EKfG-Vortragsreihe 2017/2018

Wintersemester 2017/2018 Forschungsforum Gender

Donnerstag, 16.00 c.t. - 18.00 Uhr
Campus Essen, R12 V05 D81

Beginn: 26. Oktober 2017

 

Geschlechterforschung nimmt das Verhältnis der Geschlechter in den Blick und analysiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Geschlechter in der Gesellschaft im Hinblick auf ihre Lebenswirklichkeiten, ihre Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe, ihren Zugang zu materiellen und immateriellen Ressourcen sowie auf Normen, Werte und Rechte, um einen ganzheitlichen Blick auf die gesellschaftliche Realität zu ermöglichen und daraus konkrete Erkenntnisse für die gesellschaftliche Praxis ableiten zu können. Die Frage nach Einfluss und Wirkung des biologischen und des sozialen Geschlechts, also von sex und gender, wird in den unterschiedlichen Disziplinen und Forschungszusammenhängen unterschiedlich gestellt. Die interdisziplinäre Vortragsreihe zeigt das breite Spektrum, innerhalb dessen an den Universitäten der Universitätsallianz Ruhr „Geschlecht“ als Kategorie wissenschaftlicher Analyse herangezogen wird – ob in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften oder in der Medizin.

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Programm und Abstracts Vorträge 2017/18

26.10.2017 Jungen und Religionsunterricht – eine schwierige Beziehungskiste!?  Jungenperspektiven in einer geschlechtergerechten Religionspädagogik der Vielfalt
02.11.2017 „Comparable Worth“: Blinde Flecken in der Ursachenanalyse des Gender Pay Gaps
09.11.2017 Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderung und Beeinträchtigungen – die Rolle von Geschlecht
16.11.2017 Der Mensch der Menschenrechte. Eine geschlechterbezogene und kosmopolitische Perspektive
23.11.2017 Doing Gender Studies - zur Entstehung und Entwicklung der Männlichkeitsforschung
30.11.2017 Geschlechteraspekte in klinischer Medizin und biomedizinischer Forschung
07.12.2017 Hat wissenschaftliche Exzellenz ein Geschlecht?
14.12.2017 Das dritte Geschlecht - historische Perspektiven auf ein aktuelles Thema
11.01.2018 "Körper – Räume – Emotionen. Zur Analyse frühneuzeitlicher Kriegsgewalt aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive"

Prof. Dr. Thorsten Knauth, Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie Jungen und Religionsunterricht – eine schwierige Beziehungskiste!? Jungenperspektiven in einer geschlechtergerechten Religionspädagogik der Vielfalt

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Vortrag am 26.10.2017

Die Einsicht, dass religiöse Bildung nicht geschlechtsneutral ist, hat die Religionspädagogik den Arbeiten und Diskursen von Feministischer Theologie und (Religions-)Pädagogik zu verdanken. Die wissenschaftliche Religionspädagogik hat lange gebraucht, bis sie nach der Thematisierung von Mädchenperspektiven auch Jungen als Subjekte religiösen Lernens bewusst in den Blick genommen hat. Die Perspektiven von Jungen kritisch und parteilich zu berücksichtigen, kann als Grundanliegen einer auf Geschlechtergerechtigkeit zielenden Religionspädagogik gelten. Was aber als Jungenperspektive(n) bestimmt werden kann, ist im Kontext von Gender-Ansatz, Intersektionalität  und  (religiösem) Pluralisierungsparadigma zu reflektieren. Im Vortrag wird erläutert, wie „Junge-Sein“ als geschlechtsbezogene Differenzkategorie gefasst werden kann. Vor diesem Hintergrund werden konzeptionelle Linien einer geschlechtergerechten Religionspädagogik der Vielfalt entwickelt.

Prof. Dr. Ute Klammer und Sarah Lillemeier, M.A. Soz., Universität Duisburg-Essen, Institut Arbeit und Qualifikation „Comparable Worth“: Blinde Flecken in der Ursachenanalyse des Gender Pay Gaps

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Vortrag am 02.11.2017

Die horizontale Arbeitsmarktsegregation qua Geschlecht ist einer der entscheidenden Faktoren, die zum bestehenden Gender Pay Gap beitragen. In der Regel weisen weiblich dominierte Berufe deutlich schlechtere Verdienstchancen auf als männlich dominierte Berufe. Inwiefern diese Unterschiede am Arbeitsmarkt als Form der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts interpretiert werden, hängt jedoch stark von der gewählten theoretischen Perspektive ab.

Neoklassisch orientierte ökonomische Ansätze verstehen die gegenwärtigen Verdienstunterschiede zwischen „Frauen-“ und „Männerberufen“ als legitime Marktergebnisse und sehen keinen wesentlichen gleichstellungspolitischen Handlungsbedarf. Alternativ gehen geschlechtersoziologische Ansätze von einer systematischen Unterbewertung und Unterbezahlung weiblicher Erwerbsarbeit aus („Devaluationshypothese“).

Bislang ist die „Devaluationshypothese“ noch nicht direkt statistisch überprüft worden. Hier setzt das interdisziplinäre „Comparable Worth“-Forschungsprojekt an. Es verfolgt das Ziel, durch Hinzunahme der Erkenntnisse der Arbeitswissenschaft in Bezug auf eine geschlechtsneutrale Arbeitsbewertung und unter Berücksichtigung der deutschen Bedingungen der Verdienstgestaltung diesem blinden Fleck in der bisherigen Ursachenanalyse des Gender Pay Gaps statistisch Kontur zu verleihen.

Prof. Dr. Monika Schröttle, Technische Universität Dortmund, Fakultät Rehabilitationswissenschaften Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderung und Beeinträchtigungen – die Rolle von Geschlecht

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Vortrag am 09.11.2017

In dem Vortrag sollen Forschungsergebnisse dargestellt werden, die auf einen engen Zusammenhang von Geschlecht, Gesundheit, Gewalt und Behinderung verweisen. Gerade vor dem Hintergrund, dass Menschen mit Behinderungen, deren Belastungen und Probleme sowie Diskriminierungserfahrungen oft geschlechtsneutral bzw. geschlechtslos betrachtet werden, ist es wichtig, die Rolle von Behinderung und Geschlecht auch anhand von empirischen Daten, sichtbar zu machen. Die Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen in Deutschland“ hat hierzu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Prof. Dr. Angelika Poferl, Technische Universität Dortmund, Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie Der Mensch der Menschenrechte. Eine geschlechterbezogene und kosmopolitische Perspektive

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Vortrag am 16.11.2017

Weltweit werden Menschenrechtsverletzungen begangen und beklagt, zugleich hat sich im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert ein eigenes Feld des internationalen  Menschenrechtsschutzes, der Menschenrechtspolitik und des Menschenrechtsengagements etabliert. Die Menschenrechte zählen zu den zentralen Werten der Moderne: Im Mittelpunkt stehen die historisch entwickelte Figur des Menschen als Rechtssubjekt sowie der Glaube an eine Menschenwürde, die es zu achten, zu wahren oder (wieder-)herzustellen gilt. Doch die Geschichte der Moderne ist von tief greifenden Brüchen und Asymmetrien durchzogen. Den emanzipatorischen Errungenschaften stehen Deprivation, Ausgrenzung und Vernichtung gegenüber. Insofern stellen die Menschenrechte ein aus sozialen und historischen Kämpfen hervorgegangenes und dennoch in vieler Hinsicht ‚unvollendetes‘ Projekt dar.
Der Vortrag geht der Konstitution des Menschen als Menschenrechtssubjekt nach und beleuchtet diese Forschungsfrage aus einer sowohl gegenstandsbezogenen als auch theoretischen Perspektive. Thematisch interessiert die Bedeutung von Geschlecht für die Entwicklung einer Soziologie der Menschenrechte, theoretisch knüpft der Vortrag an das Konzept der Kosmopolitisierung an. Die These ist, dass in der Figur des Menschenrechtssubjektes und ihrer Veränderung zentrale Transformationen der gegenwärtigen Moderne sichtbar werden.

Maximiliane Brand, M.A., Ruhr-Universität Bochum, Gender Studies Doing Gender Studies - zur Entstehung und Entwicklung der Männlichkeitsforschung

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Vortrag am 23.11.2017

Die Komplexität der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit „Männern“ und „Männlich-keit(en)“ wirft im Rahmen der Gender Studies auch heute noch grundlegende Fragen auf: wie sind diese unterschiedlichen Befassungen mit der Thematik entstanden? Und wieso scheint es innerhalb der Scientific Community der Frauen- und Geschlechterforschung bzw. Gender Studies bis dato eine gewisse „Rezeptionssperre“ gegenüber bestimmter Bereiche dieser Forschungsfelder- und konzeptionen zu geben?
Um diesen Fragen nachzugehen, wird im Vortrag anhand einzelner „Schlüsselwerke“ die Entstehung und Entwicklung der (kritischen) Männlichkeitsforschung im deutschsprachigen Raum rekonstruiert. Es wird so im Laufe des Vortrages pointiert herausgearbeitet, welche Denkstile bzw. Kollektivstrukturen hinsichtlich der Erforschung von „Männlichkeit(en)“ in unterschiedlichen zeitlichen Abschnitten der Frauen- und Geschlechterforschung als auch Männer- und/oder Männlichkeitsforschung vertreten waren/sind.
Der Fokus des Vortrages liegt hierbei bewusst auf „Beharrungstendenzen“ als auch „Wandel“ verschiedener Denkstile innerhalb der Scientific Community der Gender Studies. Dabei soll vor allem das Spannungsverhältnis von doing gender und doing science im Mittelpunkt stehen, in das die Wissenschaftler*innen mehrfach eingebettet sind.  
Mit Blick auf die aktuellen Ressentiments gegenüber der Gender Studies in Gesellschaft und Medien („Anti-Genderismus“), kann in einer abschließenden Diskussion die Frage nach der Notwendigkeit von „geschlechtlichen“ Bündnissen innerhalb der Gender Studies gestellt werden.

Priv. Doz. Dr. Andrea Kindler-Röhrborn, Universitätsklinikum Essen, Institut für Pathologie Geschlechteraspekte in klinischer Medizin und biomedizinischer Forschung

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Vortrag am 30.11.2017

Etwa 86% der Europäerinnen und Europäer sterben an sogenannten „nicht übertragbaren Erkrankungen“. Dazu gehören Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs, chronische Erkrankungen der Atemwege und Geisteskrankheiten. Alle diese Krankheiten entstehen mit einem klaren Unterschied zwischen Männern und Frauen im Hinblick auf die Häufigkeit, die Symptome, den Krankheitsverlauf und den Ausgang der Erkrankung. Während lange Zeit in der biomedizinischen Forschung und klinischen Medizin der Konsens bestand, dass Krankheitsprozesse keiner geschlechtersensiblen Betrachtung bedürfen und Studien mit männlichen Probanden eine Generalisierung auf beide Geschlechter durchaus zulassen, ergibt sich in den letzten Jahren ein zunehmendes Interesse Geschlechteraspekte in der Medizin zu berücksichtigen und damit einen wichtigen ersten Schritt in Richtung der individualisierten Medizin zu vollziehen. Am Beispiel von Krebserkrankungen, die nicht die Reproduktionsorgane betreffen, aber bei Männern 1,8 mal häufiger auftreten als bei Frauen, soll gezeigt werden, dass das Geschlecht eine allgegenwärtige Determinante in der biomedizinischen Forschung und klinischen Medizin ist, die der Krankheitslehre eine weitere Dimension eröffnet. Neben Faktoren, die mit dem Lebensstil, dem Beruf und dem Gesundheitsverhalten assoziiert sind und damit geschlechterabhängig wirken, hat sich gezeigt, dass der Effekt Krebs-prädisponierender Gene bei Männern und Frauen unterschiedlich sein kann. Dies gilt auch für die Aktivität von Genen, die sich während der Entstehung bösartiger Tumoren verändert. Daraus folgt, dass je nach Tumorentität präventive und therapeutische Maßnahmenunter unter der Berücksichtigung des Faktors Geschlecht durchgeführt werden sollten.

Prof. Dr. Heike Kahlert, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für Sozialwissenschaft Hat wissenschaftliche Exzellenz ein Geschlecht?

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Vortrag am 07.12.2017

Spätestens seit 2005/06 erstmals in Deutschland die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung von Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen ausgelobt wurde, gehört der Exzellenzbegriff zum festen Repertoire in Hochschule und Forschung. Alles soll nun exzellent sein bzw. werden und wird anhand entsprechender Kriterien bewertet: Wissenschaftsorganisationen und die in ihnen ablaufenden Prozesse, Forschung, Lehre und das wissenschaftliche Personal. Zugleich jedoch erscheint der Exzellenzbegriff „entleert“ (Bröckling 2009) und offen für kontextspezifische, relationale Deutungen. Basierend auf Dokumentenanalysen zur wissenschaftspolitischen Programmatik und Interviews mit wissenschaftspolitischen Eliten zum Exzellenzdiskurs in Deutschland wird im Vortrag erörtert werden, inwiefern die so konstruierte wissenschaftliche Exzellenz als geschlechtslos entworfen bzw. mit geschlechtlichen Zuschreibungen versehen wird und welcher Art diese sind. Die empirischen Ergebnisse wurden im Rahmen des Forschungsprojekts „Exzellenz und/oder Chancengleichheit der Geschlechter: Nationale Programmatiken und diskursive Praktiken an Universitäten (Deutschland und Schweiz)“ gewonnen, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unter der Leitung der Referentin an der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt wird.

Ulrich Bröckling: Von den Exzellenzen zur Exzellenz. Genealogie eines Schlüsselbegriffs, in: Forschung & Lehre, 16. Jg. (2009), H. 6 (Jun), S. 422-424.

Stephanie Sera, M.A., Universität Duisburg-Essen, Philologie und Gender Studies Das dritte Geschlecht - historische Perspektiven auf ein aktuelles Thema

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Vortrag am 14.12.2017

Inter*, Intersex, Hermaphroditen oder Zwitter: Für Menschen, deren Körper weder männlich noch weiblich ist, gelten verschiedene Begriffe und Definitionen. Meist werden diese Definitionen von einem medizinischen Diskurs bestimmt, der seinerseits von einem binären und heteronormativen Geschlechterbild dominiert wird. Die daraus resultierende körperliche Uneindeutigkeit ist verknüpft mit einer unklaren Rolle in der Gesellschaft in rechtlicher wie moralischer Hinsicht. Als Folge werden seit den 1950er Jahren intersexuelle Menschen in der Regel als „missgebildete“ Männer und Frauen sowie als „psychosozialer Notfall“ pathologisiert und entsprechenden chirurgischen und hormonellen Eingriffen unterzogen. Aufgrund der zum Teil schwer traumatischen Erfahrungen mit diesen Behandlungsprogrammen solidarisieren sich intersexuelle Menschen seit den 1980er Jahren verstärkt in Interessensverbänden. Sie fordern u.a. das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und Unversehrtheit sowie die medizinische und gesellschaftliche Anerkennung eines eigenen Geschlechts jenseits von männlich und weiblich.

Doch wie entstand dieses medizinisch-gesellschaftlich verflochtene Bild eines behandlungsbedürftigen Menschen uneindeutigen Geschlechts? Zur Beantwortung dieser Frage hilft ein Blick in die Geschichte. Denn wenngleich die Solidarisierungsbewegung intersexueller Menschen eine vergleichsweise neue Entwicklung ist, so ist es die Debatte in Medizin und Gesellschaft über ein eigenständiges drittes Geschlecht keineswegs. Im 19.Jahrhundert wurde die Existenz sogenannter „echter Hermaphroditen beim Menschen“ stark diskutiert, fand jedoch mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) zum 01.01.1900 einen vorläufigen Schlusspunkt, weil mit dem neuen Gesetz die rechtliche Anerkennung von Hermaphroditen durch die Streichung des Zwitterparagrafen negiert wurde. Der Vortrag wird jene Debatten in der Medizin des 19. Jahrhunderts in den Blick nehmen, die den Grundstein für die rechtliche Nichtanerkennung eines eigenen dritten Geschlechts bilden. Zugleich wird aufgezeigt, dass die Debatten um die Existenz echter Hermaphroditen auch nach der Einführung des BGB fortgeführt wurden, sich aufgrund gesellschaftlicher Konventionen jedoch nicht durchsetzen konnten.

 

Prof. Dr. Maren Lorenz, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät Geschichte Körper – Räume – Emotionen. Zur Analyse frühneuzeitlicher Kriegsgewalt aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive

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Vortrag am 11.01.2018

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