Jakob Eicheler
„Ich kann mir kaum einen sinnvolleren Beruf vorstellen, als besser zu verstehen, wie unsere Gesellschaft funktioniert – und wie Zusammenleben gelingen kann.“
Wie politische Solidarität unsere Gesellschaft prägt
Viele Menschen fragen sich, wie es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt steht. Der Politikwissenschaftler Jakob Eicheler untersucht, wie solidarisch Gesellschaften tatsächlich sind. Seine Forschung zeigt etwa: Ob Menschen dafür sind, Migrant:innen Sozialleistungen zu gewähren oder vorzuenthalten, hängt kaum davon ab, wie viele Geflüchtete in ihrem Wohnort aufgenommen wurden. Im Interview spricht er über politische Solidarität und darüber, warum ihn gerade die Momente begeistern, in denen Daten etwas völlig anderes zeigen als erwartet. Kurz vor dem Abschluss seiner Promotion blickt er außerdem auf die vergangenen Jahre zurück.
(von Janina Balzer)
In öffentlichen Debatten heißt es oft: Der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet. Deine Forschung zweifelt daran. Was genau untersuchst du?
Im Kern geht es um die Frage: Warum sind Menschen bereit, andere zu unterstützen? Es geht also um politische Solidarität und damit um einen wichtigen Aspekt gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Politische Solidarität klingt erst einmal ziemlich abstrakt. Was bedeutet das konkret?
Für uns bedeutet politische Solidarität vor allem die Bereitschaft, gemeinsam Ziele zu verfolgen oder andere zu unterstützen – auch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte. Wie entsteht diese Bereitschaft, wie verändert sie sich und welche Faktoren beeinflussen sie?
Du sprichst von „politischer“ Solidarität. Was unterscheidet sie von Solidarität im Alltag?
Solidarität im Alltag ist eher die direkte Hilfe zwischen Menschen, die sich kennen oder begegnen: Jemand kauft für die ältere Nachbarin ein oder hilft Freunden beim Umzug. Von politischer Solidarität spreche ich, wenn Menschen andere unterstützen, die sie nicht persönlich kennen, und diese Unterstützung über Politik und staatliche Einrichtungen läuft. Ein Beispiel ist die Bereitschaft, über Steuern und Sozialbeiträge Arbeitslose, Geflüchtete oder die Menschen in einem anderen EU-Land in einer Krise zu unterstützen.
Und was zeigen deine Daten?
Ich nutze Daten, bei denen dieselben Menschen über mehrere Jahre begleitet wurden. So kann ich sehen, wie sich ihre Einstellungen verändert haben – je nachdem, wie viele Geflüchtete in ihrer Stadt oder ihrem Kreis aufgenommen wurden.
Ein Beispiel: In Bremerhaven hat sich der Anteil der Geflüchteten an der Bevölkerung im betrachteten Zeitraum fast verdreifacht. In Offenbach in Hessen ist er dagegen etwa gleichgeblieben. Ich habe verglichen, ob sich die Einstellungen der Menschen in solchen Orten unterschiedlich entwickelt haben. Das Ergebnis: Vorbehalte dagegen, Migrant:innen Sozialleistungen zu gewähren, haben insgesamt zugenommen, entscheidend ist aber: Dieser Anstieg ist nicht dort stärker, wo besonders viele Geflüchtete aufgenommen wurden. Der Anteil der Geflüchteten vor Ort erklärt die Veränderung also nicht.
Und was bedeutet das?
Das spricht dafür, dass Einstellungen zum Ein- oder Ausschluss von Migrant:innen aus Sozialleistungen weniger durch eigene Erfahrungen vor Ort geprägt werden als durch bundesweite Debatten über Migration.
Das widerspricht einer weit verbreiteten Annahme. Hat dich dieses Ergebnis selbst überrascht?
Ja, durchaus. Mich hat generell überrascht, wie stabil politische Solidarität oft ist, selbst in Krisenzeiten.
Gerade bei europäischer Solidarität hätte man erwarten können, dass wirtschaftliche Krisen oder die Corona-Pandemie zu einem deutlichen Rückgang führen würden. Das sehen wir aber nicht. Während der Corona-Pandemie nahm die politische und auch die alltägliche Solidarität zunächst sogar zu. Viele Menschen gingen etwa für Ältere einkaufen. Später ließ dieser Effekt wieder nach.
Insgesamt verändern sich Einstellungen deutlich langsamer und weniger dramatisch als öffentliche Debatten manchmal vermuten lassen.
(Bild: UDE/Fabian Strauch)
Wie erforscht man gesellschaftlichen Zusammenhalt überhaupt?
Unsere Forschung basiert auf großen Langzeitbefragungen und eigenen Erhebungen. Dabei begleiten wir dieselben Menschen über mehrere Jahre. Wir befragen also eine Person, die schon vor einigen Jahren an unserer Befragung teilgenommen hat, erneut und sehen so, wie sich ihre Einstellungen verändert haben. So erkennen wir auch, welche Entwicklungen dabei eine Rolle spielen. Wenn beispielsweise jemand die eigene wirtschaftliche Lage oder die Lage in Deutschland zunehmend schlechter einschätzt, können wir sehen, ob gleichzeitig die Solidarität dieser Person sinkt.
Wann hast du gemerkt: Forschung ist genau dein Ding?
Ein Schlüsselmoment war meine Bachelorarbeit. Ich habe damals untersucht, wie Bundestagsabgeordnete auf Anfragen von Bürger:innen reagieren, je nachdem, wie der Name der anfragenden Person klingt. Da habe ich zum ersten Mal wirklich selbst geforscht und gemerkt: Mit der eigenen Arbeit kann man tatsächlich neue Erkenntnisse über unsere Gesellschaft gewinnen. Damit war für mich klar, dass ich diesen Weg weitergehen möchte.
Nach meinem Master in Sozialwissenschaft mit der Vertiefung Methoden der Sozialforschung an der Ruhr-Universität Bochum passte die Promotionsstelle im Projekt zur politischen Solidarität an der UDE thematisch und persönlich einfach perfekt. Ich hatte auch andere Optionen, zum Beispiel in der Jugendpolitik, wo ich parallel gearbeitet habe. Aber ich wollte diese Chance unbedingt nutzen.
Was fasziniert dich an der Forschung bis heute? Ist es dieses „Entdecken“?
Ja, total. Ich habe eine Idee oder eine Theorie – und dann zeigt sich, ob die Daten das bestätigen oder eben nicht. Besonders spannend wird es, wenn sie etwas ganz anderes zeigen als erwartet. So zeigt eine meiner Studien, dass materielle Bedingungen, wie zum Beispiel das Einkommen, eine geringere Rolle für die Veränderung europäischer Solidarität spielen, als ich erwartet hatte. Das war für mich direkt ein neuer Ansatzpunkt für weitere Forschung.
© UDE/Fabian Strauch
© UDE/Fabian Strauch
Von außen wirkt Forschung oft wie ein geradliniger Weg von der Fragestellung zum Ergebnis. War deine Promotion so?
Überhaupt nicht. Es gibt Projekte, die man anfängt und wieder verwerfen muss, weil sie nicht funktionieren. In solchen Momenten fragt man sich natürlich schon, ob man gut genug dafür ist. Das ist dann erst einmal frustrierend.
Ich habe zum Beispiel noch ein halb fertiges Paper in der Schublade. Darin geht es um die Frage, ob es für die Solidarität einen Unterschied macht, woran Menschen bei „Nationalität“ denken: an gemeinsame Werte oder an eine gemeinsame Abstammung. Ich wollte testen, ob unterschiedliche Vorstellungen von Nationalität die Solidarität beeinflussen. Dafür habe ich verschiedene Texte und Bilder eingesetzt. Das hat aber nicht funktioniert – das gewünschte Verständnis ließ sich damit nicht zuverlässig in den Vordergrund rücken. Also musste ich das Projekt erst einmal auf Eis legen.
Wie gehst du mit solchen Rückschlägen um?
Was hilft, ist der Austausch mit anderen.
Irgendwann merkt man: Diese Zweifel und auch Misserfolge haben eigentlich alle. Nach außen sieht man meistens nur die fertigen Fachartikel und erfolgreichen Ergebnisse – nicht die vielen Dinge, die vorher schiefgelaufen sind.
Mit der Zeit lernt man, dass genau das Teil des Forschungsprozesses ist.
Was hat dich überzeugt, dran zu bleiben?
Dass das, was ich mache, relevant ist. Dass meine Forschung helfen kann, gesellschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen, ist für mich extrem sinnstiftend.
Und natürlich die Neugier, immer wieder Antworten zu suchen.
Was hat dir während der Promotion besonders geholfen?
Ganz klar die Betreuung durch Prof. Dr. Achim Goerres und der Austausch mit der Arbeitsgruppe. In den regelmäßigen Treffen konnte ich Probleme offen ansprechen und habe immer hilfreiches Feedback bekommen. Gerade nach Rückschlägen war das enorm wichtig.
(Bild: UDE/Fabian Strauch)
Du stehst kurz vor dem Abschluss deiner Promotion. Worauf blickst du heute besonders stolz zurück?
Ich konnte eigene Fragestellungen entwickeln und über mehrere Jahre verfolgen. Gleichzeitig habe ich fachlich unglaublich viel gelernt. Heute merke ich, dass ich jetzt tatsächlich eigenständig forschen kann. Und genau das ist das Ziel einer Promotion.
Deshalb kann ich mir trotz aller Unsicherheiten kaum einen sinnvolleren Beruf vorstellen, als besser zu verstehen, wie unsere Gesellschaft funktioniert – und wie Zusammenleben gelingen kann.
Gab es während deiner Promotion einen Moment, in dem dir klar wurde: Genau deshalb mache ich Forschung?
Als ich meinen ersten Artikel in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht habe, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Ich trage etwas zu unserem Wissen bei.
Und als ich auf meiner ersten internationalen Konferenz Forschungsergebnisse vorgestellt habe und im Anschluss daran darüber diskutieren konnte, habe ich gemerkt: Ich bin Teil der Wissenschaftsgemeinschaft.
Und wie geht es weiter?
Ich würde gern in der Forschung bleiben, weil ich die Arbeit als sehr erfüllend empfinde. Die Themen und die Art zu arbeiten werden mich auf jeden Fall weiter begleiten. Egal, wohin mein Weg führt.
Jakob Eicheler promoviert seit Oktober 2021 an der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften.
Am Institut für Politikwissenschaft erforscht er mithilfe von Bevölkerungsumfragen und Langzeitstudien den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unruhigen Zeiten. Dabei untersucht der Politikwissenschaftler, welche Faktoren politische Solidarität beeinflussen und welche Rolle sie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt.
Weitere Informationen:
Jakob Eicheler, Institut für Politikwissenschaft, Tel. 0203 379 1714, jakob.eicheler@uni-due.de
Redaktion: Janina Balzer, janina.balzer@uni-due.de