Personen im Historischen Institut: Prof. Dr. Benjamin Scheller


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  • Studienberatung Fachberater für Geschichte - Lehramt (GyGe)
  • Professorinnen/Professoren Geschichte

Positionen

Seit Wintersemster 2013 Sprecher (stellvertr.) des Forschungsrats des Profilschwerpunkts „Wandel von Gegenwartsgesellschaften der Universität Duisburg-Essen

Seit Wintersemester 2013 Sprecher (stellvertr.) des Graduiertenkollegs 1919 der Deutschen Forschungsgemeinschaft: "Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage: Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln"

Seit Sommersemester 2011 Professor für Geschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Duisburg-Essen

WS 2010/11 Gastprofessor für Geschichte des Mittelalters am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien

2002 bis 2010 wissenschaftlicher Assistent an der Humboldt-Universität zu Berlin

04/2007-03/08 Forschungsaufenthalt am Centro Interdiparmentale di Studi Ebraici an der Universität Pisa (als Feodor-Lynen Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung

1999-2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin

Wissenschaftlicher Werdegang

2009
Habilitation an der Humboldt-Universität zu Berlin:, Thema der Habilitationsschrift: „Die Stadt der Neuchristen. Konvertierte Juden und ihre Nachkommen im spätmittelalterlichen Trani zwischen Inklusion und Exklusion (1267 bis 1514)“ (im Druck erschienen Berlin 2013)

2002
Promotion der Humboldt-Universität zu Berlin, Thema der Dissertation: „Memoria an der Zeitenwende. Die Stiftungen Jakob Fuggers des Reichen vor und während der Reformation (ca. 1505 bis 1555)“, im Druck erschienen 2004 Berlin

1995
Magister Artium (Humboldt-Universität zu Berlin)

1990- 1995
Studium der mittelalterlichen und neueren Geschichte und der Soziologie an den Universitäten Frankfurt am Main, der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin

Stipendien und Drittmittel

2013
Graduiertenkollegs 1919 der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Vorsorge, Voraussicht und Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“ (mit Stefan Brakensiek)

2012
Druckkostenzuschuss der Alexander von Humboldt-Stiftung, Drucklegung „Die Stadt der Neuchristen“

2011
Förderprogramm „Anschubfinanzierung“ des Mercator Research Center Ruhr (MERCUR): Antragsvorbereitung für ein Graduiertenkolleg (DFG) „Zukunftshandeln“ (mit Stefan Brakensiek).

2006
Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung

2005
Reisekostenbeihilfe der Fritz-Thyssen-Stiftung

1996-1998
Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes

1991-1995
Studienförderung der Studienstiftung des deutschen Volkes

Forschungsprojekte

Prof. Dr. Benjamin Scheller

Ambiguität und Unterscheidung: Historisch-kulturelle Dynamiken

Leiter: Prof. Dr. Benjamin Scheller (Vorbereitung eines Vollantrages auf eine DFG-Forschergruppe, gefördert durch den Mercator Research Center Ruhr [MERCUR])
Laufzeit: seit 2014

Unterscheidungen strukturieren und ordnen unsere Welt. Das gilt auf ganz grundlegender Ebene, indem wir etwa einen Gegenstand vom Rest der sinnlichen Erfahrungswelt unterscheiden. Das gilt aber insbesondere in den sozialen Beziehungen, in denen Menschen beispielsweise nach ihrem Geschlecht oder ihren religiösen oder ethnischen Zugehörigkeiten mit zuweilen erheblichen Konsequenzen unterschieden werden. Aus solchen Unterscheidungen werden Ordnungen des Sozialen aufgebaut. Doch immer wieder gerät die Differenzierungstätigkeit in Situationen, in denen eine Unterscheidung zwar aufgerufen, jedoch nicht konsistent angewendet werden kann. Solche Situationen der Ambiguität will die geplante Forschergruppe untersuchen, deren Beantragung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft derzeit vorbereitet wird. Das Projekt mit dem Arbeitstitel „Ambiguität und Unterscheidung. Historisch-kulturelle Dynamiken“ untersucht in acht Teilprojekten Ambiguitätsphänomene in einem breiten Spektrum von Settings: von Italien im Spätmittelalter über die kolonialen Gesellschaften Nordamerikas bis zu den politischen Implikationen des Kunstschaffens in der heutigen Türkei.

Um diese Settings vergleichend zueinander in Beziehung setzen zu können, werden die Ambiguitätsphänomene in drei Dimensionen untersucht, welche die Forschergruppe in ihrer ersten Laufzeit sukzessive durchläuft: 1) In der Dimension der Form wird danach gefragt, wie die Erfahrung von Ambiguität in die Kommunikation eingebracht wird. 2) In der Dimension der Institution wird darauf scharf gestellt, wie und wo mit diesen Ambiguitätskommunikationen in der Gesellschaft weitergearbeitet wird (oder nicht). 3) In der Dimension der Selbstbeschreibung liegt der Fokus darauf, ob und wenn ja wie Gesellschaften ihren Umgang mit Ambiguität reflektieren.

In diesem Ensemble von Ambiguitätssituationen hoffen die Antragsteller*innen, zum einen die „Großen Erzählungen“ von einem Verlust der Ambiguität in der Moderne differenzieren und zum anderen zu generalisierenden Aussagen mittlerer Reichweite kommen zu können.

Die geplante Forschergruppe besteht aus acht Teilprojekten, deren PIs Angehörige der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Duisburg-Essen sind (bei den angegebenen Titeln handelt es sich um Arbeitstitel):

  • Prof. Dr. Frank Becker (Neuere und Neueste Geschichte): Geschlechtsumwandlung und Gesellschaftswandel. Transsexualität in den bundesdeutschen Massenmedien von 1950er Jahren bis heute
  • Prof. Dr. Barbara Buchenau (North American Cultural Studies): ‚Neophytes‘, ‚renegados‘, ‚creoles‘: Produktive Ambiguitäten im Zeitalter imperialer Konkurrenz in Nordamerika
  • Prof. Dr. Gabriele Genge (Neuere Kunstgeschichte/Kunstwissenschaft): Die künstlerische Moderne in Istanbul: Ambige Raumpolitiken zwischen Religion und Staat
  • Prof. Dr. Kader Konuk (Türkische Literatur- und Kulturwissenschaft): Reste des Schwertes – Tropen der Konversion: Türkische Modernisierungsnarrative
  • Prof. Dr. Christoph Marx (Außereuropäische Geschichte): Zwischen Schwarz und Weiß. Ethnische Ambiguitäten und ihre politischen Folgen für die Coloureds in Südafrika
  • Prof. Dr. Patricia Plummer (Postcolonial Studies): (Un)Veiling Orientalism: Gender und Ambiguität im britischen Reisediskurs des langen 18. Jahrhunderts
  • Prof. Dr. Benjamin Scheller (Geschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit): Das Meer der Neuchristen: Mobilität und Ambiguität konvertierter Juden und ihrer Nachkommen im Adriaraum des Spätmittelalters (14. bis frühes 16. Jahrhundert)
  • Prof. Dr. Jörg Wesche (Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts, Kulturwissenschaft und Rhetorik): Uneindeutige Barockdichtung. Poetische und konfessionelle Ambiguität in Schlesien als kulturdynamische Faktoren einer neuen deutschen Dichtkunst (1620 bis 1742).

 

Durch die Kombination dieser Teilprojekte bringt die Forschergruppe literatur-, kultur- und geschichtswissenschaftliche Perspektiven auf Ambiguität miteinander ins Gespräch und nimmt damit in mehrfacher Hinsicht eine Scharnierstellung innerhalb der Forschung ein. Erstens verknüpft sie die Frage nach Ausdrucksformen der Ambiguität (Dimension der Form) mit der Frage nach ihrer gesellschaftlichen Wirkung (Dimensionen der Institution und der Selbstbeschreibung). Andere Projekte zu Ambiguität, etwa das Tübinger Graduiertenkolleg „Ambiguität – Produktion und Rezeption“ beschränken sich meist auf die linguistische, literaturwissenschaftliche oder psychologische Erforschung der Genese und der kognitiven Verarbeitung von Ambiguität, widmen aber der gesellschaftlichen Wirkung geringere Aufmerksamkeit. Zweitens verwebt sie Forschungen zu verschiedenen Ambiguitätsarten miteinander und gestattet es somit, nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu fragen. Andere Verbünde, wie die Arbeitsplattform „Kulturelle Ambiguität“ im Münsteraner Exzellenzcluster „Religion und Politik“, konzentrieren sich demgegenüber auf eine bestimmte Ambiguitätsart, hier etwa die Ambiguierung konfessioneller Grenzen. Drittens schließlich fördert die Forschergruppe das intensive Gespräch poststrukturalistischer und systemtheoretischer Differenztheorien, für die kaum ein gemeinsamer Diskurs existiert.

Prof. Dr. Benjamin Scheller

Das Meer der Neuchristen: Mobilität und Ambiguität konvertierter Juden und ihrer Nachkommen im Adriaraum des Spätmittelalters (14. bis frühes 16. Jahrhundert)

Leiter: Prof. Dr. Benjamin Scheller (Teilprojekt im Rahmen der geplanten Forschergruppe: Ambiguität und Unterscheidung: Historisch-kulturelle Dynamiken)

In den Jahren um 1292 traten im Königreich Neapel verfolgt von der Inquisition tausende von Juden zum Christentum über. Dabei handelte es sich um die einzige Massenkonversion von Juden zum Christentum außerhalb der iberischen Halbinsel und der spanischen Herrschaftsgebiete während des Mittelalters. In Apulien sind die konvertierten Juden, aber auch ihre Nachkommen bis mindestens Mitte des 16. Jahrhunderts unter Bezeichnungen wie „Neofiti“ (von griechisch: „Neophytos“ = „Neugepflanzter“), „Christiani Novi“ bzw. „Cristiani Novelli“ belegt. Auch Generationen später wurden die Nachkommen der Konvertiten also als Abkömmlinge von Juden und Neuankömmlinge in der christlichen Ge-sellschaft markiert und damit als Personengruppe mit einer ambigen religiösen Identität.

Vergleicht man die Situation der Neuchristen in Apulien während des Spätmittelalters mit der Situation jüdischer Konvertiten und ihrer Nachkommen in anderen Regionen Europas, vor allem auf der iberischen Halbinsel, dann erscheint die Gesellschaft des spätmittelalterlichen Süditaliens bemerkenswert tolerant gegenüber der religiösen Ambiguität der Neuchristen. Ihre Verfolgung durch die Inquisition bricht bereits nach gut dreißig Jahren ab. In der einzigen Stadt, für die die Quellenlage es gestattet, die soziale Position der Neuchristen zu erfassen – Trani –, lassen sich während des Spätmittelalters überdies Prozesse zunehmender Inklusion beobachten. Spätestens zu Beginn des 15. Jahrhunderts waren die Neuchristen in den städtischen Leitungsgremien vertreten, gleichzeitig eigneten sie sich den urbanen Raum außerhalb des ehemaligen Judenviertels, der Giudecca, zusehends an, außerdem gelang einer erheblichen Zahl von Neuchristen der Aufstieg in den Adel. Einige von ihnen erlangten wichtige Positionen am Königshof. Zwar wurden die Neuchristen Ende des 15. Jahrhunderts Opfer lokaler Vertreibungen. Sie wurden jedoch in anderen Orten bereitwillig aufgenommen. Auch der Vertreibung der Neuchristen aus dem Königreich Neapel, die König Ferdinand der Katholische 1510 und noch einmal 1514 befahl, konnten viele von ihnen entgehen.

Das Projekt geht der Frage nach den Zusammenhängen zwischen Ambiguitätstoleranz und Mobilität nach. Es spricht einiges dafür, dass Mobilität, genauer die Möglichkeit, in Krisensitua-tionen den Wohnort temporär oder dauerhaft zu verlagern, eine der Ursachen dafür war, dass Verfolgungen und Vertreibungen der Neuchristen Apuliens Episoden blieben bzw. scheiterten Wie nachbarschaftliche Nähe die religiöse Ambiguität der Cristiani Novelli zum Problem werden lassen konnte, so kann diese offenbar auch durch Mobilität unbeobachtbar werden.

Für die Untersuchung dieser Dynamik zwischen Ambiguitätstoleranz und Mobilität sind vor allem zwei Zielregionen der Mobilität der Cristiani Novelli Apuliens von Interesse: Ragusa und Venedig. Ziel des Projektes ist es daher, die Präsenz der apulischen Neuchristen des Spätmittelalters in der wichtigsten Hafenstadt Dalmatiens und in der Lagunenstadt prosopografisch zu erfassen. Auf diese Weise soll es ermöglicht werden, die Wechselbeziehungen zwischen der Mobilität der Neuchristen Apuliens im Adriaraum und der Ambiguitätstoleranz des italienischen Südens im Spätmittelalter zu erkennen.

Prof. Dr. Benjamin Scheller

Die Geburt des Risikos: Kontingenz, Kalkül und kaufmännische Praxis im Mittelmeerraum des Hoch- und Spätmittelalters

Leiter: Prof. Dr. Benjamin Scheller (Lehrstuhlprojekt, unterstützt durch ein Forschungsstipendium des Historischen Kollegs, München)
Laufzeit: seit 2013

Das Risiko ist eine Erfindung des Mittelalters. Im Jahr 1156 erscheint in einem Dokument aus Genua über ein Seehandelsunternehmen ein neues Wort: resicum. Es stammt wahrscheinlich aus dem Arabischen und ist Stammvater unseres Wortes Risiko, wie auch von Risk, risque, rischio et cetera.

Das neue Wort indiziert die Entstehung eines neuen Dispositives im menschlichen Umgang mit der Ungewissheit der Zukunft, eine neue Hinwendung zur Unsicherheit als einem zurechenbaren und berechenbaren Wagnis.

Das Projekt widmet sich der Frage, wie diese Hinwendung zur Unsicherheit seit dem 12. Jahrhundert entstand, sich entwickelte und was sie für die Gesellschaften mediterraner urbaner Handelszentren, vor allem im Italien des Spätmittelalters bedeutete.

Dabei wird es natürlich um das Versicherungswesen des Spätmittelalters gehen, vor allem um die Seeversicherung, die als erste Schadensversicherung auf Prämienbasis seit Mitte des 14. Jahrhunderts entstand. An ihr lassen sich interessante und wichtige Mikroanalysen zum Umgang der italienischen Fernhandelskaufleute mit den Gefahren des Meeres im Zeichen der Zurechnung und Berechnung von kontingenten Schadensereignissen vornehmen.

Ähnliches gilt für Formen der Versicherung, die von der Forschung bis dato eher als antiquarische Kuriosa thematisiert wurden, vor allem die sogenannten Wettversicherungen auf das Leben von Päpsten und gekrönten Häuptern. Bei diesen versprachen die Versicherer den Versicherungsnehmern für den Fall die Versicherungssumme, dass der betreffende Fürst innerhalb eines fixierten Zeitraums, meistens binnen sechs Monaten sterben sollte.

Dass diese im Italien des 15. Jahrhunderts weit verbreitet waren, belegen vor allem kaufmännische Rechnungsbücher mit ihren Versicherungskonten, den conti sicurtà. Analysiert man diese, dann zeigt sich, dass risikobewusster Kaufmann und tollkühner Spekulant oftmals ein und dieselbe Person waren und dass Kalkül und Hasard bei ihren Geschäften mit der Ungewissheit in einer steten und dynamischen Wechselbeziehung, vielleicht sogar in einem Steigerungsverhältnis standen. Zumindest vertritt bereits Ende des 14. der franziskanische Theologe Bernhardin von Siena (1380–1440) die Auffassung, dass manche Risiken nur eingegangen würden, weil man sie versichern könnte, und nimmt damit einen Gedanken Niklas Luhmanns vorweg.

Anders als vielfach behauptet, entstand die neue Hinwendung zur Unsicherheit, die dass neue Wort Risiko indiziert, nicht im Kontext der Seeversicherung, sondern im Zusammenhang mit einer anderen Form des Seegeschäftes, der Commenda. Denn diese war es, die seit dem 12. Jahrhundert die Frage ganz neu aufgeworfen hatte, wie mögliche künftige Schäden und ihre Folgen für den Ausgang von Seehandelsunternehmen zuzurechnen waren. Und es war diese Frage, die mithilfe des neuen Wortes „Risiko“ geklärt werden sollte.