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James Bond in Macho-Pose im Fim Skyfall
© picture alliance/Everett Collection

007 und die Männlichkeit

Bond bleibt Bond

  • von Andrea Schröder
  • 16.12.2020

Gestatten: Mein Name ist Bond, James Bond. Sehr männlich, sehr weiß und sehr heterosexuell. Furchtloser Agent, gnadenloser Killer, glühender Patriot, promiskuitiver Frauenheld. Eben ein echter Mann.
Oder ist doch alles ganz anders?


Als das Franchise mit dem britischen Schauspieler Daniel Craig 2005 neu startet, scheint sich auch der Habitus des weltrettenden Dauerhelden zu wandeln. Ob und wie, dem geht der Anglist und Germanist Colin Görke intensiver auf die Spur. Die Männlichkeitskonzepte in James Bond interessieren den 25-Jährigen ganz besonders, speziell bei Daniel Craig.

Ein Agent mit Gefühlen

„Nach Casino Royale lebte die James-Bond-Forschung wieder auf, und es scheiden sich die Geister, ob mit dem Reboot auch progressive Ideen von Gender zum Vorschein kamen“, sagt der Wissenschaftler vom Institut für Optionale Studien. Dass Daniel Craig in der Rolle des ­britischen Geheim­agenten eine ganze neue ­„Gender Openness“ zeigt und der bislang fortschrittlichste Bond ist, wie manche argumen­tieren, sieht Colin Görke nicht. Sein Fazit: „In einigen Aspekten geht man sicher mit der Zeit, andere wiederum haben sich nicht wesentlich verändert. Etwa die Darstellung von Bonds ­traditioneller Männlichkeit.“ Auch wenn Craig eine gefühl­vollere und verletzlichere Seite in die Macho-Figur einbringt.

„Es gibt zwei Arten von Männlichkeiten in den Craig-Filmen“, differenziert Colin Görke. „Die eine geht in Richtung Hypermaskulinität. So wie man Bond halt kennt: Frauen, Gewalt, ­Gefühllosigkeit. Die andere taucht auf, wenn er sich in einer romantischen Liebesbeziehung ­befindet.“

Und Romantik spielt in Casino Royale und Spectre eine besondere Rolle. Bond verliebt sich in Vesper Lynd, verliert und trauert um sie, schließt ­
am Ende von Ein Quantum Trost endgültig mit ihr ab, um in Spectre mit Dr. Made­leine Swann erneut eine Beziehung einzugehen. Durchaus eine Entwicklung, sind die Bondgirls bis dahin doch einzig schmückendes Beiwerk, tragen Namen wie Honey Rider, Pussy Galore und Mary Goodnight und stehen nicht gerade für einen respektvollen Umgang mit dem anderen Geschlecht.

Doch auch die Entwicklung von 007, Empathie und Gefühle zu zeigen, sieht Colin Görke nicht als revolutionär. „Dass der zuvor promiskuitive Mann gezähmt wird und sich dann auf eine monogame, romantische ­Beziehung einlässt, dafür sein bisheriges Leben hinter sich lässt und in den Sonnenuntergang fährt, ist nicht unbedingt weltverändernd.“ Aus seiner Sicht stärkt es sogar die konservative Sichtweise der Filme auf ­zwischenmenschliche Beziehungen, weil die traute Zweisamkeit gesellschaftlich anerkannt und akzeptiert ist. „Es scheint die natürliche ­Lebensweise zu sein.“

Fortschrittlich?

Dazu führt Görke das Konzept „Amatonormativität“ der amerikanischen Philosophin Elisabeth Brake an: die Priorisierung der romantischen Liebe über alles andere. „Jeder will eine Beziehung. Das ist das Ziel des Lebens. Erreicht man es nicht, hat man irgendetwas falsch gemacht oder der Fehler liegt in einem selbst.“ Davor wird der neue Bond mit seinen Liebes­beziehungen zwar „ein bisschen gerettet“, dennoch sieht Colin Görke ­darin nur den „Pseudo-Versuch, liberaler zu erscheinen. Das schaut auf den ersten Blick progressiv aus, aber die scheinbaren Fortschritte in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse werden schnell als oberflächlich entlarvt. Bond verliert seine Männlichkeit nicht, sondern verlagert sie auf eine ­andere, sozial akzeptablere Art.“ Seine Schwäche und Verwundbarkeit beschränken sich dabei auf die Zeit, die er mit romantischen Interessen verbringt, und er zeigt sie ausschließlich in Zweisamkeit mit Frauen.

„Sexistischer Dinosaurier“

Doch die 007-Ikone umzustoßen und grund­legend zu verändern, birgt ein großes Risiko. Denn die Bond-Formel ist seit Ewigkeiten die gleiche und funktioniert bestens. „Wer sich Bond-Filme anschaut, hat eine gewisse Erwartungshaltung.“ Als in den ersten Filmen mit Daniel Craig die Figuren Q und Moneypenny fehlten, war die Kritik in der Fangemeinde groß. Beide sind wieder da, wenn auch in modernerem Gewand. Aber immerhin ist bei den Machern das Bewusstsein da, was das Publikum in der heutigen Zeit akzeptiert und was nicht. Selbst für M – immerhin eine Frau und von 1995 bis 2015 von der großartigen Judi Dench verkörpert – ist James Bond ein „sexistischer, frauenfeindlicher Dinosaurier, ein Relikt des Kalten Krieges.“

„Dass dies in den Filmen offen angesprochen wird, zeigt: Man ist sich des Themas bewusst. Allerdings verschwindet dadurch das Problem nicht, dass die Figur weiterhin demonstrativ mit normativer Männlichkeit ­konzipiert ist“, sagt Colin Görke. Und so ist es aus seiner Sicht wohl eher unwahrscheinlich, dass 007 in naher Zukunft von jemand anderes gespielt wird, als von einem weißen, heterosexuellen Mann. Bond bleibt eben Bond – trotz aller Romantik.


Colin Görke
ist Mitarbeiter am Institut für Optionale Studien und erst durch Skyfall in die Bond-Thematik eingetaucht. Dann aber direkt so tief, dass er seine Bachelorarbeit über „Männlichkeitskonzepte in James Bond“ verfasst hat. Den neuen Film Keine Zeit zu sterben (es ist der letzte mit Daniel Craig), erwartet er mit großer Spannung, glaubt aber nicht an wirkliche Veränderungen der Figur. Im International Journal of James Bond Studies hat er 2019 diesen Beitrag publiziert: „Melted Your Cold Heart Yet?“Amatonormative Masculinity in Casino Royale and Spectre. DOI: 10.24877/jbs.44

 

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