Informationen zum Forschungsprojekt
A Feminisation of Transnational Social Dialogue? Evidence from German & French EWCs/SEWCs
Hintergrund und Zielsetzung
Trotz einer steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen sind diese in Interessenvertretungsgremien nach wie vor häufig unterrepräsentiert – insbesondere unter den Vorsitzenden der Gremien. Dies gilt sowohl auf nationaler als auch auf transnationaler Ebene. Vor diesem Hintergrund zielt die überarbeitete Richtlinie über Europäische Betriebsräte (EBR) u.a. darauf ab, eine ausgewogenere Geschlechterverteilung in diesen Gremien zu erreichen. Die Umsetzung ist jedoch komplex: welche Mitglieder in die Gremien entsandt und letztlich für den Vorsitz nominiert werden, hängt nicht zuletzt auch von den industriellen Beziehungen und gewerkschaftlichen Praktiken auf nationaler Ebene sowie den konkreten Unternehmens- und daran gekoppelten Interessenvertretungsstrukturen ab.
In unserem Projekt richten wir den Blick auf die Vorsitzenden von EBRs und SE-Betriebsräten (SEBR) und fragen nach den Wegen und Hintergründen, die sie in diese Positionen geführt haben. Diese Perspektive dient als Ansatzpunkt, um geschlechterbezogene Implikationen der Nominierungs- und Vertretungsprozesse innerhalb des transnationalen Systems der Interessenvertretung zu untersuchen. Dabei gehen wir davon aus, dass die Besetzung der Vorsitzendenposition auch Auswirkungen auf die weitere Zusammensetzung und Ausrichtung von EBRs bzw. SEBRs haben kann.
Empirisch konzentriert sich das Projekt auf das verarbeitende Gewerbe, in dem der Anteil beschäftigter Frauen vergleichsweise gering ist und Unternehmen bzw. ihre Interessenvertretungsgremien auf europäischer Ebene daher am ehesten von der neuen EBR-Richtlinie betroffen sein dürften. In einer international vergleichenden Perspektive werden multinationale Unternehmen in Frankreich und Deutschland untersucht – also den Ländern, in denen die Mehrheit der EBRs bzw. SEBRs registriert ist.
Fragestellungen
Das Projekt geht drei zentrale Fragen nach:
Erstens blicken wir auf die Profile der EBR- und SEBR-Vorsitzenden: Wie sieht die geschlechtliche Verteilung aus? Welche Werdegänge als Arbeitnehmervertreter*innen haben sie? Wie nehmen sie ihre Rollen wahr und welche (geschlechtsspezifischen) Erwartungen und Erfahrungen bringen sie ein? Gibt es Unterschiede zwischen den beiden Ländern?
Zweitens werden die Nominierungsverfahren analysiert: Welche Akteure (z.B. Betriebsräte, Gewerkschaften) auf nationaler Ebene beeinflussen die Auswahl der Kandidat*innen? Welche Kriterien und formellen oder informellen Regeln gelten hier? Welche Rolle spielt das Geschlecht in diesen Prozessen?
Drittens wird die Rolle der Vorsitzenden in der Praxis untersucht: Wie gestalten sie die Arbeit, Themensetzung und strategische Ausrichtung der Gremien? Beeinflusst das Geschlecht der Vorsitzenden die Interessenvertretungsarbeit und die Be- und Verhandlung von geschlechterbezogenen Themen?
Methodisches Vorgehen
Das Projekt verfolgt einen Mixed-Methods-Ansatz. Zum einen führen wir eine quantitative Online-Befragung unter Vorsitzenden von EBR-/SEBR-Gremien in französischen und deutschen multinationalen Unternehmen durch. Dies ermöglicht es uns, einen umfassenden Datensatz zu ihren Profilen (z.B. hinsichtlich beruflichem Hintergrund, Motiven, Kompetenzen) zu erstellen, die Geschlechterverteilung zu erfassen und länderübergreifende Unterschiede zu untersuchen.
Zum anderen werden 16 qualitative Fallstudien – acht in jedem Land – durchgeführt, die verschiedene Sub-Sektoren und Geschlechterzusammensetzungen abdecken. Die Fallstudien kombinieren biografische Interviews mit den Vorsitzenden, wobei der Schwerpunkt auf ihren Werdegängen und der Wahrnehmung ihrer Rolle als EBR-/SEBR-Vorsitzende liegt, sowie leitfadengestützte Interviews mit Gewerkschaftsvertreter*innen und Betriebsratsmitgliedern, um organisatorische und institutionelle Strukturen und Prozesse der Nominierung und Wahl von EBR-/SEBR-Vorsitzenden zu rekonstruieren.