Interview

Interview mit Dr. Christiane Schnell zu ihrem Projekt „Arbeitsbeziehungen und Partizipationsrechte in supranationalen Organisationen“„Supranationale Organisationen sind eine Art Experimentierfeld für Arbeitsbeziehungen ohne kollektivrechtlichen Rahmen“

Christinane Schnell promovierte am ehemaligen Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen (ZeS) und forschte anschließend am Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen (IAW) sowie am Institut für Sozialforschung an der Goethe Universität Frankfurt (IfS). Seit 2020 vertritt sie die Professur für Inklusion und Arbeit: Gender & Diversity (ehemals Frauenforschung) an der Technischen Universität Dortmund. Sie ist Sprecherin der Sektion Professionssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), Co-Coordinator des Research Networks Sociology of Professions in der European Sociology Association (ESA) und Mitglied des Evaluation Panel „Social Science“ der Forschungsförderung des Schweizer Nationalfonds (SNF).

Seit 2026 ist Christiane Schnell nun auch Mitglied im Forschungsteam der Abteilung Prekarisierung, Regulierung, Arbeitsqualität (PreRA) des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen.

Liebe Christiane, du bist seit Kurzem am IAQ. Welche Forschungsperspektiven bringst du mit, und wie knüpft deine Arbeit an die Schwerpunkte des Instituts an?

Meine Forschung richtet sich aus soziologischer und gesellschaftstheoretischer Perspektive auf den Strukturwandel von Arbeit und Professionalität und verbindet ihn mit Fragen der Regulierung, sozialpolitischen Flankierung und kollektiven Mobilisierung. Mein aktuelles Projekt zu Arbeitsbeziehungen und Partizipationsrechten in supranationalen Organisationen führt diese Linien zusammen. Das IAQ bietet mir mit seiner fachlichen Breite und dem Profil von PreRA einen idealen wissenschaftlichen Rahmen sowie ein äußerst anregendes und kollegiales Umfeld.

Am IAQ setzt du dein Forschungsprojekt „Arbeitsbeziehungen und Partizipationsrechte in supranationalen Organisationen“ fort. Worum geht es in dem Projekt und wie ist die Fragestellung entstanden?

Ausgangspunkt war der exterritoriale Rechtsstatus von Organisationen wie der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Patentorganisation: Sie sind nicht an nationales Arbeitsrecht gebunden und treten ihren Beschäftigten gegenüber zugleich als Arbeitgeber, Gesetzgeber und Träger eigener sozialer Sicherungssysteme auf. Damit sind sie mitbestimmungsfreie Zonen und eine Art Experimentierfeld für Arbeitsbeziehungen ohne kollektivrechtlichen Rahmen. Umso bemerkenswerter ist, dass dort dennoch gewerkschaftliche Strukturen und eigenständige Strategien kollektiver Mobilisierung und Partizipation entstanden sind. Im September organisiert die Hans-Böckler Stiftung einen  Expert*innenworkshop, bei dem wir unsere Befunde zur Diskussion stellen. Auch beim diesjährigen Soziologiekongress präsentieren wir Projektergebnisse im Rahmen einer Nachmittagsveranstaltung der Sektion Europasoziologie.

Was zeigt der Blick auf die Arbeitsbeziehungen über supranationale Organisationen?

An den Arbeitsbeziehungen werden grundlegende Widersprüche ihrer institutionellen Architektur sichtbar. Supranationale Organisationen verfügen über weitreichende Autonomie und erfüllen zugleich zentrale öffentliche Aufgaben, während verbindliche Formen der Beschäftigtenbeteiligung vielfach fehlen. Damit sind die Arbeitsbeziehungen weit mehr als eine interne Personalfrage. An ihnen lässt sich untersuchen, wie institutionelle Unabhängigkeit, demokratische Legitimation, fachliche Verantwortung und kollektive Beteiligung miteinander verbunden sind.

Vielen Dank für die spannenden Einblicke in deine Arbeit! Wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse deines Projektes.