Personen im Historischen Institut: Prof. Dr. Frank Becker


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Universitätsstr. 12
45117 Essen
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R12 V05 D08
 
Geisteswissenschaften/Historisches Institut
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siehe Sprechstundenliste auf der Homepage
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+49 201 183 3579 (D: 0203/379-*, E: 0201/183-*)
Fax
+49 201 183 2580
  • Studienberatung Fachberater für Geschichte - Studiengangsbeauftragter LA HRSGe
  • Gruppe der Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer Fakultätsrat
  • Universitätsprofessor/in Geschichte - Modulbeauftragter Neueste Zeit

Forschungsschwerpunkte

Amerikanismus und Moderne
Krieg und Gesellschaft
Theoretisch-methodische Fragen
Nationalidee – Religion – Kultur
Interkulturalität
Körperkultur und Sport
Industriearbeit und Zukunftshandeln

Wissenschaftlicher Werdegang

2011
Ruf an die Universität Duisburg-Essen

2005-2007
Forschungsstipendiat der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung; Lehrstuhlvertretungen und Gastprofessuren in Trier, Wien, Giessen und Braunschweig

2003
Gastwissenschaftler am Deutschen Historischen Institut London

1999-2004
DFG-Einzelförderung im Schwerpunktprogramm „Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit – Ansätze zu einer neuen ‚Geistesgeschichte’"

1998
Habilitation für Neuere und Neueste Geschichte in Münster

1992
Promotion im Fachgebiet Neuere und Neueste Geschichte in Münster

1983-1989
Studium der Geschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Münster und Bochum
1. Staatsprüfung für das Lehramt am Gymnasium

Veröffentlichungen

Die aktuelle und vollständige Publikationsliste von Frank Becker als PDF. (Stand: 14.09.17)

Funktionen

seit 2016 Mitglied im Fakultätsrat der Fakultät für Geisteswissenschaften

Mitglied im Leitungsgremium des DFG-Graduiertenkollegs 1919

Studiengangsbeauftragter Lehramt HRGe

Herausgeber der Schriftenreihe "Kontingenzgeschichten" im Campus Verlag, Frankfurt a. M./New York (mit Stefan Brakensiek und Benjamin Scheller)

Forschungsprojekte

Prof. Dr. Frank Becker

Arbeitsenergie bewahren. Die Industrie an Rhein und Ruhr 1918-1939

Leiter: Prof. Dr. Frank Becker (Lehrstuhlprojekt)
Laufzeit: seit 2015

Seit dem Ersten Weltkrieg wurde die menschliche Arbeitskraft zunehmend als eine Ressource begriffen, die nachhaltig bewirtschaftet werden musste. Unterschiedliche Formen des Vorsorgehandelns sollten dafür sorgen, dass die Arbeiter nicht ausbrannten, sondern ihre Arbeitsenergie dauerhaft behielten. Das Projekt untersucht dieses Vorsorgehandeln am Beispiel der Schwerindustrie an Rhein und Ruhr für den Zeitraum 1918 bis 1939. Besondere Beachtung erhält dabei das 1925 in Düsseldorf gegründete „Deutsche Institut für technische Arbeitsschulung“ (DINTA), das in der NS-Zeit in die „Deutsche Arbeitsfront“ integriert wurde.

Das Projekt lehnt sich an das Forschungskonzept des Graduiertenkollegs „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“ an. Dabei wird konkret nach den historisch wandelbaren Formen des Umgangs mit Ressourcen gefragt. Auch die Ressource Arbeitsenergie kann „übernutzt“ werden, was die vollständige Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben kann. Arbeitswissenschaftler erkannten diese Problematik verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg, der kollektive Erschöpfungszustände bisher nicht gekannten Ausmaßes herbeigeführt hatte. Entsprechende Vorsorge schien also eine Notwendigkeit zu sein. Nach 1918 wurden unterschiedliche Strategien entwickelt, um den Energieaufwand bei der Arbeit zu reduzieren und den Arbeitern eine möglichst schnelle Regeneration zu ermöglichen. Das Projekt rekonstruiert diese Strategien und untersucht die Versuche zu ihrer Implementierung. Dabei wird die Weimarer Republik mit der NS-Zeit (bis 1939) verglichen.
 

Graduiertenkolleg "Vorsorge, Voraussicht und Vorhersage: Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln"

Wie kann Kontingenz durch Handeln bewältigt werden, und wie denken Menschen über das Verhältnis zwischen gegenwärtigem Denken und Handeln und ihrer unsicheren (oder auch sicher geglaubten) Zukunft? Mit der historischen Dimension dieser höchst aktuellen Fragen beschäftigen sich die Historiker an der Universität Duisburg-Essen im Forschungsschwerpunkt „Vorsorge, Voraussicht und Vorhersage: Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“. Die beteiligten Historikerinnen und Historiker hinter­fragen und erweitern damit theoretische Überlegungen, die von einem prinzipiell neuen Verhältnis zur Kontingenz als einem der Charakteristika der Moderne ausgehen. Das Novum des Zugangs liegt darin, die Ebene der Analyse von den Zukunftsvorstellungen auf die Ebene der aktiven Haltungen zu verlagern, die die Akteure zur Zukunft einnehmen und auf die Handlungsoptionen, die diese aktiven Haltungen ermöglichen. Sie werden kulturvergleichend und epochenübergreifend untersucht, um so nicht zuletzt signifikante Beiträge zum gegenwärtigen Modernediskurs zu leisten. In dieser Perspektive werden im Graduiertenkolleg in einer Reihe von Promotionsvorhaben – entsprechend den Forschungsschwerpunkten am Historischen Institut in Essen – die Kulturen der griechisch-römischen Antike, des mittelalterlichen und früh­neu­zeitlichen Europas sowie die globalisierte Welt seit dem 18. Jahrhundert behandelt.

Mobilmachung 1914. Alltag und Wahrnehmung

Gemeinsam mit Prof. Dr. Matthias Steinbach, TU Braunschweig

Ambiguitätstoleranz im Epochenvergleich.

Interdisziplinäre Forschergruppe gemeinsam mit Prof. Dr. Christoph Marx, Prof. Dr. Benjanim Scheller (Geschichtswissenschaft), Prof. Dr. Barbara Buchenau und Prof. Dr. Patricia Plummer (Anglistik) sowie Prof. Dr. Gabriele Genge (Kunstgeschichte); gefördert vom Mercator Research Center Ruhr (MERCUR)

Forschungsnetzwerk "Die Zukunft des 20. Jahrhunderts"

Leitung Prof. Dr. Lucian Hölscher, Ruhr-Universität Bochum

Forschungsplattform "Wissenschaftsgeschichte des Ruhrgebiets"

Leitung: Prof. Dr. Stefan Berger, Ruhruniversität Bochum

Doktorandinnen und Doktoranden

  • Arno Barth
    Promovend im Graduiertenkolleg 1919

    Bevölkerungspolitik als Risikomanagement bei Planung und Realisierung der Pariser Friedensordnung, 1915 - 1923
    Der Erste Weltkrieg brachte insbesondere in den westlichen Demokratien, aber mit weit darüber hinausreichender Strahlkraft den Durchbruch von Selbstbestimmungsprinzip und Völkerbundsidee zur Messlatte der kommenden Friedensordnung. Ein weltweiter Bund souveräner Staaten, deren Grenzen und Regierungsformen nach dem Mehrheitsvotum der Bevölkerungen zu gestalten seien, sollte dem Krieg folgen und künftige Kriege zu verhindern helfen. Diesem positiven Zukunftsszenario stand ein negativer Erwartungshorizont gegenüber: Heterogenen Siedlungsstrukturen und nationalistische Rivalitäten schienen viele Regelungen der Friedenskonferenz zu temporären Lösungen zu degradieren. Insbesondere die verbleibenden ethnischen Minderheiten galten als Legitimierungspotential latenter Gebietsansprüche benachbarter Staaten („Irredenta“) und wurden insofern als Bedrohung der internationalen Beziehungen rezipiert. Der erstrebte dauerhafte Frieden stand somit in einem Spannungsverhältnis zum Selbstbestimmungsprinzip, dessen Implikationen als Kontingenzfaktor auf die Zukunft der Staatenordnung einwirkten. Wie Selbstbestimmung und stabile Ordnung vereinbart werden und welche Rolle die League of Nations dabei spielen könnte, beschäftigte Friedensplaner, Friedensmacher und auch die frühen Völkerbundsakteure selbst, denen die Siegermächte diverse Aufgaben zur Stabilisierung der Ordnung übertrugen. Auf der Basis dieser Überlegungen soll das Projekt die Planungen der Westmächte im Krieg, die Pariser Friedenkonferenz und die Justierungen des fragilen Friedens der ersten Jahre nach ihrer Bevölkerungspolitik befragen. Hauptobjekt der Untersuchung ist dabei der entstehende Völkerbund. Es wird gefragt, wie in den Aushandlungen über die Völkerbundssatzung und bei der Implementierung der Friedensordnung mit irredentistischen Risiken umgegangen wurde. Das Projekt untersucht hierbei Fragen der Grenzziehung und des Minderheitenschutzes ebenso wie der (Zwangs-)Migration. Es begreift diese, zum Teil auf den ersten Blick konträren Maßnahmen als Bestandteile einer Sicherheitspolitik zur Reduktion künftiger Kriegsursachen. Ihre jeweilige Auswahl aus einem konzeptionellen Toolkit wird als Risikomanagement verstanden, dessen Ziel ein möglichst hoher „Ertrag“ künftiger Sicherheit bei möglichst geringem „Aufwand“ tagesaktueller Verwerfungen war. Angesichts der komplexen Siedlungsstrukturen und Raumkonkurrenzen stellte die diesbezügliche Voraussicht eine enorme Herausforderung der Akteure dar. Die Untersuchung ihrer Planungskonzepte und der Entscheidungsprozesse verspricht daher einen historischen Erkenntnisgewinn. Neben Aspekten der frühen Völkerbundsgeschichte und der Pariser Friedensordnung soll dabei auch die Verantwortung westlicher Staaten und multilateraler Organisationen für Zwangsmigrationen erforscht werden.


  • Angela Heinemann
    Promovendin im Graduiertenkolleg 1919

    Gemeinschaft bewahren in ungewisser Zukunft – Turner und Burschen im frühen 19. Jahrhundert.

    Die Zäsur von 1806 führte innerhalb der deutschen Einzelstaaten zu grundlegenden Veränderungen. Mit der französischen Besetzung veränderte sich die soziale Ordnung und traditionelle Verbindlichkeiten wurden aufgehoben: die Zukunft schien in höchstem Maße ungewiss. Um dieser Unsicherheit praktisch entgegenzuwirken, entwickelten sich neue Formen von Gemeinschaft, sie sich als zukunftsfest erweisen sollten. Das Projekt konzentriert sich auf zwei dieser Lösungsansätze aus den Jahren 1810-1819. Mit den Turnern in Berlin, um ihren Initiator Friedrich Ludwig Jahn, und der Jenaer Urburschenschaft etablierten sich neue Formen der Vergemeinschaftung, die ihren Mitgliedern die Möglichkeit boten, sich auf der Basis fester organisatorischer Strukturen, verstetigter Handlungsmuster und eines klaren Identitätsangebots neu im sozialen Raum zu verorten. Jungen Menschen sollte eine Orientierung geboten werden – an die Stelle von Ungewissheit sollte Sicherheit treten. Gemeinschaftsbildung erscheint damit als eine Strategie zur Kontingenzbewältigung. Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen dabei Einzelanalysen zur Alltagskultur beider Bewegungen. Es soll erstmals herausgearbeitet werden, welche konkreten Praktiken sich innerhalb der Gemeinschaft der Berliner Turner und der Jenaer Urburschenschaft etablierten, wie deren Bedeutung begründet wurde, welche Funktion sie besaßen und wo ihr Ursprung lag. Emotionen bildeten dabei das überwölbende Moment, um verschiedenen Praktiken und Ritualen eine höhere Bedeutung, einen tieferen Sinn zu geben. Im Projekt geht es jedoch nicht um Gefühle als „Erlebniswirklichkeit“, sondern um deren Rolle, Funktion und Stellenwert innerhalb einer Gemeinschaft. Aufgabe der Dissertation wird es sein, das „making of emotions“ herauszuarbeiten. Turner und Burschen boten ihren Mitgliedern einen klar definierten Rollen- und Identitätsentwurf, der auf dem „Deutsch-Sein“ gründete. Als eine Art „Doing German“ trugen die Praktik des Turnens, die Kleidung, das gemeinsame Singen, eine ausgeprägte Frömmigkeit und das Feiern von Festen zur Erschaffung einer neuen Identität des „deutschen Mannes“ bei. Im Sinne Bourdieus formierte sich ein „deutscher Habitus“, zu dem „doings“,  „sayings“ und „feelings“ gehörten. Das Projekt wird sich vor diesem Hintergrund auch mit der Ambivalenz einer solchen emotionsgestützten Form der Vergemeinschaftung beschäftigen und fragen, welche Gefahren sich aus einer solchen „Kultur der Gefühle“ ergaben.


  • Antonia Gießmann-Konrads

    England im politischen Humor deutscher Karikaturen (1853-1902)

    Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich Humor in Deutschland in ein kommerzielles Produkt des Massenmarktes. Einen nicht unerheblichen Anteil an dieser Entwicklung haben die wöchentlich erscheinenden politischen Witzblätter, die sich in vielerlei Hinsicht als historische „Vorfahren“ heutiger Satire- oder Comedy Formate bezeichnen lassen. Humor bedient eine Reihe verschiedener sozialer Funktionen mit jeweils unterschiedlicher Ausrichtung. Eine wesentliche Funktion, die ihm in der Forschung zugeschrieben wird, ist die der Exklusion und Inklusion. Es liegt deshalb nahe, Humor auch im Rahmen nationaler Identitäts- und Gemeinschaftsbildungsprozesse zu betrachten und zu analysieren.
    Neben innenpolitischen Themen nehmen die im 19. Jahrhundert erscheinenden Witzblätter auch die Außenpolitik ihrer Zeit in den Blick und stellen eine besonders plastische Quelle dar, um die Konstruktion von Fremd- bzw. Nationenbildern in den hier publizierten Karikaturen und Texten zu untersuchen.
    Zentrale Fragestellungen des Projektes lauten demnach: Wie funktioniert die Konstruktion von Fremd- bzw. Nationenbildern im Medium Humor? Verändert sich dieser, wenn man ihn über einen größeren Zeitraum hinweg betrachtet? (Wenn ja, inwiefern?) Welche soziale Funktion kommt Humor dabei in den verschiedenen Kontexten zu?
    Diese Forschungsfragen werden am Beispiel der humoristischen Wahrnehmung Englands behandelt, das zu einem zentralen Gegenstand der deutschen Humorproduktion im 19. Jahrhundert wird. Das britische Weltreich wird vor allem dann thematisiert, wenn es als Global Player an der Peripherie in Erscheinung tritt. Die Analyse, die sich insbesondere auf Karikaturen konzentriert, orientiert sich folglich an Schlüsselereignissen wie dem Zerfall des Osmanischen Reiches sowie der britischen Herrschaft in Ägypten und Südafrika.
    Methodisch baut die Arbeit auf Erkenntnisse der aktuellen Humorforschung und ihren drei dominanten Theoriezweigen der Inkongruenz-, Superioritäts- und Abfuhrtheorien auf.
    antonia.konrads@uni-due.de

  • Anna Strommenger
    Promovendin im Graduiertenkolleg 1919

    Zwischen revolutionärem Aufbruch und nationaler Integration. Heimatkonzepte der deutschen sozialistischen Arbeiterbewegung (1863-1933)

    Mit dem Prozess der Industrialisierung und der Entstehung der kapitalistischen Gesellschaft veränderte sich nicht nur das unmittelbare Lebensumfeld bedeutender Teile der europäischen Bevölkerung gravierend, auch Massenmigration und Landflucht führten zu einer zunehmenden Auflösung traditioneller Vergesellschaftungsformen. Nicht allein aus der Rückschau lassen sich die beschriebenen ökonomischen und sozialen Umwälzungen als Systemumbruch deuten, durch den Kontingenz besonders intensiv erfahren werden konnte. Vielmehr charakterisierten schon Karl Marx und Friedrich Engels die damalige Revolutionierung der Verhältnisse als „ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände“. Diese begriffen die Autoren des Manifests der Kommunistischen Partei gleichwohl nicht in erster Linie als bedrohliche Unsicherheit, sondern betonten gerade die sich hierdurch neu eröffnenden Möglichkeiten, Einfluss auf die zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu gewinnen. Den wohl bekanntesten Ausdruck hat diese Vorstellung von einer gestaltbaren und zu gestaltenden Zukunft in dem Diktum „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ gefunden.

    Vor diesem Hintergrund fragt das Dissertationsprojekt danach, wie die entstehende Arbeiterklasse und deren politische Organisationen auf die kontingent werdende Zukunft und die damit einhergehende Ambivalenz von Risiko und Freiheit, Unsicherheit und Potentialität reagierten. Um sich diesem Problemkomplex zu nähern, untersucht es, welche theoretischen und praktischen Heimatentwürfe im sozialistisch geprägten Arbeitermilieu und dessen politischen Organisationen in Kaiserreich und Weimarer Republik vorherrschten. In der Forschung allenfalls am Rande berücksichtigt, verspricht ein solches Vorgehen für eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Kontingenz in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung zu sein. Da Heimat zumeist dann in das Bewusstsein rückt, wenn ein als selbstverständlich vorausgesetztes Nahverhältnis zwischen Mensch und Umwelt zerbricht oder in die Krise gerät, lässt sie sich einerseits als Indikator von Kontingenzerfahrung deuten. Andererseits gibt Heimat – als Bewältigungsstrategie dieser Erfahrung verstanden – Auskunft über den aktiven Umgang mit Kontingenz.

    Galt Heimat lange Zeit als genuin konservatives Konzept, ermöglicht ein solches Forschungsvorhaben nicht allein eine umfassendere Bewertung der virulenten Heimatdiskurse in Kaiserreich und Weimarer Republik. Vielmehr erlaubt eine Rekonstruktion der verschiedenen sozialistischen Heimatkonzepte Fragen nach den aktiven Haltungen zur Zukunftsunsicherheit in der Arbeiterbewegung und daraus sich ergebender Handlungsoptionen zu adressieren. Dabei plant das Dissertationsprojekt auf drei Analyseebenen vorzugehen. Zunächst rücken die verschiedenen Konnotationen des Begriffs Heimat in den Fokus, die sich nur vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Debatten nachvollziehen lassen. In einem zweiten Schritt werden die verschiedenen sozialistischen Bezugnahmen auf Heimat als Praktiken der Positionierung in der gesamtgesellschaftlichen Debatte untersucht. Darauf aufbauend geraten ausgewählte Heimatpraktiken in das Zentrum der Analyse. Auf allen drei Ebenen wird dabei mehreren zentralen Fragestellungen nachgespürt: In welchem Verhältnis stehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? Welche Räume werden als Heimat vorgestellt? Welche Formen der Zugehörigkeit sind prävalent? Welche Funktion erfüllen die verschiedenen Heimatkonzepte? Von besonderem Interesse ist dabei eine Vermittlung der verschiedenen Analyseebenen, um Konvergenzen und Divergenzen von Heimatentwürfen in Diskursen und Praktiken wie auch in der alltäglichen und der politischen Sphäre ausmachen zu können.

  • Anna M. Schmidt

    Von den Chancen und Risiken des Erbsenzählens. Gentechnologie als Fall menschen-gemachter Kontingenz

    Vor genau 150 Jahren veröffentlichte der Ordenspriester und Naturforscher Gregor Mendel seine Beobachtungen über die von ihm gemachten Versuche mit Pflanzen-Hybriden, die heutzutage als Anfang der Genforschung bezeichnet werden. Seitdem hat die Genforschung weitreichende Fortschritte gemacht, sodass Gentechnik nicht nur in Zusammenhang mit Pflanzen und landwirtschaftlicher Produktion vorstellbar ist, sondern auch humangenetische Anwendungen in den Bereich des Möglichen gerückt sind.

    Wie bei vielen wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen, schwankt auch die Diskussion um Gentechnik zwischen der Hoffnung auf neue positive Effekte für die Menschheit und der Angst vor deren unberechenbaren Folgen. Den zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die von der Unbedenklichkeit gentechnisch veränderter Materialien in Landwirtschaft oder Medizin ausgehen, steht eine Vielzahl an kritischen Stimmen gegenüber, die auf vorstellbare Risiken verweisen und deren Argumente häufig nicht rational, sondern emotional motiviert scheinen sowie ethische Fragen in den Mittelpunkt rücken. Der Rückzug auf eine göttliche, ethische bzw. natürliche Ordnung an dieser Stelle, entlarvt die Meistererzählung des rationalen Fortschritts der Moderne.

    Die Eindämmung der Macht der Natur und des Schicksals ist ein Grundgedanke der abendländischen Zivilisation. Technische Innovationen haben dabei, wie gerade gezeigt, oftmals die Funktion exogene Kontingenzen zu bewältigen; sie generieren jedoch ihrerseits immer auch neue Handlungsspielräume und Möglichkeiten. Das Projekt möchte daher ein Feld menschengemachter Kontingenz exemplarisch beleuchten und dabei die offensichtlich gegenläufigen Tendenzen einer zusammenhängenden Debatte untersuchen, um so die unterschiedlichen Entwicklungen von Zukunfts- und Fortschrittsvorstellungen zu perspektiveren.