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Antworten in der Schaltzentrale unseres Körpers

Wer ist hier der Boss?

von Amela Radetinac | 12.07.2017 | Report| C:R-1-2017

Zuviel Party gemacht, statt für die Prüfung zu pauken? Zu sehr gezagt und eine Chance verpasst? Ist es unsere Vernunft, die uns lenkt, die Intuition, oder sind es gar Einflüsse von außen? Der Experimentalpsychologe Professor Dr. Matthias Brand sucht Antworten darauf in der Schaltzentrale unseres Körpers.

„Ich bin mein Gehirn.“ Was auch immer die graue Masse fabriziert – für Brand ist es das ‚Ich‘, das sich hier entfaltet. Für ihn gibt es keinen Wettstreit zwischen Hirn und Seele. Für ihn sind sie eins. Sicher aufbewahrt in unserem Schädel. Um hineinzusehen und herauszufinden, was dort geschieht, nutzt Brand die Magnetresonanztomografie (MRT) des Erwin L. Hahn-Instituts. Er ist einer der Direktoren dort.

Wenn seine Probanden in die Röhre geschoben werden und das Magnetfeld erzeugt wird, kann Brand zwar keine Gedanken lesen, aber er kann sich ein Bild machen von den Vorgängen im Gehirn. Der Computer sendet es ihm auf den Monitor: Darauf erscheint der knöcherne Schädel weiß, und weicheres Gewebe wie das Hirn setzt sich steingrau von dunklen Hohlräumen ab. Sonnengelb bis rot leuchten auf dem Bildschirm die Hirnareale, die gerade viel frischen Sauerstoff über die Blutbahn geliefert bekommen, weil sie so betriebsam sind. Schicht für Schicht kann der Wissenschaftler in alle Ebenen unseres Kopfes eintauchen – im Querschnitt, von jedem beliebigen Punkt aus.

Der Mandelkern steuert unsere Gefühle

In seinen Studien erforscht Brand, was passiert, wenn es einen Konflikt im Kopf gibt: Welche Regionen werden aktiv, und wie arbeiten diese zusammen? Testpersonen zeigt er während des MRTs beispielsweise Fotos von Gerichten – von gesunden und ungesunden. Für eines, das sie gerne essen möchten, sollen sie sich entscheiden. Beginnen die Probanden zu überlegen, kann der Wissenschaftler das auf dem Monitor verfolgen:

Betrachtet jemand etwa ein Bild von Schnitzel und Pommes und überschlägt deren Nährwerte, strahlen seine seitlichen Stirnlappen gelb. Ebenso leuchtet tiefer im Hirn liegend das limbische System. Dies ist nicht nur dafür zuständig, dass wir neue Dinge lernen. Sein Mandelkern speichert auch Erinnerungen und steuert unsere Gefühle: Lust, Liebe, Wut oder Angst. Fürchtet man sich also vor den Folgen des fetten Essens, zeigt sich der Mandelkern am Display gelb bis rot. „Diejenigen, die hier stärker reagierten, entschieden sich für die gesunde Mahlzeit.“ Nicht die Vernunft, das ungute Gefühl riet ihnen dazu.

Prägende Erlebnisse werden gespeichert

Vielleicht weil sie allen Grund zur Sorge haben. Um beim Beispiel zu bleiben: War nicht die schlechte Ernährung Schuld am Herzinfarkt des Vaters? Somatische Marker nennt Brand solche prägenden Erlebnisse, die im limbischen System samt Empfindungen jederzeit abrufbar sind. „Bleiben sie unbewusst, nehmen wir sie später als Bauchgefühl wahr oder als Intuition. Selbst vermeintlich rationale Entscheidungen sind emotional gefärbt. Wir rechtfertigen sie im Nachhinein oft nur logisch.“

Wie die Empfindungen und das rationale Kalkül im Gehirn zusammenwirken, ist die spannende Frage für den Psychologen. Er erforscht deshalb das so genannte Belohnungszentrum. Es verbindet seitliches Stirnhirn und limbisches System und produziert den Botenstoff Dopamin. Dieser wiederum kurbelt das Verlangen nach Belohnung an – und das will man dann befriedigen.

Belohnung

Brand erkennt in seinen Experimenten mit Suchtkranken, wie stark diese Regung sein kann. „Personen, die ihren Konsum von Internetpornografie nicht kontrollieren können, haben dadurch häufig Stress in der Beziehung oder Probleme am Arbeitsplatz. Dennoch setzen sie dieses schädigende Verhalten fort.“ Dysfunktionales Entscheiden nennt er es: Die Betroffenen geben der Verlockung nach, obwohl sie die Konsequenzen kennen. Brand zeigte den Probanden Bilder mit pornografischem Inhalt und erkannte, dass das Belohnungszentrum umso heftiger aufleuchtete, je stärker die Sucht war. Dagegen glommen die Stirnlappen nur schwach gelb vor sich hin – keine Chance mehr, den Impuls zu kontrollieren. Ähnliche Ergebnisse zeichnen sich in seiner derzeitigen Studie zur Kaufsucht ab.

Warnhinweise können helfen, erklärt Brand, wenn sie den inneren Kontrolleur aufwecken. Beim exzessiven Online-Shopping könnte es einfacher sein, sich zu fragen, ob man wirklich das Richtige tut, wenn der Weg zur Online-Kasse von mehreren Klicks unterbrochen wird. Auch wird man es sich zweimal überlegen, einen Einkaufswagen mit Schokoriegeln und Fertiggerichten durch den Supermarkt zu schieben, wenn an ihnen knallrote Lebensmittelampeln prangen, über die ja gerade diskutiert wird. Ist das noch Fürsorge oder schon Bevormundung bzw. Manipulation?

Um gut zu entscheiden, „ist es ideal, wenn die Hirnareale für Vernunft und Emotion ausgeglichen zusammenarbeiten“, sagt Brand. Was man dazu braucht, sind ein intaktes Nervensystem sowie eine ausgewogene Persönlichkeit, geprägt von vielseitigen Erfahrungen und Kenntnissen. So wird es möglich, sich selbst und die jeweilige Situation umfassend einzuschätzen – sofern es die nötige Bedenkzeit erlaubt. Dann halten Hirn und Seele die Zügel fest in der Hand.

 

zur Person:
Dr. Matthias Brand ist Professor für Allgemeine Psychologie mit dem Schwerpunkt Kognition. Er leitet das Forschungszentrum für Verhaltenssucht (CeBAR) und ist einer von drei Direktoren des Erwin L. Hahn Instituts für Magnetresonanz.