Victoria Momand

„Wenn ich mir Daten anschaue, verstehe ich vieles theoretisch. Aber wenn ich mir Zellen anschaue, während sie leben und arbeiten, kann ich wortwörtlich ‚Licht ins Dunkel bringen.“

Victoria Momand bringt Proteine zum Leuchten

Proteine sind die unsichtbaren Motoren unseres Körpers. Victoria Momand will sie sichtbar machen. In ihrer Promotion erforscht sie ein kaum bekanntes Enzym und blickt mit modernster Mikroskopie tief ins Innere der Zelle. Ein Gespräch über Neugier, Rückschläge und die Faszination, die Puzzlestücke des Rätsels namens Leben zusammenzusetzen.

(von Janina Balzer)

Victoria, warum sind Proteine so cool?

Jede einzelne Zelle hat Milliarden von Proteinen. Sie sind im Grunde die kleinen Maschinen der Zelle oder die Arbeiter, die alles am Laufen halten. Denn alles, was in der Zelle passiert, wird von Proteinen gesteuert. So reguliert Insulin beispielsweise den Blutzuckerspiegel und Hämoglobin ist für den Sauerstofftransport in unserem Blut zuständig. 

Auch Enzyme sind Proteine, die als biologische Katalysatoren wirken. Das heißt: Ohne Proteine würde in der Zelle gar nichts gehen. Und deswegen sind Proteine auch so cool. 

In deiner Promotion erforschst du das Enzym Parvulin17, das nur in Menschen und Menschenaffen vorkommt. Wie kamst du dazu?

Parvuline sind eine kleine Untergruppe von Enzymen, die in der Biochemie bekannt sind. Parvulin17 ist allerdings bislang kaum erforscht. Auch den meisten Biochemiker:innen ist es eher unbekannt. Gerade das finde ich spannend: Es gibt kaum Publikationen, viele grundlegende Fragen sind noch offen, zum Beispiel, wo genau sich dieses Enzym in der Zelle befindet oder welche Funktion es hat. Und ich möchte gerne Licht ins Dunkle bringen. 

In meiner Masterarbeit habe ich dann angefangen, genau das zu untersuchen. Daraus ist auch die Idee für meine Promotion entstanden. 

Du möchtest herauszufinden, wo genau sich das Protein in der Zelle befindet. Wie machst du das?

Für mich war klar: Ich muss wissen, wo genau sich das Protein befindet, um der Funktion näher zu kommen und das finde ich nur heraus, wenn ich wirklich in die Zelle reinschaue. Es gab zwar 2007 erste Bilder von Parvulin17, aber ich habe gedacht: Das geht noch genauer! Ich arbeite mit hochauflösender Mikroskopie, die es in der Form noch gar nicht so lange gibt. Damit kann ich extrem nah heranzoomen – bis auf 100 Nanometer, teilweise bis auf einzelne Moleküle und Partikel. Näher geht es nicht. So kann ich innerhalb der Kompartimente noch genauer unterscheiden und auch sehen, wie sich die Proteine in der Zelle bewegen oder miteinander interagieren. Das sind kleine, aber wichtige Schritte, um an die Funktion des Enzyms heranzukommen. 

© UDE/Fabian Strauch

© UDE/Fabian Strauch

Du sagst, du möchtest „Licht ins Dunkel bringen“. Was meinst du damit?

In meiner Arbeitsgruppe arbeiten wir viel mit Daten – mit Messwerten, Kurven oder Spektren. Das ist wichtig, aber ich wollte Erkenntnisse nicht nur an Zahlen ableiten. Ich habe mich immer gefragt: Was passiert da konkret? Was kann ich wirklich mit dem eigenen Auge sehen? 

Ich kann Strukturen farblich markieren, die an sich durchsichtig sind. So markiere ich zum Beispiel die Mitochondrien, die wir aus dem Schulunterricht noch als „Kraftwerke der Zellen“ kennen, in rot und mein Protein in grün und kann dann genau sehen, wo sich das Protein im Verhältnis zu den Mitochondrien befindet. Das sieht nicht nur beeindruckend aus, weil es farblich leuchtet, sondern macht Prozesse sichtbar, die vorher komplett verborgen waren.  

© Victoria Momand

Immunfluoreszenz in Krebszellen. Zu sehen sind ein Teil des Zytoskeletts (Aktin) in pink und ein Protein gefärbt über fluoreszierende Antikörper in blau.

© Victoria Momand

Die innere Membran der Mitochondrien ist angefärbt, sichtbar an den "Streifen", die die Einstülpungen (Cristae) darstellen. Hier findet die oxidative Phosphorylierung statt. Das ist der letzte Prozess der Zellatmung, der den Großteil der Energie (ATP) erzeugt.

© Victoria Momand

Mehrere HEK Zellen nebeneinander, die den Zellkern (rot) und das Zytoskelett (gelb) angefärbt haben.

Wie funktioniert das genau, Proteine zum Leuchten zu bringen?

Zunächst bringe ich die Zellen dazu, das Protein zu produzieren, das ich untersuchen möchte. Dafür gebe ich ihnen die passende DNA, sozusagen den Bauplan des Wunschproteins. Die Zelle liest diese Information wie eine Anleitung und stellt das gewünschte Protein dann in größerer Menge her.  

Ich „markiere“ das Protein dabei auf zwei unterschiedliche Arten:  Entweder versehe ich es direkt mit einem fluoreszierenden Protein, das von sich aus leuchtet, oder ich gehe indirekt vor und nutze Antikörper, die gezielt an das Protein oder bestimmte Zellstrukturen binden und selbst mit einem fluoreszierenden Farbstoff ausgestattet sind. Wenn ich die Zellen anschließend mit einem bestimmten Laser anrege, beginnen diese markierten Strukturen zu leuchten.  

Was machst du mit diesen Bildern?

Das hängt immer von der Fragestellung ab. Manchmal geht es einfach darum, eine Momentaufnahme zu machen: Wo befindet sich das Protein typischerweise? Dann nehme ich Bilder auf – teilweise auch in mehreren Ebenen, sodass ich die Zelle wie in 3D durchschichten kann. 

In anderen Fällen kann ich auch Zeitraffer machen, um zu sehen, wie sich Moleküle bewegen oder wie sich Zellen verändern. Dann verfolge ich beispielsweise im Schnelldurchlauf den Weg der Moleküle. 

(Bild: UDE/Fabian Strauch)

Und was sagen dir die Bilder bislang?

Ich konnte zeigen, dass sich das Protein innerhalb der Mitochondrien befindet – und zwar nicht einfach irgendwo, sondern in inneren Bereichen. Da das Protein nicht in der äußeren Membran sitzt, kann ich davon ausgehen, dass es wahrscheinlich keine Rolle beim Transport von Molekülen in die Mitochondrien spielt. Das hilft schon, erste Funktionen auszuschließen.  

Es liegt also nahe, dass das Parvulin17 innerhalb der Mitochondrien aktiv ist – dort, wo wichtige Stoffwechselprozesse stattfinden. Vielleicht wirkt es auch als eine Art „Faltungshelfer“ für andere Proteine. Dann würde es dabei helfen, Proteine in ihre richtige dreidimensionale Struktur zu bringen, damit sie richtig arbeiten und funktionieren können.  

Über Parvuline allgemein wissen wir bereits, dass sie an der Proteinfaltung beteiligt sind, indem sie langsame Prozesse beschleunigen. Das ist wichtig, denn falsch gefaltete Proteine können zentrale Abläufe in der Zelle stören und somit langfristig zu Erkrankungen führen, zum Beispiel zu neurodegenerativen Erkrankungen, bei denen Nervenzellen nach und nach absterben. 

Im letzten Jahr habe ich deshalb versucht, herauszufinden, mit welchen anderen Proteinen das Parvulin17 möglicherweise interagiert. Denn Proteine arbeiten nie allein – sie „sprechen“ miteinander, beeinflussen sich gegenseitig, arbeiten zusammen. 

So arbeite ich mich Schritt für Schritt vor: Ich schließe Dinge aus, entwickle neue Hypothesen – und teste diese dann wieder anhand neuer Experimente. Manchmal bestätigen die Ergebnisse das, was ich erwartet habe – manchmal überhaupt nicht. Dann muss ich komplett umdenken. Es fühlt sich ehrlich gesagt wie ein riesiges Puzzle im Kopf an. Genau das macht Forschung aber auch aus. 

© AG Bayer

Proteinstruktur von Parvulin14, einer Isoform (leicht andere Variante desselben Enzyms) von Par17, experimentell gelöst in der AG Bayer. Zu sehen ist das Protein in gefalteter Form. Das "Gitter" ist die Oberfläche, die Sekundärstrukturen des Proteins sind farbig markiert.

© Victoria Momand

Kultivierte humane Kardiomyozyten (Herzmuskelzellen) unter einem Lichtmikroskop. (Herz-)Muskelzellen haben aufgrund des hohen Energiebedarfs durch das ständige Kontrahieren eine hohe Anzahl an Mitochondrien und eignen sich deswegen gut für die Untersuchung von Mitochondrien im humanen Kontext.

Du arbeitest mit Superauflösender Mikroskopie, aber nicht nur. Wie wichtig sind verschiedene Methoden für deine Forschung?

Total wichtig. Bei uns in der Arbeitsgruppe geht es nicht darum, eine bestimmte Methode zu perfektionieren, sondern darum, eine biologische Frage zu beantworten. 

Das heißt: Ich kann viel ausprobieren, verschiedene Ansätze kombinieren – Mikroskopie, spektroskopische Methoden, molekularbiologische Techniken. Und ganz viel läuft auch über Kooperationen mit anderen Arbeitsgruppen. Keiner kann allein alle Fragen beantworten. Wissenschaft funktioniert nur im Austausch. Dieses gemeinsame Arbeiten und Vernetzen ist ein ganz zentraler Teil der Forschung. 

Was macht gutes wissenschaftliches Arbeiten für dich noch aus?

Dass man ehrlich ist. In der Wissenschaft sieht man nach außen vor allem die Erfolge, also die Experimente, die gut gelaufen sind. Aber der Weg dahin besteht aus vielen Misserfolgen. Ich würde mir wünschen, dass auch die öfter sichtbar gemacht werden. 

(Bild: UDE/Fabian Strauch)

Warum wird über Misserfolge so selten gesprochen?

Dafür muss man zugeben, dass etwas nicht funktioniert hat. Aber genau das gehört zur Forschung dazu – in jedem Labor. Die Misserfolge zu veröffentlichen, würde vielen helfen, vor allem auch Promovierenden. Man könnte viel Zeit sparen und auch realistischer zeigen, wie wissenschaftliches Arbeiten tatsächlich aussieht. 

Wie gehst du persönlich mit Rückschlägen im Labor um?

Das ist ehrlich gesagt einer der wichtigsten Punkte. Ich muss damit klarkommen, dass Dinge nicht funktionieren. Und zwar oft. Dieses Durchhaltevermögen habe ich. Man muss in der Lage sein, diese Fehler und Niederlagen einfach zu akzeptieren und auch zu sehen, was man daraus lernt.  

Denn: Man muss alles selbst machen und dabei kommt es zu Fehlern. Aktuell möchte ich zum Beispiel eine Mutation testen. Die ist eigentlich total simpel und trotzdem funktioniert es einfach nicht. Manchmal merke ich erst beim Mikroskopieren, dass ein Signal zu schwach oder die Konzentration falsch ist. Und dann muss ich wieder von vorne anfangen. 

Was motiviert dich trotzdem jeden Tag aufs Neue, ins Labor zu gehen?

Dass ich Dinge sichtbar machen kann, die vorher komplett unsichtbar waren. 

Wenn ich mir Daten anschaue, verstehe ich vieles theoretisch. Aber wenn ich mir Zellen anschaue, während sie leben und arbeiten, kann ich wortwörtlich „Licht ins Dunkel bringen“ und das ist einfach unglaublich faszinierend. 

Victoria Momand promoviert seit Februar 2025 an der Fakultät für Biologie.

Am Zentrum für Medizinische Biotechnologie im Institut für strukturelle und medizinische Biochemie erforscht sie mithilfe von Gen-Editierung, Proteomics und superauflösender Mikroskopie das Enzym Parvulin17, das nur in Menschen und Menschenaffen vorkommt und dessen Rolle in den Mitochondrien noch unbekannt ist.

Weitere Informationen:

Victoria Momand, Strukturelle und Medizinische Biochemie, Tel. +49 201 183-4679, victoria.momand@uni-due.de

Redaktion: Janina Balzer, janina.balzer@uni-due.de