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Im Bundestag: Politiker starren aufs Handy.
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Sag es schnell, kurz und unmittelbar

Die Macht der 280 Zeichen

  • von Andrea Schröder
  • 19.08.2021

Wie Twitter die Echtzeitkommunikation in der Politik verändert hat.

Just setting up my twttr – „Ich richte gerade mein Twitter ein“. Ganze 24 Zeichen mit einer vermeintlich belanglosen Aussage setzte Jack Dorsey im März 2006 in die Welt und brachte damit seinen Kurznachrichtendienst an den Start. 15 Jahre später „zwitschern“ rund 200 Millionen Menschen täglich Wichtiges und Unwichtiges in kurzen Sequenzen mit höchstens 280 Zeichen – 140 waren es bis 2016 –, und ausgerechnet ein ehemaliger Politiker ist der unangefochtene Star bei Twitter: Barack Obama, einst US-Präsident, liegt im Ranking der beliebtesten Accounts mit über 130 Millionen Followern deutlich an der Spitze. Politikwissenschaftler Professor Christoph Bieber beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung des politischen Informationsaustauschs. Ein Aspekt dabei: die ‚Politische Echtzeitkommunikation‘ – der Kommunikationsfluss ohne jegliche Zeitverzögerung.

„In analogen Zeiten hieß ‚Echtzeitkommunikation‘ in der Politik ganz klassisch: Live-Übertragung von wichtigen Geschehen und Ereignissen durch professionelle Journalist:innen“, sagt Bieber. Eine der bekanntesten Beispiele aus der deutschen Vergangenheit: Günter Schabowski, der im November 1989 live vor laufenden Kameras die Reisefreiheit für die Menschen in der DDR „ab sofort, unverzüglich“ verkündet. „Allerdings ist die Echtzeitkommunikation insbesondere durch Twitter neu zu bewerten, weil dieses digitale Kommunikationsnetzwerk vielen offensteht“, so Bieber. „Und – auch wenn man das heute vielleicht nicht glauben mag: Deutsche Politiker:innen haben sich sehr früh darauf eingelassen.“

Kurze Fetzen der Kommunikation

Es war der Obama-Effekt, der die Volksvertreter:innen auf den Twitter-Zug mit aufspringen ließ. Die Online-Kampagnen des 44. US-Präsidenten im Jahr 2008 und bei seiner Wiederwahl 2012 gelten als beispielhaft und als entscheidender Baustein seiner Wahl. Deutsche Politiker:innen wurden für ihre damaligen Twitter-Aktivitäten zunächst belächelt und von einigen Medien sogar ein wenig verurteilt. „Es gehöre sich nicht, diese kurzen Fetzen als Kommunikation zu teilen“, erinnert sich Bieber an die Empörung. „Mittlerweile sind es die Journalist:innen selbst, die dieses Kommunikationsmittel gar nicht mehr loslassen.“

Aus wissenschaftlicher Perspektive taucht für ihn die Frage auf, welche Folgen das unmittelbare Einschalten der politischen Akteure in die Nachrichtenkreisläufe hat. Prominentes Beispiel dafür ist die digitale Sitzung des erweiterten Parteivorstandes der CDU im April dieses Jahres, in der über nichts Geringeres als die Kanzlerkandidatur entschieden wurde. Die geschlossene Zusammenkunft ließ sich per Twitter minutiös nachverfolgen, weil aus dem innersten Zirkel gezielt Informationen nach außen getragen wurden. „Mehrere Hauptstadtjournalist:innen berichteten direkt, sofort, unverzüglich – also in Echtzeit – über das, was dort passierte – aus einer geheimen Sitzung, in der es darum ging, eine Lösung für ein wichtiges Problem mit der Frage nach dem nächsten Kanzlerkandidaten zu beantworten. Das zeigt, was Echtzeitkommunikation im Bereich der Politik anrichten kann: nämlich ein eigentlich geheimes Verfahren in die Öffentlichkeit zu zerren und damit vielleicht auch dessen Ausgang vorzustrukturieren.“

Für den anstehenden Bundestagswahlkampf sieht Bieber eine Vermischung sowie Kombination der Echtzeitkommunikation mit unterschiedlichen analogen wie digitalen Formaten; das prominenteste darunter wird seiner Meinung nach aber auch weiterhin ein altes Medienformat sein: die Fernsehdebatte als Duell oder Triell der Kanzlerkandidat:innen. „Parallel zu dem Live-Event wird – wie immer in den vergangenen Jahren – viel bei Twitter passieren. Die Teams der verschiedenen Lager werden die Debatte im Netz begleiten und versuchen, sich unmittelbar in diese Diskussion einzumischen, um den Aussagen sofort einen Spin zu verleihen. Twitter und auch Plattformen wie Instagram und TikTok haben solchen Kommunikationsereignissen eine neue Dimension hinzugefügt.“

Alle sind auf Twitter

Dass der Ton dabei nicht immer fair ist und das Netz nie vergisst, musste schon so manche:r Politiker:in erfahren. Bislang hat allerdings keiner eine so rigorose Entscheidung getroffen wie Robert Habeck. Der Grünen-Chef meldete sich nach der Veröffentlichung privater Daten und dem Ärger um einen seiner Tweets von Twitter und Facebook ab. „Ob das wirklich eine clevere Lösung war, weiß ich nicht; zumindest ist es nicht zeitgemäß. Auch wenn Twitter in anderen Ländern viel dominierender ist, ist es ein in Deutschland durchaus relevantes Medienformat. Und wer sind die für die Politik entscheidenden Nutzer:innen? Die Journalisten, die Agenturen, die Public Affairs-Vertreter, die Lobbyisten, die Verbände, die politischen Institutionen, die Parteien. Das heißt: Alle sind da, und sie wissen auch, dass alle anderen da sind. Ihnen ist sehr wohl bewusst, zu wem sie sprechen. Von daher sollte man sich als Politiker:in auf dieses Format einlassen“, so Christoph Bieber.

Unverzüglich und direkt

Habeck bleibt eher ein Einzelfall. Die politischen Akteure haben ihre Twitter-Aktivitäten zunehmend verstärkt und setzen sie gezielt ein: in persönlicher, direkter und unverzüglicher Kommunikation. Es werden Nachrichten verbreitet, die eigenen Standpunkte untermauert, Stellungnahmen abgegeben oder der politische Gegner kritisiert. Zumeist wird mit dem eigenen Publikum interagiert, aber es gibt auch den Lager-übergreifenden Austausch. „Das muss nicht gleich immer der große ‚Twitter-Battle‘ sein, aber indem ich den Kurznachrichtendienst geschickt nutze, kann ich mich präsentieren und Einfluss nehmen.“

Und so ist eine These der Echtzeitkommunikation, dass sie sich auf unterschiedliche politische Prozesse auswirkt. „Im Wahlkampf allemal,“ so Bieber, „denn der ist ein ereignisgetriebenes Geschäft, in dem es auf tagespolitische Situationen ankommt.“ Beigetragen haben dazu auch institutionelle Accounts – allen voran der des Regierungssprechers Steffen Seibert mit rund einer Million Followern. „Hier wird die Regierungsarbeit begleitet, Twitter zielführend genutzt und in Ansätzen auch dialogisch verwendet.“

Dass sich der anstehende Wahlkampf komplett ins Virtuelle verschiebt, sieht der Politikwissenschaftler nicht. „Wenn wir nicht noch in eine vierte Corona-Welle hineinrauschen, wird es vor allem wieder das persönliche Gespräch und die klassischen Begegnungskampagnen in den Fußgängerzonen geben.“ Und auch das ist eine Form der Echtzeitkommunikation.

 

Zur Person:
Dr. Christoph Bieber (51) ist seit 2011 Professor für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft am Institut für Politikwissenschaft der UDE. An der dortigen NRW School of Governance befasst er sich u.a. mit 'Demokratie und Neuen Medien'. Für das Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum hat er bis zum April 2021 den Forschungsinkubator geleitet.

im Bild:
Kommt im Bundestag häufig vor: Politiker, die aufs Handy starren.

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