Oliver Gaida
"Zu sehen, dass ein Experiment, das ich mitentwickelt habe, tatsächlich funktioniert, ist für mich das schönste Gefühl."
20 Sekunden Schwerelosigkeit – dafür arbeitet Oliver Gaida monatelang
Ein blauer Overall, Werkzeugkisten im Flugzeug und monatelange Vorbereitung für einen Moment, der kaum länger als 20 Sekunden dauert. So viel Zeit bleibt Physiker Oliver Gaida während eines Parabelflugs, um sein Experiment unter Schwerelosigkeit durchzuführen. Warum sich dieser Aufwand lohnt, was Mondstaub mit der Zukunft der Raumfahrt zu tun hat und was ihn an seiner Promotion begeistert, erzählt der Doktorand im Interview.
von Janina Balzer
Monatelange Vorbereitung für gerade einmal 20 Sekunden Schwerelosigkeit – wie groß ist da der Druck?
Pro Parabel haben wir ungefähr 20 Sekunden Schwerelosigkeit. In dieser kurzen Zeit muss unser Experiment funktionieren. Dafür planen wir monatelang und versuchen, das Experiment so weit wie möglich zu automatisieren. Wir konstruieren die Bauteile, bauen das Experiment zusammen und testen es ausführlich, bevor die eigentlichen Flüge beginnen.
Kannst du dich noch an deine erste Parabel erinnern? Was ging dir unmittelbar vor dem Start durch den Kopf?
Vor dem ersten Flug war ich total aufgeregt. Ich war froh, dass ich nur als Begleitung mitgeflogen bin und nicht für das Experiment verantwortlich war. So konnte ich mich erstmal darauf konzentrieren, die Parabeln gut zu überstehen.
Außerdem sind zwei Kollegen mitgeflogen, die Erfahrung mit solchen Flügen hatten. Das war beruhigend.
© Novespace
Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an?
Am Anfang fühlt es sich sehr nach Fallen an. Während der Übergangsphase in die Schwerelosigkeit kribbelt es im Bauch, ähnlich wie bei einer Achterbahnfahrt oder Turbulenzen.
Bei meinen ersten Parabeln wollte ich mich deshalb festhalten. Erst nach den ersten Runden wusste ich, was auf mich zukommt, und konnte es dann auch genießen und realisieren, dass ich gerade Schwerelosigkeit erlebe und wie besonders das ist.
Ist Schwerelosigkeit körperlich anstrengend?
Die Phasen vor und nach der Schwerelosigkeit sind durch die starke Beschleunigung anstrengender. In der Schwerelosigkeit selbst ist es ein bisschen wie Schwimmen – nur ohne Wasser. Die Bewegungen, die man intuitiv macht, funktionieren aber nicht richtig.
Tatsächlich musste ich aufpassen, dass ich nicht abdrifte, sobald ich Dinge berührt habe. Wenn ich beispielsweise auf die Tastatur am Laptop tippe, drücke ich mich gleichzeitig selbst davon weg. Das erschwert die gesamte Koordination und macht Bewegungen ganz anders als im Alltag mit normaler Schwerkraft.
Oliver mit Kolleg:innen, Maskottchen und seinem Experiment während des Parabelflugs. © Novespace
Warum nehmt ihr diesen Aufwand überhaupt auf euch?
Wir untersuchen, wie sich Mondstaub unter Mondgravitation verhält. Wenn Menschen künftig wieder zum Mond fliegen und dort eine Basis errichten wollen, muss dieser Staub transportiert und verarbeitet werden. Viele Forschungsgruppen erforschen bereits, wie daraus Bausteine entstehen können. Uns interessiert der Schritt davor: Wie lässt sich Mondstaub überhaupt zuverlässig transportieren?
(© UDE/Fabian Strauch)
Was macht Mondstaub so besonders?
Mondstaub ist ganz anders als Sand auf der Erde. Die Körner sind sehr fein und scharfkantig. Sie bleiben leicht an Oberflächen hängen und verstopfen so schneller Trichter oder Rohre. Außerdem verändert die geringere Gravitation auf dem Mond das Fließverhalten des Materials.
Wie kann man die Bedingungen auf dem Mond auf der Erde simulieren?
Dafür haben wir zwei Möglichkeiten genutzt: den Fallturm des Zentrums für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation, kurz ZARM, in Bremen und Parabelflüge in Bordeaux. Das Besondere an unserem Projekt ist, dass wir beides nutzen: Im Fallturm können wir reduzierte Gravitation, zum Beispiel Mondgravitation, simulieren. Das dauert etwas mehr als zwei Sekunden. Im Parabelflug haben wir dagegen etwa 20 Sekunden echte Schwerelosigkeit.
Im GraviTower dauert eine Messung ungefähr fünf Sekunden, davon sind rund zwei Sekunden unter reduzierter Gravitation möglich. An guten Tagen können wir bis zu 100 solcher Messungen durchführen.
September 2026 in Bordeaux vorm Start der Air Zero-G für die Parabelflüge. © Oliver Gaida
Was habt ihr bei den Experimenten bisher herausgefunden?
Wir haben gesehen, dass das Material unter reduzierter Gravitation schneller verstopft. Dafür haben wir ein Modell entwickelt, das die Verstopfungsgefahr unter anderem mit der Geometrie des Trichters, der Größe der Partikel und der sogenannten Bond-Zahl beschreibt.
Die Bond-Zahl steht vereinfacht gesagt für das Verhältnis von Zusammenhalt und Gravitation: Wie stark haften die Partikel aneinander, verglichen damit, wie stark die Gravitation sie nach unten zieht. Wenn die Gravitation schwächer wird, gewinnt der Zusammenhalt an Bedeutung.
Unser Modell hilft dabei, aus diesen Größen abzuleiten, wie groß ein Trichter sein sollte, damit das Material möglichst zuverlässig hindurchfließt. Die Bond-Zahl lässt sich messen und auch für andere Gravitationsbedingungen berechnen.
© UDE/Fabian Strauch
Oliver im Parabelflieger beim Vorbereiten des Experiments, zusammen mit seinem Maskottchen. Typischerweise hat jedes Experiment-Team einen eigenen Mikrogravitations-Indikator dabei. Während des Fluges baumelt er frei an einer Leine. Sobald es in die Schwerelosigkeit übergeht, fängt er an zu schweben und zeigt damit die Schwerelosigkeit an. © Oliver Gaida
War Mondstaub schon immer dein Forschungsthema?
Nein. Ich habe Physik studiert und im Master Astroteilchenphysik und Kosmologie gemacht. In meiner Masterarbeit habe ich am IceCube-Experiment gearbeitet, einem Teilchendetektor tief im antarktischen Eis. Dass Francis Halzen, einer der maßgeblichen Köpfe hinter IceCube, dafür jetzt den Physik-Nobelpreis erhält, macht diesen Teil meiner bisherigen Forschung natürlich noch einmal besonders. Dort werden die schwachen Lichtblitze registriert, die schnelle Elementarteilchen erzeugen – Teilchen, die etwa in der Umgebung Schwarzer Löcher oder in der Sonne entstehen und beschleunigt werden.
Danach bin ich für meine Promotion an die Universität Duisburg-Essen gekommen.
(© UDE/Fabian Strauch)
Was macht deine Promotion für dich besonders?
Während meiner Masterarbeit war ich Teil eines großen Projekts und habe nur an einem kleinen Baustein mitgearbeitet. Jetzt begleite ich ein Experiment von der ersten Idee über die Konstruktion bis zur Datenauswertung. Zu sehen, dass ein Experiment, das ich mitentwickelt habe, tatsächlich funktioniert, ist für mich das schönste Gefühl während der Promotion.
Viele Promovierende sprechen vom Impostor-Syndrom. Kennst du dieses Gefühl?
Ja, eigentlich auf jeder Konferenz. Am Anfang denke ich oft, dass alle anderen viel mehr wissen als ich. Im Gespräch merke ich aber schnell, dass alle dieselbe Begeisterung für dieses spezielle Thema teilen.
Besonders spannend findet Oliver den Austausch mit anderen Forschenden – gerade mit Promovierenden aus anderen Einrichtungen. ©UDE/Fabian Strauch
Oliver beim Europlanet Science Congress 2025 in Helsinki. © Oliver Gaida
Glaubst du, dass deine Forschung eines Tages tatsächlich auf dem Mond eingesetzt wird?
Ich glaube schon, dass das technisch irgendwann möglich ist. Wann das passiert, kann ich natürlich nicht einschätzen.
Was fasziniert dich bis persönlich an Forschung?
Dass aus einer Idee am Ende neue Erkenntnisse entstehen. Und dass man diesen ganzen Weg selbst miterlebt – von der ersten Idee über das Experiment bis zu den Ergebnissen. Genau das macht Forschung für mich aus.
Oliver Gaida promoviert seit Dezember 2023 an der Fakultät für Physik der Universität Duisburg-Essen. Im Mittelpunkt seiner Forschung steht Mondstaub: Der Physiker untersucht, wie sich Mondstaub unter Mondgravitation verhält und wie er sich künftig transportieren lässt.
Weitere Informationen:
Oliver Gaida, Fakultät für Physik, Tel. +49203 379 2958, oliver.gries@uni-due.de
Research Paper: https://arxiv.org/abs/2506.18771