Scientist in Residence 2004 - Prof. Dr. Wilhelm Barthlott

"Der Pinguin ist besser, als alles was die Technik macht"

Prof. Dr. Wilhelm Barthlott: Zwei Tage im Zeichen der Bionik

Weiße Westen für Politiker, an denen nichts haften bleibt, oder Fenster, die nicht mehr geputzt werden müssen: Mit dem Lotus-Effekt verbinden sich viele Hoffnungen. Und sei es nur, um – wie Forschungsprorektor Eckart Hasselbrink in der Begrüßung Wilhelm Barthlotts bemerkte – „endlich jederzeit ein schnelles Argument praktischer Resultate von Nanowissenschaften zur Hand zu haben“. Der Lotus-Effekt gilt derzeit als das bedeutendste Beispiel des Nutzens der Bionik, und Barthlott, der Entdecker dieses Phänomens, als einer der bekanntesten Vertreter des Wissenschaftszweigs zwischen Biologie und Technik. Am 24. und 25. November war der Bonner Forscher als „scientist in residence” zu Gast an der Universität Duisburg-Essen.

Zwei Tage im Zeichen der Bionik: Eine lehrreiche Abendveranstaltung im Essener Audimax, ein wissenschaftliches Symposium und eine bis zum 21. Dezember in der Volkshochschule laufende Ausstellung widmete die Hochschule einer Forschungsrichtung, die in der Natur nach Vorbildern zukünftiger Technologien sucht. Nicht nur ein langwieriges Unterfangen, sondern vor allem ein Gebiet, das dem Wissenschaftler von Anfang an auch seine Grenzen aufzeigt. Zwar sind inzwischen viele natürliche Effekte bekannt und für technische Optimierungen nutzbar; „allerdings“, erklärte Barthlott schon vor seinem Auftaktvortrag, „haben wir oft noch keine Ahnung, warum sie funktionieren”. Bionik hat eben zwei Dimensionen: Eine „triviale” Ebene der bloßen Beobachtung, die „Millionen Jahre altes Ingenieurwissen” der Natur offenbart, und für die „man keine Institute braucht”, und den Nanobereich, der nur durch aufwändige Grundlagenforschung erschlossen und äußerst kompliziert technisch umgesetzt werden kann. Das kostet Zeit, Geduld und vor allem Geld - ohne vorheriges Wissen um eine eventuelle Verwertbarkeit.

Die Hoffnung, dass die „Biokopie”, das Abgucken bei der Natur auf der Suche nach innovativen Konstruktionen, als Nebeneffekt der Industrie die Förderung von Arten- und Naturschutz als angewandte Ressourcenpflege schmackhaft macht, äußerte Landes-Umweltministerin Bärbel Höhn in ihrem Grußwort und fand damit Barthlotts Unterstützung. Nur könne auf diesem Gebiet, betonte der Biologe, nicht nur von „Kopie”, sondern auch von „Biopiraterie” gesprochen werden. Eine grundsätzliche Frage der Bionik sei derzeit, mit welcher Berechtigung sich natürliche Effekte patentieren ließen. Seine Forschungsgruppe selbst ließ den Lotus-Effekt 1995 nur „aus Verärgerung” schützen: „Ohne Patente hätte sich die Industrie nie interessiert . . .”

Industrielle Möglichkeiten, reelle Anwendungsbereiche und Grundsätze der Bionik standen im Mittelpunkt des Symposiums. Was aus dem Flügelschlag von Vögeln für die Sicherheit von Flugzeugen gelernt werden kann, präsentierte Wolfgang Send aus Göttingen, Grundlagen der Strömungsbionik vermittelte der Darmstädter Forscher Cameron Tropea, und Überlegungen zu sinnesphysiologischen und neurologischen Phänomen der Ästhetik in der Natur stellte Berndt Heydemann an, langjähriger Minister für Natur, Umwelt und Landesentwicklung in Schleswig-Holstein. Einblicke in die praktische Zusammenarbeit zwischen Industrie und Wissenschaft gab Volker Schlicht von der Degussa/Goldschmidt AG, der – wie alle Referenten – erneut die Bedeutung von Grundlagenforschung und deren Umsetzung betonte. Nachdenklich zeigte sich Werner Nachtigall, „Nestor der Bionik” in Deutschland: Ein Pinguin beispielsweise habe hinsichtlich seines Luftwiderstands bessere Werte als jedes technische Produkt. Solche „Konstruktionen” der Natur könne der Mensch sehr gut brauchen. „Nur die Natur braucht uns nicht!”