Paul-Simon Ruhmann

GeiWi/Hist. Inst.
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Universitätsstr. 2
45141 Essen
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R09 S03 B91

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  • Doktorand/in, Geschichte

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Projektskizze Bekennen mit ‚Mund und Herz‘? Evangelische Bewegung und habsburgische Obrigkeit im Zeichen einer Krise der Monokonfessionalität (Oberösterreich und Kärnten, 1730er Jahre)

In der Geschichte der österreichischen Erbländer nach dem Westfälischen Frieden bilden die 1730er Jahre eine gleich doppelte Zäsur: Insbesondere in Oberösterreich und Kärnten schlug der seit dem 17. Jahrhundert bestehende Geheimprotestantismus erstmals in ein flammendes Bekennertum um. In Reaktion auf diese regelrechte evangelische Bewegung deportierten die habsburgischen Obrigkeiten unter Karl VI. protestantische ‚Ketzer‘ an die südöstliche Reichsperipherie nach Siebenbürgen – auch dies ein beispielloser Vorgang. Solchen ‚Transmigrationen‘, wie sie euphemistisch genannt wurden, fielen zwischen 1734 und 1737 etwa 800 Menschen zum Opfer. Jeweils in den 1750er und 1770er Jahren setzten sich unter Kaiserin Maria Theresia ganz ähnliche Sequenzen aus Bekenntnisdrang und Bekenntnisverfolgung fort – wieder wurde ‚transmigriert‘ bzw. deportiert, insgesamt über 3.000 Menschen.

Während es für die Krisenzyklen in der zweiten Jahrhunderthälfte bereits entsprechende historische Blaupausen gab, erscheint der Bruch der 1730er Jahre demgegenüber noch einmal besonders erklärungs­bedürftig. Hergebrachten Routinen eignete hier noch ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit. Über Jahrzehnte hatten sich Geheimprotestanten und Obrigkeiten in einer stillschweigenden Duldung konfessioneller Uneindeutigkeiten geübt. Zumindest der Anschein katholischer Konfessions(r)einheit war auf diese Weise in beiderseitigem Interesse gewahrt worden. Dieser Schwebezustand sah sich nun keineswegs plötzlich aufgehoben. Ein sozial wirksames Bewusstsein dafür, dass die überkommenen sozioreligiösen Verhältnisse weder selbstverständlich noch unabänderlich waren, musste sich vielmehr erst herausbilden. Dieser sich in den 1730er Jahren verdichtende Wandel soll im Rahmen des Promotionsprojekts als voraussetzungsreicher sozialer Prozess rekonstruiert werden. Es soll gezeigt werden, wie es zur konflikthaften Transformation kollektiver Erfahrungs- und sozialer Praxismuster kam. Die schrittweise Kontingent-Setzung sozialer Ordnung wurde dabei einerseits durch die Propagierung von Untergangsszenarien forciert. Damit einher gingen andererseits geradezu ‚proleptische‘ Strategien der Kontingenzbewältigung, durch die Akteure auf beiden Seiten versuchten, einem befürchteten Umbruch im jeweils eigenen Sinne handelnd vorzugreifen. Dem sozialen Geschehen verlieh das insgesamt eine ganz eigene Zeitlichkeit und Beschleunigungsdynamik, deren Untersuchung als Schlüssel zum Verständnis der Transmigrationsgeschichte vorgestellt werden soll.

In Rechnung zu stellen sind dabei freilich auch strukturelle Voraussetzungen seit 1648 sowie mittelfristige Entwicklungen, die den Konflikt in seiner Vielschichtigkeit erkennbar werden lassen. Gleichwohl möchte das Projekt ein dezidiert ‚offenes‘ Krisenkonzept entwickeln. Soziale Prozesse sollen nicht im Sinne einer sich lang vorbereitenden ‚Verengung‘ und ‚Zuspitzung‘ narrativiert, sondern von ihrer Öffnung her verstanden werden. Gegenüber deterministischen Entwürfen tritt dabei gerade die Entgrenzung von Möglichkeitsräumen in den Fokus. Wie in einer so verstandenen ‚Krise‘ neue Unterscheidungsformen und Handlungsoptionen erst hervorgebracht wurden (s. gr. κρίνειν: ‚[unter‑/ent‑]scheiden‘), ist daher eine projektleitende Fragestellung.

Als in diesem Sinne bedeutsam sollte sich das Verhältnis von Innerlichkeit und Äußerlichkeit, von verborgener und gezeigter Gesinnung erweisen. Ob Mund und Herz, so eine beiderseitig viel bemühte biblische Metapher, in Einklang zu bringen seien, wurde eine ebenso umstrittene wie drängende Frage. Die sehr unterschiedlichen Antworten der Akteure hatten sich letztlich daran zu messen, welcher Preis jeweils für den weitgehenden Erhalt oder aber die gänzliche Erneuerung und ‚Reinigung‘ der Religionsgemeinschaft zu entrichten war. Im Hinblick auf gesellschaftliche Umbruchsituationen berührt das Projekt damit eine zeitlos scheinende Problematik.

Curriculum vitae Lebenslauf

seit 11/2019: wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-Graduiertenkolleg 1919: „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“ an der Universität Duisburg-Essen

10/2015 – 5/2019: Master of Arts Geschichte an der Universität Münster (Schwerpunkt: Frühe Neuzeit); Abschlussnote: 1,0

Masterarbeit mit dem Titel Bekenntnisdrang und Bekenntnisverfolgung: Die evangelische Bewegung im Herzogtum Kärnten in den 1730er Jahren (GutachterInnen: Prof.’in Dr. Barbara Stollberg-Rilinger, Prof. Dr. Matthias Pohlig)

4/2012 – 2/2015: Zwei-Fach-Bachelor Geschichte & Politik (fachwissenschaftlich) an der Universität Münster; Abschlussnote: 1,2

Bachelorarbeit mit dem Titel Der Stellenwert der Christologie im Bilderstreit des 8. Jahrhunderts. Zu Konfiguration und Funktion christologischer Dogmatisierungs-Diskurse in der Bilderfrage am Beispiel der Konzilien von 754 und 787 (Gutachter: Prof. Dr. Wolfram Drews, Prof. Dr. Michael Grünbart)

9/2010 – 3/2012: Deutsch-französischer Doppeldiplomstudiengang Internationale und Europäische Governance in Lille und Münster

9/2009 – 8/2010: Freiwilliges Soziales Jahr mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) am Service Social Juif in Brüssel, Belgien

Hilfskrafttätigkeiten

9/2018 – 10/2019: Lektorats- und Redaktionsarbeiten am Sonderforschungsbereich Kulturen des Entscheidens der Universität Münster, Abteilung Z, bei Herrn Dr. Philip Hoffmann-Rehnitz

10/2015 – 8/2018: Studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Münster bei Herrn Prof. Dr. Ulrich Pfister

5/2014 – 4/2015: Studentische Hilfskraft am Exzellenzcluster Religion & Politik der Universität Münster im Teilprojekt C2-17 (Universaler Anspruch und nationale Identitäten: Die Haltung des Vatikans zu Nationalitätenkonflikten in der Zwischenkriegszeit) bei Herrn Dr. Thies Schulze

Betreuende Forscher

1. Betreuer: Prof. Dr. Stefan Brakensiek

2. Betreuer: Prof. Dr. Ralf-Peter Fuchs