Die Forschungsgruppe "Ambiguität und Unterscheidung" stellt sich vor

Ambiguität und Unterscheidung. Historisch-kulturelle Dynamiken

Was geschieht, wenn Phänomene uneindeutig sind und sich nicht klar einordnen lassen? Wie gehen Personen, Gruppen und Gesellschaften mit Situationen um, in denen die Unterscheidungen, mit denen sie gewöhnlich operieren, auf ambige Phänomene stoßen? Wie ist es zu erklären, dass Ordnungsversuche durch vermeintlich klare Unterscheidungen so häufig gerade jene Uneindeutigkeiten produzieren, derer sie hatten Herr werden sollen? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die seit Anfang 2019 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Forschungsgruppe 2600 „Ambiguität und Unterscheidung. Historisch-kulturelle Dynamiken.“

Im Zentrum des Forschungsverbundes stehen das Wechselverhältnis von Ambiguität und Unterscheidung sowie die Dynamiken, die sich aus dieser Spannung ergeben. Ambiguität tritt dort auf, wo die Unterscheidungen, die die soziale Welt ordnen helfen, nicht mehr greifen. Sie ist also nicht eine Eigenschaft, die eine Person oder Sache besitzt oder nicht, sondern sie macht es einem Beobachter (einer Person, Gruppe, einer Organisation oder einer Gesellschaft) unmöglich, mit den gleichen Differenzen wie bisher weiterhin störungsfrei operieren zu können. Die so erzeugte Situation einer epistemischen Offenheit legt dann eine oder mehrere der folgenden Lösungen nahe: Die Ambiguität kann als Bereicherung aufgefasst und die Unterscheidung um weitere Werte ergänzt werden; die Unterscheidung kann fallengelassen und durch eine andere ersetzt werden oder die Ambiguität kann zurückgewiesen und die Unterscheidung gleichsam gegen den Widerstand der Phänomene durchgesetzt werden. Unter welchen Umständen welche Lösung gefunden wird, wie der Beobachter also angesichts der von Ambiguität verursachten Entscheidungshemmung weitermacht und ob sich dabei Regelmäßigkeiten beobachten lassen, untersucht die Forschungsgruppe „Ambiguität und Unterscheidung“ in ihren acht Teilprojekten an verschiedenen Settings. Die Forschungsgruppe vereint Projekte, deren geographisches Spektrum von den nordamerikanischen Kolonien über Südafrika und die Region des östlichen Mittelmeers bis in die Bundesrepublik reicht. Chronologisch erstrecken sich die Settings der Teilprojekte vom Spätmittelalter über die Barockzeit bis in die jüngste Vergangenheit.

Der Verbund wendet sich Ambiguitätsphänomenen dabei auf drei Ebenen zu, die den Teilprojekten als Vergleichs- und Bezugsmatrix dienen:
a) Auf der Mikroebene befassen sich die Teilprojekte mit den Ausdrucksformen, die für Ambiguitätsphänomene gefunden werden. Da Ambiguität quer zu den üblichen Unterscheidungen einer Gesellschaft liegt, ist das klassische Begriffsinstrumentarium oft kaum hilfreich, um sie bezeichnen und kommunizieren zu können. Daher fragt die Forschungsgruppe nach den Ausdrucksformen, den Metaphern, Beschreibungen, Ritualisierungen, den bildnerischen Darstellungen und Erzählungen, mit denen Ambiguitätsphänomene adressiert bzw. artikuliert werden.
b) Stellt die Forschungsgruppe auf der Mikroebene auf die Einzelphänomene scharf, so fragt sie auf der Mesoebene nach Verknüpfungen der Ausdrucksformen für Ambiguität, also danach ob und wie diese wiederverwendet und dabei verändert oder stabilisiert werden. So lässt sich das Entstehen neuer Regelmäßigkeiten, etwa die Genese literarischer Gattungen und Konventionen, künstlerischer Stile oder normativer Texte aus Ambiguitätssituationen beobachten.
c) Auf der Makroebene liegt der Fokus der gemeinsamen Arbeit auf den Übersetzungen, die für die Bearbeitung von Ambiguitätsphänomenen gefunden werden, das heißt auf der Ausbreitung von Beschreibungen und Diskursen zu Ambiguität über gesellschaftliche Grenzen hinweg. Dabei kann es sich um regionale bzw. nationale Grenzen handeln, es kann aber auch um das Übergreifen von einem Praxisfeld (etwa der Kunst) in ein anderes (beispielsweise die Wissenschaft) gehen.

Sterndiagramm

Auf jeder dieser drei Ebenen, die in den drei zunächst gewährten Förderjahren sukzessive durchlaufen werden, setzt die Forschungsgruppe ihre acht Teilprojekte so zueinander in Beziehung, dass diese zu Ergebnissen gelangen, die sich im Rahmen einer Einzelförderung nicht erzielen lassen würden. Dabei arbeitet jedes Teilprojekt mit zwei weiteren eng zusammen, so dass sich eine Bezugsmatrix ergibt. Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit werden in einem kollaborativ verfassten Ergebnisband veröffentlicht.