Meldungen aus der UDE

Hochschulen sind keine gesellschaftlichen Reparaturbetriebe

Die dritte akademische Mission

von Professor Ulrich Radtke | 12.07.2017 | Hochschulpolitik|Report| C:R-1-2017

Forschung und Lehre sind das Kerngeschäft, aber sollten sich Universitäten auch jenseits dessen in die Gesellschaft einbringen? Definitiv, denn dies bietet großes Potenzial für die Hochschulen, meint Rektor Professor Dr. Ulrich Radtke.

Das Ende der Wissenschaftsfreiheit? Politische Auftragsforschung? Gegner eines stärkeren gesellschaftlichen Engagements von Wissenschaft beschwören düstere Szenarien. Befürworter sehen darin dagegen das Zukunftsmodell deutscher Hochschulen. Wie so oft liegt die Wahrheit dazwischen. Auffällig ist: Die öffentliche Debatte darüber beschränkt sich längst nicht mehr auf Fachblätter.

Hier den Überblick zu behalten, ist nicht leicht, denn um Begrifflichkeiten wird ebenso sehr gerungen wie um den Inhalt. Im Grundsatz geht es jedoch darum, dass sich Hochschulen noch stärker zu ihrer Rolle in der Gesellschaft bekennen. Das ist nichts Neues: Förderpolitik fragte immer schon danach, wie Forschungsergebnisse nutzbar gemacht werden können – sei es in Form von Patenten, Ausgründungen oder auch wissenschaftlicher Expertise. Diese rein ökonomische Perspektive weicht zunehmend einem umfassenderen Transferbegriff, der auch eine soziale, politische und kulturelle Dimension einschließt. Deshalb meine ich, wenn ich im Folgenden von gesellschaftlicher Verantwortung spreche, alle Aktivitäten einer Hochschule mit gesellschaftlichem Bezug, die auf Forschung oder Lehre beruhen, über diese jedoch hinausgehen.

Forschung + Lehre = Wissenstransfer?

Zentrale gesellschaftliche Aufgaben der Hochschulen sind Forschung und Lehre: Mehr als 400.000 Absolventen bringt das deutsche Hochschulwesen jedes Jahr hervor. Auch nach dem Bologna-Prozess soll ein Studium nicht nur auf den Beruf vorbereiten; wissenschaftliche Arbeit und Persönlichkeitsbildung gehören ebenso dazu. Hochschulen leisten so einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung einer mündigen Bürgerschaft.

Ebenso wie die Forschung: Neben Innovationen, die durch neue Erkenntnisse in Technik- und Naturwissenschaften ausgelöst werden, überdenken Geistes- und Sozialwissenschaften die vielfältigen Erscheinungsformen menschlichen Wirkens und nehmen damit Einfluss auf Entwicklungen, die für das Zusammenleben der Menschen wichtig sind. Wozu dann also die gesellschaftliche Verantwortung? Ist sie mehr als die nächste wissenschaftspolitische Modeerscheinung?

Ja, denn dieses Thema wird schon seit längerem in Wissenschaftsrat, Hochschulrektorenkonferenz oder auch Deutscher Forschungsgemeinschaft diskutiert. Die Politik tut ihr Übriges: Wie ein roter Faden zieht sich durch die Förderpolitik von EU, Bund und Ländern, verstärkt gesellschaftliche Bedürfnisse zu adressieren. Nicht nur darin zeigt sich, dass der zugrunde liegende Gesellschaftsvertrag – (öffentliche) Gelder und weitgehende Autonomie gegen Wissen und Absolventen – zunehmend hinterfragt wird.

Klar ist: Angesichts stagnierender Grundfinanzierung und steigender Studierendenzahlen dürfen Hochschulen nicht als gesellschaftliche Reparaturbetriebe verstanden werden.

Herausforderung oder Chance?

Allein deshalb kann es nicht um eine gleichberechtigte „dritte Mission“ neben Forschung und Lehre gehen. Tut es auch nicht: Als Querschnittsaufgabe durchdringt gesellschaftliche Verantwortung die beiden universitären Kernkompetenzen, die Grenzen sind dabei oftmals fließend.

Natürlich bleibt die Universität Keimzelle der Grundlagenforschung – als Voraussetzung jeder großen Entdeckung und Basis jeder Anwendung. Daran ändert gesellschaftliche Verantwortung nichts. Die Grenze verläuft dort, wo Funktionalität von Forschung und Lehre endet. Wissenschaft muss unabhängig bleiben – aber Dialogbereitschaft erweitert unsere Möglichkeiten.

Gesellschaftliche Verantwortung allein als Herausforderung zu betrachten, greift daher zu kurz. Sie ist mindestens ebenso Chance: Wer Akteure und Input von außen zulässt, erlebt einen Perspektivwechsel; Lernprozesse werden anschaulicher, wenn sie „vor Ort“ erfolgen – oft eine Win-Win-Situation für die Beteiligten.

Bereitschaft zum Dialog

Hochschulen sind Teil der Gesellschaft, die große Hoffnungen und Erwartungen mit ihnen verbindet. Werden diese, warum auch immer, enttäuscht, gehört man schnell zu einer Welt, in der wissenschaftliche Erkenntnisse für obsolet gehalten werden.

Der Umgang mit gesellschaftlicher Verantwortung ist daher Teil der Frage, welche gesellschaftliche Rolle Wissenschaft generell einnehmen will. Angesichts neuer Demagogen und erstarkender Populismen ist vieles nicht mehr selbstverständlich und gerät unter Rechtfertigungsdruck – nicht nur jenseits des Atlantiks. Und der Ton wird rauer: Intellekt gilt als elitär, Wissenschaft als weltfremd und Expertenwissen als unnötig. Wozu auch, wenn gefühlte Wahrheiten als Entscheidungsgrundlage zunehmend akzeptierter werden?

Solche Entwicklungen sollten nicht als temporäre Randerscheinung abgetan werden. Der dahinter stehende Antiintellektualismus berührt samt seinem Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit unmittelbar den Kern des universitären Selbstverständnisses.

Aktivitäten sichtbarer machen

Verständlich über gewonnenes Wissen zu berichten, gehört deshalb ebenso zu unseren Kernaufgaben wie der offene Dialog über Möglichkeiten und Grenzen von Wissenschaft. Wie sonst soll eine wehrhafte Demokratie in einer wissensbasierten Gesellschaft gelingen, wenn das Expertenwissen nur wenigen zugänglich ist – und andere es erst gar nicht annehmen wollen? Die Öffentlichkeit muss verstehen, wie Wissen entsteht. Dafür reicht es nicht, über die Marsmission in der Zeitung zu lesen und die Nobelpreisvergabe in der Tagesschau zu sehen.

Und vieles geschieht bereits: sei es die Förderung von Bildungsaufsteiger/innen und Unternehmensgründer/innen oder das Wirken von UNIAKTIV an unserer Universität. Es zeigt sich: Die Form der gesellschaftlichen Verantwortung muss zur Hochschule (und der Region) passen, aber keine Universität kann Antworten auf alle Fragen liefern. Es geht darum, die existierenden Aktivitäten zu bündeln und sichtbarer zu machen. Es muss über neue Wege der interaktiven Kommunikation mit der Gesellschaft nachgedacht werden und ein passgenaues Profil zur Adressierung von gesellschaftlicher Verantwortung entwickelt werden. Um das zu verwirklichen, nimmt die UDE am Transferaudit des Stifterverbandes teil – zudem soll sich ein neues Prorektorat für Gesellschaftliche Verantwortung und Diversität diesen Aufgaben widmen.

All dies ist natürlich kein Allheilmittel für Ignoranz: Einige werden weiterhin glauben, dass Impfungen Autismus auslösen können oder dass der menschenverursachte Klimawandel Unsinn ist. Sie tragen aber dazu bei, die Relevanz universitärer Aktivitäten zu begründen und unsere Leistungen sowie deren Wirkungen sichtbarer und damit einer höheren Wertschätzung zugänglich zu machen. Als Universität gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, kann deshalb im weiteren Sinne als Daseinsvorsorge verstanden werden – für die Grundlagenforschung von morgen.