Sabrina Schmitz-Zerres


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  • Doktorand/in Geschichte - Graduiertenkolleg 1919

Habilitationsprojekt Zeitpraktiken in Tagebüchern von 1890 bis 1933

Das Habilitationsprojekt „Zeitpraktiken in Tagebüchern von 1890 bis 1933“ beschäftigt sich aus geschichtsdidaktischer Perspektive mit der Frage, wie zeitgenössische Akteure Zäsurerfahrungen in ihren Tagebüchern bewältigt haben. Mit dieser Fragestellung verortet sich das Projekt an der Grenze zu verschiedenen Forschungsdiskursen, die jedoch eine fruchtbare Verbindung eingehen, wie im Folgenden dargestellt wird.

Die geschichtswissenschaftliche Forschung hat vielfach konstatiert, dass der Untersuchungszeitraum des Projekts von einer Vielzahl von Zäsuren und Veränderungen geprägt war, die zeitgenössische Akteur*innen lebensnotwendig bewältigen mussten: Jene reichen von der Jahrhundertwende über die Erfahrung des Ersten Weltkriegs, über die Revolutionen 1918 und  das Ende des Deutschen Kaiserreichs, die Gründung der Weimarer Republik, der Unterzeichnung des Versailler Vertrags und den Ereignissen des Jahres 1923 bis hin zur Weltwirtschaftskrise 1929, den Präsidialkabinetten und der Kanzlerschaft Hitlers. Die bisherige Forschung verbleibt allerdings auf einer makro- und politikhistorischen Ebene, um nach den Gründen und Auswirkungen zu fragen. Dieses Projekt nimmt eine andere Sicht ein und untersucht die „Geschichtsbrüche“ (Hölscher, Semantik der Leere. Grenzfragen der Geschichtswissenschaft, 2009, S. 199) oder „Brucherfahrungen“ (Rüsen, Theorie der Geschichtswissenschaft, 2013, S. 36) aus der Perspektive der zeitgenössischen Akteur*innen.

Das Projekt fragt nach der Bestimmung von Zäsuren und ihren Bewältigungsmechanismen durch die Selbstverortung der Akteure in der Zeit. Auch das interdependente Verhältnis von Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur wird näher beleuchtet, um die diskursive Verwendung von Zeit zur Kontingenzbewältigung herauszuarbeiten. Dazu wird in der theoretischen und methodischen Ausrichtung des Projekts von einer semantischen Pluralität der Zeit ausgegangen: demnach existieren verschiedene parallel verlaufende Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte. Die Tätigkeit des Geschichtsbewusstseins stellt die Verknüpfungen zwischen den Zeitsemantiken und den Zeitebenen her. Jene werden als „Zeitpraktiken“ (Reckwitz, Zukunftspraktiken, 2016, S. 42) verstanden. Dieser praxeologische Zugriff auf das Geschichtsbewusstsein schafft ein präzises und zugleich flexibles Instrument zur Quellenanalyse.

Tagebücher aus der Zeit von 1890 bis 1933 sind die Quellen des Projekts. Gefragt wird nach Formen der Verknüpfungen zwischen den Zeitebenen und Zeitsemantiken, aber auch nach narrativen Strukturen und Bezügen zur historischen Geschichtskultur, die das Projekt als „Zeitdiskurse“ beschreibt. Zugleich werden im einzelnen Tagebuch Veränderungen, aber auch Konstanten im Umgang mit den Kontingenzerfahrungen und ihrer Bewältigung sichtbar. Durch die Analyse von rund 300 Tagebüchern soll die Vielfalt der Praxisformen und Zeitdiskurse wird nicht nur erfasst und kategorisiert, sondern ein Grundstein für eine theoretische Erweiterung des geschichtsdidaktischen Konzepts des Geschichtsbewusstseins gelegt werden.

Promotionsprojekt (abgeschlossen) Die Zukunft erzählen. Inhalt und Entstehung von Zukunftsnarrationen in deutschen Geschichtsbüchern 1950-1995

In dem Projekt geht es um die Rolle der Zukunft in Schulgeschichtsbüchern. Es werden dabei der Produktionsprozess und die Gestaltung von Zukunftsnarrationen untersucht. In Abgrenzung zur bisherigen geschichtsdidaktischen Schulbuchforschung wird die Inhaltsanalyse der Zukunftsnarrationen mit ihrem Entstehungs- und Produktionsprozess verknüpft. Das Projekt stellt auf der ersten Ebene die Frage, wie Zukunftsnarrationen inhaltlich gestaltet sind, welche Rolle sie im Schulbuch spielen und welche Themen dort Eingang finden. Auf der zweiten Ebene wird der Produktionsprozess praxeologisch analysiert und gefragt, wie diese besondere Form der Schulbuchnarration entsteht, in Korrektur- und Zulassungsverfahren bestätigt und im Schulgeschichtsbuch veröffentlicht wird.

Die thematische Gestaltung der Zukunftsnarrationen reicht von der Warnung vor der Eskalation von Konflikten über die Konstruktion fiktiver Bedrohungsszenarien bis zu konkreten Handlungsanweisungen für die Schülerinnen und Schüler. Inhaltlich spiegeln die Zukunftsnarrationen Basisnarrative wider, die als gedeutete Geschichte eine hohe Bedeutung im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft und in der schulischen Geschichtsvermittlung besitzen. Sie stehen als geteilte Wissensbestände der Schulbuchautoren, Verlagsredakteure und -herausgeber sowie Schulbuchgutachter hinter den Praktiken der Schulbuchproduktion.

Im Prozess der Reproduktion zeitgenössischer Basisnarrative und deren Projektion in die Zukunft heben die Akteure die Zeitebenen Gegenwart und Zukunft auf, indem sie gesellschaftliche Vergangenheits- und Gegenwartserfahrungen zu lernwürdigen Zukunftsdeutungen für Schüler werden lassen. Durch die Weitergabe dieser Deutungen wird die Kontingenz der Zukunft reduziert und die Kontinuität der Geschichte suggeriert, um Orientierung und Sicherheit zu stiften. Schulgeschichtsbücher können somit als Artefakte, als das Produkt von Kontingenzbewältigung verstanden werden. Das Projekt untersucht im Zeitraum von 1945-2000 den Produktionsprozess von Zukunftsnarrationen deutschsprachiger Schulgeschichtsbücher. Auf der Ebene des Produktionsprozesses sollen kultusministerielle Akten zur Schulbuchzulassung und zu Lehrplänen ausgewertet sowie Interviews mit beteiligten Akteuren geführt werden.

Betreut wurde das Promotionsprojekt von Prof. Dr. Markus Bernhardt und Prof. Dr. Amalie Fößel.

 

Curriculum Vitae Lebenslauf

  • 2006 Abitur am Stadtgymnasium Detmold

  • 2006-2010 Bachelor-Studium der Fächer Germanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

  • 2010 Bachelor of Arts

  • 2010-2013 Lehramtsstudium der Fächer Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen

  • 2013 Erstes Staatesexamen in Germanistik und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien / Gesamtschulen an der Universität Duisburg-Essen

  • 2013-2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-GK 1919 „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“ an der Universität Duisburg-Essen mit dem Dissertationsprojekt „Die Zukunft erzählen. Inhalt und Entstehung von Zukunftsnarrationen in deutschen Geschichtsbüchern 1950-1995“ (eingereicht 12/2017)

  • 02/2016-04/2017 Mutterschutz und Elternzeit

  • 12/2017-12/2018 Post-Doktorandin am DFG-GK 1919 „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“ an der Universität Duisburg-Essen mit dem Habilitationsprojekt „Zeitpraktiken in Tagebüchern 1890-1933“

Veröffentlichungen

  • Der Kalte Krieg als Zukunftsnarration in westdeutschen Schulgeschichtsbüchern nach 1945, in: Franziska Flucke / Bärbel Kuhn / Ulrich Pfeil (Hg.): Der Kalte Krieg im Schulbuch. St. Ingbert 2017, S: 75-95.
  • Die Zukunft erzählen. Formen und Funktion von Zukunftsnarrationen in deutschsprachigen Schulgeschichtsbüchern der 1950er und 1960er Jahre, in: Markus Bernhardt / Wolfgang Blösel  /Stefan Brakensiek / Benjamin Scheller (Hg.): Möglichkeitshorizonte. Zur Pluralität von Zukunftserwartungen und Handlungsoptionen in der Geschichte. Frankfurt / New York 2018, S. 319-345.
  • Zur Bedeutung der religiösen Dimension des historischen Lernens – Zulassungsverfahren von Geschichtsbüchern für die Volksschule in Rheinland-Pfalz in der ersten Hälfte der 1950er Jahre, in: Stimac, Zrinka/ Spielhaus, Riem (Hg.): Schulbuch und religiöse Vielfalt. Interdisziplinäre Perspektiven, Göttingen 2018, S. 201-219.

Vorträge

  • Zum Entstehungsprozess von Zukunftsnarrationen in Schulgeschichtsbüchern - ein Werkstattbericht (Geschichtsdidaktisches Forschungskolloquium, Essen, 20.05.2014)
  • Eine praxeologische Schulbuchanalyse zur Rolle der Religion im Produktionsprozess von Geschichtsbüchern nach 1950 (Workshop "Textbook Research and Religion", Georg-Eckert-Institut, Braunschweig, 20.11.2014)
  • Die Schulbucherzählung - ein Ort von Zukunftshandeln (Deutsch-schweizerisches Doktorandenkolloquium, Wislikofen, 14.02.2015)
  • Der Kalte Krieg als Zukunftsnarration in Schulgeschichtsbüchern nach 1945 (Deutsch-französische Tagung "Das geteilte Deutschland im Schulbuch nach 1945", Metz, 18.06.2015)

Mitgliedschaften

  • Konferenz für Geschichtsdidaktik
  • Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands