Informationen zum Forschungsprojekt

Neuartige Formen kollektivvertraglicher Regulierung der Arbeitszeit in ausgewählten Industrie- und Dienstleistungstätigkeiten



Ziel und Aufgabenstellung

Stimmen über das "Arbeiten ohne Ende" in bestimmten Beschäftigungsbereichen werden immer lauter. Viel spricht dafür, dass sich das Problem langer Arbeitszeiten in Bereichen hochqualifizierter Beschäftigung mit posttayloristischen Organisationsformen konzentriert. Diese Organisationsformen zeichnen sich durch ein Zusammenspiel von Gestaltungsautonomie und Ergebnisorientierung aus. Die Beschäftigten bestimmen in hohem Maße selber über ihre Arbeit und ihre Arbeitszeiten, sind dabei aber an ausgehandelte oder vorgegebene Ziele gebunden. Unter Bedingungen knapper Ressourcen bei wachsendem Marktdruck führt diese Konstellation zu langen Arbeitszeiten.

Lassen sich diese Arbeitszeiten wieder einfangen? Das Projekt hat Beispiele neuartiger Formen kollektivvertraglicher Arbeitszeitregulierung untersucht, die auf die Eindämmung überlanger Arbeitszeiten abzielen. Es wurde gefragt, inwieweit es diesen Regulierungen gelingt, die tatsächlichen Arbeitszeiten zu begrenzen und zugleich die Gestaltungsautonomie der Beschäftigten zu wahren oder gar zu stärken. Sind die neuartigen Arbeitszeitregulierungen in diesem Sinne praktisch wirksam?

Das Projekt wurde von der Hans-Böckler-Stiftung finanziell gefördert.

Vorgehen

Das Projekt stützte sich auf fünf intensive Unternehmensfallstudien. Das Unternehmenssample wurde branchen- und sektorenübergreifend gestreut. In den Unternehmen wurden umfangreiche Experten- und Beschäftigteninterviews durchgeführt, in einem Unternehmen auch eine Fragebogenerhebung. Die Fallstudienanalyse wurde durch eine statistische Sonderauswertung von Mikrozensus und SOEP zur qualifikationsspezifischen Arbeitszeitentwicklung in Deutschland ergänzt.

Ergebnisse

Die Ergebnisse des Projekts lassen sich in sechs Kernaussagen zusammenfassen:

1. Die größte praktische Wirksamkeit entfalten neuartige Arbeitszeitregulierungen bei den guten alten Gleitzeitkonten. Die Gleitzeitkonten unterliegen aber der Gefahr einer Überforderung durch strukturelle Mehrarbeit, die sich aus den Konsequenzen neuer, marktorientierter Formen der Unternehmenssteuerung und damit verbundener knapper Personalressourcen ergeben.

2. Überschüssige betriebliche Zeitbedarfe werden vor allem durch die klassische bezahlte Mehrarbeit abgedeckt.

3. Daneben existiert aber auch der umfangreiche Verfall von Arbeitszeit in einem Unternehmen, das die neuen Steuerungsformen am konsequentesten umgesetzt hat. Dort wird weder durch die Arbeitszeitregulierung noch durch die industriellen Beziehungen ein wirksames Gegengewicht zum betrieblichen Druck auf die Arbeitszeiten geschaffen.

4. Langzeitkonten als Stilmerkmal neuartiger Arbeitszeitregulierungen haben eine geringe praktische Wirksamkeit. Das liegt in erster Linie am Problem der Zeitentnahme, der Achillesverse der Langzeitkonten.

5. Der mit den neuartigen Arbeitszeitregulierungen verbundene Anspruch nach direkter Partizipation in dezentralen Aushandlungen wurde bislang kaum eingelöst, weil Partizipation vielfach durch den stummen Zwang des Marktes ersetzt wurde.

6. Dort wo sich direkte Partizipation hat einspielen können, ist sie entscheidend auf eine starke Rolle der Mitbestimmung als Promotor und Gestalter der Regulierungspraxis angewiesen. Diese Rolle schließt ein neues Selbstverständnis des Betriebsrates ein, nicht als Kontrolleur der Beschäftigten aufzutreten, sondern ihnen Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten.

Publikationen zum Projekt

Haipeter, Thomas, 2005: Neue Steuerungsformen der Arbeit und ihre kollektivvertragliche Regulierung: Ansatzpunkte einer neuen Arena der industriellen Beziehungen? In: Hilde Wagner: "Rentier' ich mich noch?". Neue Steuerungskonzepte im Betrieb, S. 284–306

Haipeter, Thomas, 2005: Fallstudie Airbus. In: Hilde Wagner: "Rentier' ich mich noch?". Neue Steuerungskonzepte im Betrieb, S. 265–283

Haipeter, Thomas, 2004: Normbindung unter Marktdruck? Problembereiche neuer Formen der Arbeitszeitregulierung in der betrieblichen Praxis. In: Industrielle Beziehungen 11 (3), S. 221-245

Haipeter, Thomas / Lehndorff, Steffen, 2004: Atmende Betriebe, atemlose Beschäftigte: Erfahrungen mit neuartigen Formen betrieblicher Arbeitszeitregulierung. Berlin: Edition Sigma. Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, ISBN: 3-89404-988-X

Haipeter, Thomas / Lehndorff, Steffen, 2004: Manövrieren am Personalminimum. In: Mitbestimmung 50 (3), S. 46-49

Lehndorff, Steffen, 2004: Zurück zur 40-Stunden-Woche? Wirksamkeit und Krise der tariflichen Arbeitszeitregulierung. In: WSI-Mitteilungen 57 (6), S. 306-312 | Lesen

Haipeter, Thomas, 2003: Flexible Arbeitszeitregulierung: praktisch wirksam oder unpraktisch und unwirksam? In: Institut Arbeit und Technik: Jahrbuch 2002/2003, S. 129–139

Haipeter, Thomas, 2003: Erosion der Arbeitsregulierung? Neue Steuerungsformen der Produktion und ihre Auswirkungen auf die Regulierung von Arbeitszeit und Leistung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 55 (3), S. 521-542

Projektdaten

Laufzeit des Projektes
01.10.2001 - 30.09.2003

Forschungsabteilung

Leitung:
Dr. Steffen Lehndorff

Bearbeitung:
Prof. Dr. Thomas Haipeter

Finanzierung:
Hans-Böckler-Stiftung