Hannah Logemann

„Ich habe mich wirklich in die Forschung verliebt. Ich schätze das eigenständige Arbeiten und die Selbstbestimmtheit sehr."

Social-Media: Das perfekte Setting für Empörung?

Weniger Zuhören, mehr moralische Urteile: Nach der Corona-Pandemie hatte Hannah Logemann das Gefühl, dass Diskussionen emotionaler wurden. Heute erforscht die Psychologin, warum empörte Inhalte online so präsent sind und was das mit unserer Debattenkultur macht. Im Interview spricht sie außerdem darüber, warum sie plötzlich Statistik lieben gelernt hat.

(von Janina Balzer)

Hannah, du hast deinen Bachelor in Greifswald gemacht, deinen Master in Schweden, du warst für die Forschung in den USA und in Cambridge in England sowie in Berlin am Robert-Koch-Institut und am Weizenbaum-Institut. Warum Duisburg?

Ich wollte an genau den Fragen arbeiten, die mich interessieren: Wie diskutieren Menschen miteinander? Wie entstehen Meinungen? Und wie beeinflussen soziale Medien das?

In Duisburg habe ich dafür in der Fachgruppe „Psychologische Prozesse der Bildung in den sozialen Medien” das passende Umfeld gefunden. Die Mischung aus Psychologie und Informatik passt perfekt zu meiner Forschung.

Du sagst, du liebst Daten. War das schon immer so?

Überhaupt nicht. Vor Statistik hatte ich am Anfang eher Respekt. Ich bin vor allem in die Psychologie gegangen, weil mich Menschen und Dynamiken interessieren.

Der Wendepunkt kam während meines Auslandssemesters in den USA. Dort habe ich gemerkt: Statistik ist nichts, wofür man Talent mitbringen muss. Man kann das lernen, und plötzlich ließen sich damit Fragen beantworten, die mich sowieso beschäftigen.

Was fasziniert dich daran?

Man beobachtet ständig Dinge im Alltag und fragt sich: Was passiert da eigentlich? Ich finde es total schön, dass man diese Neugier befriedigen kann. Daten geben einem die Möglichkeit, solche Fragen wissenschaftlich zu untersuchen. Beispielsweise nehmen viele Menschen die Gesellschaft als gespalten wahr. Die Daten zeigen uns aber, dass die Spaltung tendenziell überschätzt wird.

Und dann wurde aus Interesse echte Forschungsliebe?

Das hat mich selbst überrascht, aber ich habe mich wirklich in die Forschung verliebt. Ich schätze das eigenständige Arbeiten und die Selbstbestimmtheit sehr.

Auch die Lehre macht mir wahnsinnig viel Spaß. Im ständigen Gespräch mit der „nächsten Generation“ zu sein, finde ich unglaublich bereichernd.

Außerdem bin ich jeden Tag von sehr klugen und wohlwollenden Menschen umgeben und lerne die ganze Zeit dazu. Es ist ein schönes Gefühl, dass man gemeinsam an Fragen arbeitet und sich mit Menschen austauscht, die dieselbe Neugier teilen.

(Bild: UDE/Fabian Strauch)

Heute erforschst du moralische Empörung auf Social-Media. Was untersuchst du genau?

Vereinfacht gesagt schaue ich mir an, was die Masse an moralisch aufgeladenen Inhalten online bei uns auslöst und wie das unsere Debatten beeinflusst.

Mich interessiert besonders, wie Menschen online kommunizieren, wie verschiedene Gruppierungen aufeinandertreffen und wie sich gesellschaftliche Diskussionen dort abspielen.

Wie bist du auf das Thema gekommen?

Angefangen hat es mit Forschung zu Misinformationen und Verschwörungsmythen. Während der Corona-Pandemie hatte ich das Gefühl, dass sich unsere Debatten von sachlichen hin zu moralischen verschoben haben.

Ähnliche Dynamiken hatte ich vorher schon in den USA beobachtet, besonders in politischen Diskussionen. Social-Media spielt dabei natürlich eine große Rolle, weil wir nicht nur ständig mit Informationen, sondern auch mit Meinungen und erhitzten Diskussionen konfrontiert sind.

Irgendwann habe ich mich gefragt: Was passiert da eigentlich gerade in unseren Debatten? Können wir uns noch an klassische Debattenprinzipien halten? Können wir also noch zuhören, ausreden lassen und Kompromisse schließen? Oder spielen wir vielmehr nur noch moralisches Ping Pong, bei dem wir moralische Einwände hin und her werfen?

(Bild: UDE/Fabian Strauch)

Wie zeigt sich moralische Empörung in den sozialen Medien?

Moralische Empörung entsteht dann, wenn wir das Gefühl haben, dass jemand gegen grundlegende Werte verstößt. Wir sehen also etwas und denken: „Das ist falsch“ oder „Das ist ungerecht“. Wenn beispielsweise ein Politiker etwas sagt, das viele als ausgrenzend erleben, löst das häufig große Empörungswellen aus, die sich auf Social-Media schnell verbreiten.

Dabei geht es aber nicht nur um ein Gefühl wie Wut, Ärger oder Verachtung. Oft entsteht auch der Wunsch, etwas dagegen zu tun, etwa jemanden zu kritisieren oder Konsequenzen einzufordern.

Warum verstärken soziale Medien solche Dynamiken?

Auf Plattformen wie Instagram, X oder TikTok sehen wir ständig Inhalte, die moralisieren. Empörte Beiträge bekommen oft besonders viel Aufmerksamkeit. Sie werden häufiger kommentiert, geteilt und verbreitet.

Social-Media ist deshalb ein perfektes Setting für moralische Empörung. Es belohnt Empörung regelrecht.

Viele sprechen dabei von „Cancel Culture“. Wie siehst du das?

Ich bin kein großer Fan des Begriffs, weil er stark politisch aufgeladen ist. Außerdem wird er teilweise instrumentalisiert, um zu zeigen, dass öffentliche Fehltritte, kontroverse Meinungen oder Aussagen sofort zum „Canceln“ führen würden. Das belegt die bisherige Forschung aber so nicht. Abgesehen davon hat moralische Empörung zunächst einmal eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie hilft uns dabei, Normen und Werte zu verteidigen.

Spannend finde ich eher die Frage, wie soziale Medien diese Prozesse verändern: wie schnell Empörung entsteht, ob wir sie tatsächlich fühlen oder nur äußern, weil wir davon ausgehen, dass es gesellschaftlich erwartet wird und wie das den gesellschaftlichen Diskurs beeinflusst.

(Bild: UDE/Fabian Strauch)

Wie erforscht man so etwas wissenschaftlich?

Wir arbeiten zum Beispiel mit Experimenten, in denen Teilnehmende unterschiedliche Social-Media-Feeds sehen. Anschließend schauen wir, wie sie darauf reagieren.

Außerdem analysieren wir die Sprache in Social-Media-Beiträgen. Dabei unterscheiden wir, ob jemand einfach nur genervt ist oder tatsächlich moralisiert, also etwas schreibt wie: „Das ist falsch“ oder „Das verstößt gegen unsere Werte“.

Gab es dabei Ergebnisse, die dich überrascht haben?

Ja. In bestehenden Studien haben wir gesehen, dass Menschen irgendwann abstumpfen, wenn sie einem Normverstoß immer wieder begegnen. Deswegen haben wir angenommen, dass sie auch abstumpfen, wenn sie immer wieder der Empörung anderer begegnen. Das ist aber nicht immer der Fall. Wenn wir viele empörte Beiträge sehen, hält das unsere Empörung eher aufrecht. Das heißt, solche Emotionen halten länger. Was das langfristig bedeuten kann, schauen wir uns jetzt in Folgestudien an.

Welche Fragen möchtest du langfristig beantworten?

Mich interessiert, ob Social-Media unsere Debatten langfristig verändert. Werden wir durch die ständige Konfrontation mit Empörung irgendwann abgestumpft? Oder wird moralische Empörung eher zur Norm?

Denn moralische Empörung kann auch etwas Positives sein: Sie macht auf Ungerechtigkeit aufmerksam und kann gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir online manchmal mehr übereinander als miteinander sprechen und was das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutet.

Das sind große Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Aber genau das macht Forschung für mich spannend.

Hannah Logemann promoviert seit Juli 2025 an der Fakultät für Informatik.

In der Fachgruppe „Psychologische Prozesse der Bildung in den sozialen Medien” untersucht sie moralische Empörung in sozialen Medien. Mithilfe von Experimenten, Befragungen und Netzwerkanalysen untersucht die Psychologin, wie moralisch aufgeladene Inhalte Debatten beeinflussen und welche Auswirkungen das auf gesellschaftliche und politische Prozesse haben könnte.

Weitere Informationen:

Hannah Logemann, Medienpsychologie, Tel. +49 203 379-1324, hannah.logemann@uni-due.de

Redaktion: Janina Balzer, janina.balzer@uni-due.de