David Passig


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GeiWi / Historisches Institut / Graduiertenkolleg 1919
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    Projektskizze

    Der Mensch als Gestalter der Geschichte. Kontingenz und ihre Bewältigung im Werk Ottos von Freising

    Sahen sich die Menschen des 12. Jahrhunderts selbst als in einem aktiven und gestalterischen Verhältnis zur Zukunft stehend? Die Vorstellung einer ausschließlich providentiell bestimmten Heilsgeschichte, die dem Mittelalter fortlaufend attestiert wird, scheint diese Annahme fast zu verbieten, lässt sie doch für den Menschen als gestaltende Kraft der Geschichte, der sich aktiv handelnd der Zukunft zuwenden kann, nur wenig Raum.

    Das Forschungsvorhaben möchte diese Sichtweise am Beispiel des Werkes Ottos von Freising infrage stellen und neuere Forschungsansätze weiterentwickeln, die eine Konzentration auf den Menschen als eigentlichem Subjekt und gestaltender Kraft der Geschichte in der Historia de duabus civitatibus und der Gesta Friderici Imperatoris Ottos nachgewiesen haben. Diese Beobachtung soll hier erstmals vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache betrachtet werden, dass die lange tradierte These Jacob Burckhardts von der ‚Entdeckung des Individuums‘ in der Renaissance mehr und mehr revidiert werden muss und dass Historiker heute eine wesentliche Sensibilisierung für die Motive und die Persönlichkeit des Einzelnen bereits in das 12. Jahrhundert verorten. Sie haben diesen Prozess dabei zu einem guten Teil auch damit in Verbindung gebracht, dass sich im 11. und 12. Jahrhundert sicher geglaubte Ordnungsstrukturen und ganze Weltbilder aufzulösen begannen und gängige, universalere Erklärungsmuster nicht mehr griffen. Die Erkenntnis, dass jeder Mensch nach seinen ganz eigenen Motiven handelt, ist insofern einerseits der Grund für das Versagen solcher umfassender Erklärungsmuster, andererseits ist eine verstärkte Beschäftigung mit dem handelnden Individuum und seinen Motiven aber auch ein Reflex auf neu erlebte Dimensionen der Kontingenz.

    Es soll vor diesem Hintergrund mit dem Forschungsvorhaben die These vertreten werden, dass Otto von Freising in Anbetracht eines Reiches und einer Kirche, die seit dem Investiturstreit beide ihren vorgesehenen Platz in der heilgeschichtlichen Ordnung deutlich verlassen und damit ihre Zukunft jeder exegetisch begründeten Abwägbarkeit entzogen hatten, in ein aktives Verhältnis zur Zukunft trat, indem er den Versuch unternahm, die Vorgänge nicht mehr im Rahmen eines göttlichen Heilsplanes, sondern als das Handeln von Individuen zu deuten. Das spezifische Zukunftshandeln Ottos zeigt sich dabei gerade in dem Versuch, Erfahrungswissen zu bündeln, um neue Optionen für die Zukunft zu erschließen und erlebte Kontingenz durch das Aufdecken weltimmanenter Regelmäßigkeiten der Geschichte zu bewältigen, um auf diese Weise zu einer Rückgewinnung von Abschätzbarkeit der Zukunft zu gelangen, die ihm Rahmen einer heilsgeschichtlichen Deutung nicht mehr erreicht werden kann. Mit dem Vorhaben soll ein erst in Ansätzen existierender Forschungsansatz zielgerichtet weiterentwickelt werden, indem Ottos Werk so primär in Kategorien des Zukunftshandelns an der Schnittstellte von Voraussicht und Vorhersage bewertet wird. Es soll in diesem Sinne gerade nicht unter dem Gesichtspunkt historiographischen Schaffens betrachtet werden. Vielmehr soll die Geschichtsschreibung hier als ein Medium des Zukunftshandelns begriffen werden.

    Von besonderem Interesse wird dabei auch eine Berücksichtigung der Lebensumstände Ottos sein, denn er präsentiert sich als ein herausragender Vertreter des 12. Jahrhunderts. Im Intellektuellen, Zisterziensermönch, Reichsfürsten und Historiographen Otto von Freising fließen mehrere für die Epoche charakteristische, aber grundunterschiedliche Lebensmodelle zusammen. Es wird deshalb auch eine Frage des Forschungsvorhabens sein, ob diese verschiedenen Facetten seiner Persönlichkeit je eigene Möglichkeitshorizonte für Zukunftshandeln begründeten, deren Ausdruck – und möglicherweise auch deren Widerstreiten – wir in Ottos Werk und in seinem Handeln beobachten können. Gerade vor dem Hintergrund dieser einzigartigen Konstellation wird aber auch zu untersuchen sein, ob vergleichbares Zukunftshandeln bei Zeitgenossen Ottos nachgewiesen werden kann und es sich insofern um einen verbreiteteren Reflex auf neue Formen der Kontingenz im 12. Jahrhundert oder aber um ein Sonderstellungsmerkmal des Freisingers handelt.

    Ein besonderer Fokus soll bei dem Vorhaben darauf  liegen, das Handeln Ottos als Handeln innerhalb einer bipolaren Problemlage herauszustellen: Einerseits scheint sich in seiner Fokussierung auf das Handeln des Individuums eine Praxis der Bewältigung tiefgreifender und in ihren Folgen unabsehbarer Wandlungsprozesse zu zeigen. Wenn Otto aber andererseits, gerade weil er den nach je eigenen Motiven handelnden Menschen als das Subjekt der Geschichte erkannt hat, alle Geschichte mit dem Attribut der Instabilität und der mutabilitas belegt, dann zeigt das deutlich, dass diese Entdeckung des Einzelnen und seiner je eigenen Motive und Persönlichkeit ihrerseits zu ganz neuer Kontingenz führt, die wissenschaftlich rational bewältigt werden muss. Als einer der wichtigsten deutschen Vertreter der Frühscholastik verweist Otto damit auf die Tatsache, dass sich uns im  Aufbruch der rational begründeten Wissenschaften im 12. Jahrhundert ein hervorragendes Beispiel jener Kontingenzgeneratoren präsentiert, die es im Graduiertenkolleg zu erforschen gilt. Ottos Werk kann damit vor allem als eine Fallstudie zu einer Erhellung der dynamischen und bipolaren Spannungsfelder beitragen, in denen solche Kontingenzgeneratoren wirken.

    Curriculum Vitae

    Lebenslauf

    • seit November 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg 1919 der Universität Duisburg-Essen
    • 2010 – 2016 Anstellung als studentische Hilfskraft an diversen Lehrstühlen der Germanistik und der Geschichte an der Universität Duisburg-Essen
    • 2008 – 2016 Studium der Fächer Germanistik und Geschichte an der Universität Duisburg-Essen
    • September 2016 Master of Arts mit der Abschlussarbeit „Kirchliche Reformbewegungen im Werk Ottos von Freising“