Das Institutskolloquium als Ertrag des Visionsprozesses

Das Kolloquium ist ein konkreter Ertrag des Visionsprozesses „Vision 2030“, in dem unser Institut sein künftiges Profil in Forschung und Lehre geschärft hat. Ausgangspunkt dieses Prozesses ist die besondere Situation des Ruhrgebiets: Säkularisierung, Individualisierung sowie religiöse und weltanschauliche Pluralisierung prägen die Region in besonderer Weise. Das Institut versteht diese religionspluralen Entwicklungen als einen zentralen Ort theologischer Forschung und Lehre.

Mit dem Kolloquium wurde für dieses Anliegen ein gemeinsamer Arbeits- und Diskussionsraum geschaffen. Das Kolloquium trägt damit zugleich zur stärkeren Vernetzung und zur Bündelung gemeinsamer Forschungsinteressen bei. Aus den Diskussionen sollen neue Forschungsfragen, Kooperationen und Lehrformate hervorgehen, die auf die religiös und weltanschaulich plurale Lebenswirklichkeit des Ruhrgebiets bezogen sind.

2. Kolloquium: Religiöse Pluralität als theologisches Thema (02.07.2026)

Unter dem Titel „Religiöse Pluralität als theologisches Thema“ fand am 2. Juli 2026 das zweite Kolloquium unseres Instituts statt. Ausgangspunkt war die Frage, wie sich die im ersten Kolloquium religionssoziologisch und empirisch beschriebene Vielfalt theologisch weiterdenken lässt: Welche Formen religiöser Pluralität begegnen uns in den einzelnen theologischen Disziplinen? Wie werden sie dort bearbeitet – und welche Spannungen treten dabei hervor?

Impulse aus fünf theologischen Fachperspektiven eröffneten ein breites Spektrum:

  • Jonas Hoff stellte die Systematische Theologie als eine Disziplin vor, die Pluralität in unterschiedlichen Horizonten bearbeitet, ja Pluralität ist: im Verhältnis von Glaube und Nichtglaube, angesichts interreligiöser Differenzen, in ökumenischen Fragen und im Umgang mit innerkirchlicher Mehrdeutigkeit.
  • Hildegard Scherer und Lukas Kipping rückten die Pluralität der Entstehungskontexte, die unterschiedlichen Figuren-, Gruppen- und Identitätskonstruktionen sowie die kanonische Vielfalt der neutestamentlichen Schriften in den Mittelpunkt. Dabei unterschieden sie zwischen dem Umgang mit Pluralität im Neuen Testament und dem pluralitätssensiblen Umgang mit dem Neuen Testament.
  • Sebastian Eck entwarf aus religionspädagogischer Perspektive eine Landkarte pluralitätsfähiger Religionspädagogik. Religiöse Pluralität zeigt sich nicht nur zwischen verschiedenen Religionen, sondern auch in unterschiedlichen Positionen und religiösen Stilen, sozialen Kontexten und biografischen Erfahrungen. Ziel religiöser Bildung ist daher die Ausbildung einer Differenzkompetenz, die religiöse Deutungen erschließt, voneinander unterscheidet und aufeinander bezieht.
  • Hubertus Lutterbach fragte nach unterschiedlichen Vorstellungen von Reinheit, Jenseits und caritativem Engagement in der Geschichte des Christentums. Religiöse Pluralität wurde dabei in einem transformativen Zugriff sichtbar, die es ermöglicht, eigene Vorstellungen und Urteile zu überprüfen und weiterzuentwickeln.
  • Benedict Schöning entwarf für das Alte Testament eine kritische Bibelhermeneutik „von den Rändern her“. Der Kanon erscheint dabei als vielstimmiger Interpretationsraum, in dem Identität und Alterität, Tradition und Veränderung immer wieder neu ausgehandelt werden und die dadurch gewonnenen Deutungsmuster auch Perspektiven für eine eigene Lebensdeutung ermöglichen können.

In zwei Gallery-Walks wurden die Poster diskutiert und durch Beobachtungen, Rückfragen und weiterführende Thesen ergänzt. Dabei standen insbesondere folgende Fragen im Mittelpunkt: Welche Positionen lassen sich miteinander verbinden? Wo entstehen produktive Spannungen – und wo treten bleibende Widersprüche hervor? Zum Abschluss wurden auf der Grundlage der Impulse und Diskussionen fachliche Standards formuliert.

1. Kolloquium: Kartographierungen religiöser Pluralität im Ruhrgebiet (13.11.2025)

Beim Auftakt des Kolloquiums am 13. November 2025 wirkten Studierende und Lehrende des Instituts, weitere Interessierte sowie eine Vertreterin der Schulabteilung des Bistums Essen mit. Im Mittelpunkt stand zunächst nicht die theologische Bewertung religiöser Pluralität, sondern eine grundlegende, dieser Bewertung vorgelagerte Frage: Wie lässt sich religiöse Pluralität – insbesondere im Ruhrgebiet – überhaupt wahrnehmen, beschreiben und erfassen?

Das Kolloquium machte deutlich, dass religiöse Pluralität nicht schon dadurch hinreichend verstanden ist, dass verschiedene Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen nebeneinander aufgezählt werden. Sie zeigt sich vielmehr in ganz unterschiedlichen Formen: in Zugehörigkeiten, Praktiken, Symbolen, Milieus, Institutionen und biografischen Prägungen, in sichtbaren und unsichtbaren religiösen Spuren, aber auch in Abgrenzungen, Konflikten und Übersetzungsleistungen. Diese unterschiedlichen Perspektiven wurden in den beiden Vorträgen externer Wissenschaftler sichtbar.

Der Religionswissenschaftler Alexander-Kenneth Nagel (Universität Göttingen) erschloss religiöse Pluralität aus einer religionssoziologischen Perspektive. Anhand konkreter Beispiele aus dem Ruhrgebiet zeigte er, dass religiöse Pluralität stets lebensweltlich, sozialräumlich und milieuspezifisch eingebettet ist. Nagel schlug deshalb vor, religiöse Pluralität als „Figurationen“ zu beschreiben. Sie wird dann in konkreten sozialen Konstellationen, Machtverhältnissen und Kontaktzonen wahrgenommen. Daraus ergeben sich Konsequenzen für religiöse Bildung: die Förderung von Differenzsensibilität und Ambiguitätstoleranz, die Reflexion der eigenen Positionalität sowie die Fähigkeit, unterschiedliche religiöse und nichtreligiöse Geltungsansprüche zu moderieren.

Der Religionspädagoge Ulrich Riegel (Universität Siegen) setzte einen anderen Akzent. In seinem Vortrag ging es vor allem darum, Religiosität begrifflich und empirisch differenziert zu erfassen. Riegel zeigte, dass bereits die verwendeten Grundbegriffe keineswegs selbstverständlich sind: Wie verhalten sich Religion und Säkularität, Religion und Weltanschauung oder Religion und Spiritualität zueinander? Wie lassen sich organisierte und persönliche Weltanschauungen sowie Religion, Religiosität und Religionskultur voneinander unterscheiden? Daran anschließend stellte er verschiedene Modelle vor, mit denen Religiosität beschrieben werden kann – etwa anhand von Erfahrung, Wissen, Überzeugung, Ritual und Konsequenzen, über die Zentralität von Religiosität oder mithilfe unterschiedlicher Typologien religiöser und nichtreligiöser Orientierungen. Der entscheidende Punkt lautete: Religiosität lässt sich nicht binär als „vorhanden“ oder „nicht vorhanden“ bestimmen. Sie ist graduell und mehrdimensional, unterschiedlich stark institutionell gebunden und wird individuell angeeignet.

Beide Vorträge machten deutlich, dass wir präzisere Wahrnehmungsinstrumente benötigen: sozialwissenschaftliche, empirische und begriffliche. Zugleich setzten sie unterschiedliche Akzente. Nagel fragte vor allem nach den sozialen Konstellationen, in denen religiöse Pluralität sichtbar wird: Wer begegnet wem? Welche Zugehörigkeiten spielen dabei eine Rolle? Welche Macht- und Minderheitenverhältnisse strukturieren religiöse Vielfalt? Riegel richtete den Blick stärker auf die Dimensionen und Typen von Religiosität: Was meinen wir überhaupt, wenn wir von Religion, Religiosität, Spiritualität oder Weltanschauung sprechen? Und wie lassen sich religiöse Orientierungen empirisch erfassen?