ-rekonstruktive Begleitstudie zum Professionalisierungsprozess angehender Lehrkräfte in projektbezogenen Bachelor-Praxisphasen. Zeitschrift für Rekonstruktive Fremdsprachenforschung (ZRFF), Ausgabe 6, 45–68. Online: https://www.rekonstruktive-fremdsprachenforschung.de/zeitschrift/ausgabe-6/niehaus-frank-dittmann/

Qualifizierung und Professionalisierung von (angehenden) Lehrkräften im Bereich Sprachbildung, Mehrsprachigkeit und Inklusion: Schwerpunkt sprachbildungsbezogenes Selbstkonzept und multiprofessionelle Zusammenarbeit (mit Prof. Katja F. Cantone, UDE)

Projektbezogene Veröffentlichungen: 

**Niehaus, K. (2024). „Ein Fall für die Förderschule?!“ – Zum Umgang mit sprach(bildungs)bezogenen Herausforderungen. Kasuistische Lehrkräftebildung im Handlungsfeld Inklusion im Fach Deutsch als Zweitsprache. die hochschullehre, 10/2024, DOI: http://doi.org/10.3278/HSL2427W

**Niehaus, K. & Cantone, K. F. (2024). „Man sollte bei Sprachbildung doch mehr zusammenarbeiten…” – Zum sprachbildungsbezogenen Selbstverständnis im Kontext inklusiver Schulentwicklungsprozesse. In J. Bertram, K. F. Cantone, K. Niehaus, P. Scherer & G. Wolfswinkler (Hrsg.), Lehrkräfteprofessionalisierung für die Vielfalt in der Metropolregion Rhein-Ruhr. (S. 93-110). Münster: Waxmann. DOI: https://doi.org/10.31244/9783830998617

Sprachliche Bildung und Bildungssprache im Kontext von Mehrsprachigkeit und Inklusion

Im Rahmen einer Pilotstudie wurde durch den kombinierten Einsatz von offenen qualitativen Items (schulisch-unterrichtliche Vignetten des inklusiven Schulalltags) und quantitativer Item-gestützter Befragung das vorherrschende Verständnis und die Bedeutung von Bildungssprache bei angehenden und bereits ausgebildeten Grundschullehrkräften im Hinblick auf das Konstrukt Bildungssprache allgemein, seine Notwendigkeit für den Unterricht und seine Implikationen für mehrsprachige und inklusiv beschulte Lernende untersucht.​​ Das Projekt knüpfte an aktuelle Diskurse um die Weiterentwicklung von Sprachbildung in Bildungskontexten an, in denen sich das Konstrukt der Bildungssprache weiterhin als elaborierter Code der deutschen Sprache abzeichnet. Daraus resultieren angenommene sprachliche Hürden und Barrieren für bestimmte Lerngruppen, ebenso Stigmatisierung und Bildungsbenachteiligung. Insbesondere marginalisierte Lernende sind hier betroffen und müssen im Hinblick auf bildungspolitische Reformen in den Bereichen (schulischer) Mehrsprachigkeit und Inklusion genauer in den Blick genommen werden. Die gewonnenen Daten aus der Pilotstudie dienen einerseits dazu, den fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Diskurs im Hinblick auf den Reformauftrag schulischer Inklusion fortzuführen und neue Impulse hinsichtlich des Umgangs mit Sprachlicher Vielfalt zu geben. Andererseits dienen die Ergebnisse als Grundlage für eine follow-up-Studie (siehe laufende Projekte), die sich mit dem Verständnis von schulpraktischen Begriffen im Kontext mehrsprachiger und inklusiver Klassen beschäftigt (Niehaus & Di Venanzio, in Vorb.)

Projektbezogene Veröffentlichungen: 

**Di Venanzio, L. & Niehaus, K. (2023). „Bildungssprache ist immer noch wichtig, aber wenn man sich […] so nicht ausdrücken kann, gelten natürlich andere Standards für diese Kinder.“ – Zwischen Standardorientierung und Individualbezug: Antinomien in Kontexten mehrsprachiger und inklusiver Sprachbildung. Eine Erhebung von Einstellungen angehender und praktizierender Grundschullehrkräfte. Qualifizierung für Inklusion (QfI), 5(1), DOI: https://doi.org/10.21248/QfI.89

Niehaus, K. & Di Venanzio, L. (in Vorbereitung). „DaZ’ler, Mehrsprachler und duolinguale Schüler?! – Wie sprechen angehende Lehrkräfte im Studienverlauf über mehrsprachige Lernende?“ – Eine vergleichende Studie zum Begriffsverständnis angehender Lehrkräfte in Zeiten schulischer Inklusion. Manuskript. Universität Duisburg-Essen.

Habituell-handlungsleitende Orientierungen angehender Lehrkräfte in Kontexten Inklusiver Sprachbildung. Eine rekonstruktive Perspektive auf Handlungskompetenz im Bereich sprachlicher Vielfalt (Promotionsprojekt)

Das interdisziplinär gedachte Forschungsvorhaben dient der Verknüpfung der Bereiche Deutsch als Zweitsprache im Bereich Mehrsprachigkeit, der Heterogenitäts- sowie Inklusionsforschung in der Schnittstelle Inklusive Sprachbildung. Neben dem systematischen In-Beziehung-Setzen der übergreifenden Forschungsbereiche (vgl. Riemer 2017, Rödel & Simon 2019), geht es vor allem um die Erforschung von Handlungskompetenz angehender Lehrkräfte in umschriebener Schnittstelle im Hinblick auf eine erweiterte Professionalisierung. Konkret soll im Sinne eines komplexen Kompetenzverständnisses erforscht werden, welche habituellen Orientierungen sich bei angehenden Lehrkräfte der Sekundarstufe 1 (Lehramts-Schwerpunkt HRSGe) in exemplarischen Situationen des inklusiven Schulalltags rekonstruieren und typisieren lassen. Dabei stellen Fallvignetten (Paseka & Hinzke, 2014) der inklusiven Schulpraxis Ausgangspunkt von fokussierten Interviews dar. Anhand der gewonnenen Interviewdaten wird aktuell analysiert, auf welche expliziten und impliziten Wissensstrukturen die angehenden Lehrkräfte zurückgreifen und welche handlungsleitenden Orientierungen sich im Sinne einer relationalen Typenbildung übergreifend rekonstruieren und in einer Typologie „Inklusiver Sprachbildung“ abbilden lassen. Theoretisch basiert das Vorhaben dabei auf dem bourdieu’schen Habituskonzept sowie der Dokumentarischen Methode (vgl. bspw. Bohnsack & Pfaff 2010, Nohl 2017). Die Betrachtung handlungsleitender Orientierungen von angehenden Lehrkräften ist im Rahmen des Professionalisierungsdiskurses von Bedeutung, da diese neben anderen Kompetenzfacetten (u.a. Rothland 2014) eine entscheidend Prädikatorfunktion für die spätere Berufspraxis und den Umgang mit sprachlicher Diversität haben

Projektbezogene Veröffentlichungen: 

**Niehaus, K. (2024). Inklusive Sprachbildung im Kontext von Mehrsprachigkeit und sonderpädagogischer Förderbedarf. Theoretische Verbindungen und rekonstruktive Studienergebnisse zur Handlungskompetenz angehender Lehrkräfte. Wiesbaden: Springer VS. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-658-46460-8

**Niehaus, K. (2023). „Sprachförderbedarf mehrsprachiger Schüler ist nicht überraschend, aber auch nicht selbstverständlich […]“ – Zur differierenden Wahrnehmung migrationsbedingter Mehrsprachigkeit bei angehenden Lehrkräften im Rahmen inklusiver Sprachbildungsprozesse. Kölner Online Journal für Lehrer*innenbildung (k:ON), SA (2/2023), 16–44. DOI: http://doi.org/10.18716/ojs/kON/2023.s.2