Informationen zum Forschungsprojekt

Bewältigung der Inflationskrise durch sozialen Dialog (Managing the inflation crisis through social dialogue)

Hintergrund und Zielsetzung

Nach zwei Jahrzehnten niedriger Inflation und moderater Lohnentwicklung war Europa 2022 und 2023 mit einem beispiellosen Anstieg der Lebenshaltungskosten konfrontiert, der die Kaufkraft der Erwerbstätigen untergrub. Dies erwies sich insbesondere für diejenigen als große Belastung, die am unteren Ende der Lohnskala stehen. Gleichzeitig stellten die stark gestiegenen Energiekosten eine große Herausforderung für die europäische Wirtschaft dar, die für die verschiedenen Länder unterschiedlich stark ausfiel. Regierungen und Sozialpartner reagierten auf diese Krise mit unterschiedlichen Maßnahmen, um die Kaufkraft zu stärken und die Wirtschaft zu stabilisieren.

Vorgehensweise

Vor diesem Hintergrund analysierte das MAINSOC-Projekt die Auswirkungen der Inflationskrise auf die Reallohndynamik und die Lohnunterschiede zwischen den einzelnen Branchen und Gruppen von Erwerbstätigen. Ein besonderes Augenmerk richtete sich auf die asymmetrischen Auswirkungen auf die Beschäftigten am unteren Ende der Lohnskala. Zudem wurde die Rolle der Politik, der Sozialpartner und der Institutionen der Arbeitsbeziehungen bei der Bewältigung der Inflationskrise und der Gewährleistung eines integrativen Wachstums in fünf EU-Ländern (DE, DK, ES, IT, PL) analysiert. Untersucht wurden Entlastungsmaßnahmen und Preisbremsen, die Festsetzung des Mindestlohns, die Bestimmung der Gehälter im öffentlichen Dienst und Tarifverhandlungen in drei Branchen der Privatwirtschaft. Dafür wurden offizielle Dokumente, Presseerklärungen und Tarifverträge ausgewertet sowie Expert*inneninterviews mit Vertreter*innen der Bundesregierung sowie der Sozialpartner geführt.

Ergebnisse

Insgesamt zeigt sich, dass die Reaktion auf die Inflationskrise in den einzelnen Ländern quantitativ wie qualitativ sehr unterschiedlich ausfiel. Sie wurde u.a. von der Betroffenheit, den finanziellen Möglichkeiten, der politischen Ausrichtung der Regierung sowie dem System der Industriellen Beziehungen des jeweiligen Landes geprägt. Die Wirkung der Kostensteigerungen konnte in den Ländern zum Teil deutlich gedämpft werden, ein Erhalt der Kaufkraft wurde jedoch in fast allen Ländern nicht in der Breite erreicht. Während in Deutschland die meisten Mittel für gezielte wie allgemeine Entlastungsmaßnahmen aufgewendet wurde, waren die Regierungen in den anderen Ländern weniger freigiebig und beschränkten sich meist darauf, Menschen mit niedrigen Einkommen zu entlasten, z.B. in Dänemark und Italien. Genuine Preisbremsen wurden unter den untersuchen Ländern nur in Spanien, hier aber erfolgreich eingesetzt, um die Energiekosten deutlich zu senken. Der Mindestlohn erwies sich in Deutschland, Spanien und Polen zum Teil als zentrales Mittel, um insbesondere untere Einkommen zu stärken. Die Sozialpartner waren in sehr unterschiedlichem Ausmaß und Form in die politischen Entscheidungsprozesse eingebunden. Während sie in Deutschland und Spanien stark einbezogen waren und teilweise eine prägende Rolle einnahmen, spielten sie in Dänemark oder Polen kaum eine Rolle.

Die Entwicklung der Gehälter im öffentlichen Dienst verlief sehr unterschiedlich: Während sie in Deutschland und überdurchschnittlich war, blieben sie in Italien und Dänemark hinter der allgemeinen Entwicklung zurück. Die Sozialpartner reagierten in Tarifverhandlungen sehr unterschiedlich je nach Land, teilweise auch nach Branche. In Dänemark sind Tarifverhandlungen historisch stark koordiniert, was genutzt wurde, um vor allem für niedrige Einkommen in der Breite deutliche Steigerungen zu erzielen. In Deutschland fielen die Tarifabschlüsse je nach wirtschaftlicher Situation der Branche, der Verfassung der Sozialpartnerschaft und den Machtressourcen der Partner sehr unterschiedlich aus. In einzelnen Branchen konnten Gewerkschaften durch Festbeträge zumindest für unterste Lohngruppen die Kaufkraft stabilisieren. Während in allen Ländern Tarifsteigerungen nur zeitverzögert auf die Inflation reagierten, fiel die Reaktion insbesondere in Italien sehr spät aus, so dass teilweise bei Abschluss der empirischen Erhebung in 2025 noch nicht in allen Ländern Tarifabschlüsse erfolgt waren.

Vorträge zum Projekt

Dr. Georg Barthel, Michel Breuer: "Benzin wieder bei 2 Euro... Lehren aus der Bewältigung der Inflationskrise von 2022/2023 für heute". Aus der Krise lernen? Lehren aus der Bewältigung der Inflationskrise von 2022/2023 für heute. Duisburg, Netzwerk Plurale Ökonomik, 23.06.2026  Weitere Informationen

Dr. Georg Barthel, Dr. Karen Jaehrling: Tarifpolitik unter den Bedingungen hoher Inflationsraten. WSI-Tariftagung, Tarifbilanz – Tarifarbeit in den Niedriglohnsektoren – Arbeitszeit – Stärkung der Tarifbindung, Düsseldorf, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), 11.12.2025  Weitere Informationen

Dr. Georg Barthel, Dr. Karen Jaehrling, Christian Lyhne Ibsen: The re-politicization of wage inequalities: does the polycrisis contribute to more solidaristic wage policies? Evicence from Denmark and Germany. Beyond the energy crisis. The politics and political economy of inflation in uncertain times. Mainsoc – Managing Inflation crisis through Social Dialogue, Workshop, Universität Bologna, Italien, 09.10.2025

Dr. Karen Jaehrling, Dr. Georg Barthel: Germany's Growth Model in Transition? How intersecting long-term trajectories structure the crisis management in Germany. SASE Conference 2025, Palais des Congrès, Montréal, Kanada, 10.07.2025  Weitere Informationen

Dr. Georg Barthel, Dr. Karen Jaehrling: Managing Inflation Crisis in Germany. MAINSOC Meeting in Copenhagen, Kopenhagen, 22.11.2024  Weitere Informationen

Projektdaten

Laufzeit des Projektes
01.12.2023 - 30.11.2025

Forschungsabteilung
Prekarisierung, Regulierung, Arbeitsqualität

Leitung:
Dr. Karen Jaehrling

Bearbeitung:
Dr. Karen Jaehrling, Dr. Georg Barthel

Finanzierung:
EU DG Employment and Social Affairs

Webseite des Projekts