Informationen zum Forschungsprojekt

Starke Stimmen, starke Tools: Werkzeugkasten für eine effektive und selbstbewusste Mitbestimmung in der Transformation

Kontext

Die Transformation der Industrie in Deutschland ist von mehreren miteinander verflochtenen Megatrends geprägt. Zu nennen sind in diesem Kontext insbesondere die Digitalisierung, die Dekarbonisierung sowie der demografische Wandel. Die Gleichzeitigkeit der Entwicklungen bedingt tiefgreifende technische und organisatorische Veränderungen in den Unternehmen sowie erhebliche Verschiebungen am Arbeitsmarkt, führt jedoch nicht zu einem durchgängigen Beschäftigungsabbau. Vielmehr geht die Beschäftigung in Teilen der „klassischen“ Automobilindustrie, des metallverarbeitenden Gewerbes, des Maschinenbaus und der chemischen Industrie geht zurück, während in technologieintensiven industriellen Bereichen wie dem Elektrofahrzeugbau sowie der Elektro- und Energietechnik neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen. Dieses Muster zeigt sich dabei nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb einzelner Industriezweige. Im Maschinenbau, der in diesem Projekt besonders im Fokus steht, sind beispielsweise die Teilbereiche, die stark von konventionellen Antriebs- und Produktionssystemen abhängen, mit sinkender Nachfrage und hohen Anpassungsanforderungen konfrontiert, während in anderen Segmenten, wie etwa der automatisierten Fertigungstechnik, der Aufzugs- und Fördertechnik, der Bahn- und Anlagentechnik sowie der Produktion hochspezialisierter Antriebs- und Getriebesysteme, neue Wachstums- und Wertschöpfungspotenziale erschlossen werden und die Beschäftigung entsprechend zunimmt. Neben der Ab- und Zunahme von Beschäftigung verändern sich auch die Kompetenzprofile zahlreicher Tätigkeiten. Der Qualifikationsmix verschiebt sich dabei zum einen weg von rein operativen, repetitiven Tätigkeiten hin zu mechatronischen, IT-nahen und prozessbezogenen Kompetenzen, die für Planung, Inbetriebnahme, digitale Zustandsüberwachung und Wartung komplexer Anlagen in einer Industrie‑4.0‑Umgebung erforderlich sind. Zum anderen wandeln sich in einigen Bereichen zugleich die Produkte selbst, etwa beim Übergang vom Verbrennungsmotoren- zum Elektromotorenbau oder beim Wechsel von rein mechanischen zu digital vernetzten, sensorbasierten Produktionsanlagen im Maschinenbau, sodass neue, stärker elektrotechnische, softwarebezogene und systemintegrierende Kompetenzen erforderlich werden. Hinzu kommt ein wachsender Bedarf an systemischem Prozessverständnis sowie an Kooperations- und Veränderungskompetenzen, da Arbeit zunehmend in interdisziplinären, digital vernetzten Teams organisiert wird. Dieser Kompetenzwandel bildet die zweite zentrale betriebliche Herausforderung: Er erhöht einerseits den Bedarf, neue Fachkräfte auszubilden oder zu rekrutieren, und macht andererseits die Qualifizierung der bestehenden Belegschaft unverzichtbar, zumindest dann, wenn Fachkräfteengpässe vermieden werden sollen, die trotz Beschäftigungsrückgang in Teilbereichen der Industrie bereits heute zu beobachten sind.

Die transformationsbedingten Herausforderungen berühren zentrale Regelungsfelder betrieblicher Interessenvertretung, von der strategischen Personalplanung über Qualifizierungs- und Versetzungsstrategien bis hin zur Ausgestaltung neuer Tätigkeitsprofile. Vor diesem Hintergrund kommt Betriebsrätinnen und Betriebsräten eine zentrale Rolle zu, wenn es darum geht, Transparenz über anstehende Umbrüche herzustellen, Qualifizierungsbedarfe frühzeitig zu identifizieren und Übergänge in neue Beschäftigungsfelder so zu gestalten, dass vorhandene Kompetenzen erhalten und weiterentwickelt werden.

Fragestellung

Das Projekt setzt an diesem Punkt an und fragt, wie Betriebsrätinnen und Betriebsräte Fachkräftebedarfe und -engpässe wahrnehmen, mit welchen Daten und Vergleichsmaßstäben sie arbeiten und wie dies die Auswahl von Maßnahmen zur Fachkräftesicherung und -gewinnung beeinflusst. Im ersten Projektteil wird dabei analysiert, wie Fachkräfteengpässe und ihre Ursachen auf Betriebsebene konstruiert werden. Leitende Fragen sind:

  • Woran merken Betriebsrätinnen und Betriebsräte, dass ein Fachkräfteengpass besteht?
  • Welche Daten und Vergleichsmaßstäbe nutzen sie dazu, welche Informationen fehlen?
  • Ab wann wird aus einer angespannten Fachkräftesituation ein betriebliches Problem, das Maßnahmen rechtfertigt?
  • Welche Maßnahmen zur Fachkräftesicherung und -gewinnung sind bekannt und wie werden neue Maßnahmen entwickelt?

Der zweite Projektteil untersucht den Informationsbedarf von Betriebsrätinnen und Betriebsräten. Leitende Fragen sind:

  • Welche regionalen und überregionalen Kennzahlen sind für die betriebliche Ebene tatsächlich relevant und nutzenbringend?
  • In welcher Form müssen Daten aufbereitet sein, um in der Mitbestimmungspraxiseffektiv genutzt werden zu können?
  • Wie müssen Maßnahmen zur Bewältigung von Fachkräfteengpässen zugeschnitten sein, damit sie für die betriebliche Ebene anschlussfähig sind?
  • Welche Vergleichsdimensionen sind für die betriebsrätliche Arbeit besonders wichtig?

Untersuchungsmethoden:

Das partizipative Forschungsvorhaben kombiniert leitfadengestützte Expert:inneninterviews, einen Co‑Creation‑Workshop sowie eine auf die betriebliche Mitbestimmung zugeschnittene Aufbereitung vorhandener Arbeitsmarkt- und Berufsstrukturdaten. Durch die Interviews mit Betriebs:rätinnen aus unterschiedlichen Geschäftsfeldern des münsterländischen Maschinenbaus wird erforscht, wie Fachkräfteengpässe, Kompetenzverschiebungen und Veränderungen von Berufs- und Tätigkeitsprofilen im Betrieb wahrgenommen und bewertet werden. Im Co‑Creation‑Workshop werden die arbeitsmarkt- und berufsstrukturellen Kennziffern identifiziert, die für eine mitbestimmungsorientierte Personal‑ und Qualifikationsplanung relevant sind. Auf dieser Basis werden die Daten zu übersichtlichen, nutzbaren Entscheidungs‑ und Argumentationshilfen (z.B. Kennzahlenblätter, Vergleichsdarstellungen) aufbereitet und mit den Praxispartner:innen rückgekoppelt. Ziel ist ein praxisnaher Werkzeugkasten für die Betriebsratsarbeit.

Projektdaten

Laufzeit des Projektes
01.09.2026 - 31.03.2026

Forschungsabteilung
Arbeitsmarkt – Integration – Mobilität

Leitung und Bearbeitung:
Dr. Andreas Jansen

Finanzierung:
Hans-Böckler-Stiftung