Projektskizze

Jüdische Transformationen demographischer sowie eugenischer Diskurse und Praktiken im Kaiserreich

„Wir haben es noch nicht erlebt: folglich ist es unmöglich – ist kein logischer Schluss.“ Mit diesem Talmudzitat leitet der deutsch-jüdische Mediziner Felix A. Theilhaber 1921 die zweite Auflage seiner 1911 erstmals erschienenen Studie „Der Untergang der deutschen Juden“ ein. Eine solche Wahrnehmung von der Zukunft als zugleich unsicheren und offenen Horizont war paradigmatisch für die Stimmung in der deutsch-jüdischen Minderheit des Kaiserreichs. Bedingt durch die jüdische Aufklärung und die Emanzipation hatte diese einen rasanten wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg durchlebt, dessen Folgen jedoch auch neue Gefahrenperzeptionen erweckten. Die Geburtenraten im deutschen Judentum sanken und die Furcht vor einer vorgeblichen „Degeneration“ der deutschen Juden machte sich breit. Hinzu kam die Einwanderung osteuropäischer Juden nach Deutschland und eine neue Qualität der Judenfeindschaft – der moderne Antisemitismus, der sich wesentlich auch auf die neu eingewanderten Juden aus Osteuropa bezog. Diese sogenannten Ostjuden waren darüberhinaus durch die Vorurteile seitens ihrer deutschen Glaubensgenossen und durch die Notwendigkeit, sich in einem neuen soziokulturellen Umfeld zu orientieren und ökonomisch abzusichern in besonderer Weise herausgefordert. 

Das Dissertationsprojekt rekonstruiert, wie Juden im deutschen Kaiserreich versuchten, die als kontingent wahrgenommene Zukunft handelnd zu bewältigen und nimmt dabei deutsche Juden und eingewanderte osteuropäische Juden als Akteure vergleichend in den Blick. Im Fokus des Forschungsinteresses stehen wissenschaftliche und sozialpolitische Praktiken, mithilfe derer die Akteursgruppen Zukunftsungewissheit bearbeiteten. Auf wissenschaftlicher Ebene beschäftigten sich deutsch-jüdische Eugeniker, Sexualforscher und Demographen unter anderem mit Fragen der Sicherung von Nachfolge, etwa mit der sogenannten Mischehenfrage oder der „Degeneration“ des jüdischen Körpers. Ein ähnliches Ziel verfolgten sozialpolitische Einrichtungen wie Fürsorgeheime für „verwahrloste“ jüdische Jugendliche und Frühehekassen für die Beförderung früherer Eheschließungen unter (deutschen) Juden. Auf „ostjüdischer“ Seite federten Studentenverbände, Religionsvereine und Wohlfahrtsvereine die Folgen der Migration in vorsorgender Weise ab und ermöglichten es so, deren Chancen zu nutzen. Solche Praktiken werden des Weiteren als subsymbolische Aussagen der Akteure über wahrgenommene Handlungsspielräume und Zukunftsvorstellungen analysiert. Die Studie leistet durch ihren transkulturellen Ansatz also einerseits einen Beitrag zur kritischen Überprüfung des Narrativs der aktiven Kontingenzbewältigung als modernes und westliches Phänomen und erweitert andererseits die historische Forschung über Juden im deutschen Kaiserreich um die Analyseperspektive des Zukunftshandelns und der Zukunftskonzepte.