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Was köpfen bewirken könnte

Flanke, Kopfball ... Trauma?

von Ulrike Bohnsack | 19.06.2018 | Report|C:R-1-2018

Fußball wird auch mit dem Kopf gespielt. Dem Gehirn soll das auf Dauer nicht gut tun. Der Neurologe Professor Christoph Kleinschnitz warnt  –  vor Panikmache. 

Jeder Kicker tut es, im Training, im Spiel, und nicht nur einmal: köpfen. Die Technik, die zum Fußball gehört wie das Tackling, könnte langfristig böse Folgen haben: Mehrere Untersuchungen warnen vor Hirnschäden, wie sie schon bei American Footballern festgestellt wurden. Die Medien berichten über demente Stars, und einige Experten fordern gar eine Helmpflicht bzw. ein Kopfballverbot – zumindest für Kinder.

Ist die schönste Nebensache der Welt nun plötzlich ein Risikosport? „Nein! Kein Amateur braucht Angst zu haben“, plädiert Professor Dr. Christoph Kleinschnitz dafür, in der Debatte den Ball flach zu halten. „Es macht einen Unterschied, ob jemand als Profi sein Geld verdient und zweimal täglich trainiert oder ob jemand in seiner Freizeit kickt. Aus meiner Sicht wäre es geradezu fatal, Fußball zu verdammen, weil Kopfbälle potenziell gefährlich sind. Seine medizinischen Vorteile und die soziale Interaktion überwiegen das Risiko bei weitem.“

Riskanter Sport:  American Football
Das könne man nicht über jeden Sport sagen, so Kleinschnitz: „Es ist etwas anderes, ob ich einen Faustschlag kassiere, mit jemandem zusammenpralle oder einen Ball mit dem Kopf spiele. Die Körperlichkeit beim Fußball ist nicht vergleichbar mit Kontaktsportarten wie Eishockey, Boxen oder American Football. Die sind, was chronische Schädel-Hirn-Traumata betrifft, sicher sehr riskant.“ In den USA wird seit knapp fünf Jahren hierzu intensiv geforscht. Die Ligaverbände geben Milliarden Dollar, denn erste Athleten klagen auf Schadensersatz.

Geschätzt 1.500 Mal köpft ein Fußballprofi jährlich. Diese kleinen ständig wiederkehrenden Erschütterungen summieren sich im Laufe der Karriere weiter. So kann sich durchaus ein Risikoprofil entwickeln für Hirnschäden, bestätigt der Neurologe. Diese könnten sich sehr verschieden äußern: Die Merkfähigkeit sinkt, manche werden depressiv oder aggressiv, leiden unter Schlaflosigkeit oder gar Demenz.

Er sagt auch: „Ein Sturz von der Leiter und ein Kopfball verursachen nicht dasselbe Trauma. Ein Sturz ist ein einzelnes Ereignis und kommt unerwartet; dadurch ist das Gehirn nicht in Alarmreaktion, die Muskeln sind nicht angespannt, die Gelenke nicht in Schutzstellung, und die Erschütterung wird nicht abgefedert. Oft wird das Gehirn an zwei Stellen verletzt: am Punkt des Aufpralls und auf der direkt gegenüberliegenden Seite, wo es erneut gegen den Schädelknochen prallt. Das nennt man Coup-Contrecoup, also Schlag-Gegenschlag.“

Was passiert beim Kopfball?
Dieser Mechanismus wird bei einem Kopfball nicht ausgelöst. Man ist auf ihn vorbereitet, erklärt der Hirnforscher: „Die Nacken- und Rumpfmuskulatur sind angespannt, man fokussiert sich und kann die Wucht des Balls steuern. Verglichen mit dem Leitersturz ist das Trauma mild, dafür passiert es wiederkehrend, tausendfach und über eine lange Zeit.“

Und das Gehirn reagiert: Fresszellen, die so genannten Mikroglia, werden durch den kontinuierlichen Reiz dauerhaft aktiviert, das Nervengewebe zu reparieren. Dadurch werden alle möglichen Botenstoffe ausgeschüttet und gesunde Nervenzellen geschädigt. Es entsteht eine chronische Entzündung, die – vor allem bei jungen Menschen – lange gar nicht auffallen muss, sondern erst, wenn im mittleren Alter andere Leiden hinzukommen: Gefäßveränderungen, Bluthochdruck, Zucker, ein Schlaganfall. „Der Endzustand nach vielen Jahren ist eine so genannte Hirnatrophie. Hirngewebe geht kaputt. Durch einige Sportarten – Boxen ist da klassisch – kann es sogar zu Demenz kommen.“

Dennoch warnt Professor Kleinschnitz vor pauschalen Aussagen. Nicht jeder Kontaktsportler werde dement. Wie anfällig jemand genetisch für Krankheiten ist, spiele unter anderem eine Rolle, und natürlich, welche Wucht der Schlag, der Zusammenprall oder – um beim Fußball zu bleiben – der Kopfball hat.

Eine Therapie gibt es noch nicht
Auch müsse noch sehr viel mehr geforscht werden, findet er. Die Langzeitdaten fehlten, um mehr über die Mechanismen zu erfahren. „Bisher hat man sich auf Sportler konzentriert, die schon 20 Jahre aktiv waren. Wichtig wären vorausschauende Studien, was hieße, die Athleten neurologisch seriell über zehn Jahre zu untersuchen.“

Gibt es eine Therapie? Die beste wäre, das Trauma auszuschalten, sagt der 44-Jährige und mag sich selbst keine Weltmeisterschaft ohne Kopf­bälle vorstellen. Und Medikamente? „Es wird an Substanzen geforscht, die die chronische Mikroglia-Aktivierung dämpfen; damit ließe dann die Entzündung nach. Aber würde ein Leistungssportler jeden Tag vorsorglich etwas einnehmen wollen? Und wie sähen die Nebenwir­kungen aus?“

Was man zurzeit tun könne, sei „die Profis über die Risiken ihres Tuns aufzuklären und Kinder und Jugendliche Kopfbälle nicht stundenlang trainieren zu lassen. Das kindliche Gehirn kann sich zwar besser regenerieren, aber es ist für Traumata auch anfälliger.“

Nur sollte man bitte eins nicht vergessen, mahnt Christoph Kleinschnitz: „Fußball als Breitensport ist unverzichtbar. Er beugt Herz-Kreislauf­erkrankungen vor und Übergewicht, fördert den Teamgeist und formt die Persönlichkeit. Fußball“, sagt er aus tiefstem Herzen, „ist einfach super.“


Zur Person: Christoph Kleinschnitz

Der 44-jährige Professor leitet seit zwei Jahren die Neurologische Klinik am Universitätsklinikum Essen. Er ist Experte für Schädel-Hirn-Traumata, Schlag­­anfall und Multiple Sklerose. Früher hat er selbst Fußball gespielt; ein Kopfball-Ungeheuer war er nicht.