Projektskizze Von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Heimatkonzepte innerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung in Kaiserreich und Weimarer Republik

Das Promotionsprojekt fragt nach der Bedeutung und Ausprägung von Heimatbezügen und Heimatentwürfen innerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung in Kaiserreich und Weimarer Republik. Dieser Frage liegt ein doppeltes Erkenntnisinteresse zugrunde: Zum einen folgt das Projekt der nahezu konsensual vertretenen Forschungsthese, dass moderne Heimatkonjunkturen spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Reaktionsphänomen auf die Auflösung vormals unhinterfragt bleibender Nahverhältnisse zwischen Mensch und Umwelt zu verstehen sind. Daran anknüpfend stellt es vor dem Hintergrund der besonderen ökonomischen und politischen Situation der Arbeiter und deren politischer Organisationen im Untersuchungszeitraum die Frage nach der Spezifik sozialistischer Heimatkonzepte. Deren Analyse besitzt das Potential, einen neuen geschichtswissenschaftlichen Zugriff auf die Arbeiterbewegung mit Fokus auf deren Rezeption und Bewältigung der als krisenhaft und kontingent erfahrenen ‚Moderne‘ zu gewinnen. Zum anderen erweitert das Projekt die genannte Forschungsthese, die vornehmlich anhand von Quellen aus dem bürgerlichen Spektrum gewonnen wurde, durch Berücksichtigung der bislang allenfalls am Rande untersuchten Heimatkonzepte in sozialistischen Kreisen. Eine verschränkte Analyse beider – nur idealtypisch getrennter – gesellschaftlicher Gruppierungen verspricht es, zu einer differenzierteren Einschätzung der im Untersuchungszeitraum virulenten Heimatdiskurse beizutragen. Dem bislang Geschriebenen folgend, steht somit zweitens eine neue Perspektive auf den gesamtgesellschaftlichen Umgang mit der sich durch die Industrialisierung verändernden Gesellschaft der ‚Moderne‘ im Mittelpunkt.

Um beiden Erkenntnisinteressen gerecht zu werden, nutzt das Projekt ein analytisch weit gefasstes Heimatverständnis – nicht zuletzt, da die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von ‚Heimat‘ im Untersuchungszeitraum aufgrund der kaum vorhandenen Forschungsarbeiten zur Thematik allererst Resultat des vorliegenden Projekts sein wird. Dieses weite Verständnis erlaubt es, sowohl die politische Lancierung sozialistischer Alternativkonzepte als auch die oftmals unreflektiert bleibende sozialistische Übernahme bürgerlich konnotierter Alltagsvorstellungen und konservativ konnotierter politischer Vorstellungen von ‚Heimat‘ in die Analyse einzubeziehen. Darüber hinaus lassen sich mit einer solchen Herangehensweise diskursive Verhandlungen von ‚Heimat‘, die etwa in der theoretischen Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Heimatbewegung zu finden sind, mit zahlreichen auf ‚Heimat‘ bezogenen Praktiken und Handlungen, wie beispielsweise der fotografischen Produktion und Ausstellung von ‚Heimatbildern‘, verknüpfen. Kann durch dieses Vorgehen gezeigt werden, dass die Auseinandersetzung mit ‚Heimat‘ gesellschaftlich deutlich verbreiteter war und das Konzept inhaltlich vieldeutiger verhandelt wurde als bislang von der Geschichtswissenschaft angenommen, ist es Ziel des Projekts, in diachroner wie synchroner Hinsicht herauszuarbeiten, welche Aussagen sich so über die gesamtgesellschaftlich rezipierte und diskutierte Veränderlichkeit und Veränderbarkeit der Gesellschaft in der ‚Moderne‘ treffen lassen.

Curriculum Vitae Lebenslauf

  • Seit November 2016 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Graduiertenkolleg 1919 „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“ an der Universität Duisburg-Essen
  • Seit November 2016 Dissertationsprojekt an der Universität Duisburg-Essen unter dem Titel Von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Heimatkonzepte innerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung in Kaiserreich und Weimarer Republik
  • 2015 Magister Artium: Mittlere und Neuere Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität zu Köln mit der Magisterarbeit Der Begriff der Heimat in der Geschichtswissenschaft – Analyse und Kritik

Publikationen

  • „Wir sind immer dieselben geblieben“. Zur Neujustierung der herausgeforderten sozialdemokratischen Zukunft in der Weimarer Republik, in: Elke Seefried (Hg.), Politische Zukünfte im 20. Jahrhundert. Parteien – Bewegungen – Umbrüche. (angenommen)
  • Friedrich Engels’ „Zur Wohnungsfrage“. Umstrittener Referenzpunkt der Arbeiterbewegung, in: Detlef Lehnert/Christina Morina (Hg.), „Friedrich Engels (1820–1895) und die Sozialdemokratie“, Berlin 2020, S. 239-264.
  • Heimat im Sozialismus, in: DAMALS 08/2019, S. 45-46.
  • Aus meinem Werden. Sozialdemokratische Erinnerungspraxis in der Pfalz der Weimarer Republik, in: Praxisformen. Zur Erforschung kultureller Logiken menschlichen Handelns, Frankfurt a.M. 2019, S. 71-81.
  • Zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zur ikonographischen Bedeutung einer sozialistischen Imagination der revolutionierten Gesellschaft der Zukunft, in: Ebd., S. 505-515.
  • Einleitung zur Praxisform „Erinnern“, in: Ebd., S. 45-52 (zusammen mit Kyra Palberg, Aljoscha Tillmanns).
  • Einleitung zur Praxisform „Zukünftige Gesellschaften Imaginieren“, in: Ebd., S. 485-493. (zusammen mit Jan-Hendryk de Boer, Aljoscha Tillmanns)

Vorträge (Auswahl)

  • „Wir wollen nicht nur Geschichte schreiben, sondern Geschichte machen“. Sozialdemokratische ‚Heimatgeschichtsschreibung‘ in der Weimarer Republik. (Forschungswerkstatt für Neuere und Neueste Geschichte, 18.01.2021, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, TU Dresden)
  • Von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Sozialistische Heimatgeschichte als Zukunftshandeln (Kolloquium für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 05.06.2019, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien)
  • „Heimat“ in der Arbeiterbewegung des Wilhelminismus und der Weimarer Republik (Arbeiterbewegung und soziale Frage heute. Tagung zur Erinnerung an Helga Grebing, 27.-28.02.2019, Institut für soziale Bewegungen Bochum)
  • Von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Sozialistische Annäherungen an die „Heimat“ in Kaiserreich und Weimarer Republik (Kolloquium „Neueste Forschungen zur Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts“, 04.07.2018, Historisches Institut der Universität Jena)
  • Von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Sozialistische Annäherungen an die „Heimat“ in Kaiserreich und Weimarer Republik (Kolloquium zur Neueren und Neuesten Geschichte und der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 18.06.2018, Historischen Instituts der Universität Duisburg-Essen)
  • Sozialistische Heimatgeschichte als Zukunftshandeln. Einige Überlegungen zum Promotionsprojekt (Kolloquium des DFG-Graduiertenkollegs „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“, 30.05.2018, Historisches Institut der Universität Duisburg-Essen)
  • Zum Verhältnis von Natur, Geschichte und Kontingenz. Einige Überlegungen anhand der Rekonstruktion historischer Heimatkonjunkturen (Autumn School „Kultur als zweite Natur?“, 16.-18.10.2017, Cluster I „Kultur und Lebensform“ des Forschungsschwerpunkts „Kulturelle Orientierung und normative Bindung“ der Universität Koblenz-Landau)
  • Von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Einige Schlaglichter auf sozialistische Konzepte von Heimat (7. Kolloquium zur Geschichte der Arbeitswelten und der Gewerkschaften, 14.07.2017, Graduate School in History and Sociology der Universität Bielefeld)
  • Zwischen revolutionärem Aufbruch und nationaler Integration. Heimatkonzepte der deutschen sozialistischen Arbeiterbewegung (1863-1933) (Kolloquium zur Neueren und Neuesten Geschichte des Historischen Instituts der Universität zu Köln, 12.06.2017, Historisches Institut der Universität zu Köln)
  • Zwischen revolutionärem Aufbruch und nationaler Integration. Heimatkonzepte der deutschen sozialistischen Arbeiterbewegung (1863-1919) (Treffen des Netzwerks linker Historiker, 03.12.2016, Technoseum - Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim)
  • Zwischen revolutionärem Aufbruch und nationaler Integration. Heimatkonzepte der deutschen sozialistischen Arbeiterbewegung (1863-1919) (Tag der Forschung des Profilschwerpunktes Wandel von Gegenwartsgesellschaften, 01.12.2016, Universität Duisburg-Essen)

Mitgliedschaften

  • German Labour History Association (GLHA): (Mitglied des Vorstands)
  • Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
  • Assoziiertes Mitglied des Graduiertenkollegs „Soziale Folgen des Wandels der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“
  • Mitglied des AK „Gewerkschaftsgeschichte“ (im Rahmen des Kooperationsprojekts der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung „Jüngere und jüngste Gewerkschaftsgeschichte“)

Betreuende Forscher

1. Betreuer: Prof. Dr. Frank Becker

2. Betreuer: Prof. Dr. Ralf-Peter Fuchs