Aljoscha Tillmanns

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Projektskizze Inkatha während des politischen Umbruchs

Südafrika in den 1980er Jahren: Die zuvor kaum zu erschütternde Apartheid bekam Risse. Der Soweto-Aufstand 1976 bildete den Auftakt zu landesweiten Wellen von Unruhen; im Zeitraum von 1976 bis 1996 kam es im Quasi-Bürgerkrieg in KwaZulu und Natal, meist zwischen Anhängern von Inkatha und ANC, zu mehr als 11.600 Toten und mindestens 25.000 Verletzten durch Aufstände und gewalttätige Auseinandersetzungen, schätzungsweise 200.000 bis 500.000 interne Flüchtlinge waren zu verzeichnen. Trotz Ausrufung des Notstandes konnte der Apartheidstaat keine Ordnung mehr herstellen, auch die Unterdrückung politischen Widerstandes gelang ihm nicht mehr. Schon 1979 wurden schwarze Gewerkschaften zähneknirschend legalisiert, der ANC meldete sich mit dem Anschlag auf die Kohlehydrierungsanlage in Sasolburg 1980 und auf das im Bau befindliche Kernkraftwerk Koeberg 1982 als politischer und militärischer Akteur zurück. 1983 wurde die United Democratic Front gegründet, die mit Massenprotesten gegen die Apartheid Stellung bezog. Die Ausgaben für Polizei und Militär explodierten, die „Sekurokraten“ des State Security Council regierten an Kabinett und Parlament vorbei, während gleichzeitig der Goldpreis in den Keller sackte und die Wirtschaft schwächelte. Den Zeitgenoss*innen wurde bewusst, dass es auch anders sein könnte und die Zukunft nicht vorherbestimmt war. Verschiedene Zukunftsszenarien wurden ausgemalt, vom Untergang Südafrikas in einem blutigen Bürgerkrieg bis zur kommunistischen Revolution. Die Zeitgenoss*innen erkannten diese Kontingenz und versuchten sie zu managen, um unerwünschte Entwicklungen abzuwenden und das zukünftige Südafrika nach ihren Vorstellungen zu gestalten, was das gesellschaftliche Zusammenleben einschloss.

Eine Bewegung, die mit dieser Kontingenz umgehen musste, war die Inkatha unter ihrem Vorsitzenden Mangosuthu Gatsha Buthelezi. Offiziell war sie eine kulturelle Befreiungsbewegung, faktisch jedoch eine Zulu-Partei, die vor allem in der Landbevölkerung, traditionellen Autoritäten und Teilen der städtischen Mittelschicht Unterstützung fand. Sie stellte die Regierung des autonomen Homelands KwaZulu und war so Teil des Apartheidsystems, während sie gleichzeitig nach eigenem Bekunden die Apartheid abschaffen wollte. Zwar konnte sie in der Tat die vollständige Umsetzung der „Grand Apartheid“, die offizielle Unabhängigkeit KwaZulus und die damit verbundene Ausbürgerung der Zulu aus dem südafrikanischen Staat, verhindern, doch brachte sie ihre Rolle innerhalb des Systems bei den großen Befreiungsbewegungen ANC und UDF in Misskredit. Die Inkatha kam hier besonders in Zugzwang, profitierte sie doch über ihre Gehälter, ihre institutionalisierte Machtstellung als Homelandregierung und die dadurch ermöglichten Patronagesysteme vom Apartheidstaat – das Homelandsystem wollten ANC und UDF aber abschaffen und die Inkatha sowie andere Homelandparteien eines wichtigen Pfeilers ihrer Macht berauben. Nicht zuletzt gab sich die Inkatha betont kapitalistisch und suchte die Nähe zur Wirtschaft, was den Vorstellungen des ANC widersprach. Buthelezi und die Inkatha mussten daher einen Weg finden, ihre Position im zukünftigen Südafrika zu sichern und die Kontingenz der 1980er Jahre produktiv zu nutzen.

Ziel dieses Projektes ist es, das konkrete politische Handeln Buthelezis, der Inkatha und assoziierter Organisationen mit dem Schwerpunkt auf den 1980er Jahren zu untersuchen. Von besonderem Interesse ist dabei Zukunftshandeln, das Südafrika verändern will, wie auch Handeln, das auf Sicherung des bereits Erreichten abzielt; damit verbunden wird nach den Vorhersagen des Kommenden gefragt. Die Inkatha begab sich als Partei und Homeland-Regierung auf verschiedene Felder wie Bildungspolitik, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik, wissenschaftliche Erkenntnissuche sowie Verhandlung und Vernetzung, zudem versuchte sie, ein Bild von „den“ Zulu und ihnen angemessenen Lebensweisen nach ihren Vorstellungen zu erschaffen. Während Buthelezis Reden national und international zur Kenntnis genommen und untersucht wurden, ist das tatsächliche politische Handeln oft im Dunkeln geblieben.

Inkatha during political turmoil

South Africa during the 1980s: Apartheid, seemingly unshakable before, showed serious signs of weakness. The Soweto uprising in 1976 sparked countrywide unrest; in the period from 1976 to 1996 the quasi-civil war in KwaZulu and Natal, often between supporters of Inkatha and ANC, led to more than 11,600 people being killed and at least 25,000 people being injured, about 200,000 to 500,000 internal refugees sought shelter from the violence. Despite the proclamation of the state of emergency, the apartheid state could not maintain order, nor could it suppress political resistance any more. Black trade unions were legalised in 1979, the ANC returned as a political and military force with the attacks on the coal hydration plant in Sasolburg in 1980 and on the construction site of the nuclear power plant in Koeberg in 1982. The UDF was founded in 1983 and organised mass protest all over South Africa. Expenditure for police and the armed forces exploded while the “securocrats” of the State Security Council became the actual government, the gold price plummeted and the economy was in a depression.

The contemporaries realised that the present could be different and that the future was not predetermined. Various future scenarios were imagined, including South Africa’s doom in a bloody civil war or a communist revolution. The contemporaries recognized this contingency and tried to manage it to prevent unwanted developments and to design a future South Africa according to their wishes, including the reshaping of society.

One movement that had to deal with this contingency was Inkatha, led by Mangosuthu Gatsha Buthelezi. Officially, it was a “National Cultural Liberation Movement”, but in fact it was a Zulu party relying on rural population, traditional authorities and parts of the petty bourgeoisie. Inkatha formed the government of the homeland KwaZulu and, therefore, participated in the Apartheid system while calling for its abandonment. Buthelezi and Inkatha indeed prevented the full implementation of Grand Apartheid, i.e. the independence of KwaZulu and the expatriation of all Zulus from the South African state, but its role within the system drew heavy criticism by the big liberation movements AND and UDF. Inkatha was especially threatened as it profited from the salary paid by the South African state, from institutionalised power as the homeland government and the associated patronage system. ANC and UDF wanted to abolish the homelands and therefore liquidate an important source of power of Inkatha and other homeland parties. After all, Inkatha was an openly capitalist movement and had close ties with big business, contradicting the stance of the ANC. Therefore, Buthelezi and Inkatha had to find a way of securing their position in a post-apartheid South Africa and of using the 1980s’ contingency in a productive manner.

The aim of this project is to analyse the political action of Buthelezi, Inkatha and associated organisations with the focus on the 1980s. Action aiming on the future by trying to change the course of developments and by securing already achieved power is of special interest; in connection with this, predictions of the future will be analysed. Inkatha, as a party and a homeland government, was active on fields like education policy, economic and development policy, scientific quest for insight as well as negotiation and networking. Additionally, Buthelezi and Inkatha tried to shape an image of “the” Zulu and appropriate behaviour for Zulus according to their needs. While Buthelezi’s speeches were recognised and analysed in South Africa and worldwide, the specific political actions often remained untold.

Curriculum Vitae Lebenslauf

  • 2011-2014 Bachelorstudium (Bachelor of Arts) mit Lehramtsoption der Fächer Geschichte, Deutsch und Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen
  • 2014 Bachelorarbeit zum Thema: Abspaltung und Gründung der Progressive Party Südafrikas – Formation liberaler parlamentarischer Opposition gegen die Apartheid?
  • 2014-2016 Masterstudium (Master of Education) der Fächer Geschichte, Deutsch und Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen
  • 2015-2016 Studentische Hilfskraft, Historisches Institut, Didaktik der Geschichte
  • 2016 Masterarbeit zum Thema: Bundesregierung, Konrad-Adenauer-Stiftung und Inkatha 1985-1994: Entwicklungshilfe oder Verfolgung strategischer Interessen?
  • Seit 2016: Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Graduiertenkolleg 1919: "Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln"

Veröffentlichungen

  • Tillmanns, Aljoscha: Abspaltung und Gründung der Progressive Party Südafrikas – Formation liberaler parlamentarischer Opposition gegen die Apartheid? München 2014.
  • Tillmanns, Aljoscha: Bundesregierung, Konrad-Adenauer-Stiftung und Inkatha 1985-1994: Entwicklungshilfe oder Verfolgung strategischer Interessen? Hamburg 2016.