Teilprojekt 6

Unveiling Orientalism: Ambiguität im britischen Reisediskurs des langen 18. Jahrhunderts

Das Projekt untersucht den Reisediskurs zwischen 1700 bis ca. 1830 und konzentriert sich dabei v.a. auf die (Dis-)Ambiguierung von Gender. Britische Reiseberichte des 18. Jahrhunderts unterzogen das Osmanische Reich einer geradezu obsessiven Beobachtung, Kategorisierung, Beschreibung und Fiktionalisierung. Auf diese Weise fungieren sie als ein Medium der Unterscheidung, das beständig Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden, zwischen Orient und Okzident, Aufklärung und Despotismus, Modernität und Tradition zieht. Quer zu diesen binären Unterscheidungen liegen Formen der Überschreitung, Mimikry und Transkulturation. Berichte über ein multireligiöses, multiethnisches und multilinguales Osmanisches Reich betrachten immer wieder Personen, Orte und Praktiken, die nicht-binär und ambig sind, darunter Konvertiten, Kastraten und Eunuchen. Doch auch die Reisenden selbst überschreiten arbiträre Grenzen: Frauen schreiben sich in das bislang männlich dominierte Genre des Reiseberichts mit eigenen Perspektiven ein, Reisende vollziehen Akte des Cross-Dressing, der Ethnomaskerade, durch Verkleidung und Verschleierung. Solche kontroversen Handlungen kultureller Aneignung waren keineswegs Einzelfälle; sie spielten eine Rolle in den Netzwerken und Institutionen der Metropolen, in Clubs, Gelehrtenzirkeln und informellen Zusammenkünften, auf den Londoner Bühnen und in der Bildenden Kunst.

Das Projekt fragt nach der Beobachtung und Klassifikation von sowie dem Umgang mit Ambiguität in unterschiedlichen literarischen Gattungen und Medien. Während solche Wahrnehmungen bislang meist als Ausdruck des Exotismus und damit kultureller Differenzierung gedeutet wurden, versteht das Projekt sie als Erkundungen, die europäische Werte, Normen und Genderkonzepte erweitern, kritisieren oder auch subvertieren. Der orientalistische Reisediskurs ist somit Teil eines komplexen und dynamischen Kulturaustauschs, der sich prominent in Werken der Literatur und Kunst niederschlägt. Er hinterlässt seine Spuren jedoch auch in den sozialen Praktiken und Institutionen Englands während des langen 18. Jahrhunderts.

Dabei nimmt das Projekt auch Zusammenhänge zwischen der Beobachtung und Bewertung „orientalischer“ Ambiguität auf der einen und der Emergenz eines auf Differenz beruhenden Genderkonzepts auf der anderen Seite in den Blick. Wie verhält sich die Durchsetzung dieses binären Gendermodells zur Frage der Ambiguitätstoleranz? Schließlich wird zu klären sein, wie sich Orient- und Ambiguitätsdiskurs in die Vorstellung des 18. Jahrhunderts als eines Zeitalters der Toleranz und des Kosmopolitanismus einfügen.